Gespräch mit Tristan Marquardt 1 - Signaturen

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Gespräch mit Tristan Marquardt 1

Dialoge
 



1. Momente einer Theorie der Collage


 
 

Jan Kuhlbrodt: Was mich beim Lesen deines Bandes fasziniert, ist zunächst die Frage, wie die Verse zu Stande kommen. Das Verhältnis von Satz und Vers. In welcher Form das für dich eine Rolle spielt.

 
 

Tristan Marquardt: Das letzte Kapitel des neuen Buches ist eigentlich eine große Collage, es ist das älteste Kapitel des Bandes. Ich habe damals mit zig verschiedenen Formen und Dingen herumexperimentiert, und da gab es zwanzig, dreißig Texte, die alle diese Form hatten, aber jeder Text hat etwas Eigenes ausprobiert.
Ein Text zum Beispiel, der bei Lesungen gut funktioniert hat, in dem hatte ich mir als Ziel gesetzt: ich nehme eine Rhetorik der Polemik, und die bestimmt den Ton, und die bestimmt die Frage, wie die Sätze generiert werden, die Struktur der Syntax. Das Ganze wird aber gefüllt mit etwas, das der Polemik dauernd entgegenläuft. So dass die Polemik nur eine rhetorische Struktur ist, die dann als Lesung funktioniert.
So waren viele meiner Texte, die immer eine Idee hatten, die sie durchexerziert haben. Ich habe aber festgestellt, dass mir das zu undicht ist.
Das wäre auch die erste Antwort auf die Frage nach der Form, weil die Sätze und die Art und Weise, wie man die lesen kann, ja eigentlich nahe legen, dass man das Ganze auch als Prosa drucken könnte. Der Grund, warum ich das nicht mache, sondern diese regelmäßige Form wähle, ist nicht, dass es wie ein Gedicht aussehen muss, weil ich Gedichte schreiben will.
Wenn es überhaupt ein Kriterium gibt, das man der Lyrik allgemein überstülpen kann, dann ist es, wörtlich genommen, so etwas wie Verdichtung. Und ich glaube, dass, wenn die Sprache, die Semantik sich zu einem gewissen Punkt verdichtet hat, es das Lesen erleichtert, oder das Lesen lenkt; wenn ich also Versbrüche, wenn ich Strophen mache, weil man dann ganz anders liest, aufmerksamer wird. Deshalb hab ich aus zwanzig/dreißig Texten das gemacht.

 
 
 
 
 
 









Tristan Marquardt: das amortisiert sich nicht. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2013. 76 Seiten. 19,90 Euro.

 
 

Du hast sie also selbst ge-sampled.

 
 

Ich hab sie selbst verdichtet. Ich habe gewissermaßen die Struktur eines Textes gesetzt. Das Material war dann aber das best-of aus den anderen Texten. Und es hat so tatsächlich eine Verdichtung stattgefunden von ca. achtundzwanzig Texten auf neun. Dieser Verdichtung trägt dann natürlich auch die Form Rechnung.

 
 

Ein Wurzelziehen sozusagen? Eigentlich ein mathematischer Prozess, der da abläuft.

 
 

In dem Teil sicher.

 
 

Und in der Verdichtung versuchst du, den Sound beizubehalten, oder kommt er durch die Verdichtung?

 
 

Sobald ein Satz steht, ist eine gewisse Struktur da. Und es ist vollkommen klar, dass das Material, das danach kommt, mit dem arbeiten muss. Die Verdichtung funktioniert ja nicht so, dass ich fünf Texte habe, und dort zwanzig Stellen für mich potentiell stehen bleiben können, und dass ich die dann einfach aneinanderreihe, sondern die müsse ja wieder miteinander arbeiten. Und das heißt für mich vor allem: klanglich miteinander arbeiten.

 
 

Das ist ohnehin faszinierend, dass in deinen Texten eine Musikalität steckt, die man ihnen auf den ersten flüchtigen Blick vielleicht gar nicht ansieht.

 
 

Da kommen wir vielleicht dem Punkt der Poetik näher. An dieser Stelle, weil ich glaube, dass ich mich da auch unterscheide. Das, was einem an Sprache begegnet, ist so disparat, dass ich so etwas wie ein Narrativ nicht einfach hinnehmen kann und nicht sagen kann, ich schreibe einen Satz und dann einen zweiten, und dieser zweite hat umstandslos mit dem ersten zu tun. Das widerspricht sowohl meinem empirischen, als auch meinem reflexiven Zugriff auf Welt, und deswegen muss ich Formen finden, die dem Disparaten Rechnung tragen.
Es war mir immer zu langweilig, rein dekonstruktivistisch vorzugehen, ich gewinne einen Reiz darin, dass ich die Sachen in ihren Nicht-Zusammenhängen, in ihrer Unzusammenhänglichkeit aufbereite, und daraus Lust gewinne, oder manchmal eine Art Sarkasmus.
Mich hat immer interessiert, dass, wenn es so ist, dass die Strukturen, die uns der Alltag bereit stellt, nur einen Teil von unseren persönlichen Erfahrungen und Empfindungen abdecken, (dass) dann die Lösung  nicht darin liegt, einfach diese Kontingenzerfahrung und diese Brüchigkeit wiederzugeben, sondern ich glaube, dass das Problem, das darin steckt, dass man sich als Individuum immer nur teilweise mit den Strukturen deckt, die man bedienen muss, um zu funktionieren, eine zweite Bewegung braucht, und diese zweite Bewegung ist eine Reformulierung.
Die Form der Selbstermächtigung besteht darin, dass ich mich einerseits aus dem vorhandenen Material bediene, aber das wiederum in eine Form gieße, also dem dann eine Struktur gebe, die für den Moment eines Gedichtes wiederum eine Struktur bilden kann. Politisch gewendet hieß das, den Mut herauszufordern, nicht nur zu sagen, dass man nichts mehr erkennen kann, sondern, dass man trotzdem weiterspricht. Und dass das nicht heißt, dass ich einfach nur wild mit Material um mich werfe, und das auf eine möglichst lustvolle coole Weise mache, sondern dass ich mir so viel Mühe gebe, dass ich wiederum eine Struktur gewinne, die exemplarischen Status hat. Das ist das Grundmoment des ganzen Buches.


 
 
 
 
 














Foto: Katja Zimmermann

 
 

Tristan Marquardt, 1987 in Göttingen geboren, lebt in München und Zürich. 2009 Mitbegründer des Berliner Lyrikkollektivs G13. Sein eigener Debütband "das amortisiert sich nicht" erschien im Frühjahr 2013 bei kookbooks.

 
 
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