Gespräch mit Steffen Popp 1 - Signaturen

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Gespräch mit Steffen Popp 1

Dialoge
 




1. Zur Poetik der Mündlichkeit




 
 

Jan Kuhlbrodt: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man ein Gespräch aufzeichnet und später abtippt, dieser mündliche Gestus auch in der Überarbeitung vorhanden bleibt.

 
 
 

Steffen Popp: So war es ja auch bei meinem Roman "Ohrenberg", da habe ich die ersten Kapitel gesprochen, noch gar nicht mit Blick auf einen Roman, sondern einfach nur auf einen Text, das war, als ich am Literaturinstitut fertig war und zwischen Kisten saß in meiner Wohnung, in meiner Leipziger, schon auf dem Weg nach Berlin, da habe ich damit angefangen, mit Monologen; und Monologe die man macht, sind ja immer, die eines alten Mannes. Das ist immer so, das ist das Wesen des Monologes, er ist immer das, was der alte Mann sagt.

Das heißt, du bist Ohrenberg?

Ja, bei Ohrenberg in gewisser Weise. Der Endmonolog im Ulysses ist natürlich der einer Frau, aber trotzdem fand ich diese Geste des allein Sprechens und sich die Welt erklären so eine typische Altherrengeste. Das ist mir später klar geworden.

Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Berlin (kookbooks) 2006. 144 S., 19,90 Euro.

 
 
 

Also ist Ohrenberg Popp wie Madame Bovary Flaubert?

 
 

Das ist eine Persona natürlich, diese Figur, und erst später ist mir klar geworden, dass ich einen Gegencharakter brauche, eine Watson-Figur, eine die dem Leser sozusagen Sachen noch einmal anders erklärt, und die Sachen noch einmal aus einer anderen Perspektive sieht. Im Grunde aber überblenden sich die beiden Figuren, und am Ende wird offengelassen, ob sie nicht ein und dieselbe sind. Aber sie ist nicht genialisch angelegt gewesen, diese Lesart, sondern sie hat sich ergeben. Das erste Prosabuch, das schreibst du auch dilettantisch in gewisser Weise, was auch gut ist. Vielleicht schreibt man jedes Buch dilettantisch, aber das erste Buch eben mit so einer besonderen Dilettanz, wo du noch gar nichts weißt, und einfach diesen Text schreibst und dich wunderst, dass er dich irgendwo hinbringt, und irgendwas damit macht, was du eigentlich nicht intendiert hast, zumal ich ja auch so ein wenig Kontrollzwang habe. Weißt du, bei Gedichten kannst du diesem Kontrollzwang noch wirklich willfahren und das Ganze zu kontrollieren versuchen, weil es eine entsprechende Größe hat, aber bei einem Prosabuch wird der Text dann eben zu viel, da bewegt er sich woanders hin, und das war bei Ohrenberg so ein bisschen der Fall.
Und dieses Gesprochene, wenn du meinst, dass eben dieser Gestus drin bleibt, wenn man das dann transkribiert: es war auch so, dass ich dann die Sachen von Minidisk transkribiert habe, was ein wahnsinniger Aufwand war, und ich aber immer noch sehe, das grammatische Strukturen drin sind, die ich nie geschrieben hätte. Hauptsatz. Nebensatz, Nebensatz. Punkt. Schließt nicht mehr auf den Hauptsatz zurück. Wie man eben redet, dass so Abzweigungen offenbleiben. Das wurde dann durch die große Überarbeitung teilweise wieder etwas geglättet, aber es ist letztlich in der Grundstruktur schon noch drin. Das war alles nicht intendiert, wusste ich ja noch gar nicht, aber hat sich als gut erwiesen.

 
 
 

Komischerweise hatte ich auch gar nicht intendiert, das Gespräch mit Ohrenberg zu beginnen, aber ich finde es gut, dass es sich so ergeben hat. Ich habe hier „Helm aus Phlox“ liegen und „Dickicht mit Reden und Augen“. Aber vor ein paar Wochen ist mir folgendes passiert: Der Ohrenberg steht da im Regal. Beim ersten Lesen, kurz nachdem er erschienen war, ging er mir ziemlich auf die Nerven. Ungefähr vor einem Vierteljahr aber nahm ich ihn zufällig zur Hand, blätterte irgendwohin und las mich fest. Ad hoc. Irgendwo in der Mitte und ich frag mich, was da passiert ist, auch mit mir, dass der Ohrenberg, mir plötzlich so nahe ist. Vielleicht komme ich langsam ins Alter der monologisierenden Männer.

Ich glaube, dass es schwer ist, wenn man anfängt mit Ohrenberg, das habe ich schon oft gehört, dass das erste Kapitel eine ganz schöne Hürde ist. Wie bei vielen Büchern ist es auch bei dem so, dass das erste Kapitel gar nicht das erste Kapitel ist, das geschrieben wurde, aber das erste Kapitel ist auch syntaktisch ziemlich überladen, und die diktierten Kapitel gehen erst beim zweiten Kapitel los.

Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2013. 83 S., 19,90 Euro.

 
 

Das heißt, das erste Kapitel hast du im Nachhinein am Computer hergestellt.

 
 

Das ist ein rein geschriebenes Kapitel, wie die meisten, aber das zweite und vierte Kapitel, die sich Ohrenberg widmen, kommen in der Basis aus dem Gesprochenen.

 
 

Das erste Kapitel ist dann sozusagen auch nachkonstruiert?

 
 

Das zweite Kapitel geht damit los, dass Ohrenberg zu seinem Turm hochstapft im Schnee, damit ging das los, was ich eingesprochen habe, später habe ich Aschmann als zweite Person erst dazu entwickelt, und habe davor zeitlich gesetzt, wie Aschmann mit der Fähre übersetzt, was das erste Kapitel ist, und dann geht Ohrenberg auf seinen Turm hoch. Dann kommt wieder ein Aschmannkapitel, und das zweite gesprochene Kapitel spielt dann wieder auf Ohrenbergs Turm. Die Kernszenen sind die Turmszenen, aus denen heraus sich alles entwickelt hat.

 
 

Bist du noch dran am zweiten Roman?

 
 

Ich hab den erst einmal auf Eis gelegt. Beim zweiten Roman, dazu gibt es ca. 80 Seiten Text, habe ich gemerkt, man muss über das Gesamte mehr nachdenken, sich einen besseren Rahmen geben, in dem man arbeiten kann. Was dann entsteht beim Schreiben, ist ohnehin nicht kalkulierbar. Es gibt ein / zwei Kapitel, die ich sehr mag, aus dem Manuskriptkonvolut, aber insgesamt ist der Wurm in der Haltung, es ist also nichts, was sich jetzt technisch korrigieren ließe. Das ist der Grund, warum ich es erst einmal hingelegt habe.

 
 

Ist es so, dass du die lyrische Produktion entkoppelst von der Prosa?

 
 

Das ist schon so, wobei, in den fünfzehn Jahren, die ich mich jetzt mit Literatur beschäftige, kookbooks, also meinen Verlag, gibt es zehn Jahre, in der Zeit habe ich drei Gedichtbände gemacht und ein romanartiges Ding von einhundertfünfzig Seiten, das ist jetzt keine wahnsinnige Produktion. Es ist also nicht so, dass Prosa und Lyrik hätten allein zeitbedingt parallel laufen müssen. Es war unproblematisch, das zu entkoppeln.


 
 
 
 
 



















© Timm Kölln

 
 

Steffen Popp, in Greifswald 1978 geboren, lebt in Berlin. Er hat 2011 den Leonce-und-Lena-Preis erhalten, ist Übersetzer (u.a. Christian Hawkey, Ben Lerner), Herausgeber (Helm aus Phlox, mit anderen), hat den Roman "Ohrenberg oder der Weg dorthin" (2006) geschrieben und bisher drei Gedichtbände veröffentlicht: "Wie Alpen" (2004), "Kolonie zur Sonne" (2008) und 2013 "Dickicht mit Reden und Augen".

 
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