Gespräch mit Max Czollek - Signaturen

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Gespräch mit Max Czollek

Dialoge
 



Vom Spreizen der Finger


Interview mit Max Czollek auf der Leipziger Buchmesse 2015




 
 

Ruprecht Volz: In einem Leitartikel der FAZ zur Leipziger Buchmesse wurde die Ansicht geäußert, die Lyrik sei eigentlich für unsere Gegenwart die Literaturform schlechthin. Stimmen Sie dieser These zu?

 
 

Max Czollek: Lyrik ist eine Literaturform für unsere Gegenwart wie andere Gattungen auch. Wenn die FAZ Lyrik als Literaturform schlechthin verkündet, dann schwebt ihr vermutlich das Verweilen und die Entschleunigung als wesentlicher Charakterzug vor. Die konservative Kritik der Gegenwart als schnelllebiger Zeit glaube ich dahinter deutlich auszumachen. Ich glaube, in diese Definition fällt nur ein sehr bestimmter Teil der Gegenwartslyrik. Natürlich gibt es neben kontemplativen auch schnelllebige Texte, Lyrik, die sich auf Grammatik, Sprechhaltung oder anderen Variablen konzentriert. Lyrik ist nicht die Literaturform der Gegenwart schlechthin, aber sie ist gegenwärtig vielseitig und kreativ. Ein Blick in die Programme der wesentlichen Verlage lohnt sich, weil Lyrik uns etwas zu sagen hat über die Funktion von Sprache und die Struktur von (Selbst-)Wahrnehmung.

 
 


Verstehen Sie sich als politischen Dichter?

 
 

Der Regisseur Jean-Luc Godard hat einmal gesagt, es gehe ihm nicht darum, politische Filme zu machen, sondern politisch Filme zu machen. Politisch schreiben bedeutet für mich, dass mein Text von sich weiß, also in welcher Tradition er steht, welches Textmaterial er verwendet, an welchem gesellschaftlichen Ort er sich befindet und in welchem Raum er auftrifft.

 
 

In einem früheren Interview haben Sie einmal gesagt, Ziel Ihrer Lyrik sei eine „Gegenwartsbewältigung“. Was ist damit gemeint?

 
 

In dem Begriff drückt sich ja zunächst einmal eine Abgrenzung gegenüber einem Konzept der „Vergangenheitsbewältigung“ aus. Es geht also um die Bearbeitung eines bestimmten Teils der deutschen Vergangenheit im vergangenen Jahrhundert. Und zwar in Bezug auf ihre Bedeutung in der Gegenwart. Vergangenheitsbewältigung bedeutet eine Abgrenzung der eigenen Position von der Geschichte. Ihre wesentliche Funktion ist es, die Frage nach Kontinuität und Aktualität zu verhindern. Mit dem Begriff „Gegenwartsbewältigung“ wollte ich den Blick für die Art und Weise schärfen, in der deutsche Geschichte unser Sprechen und unsere Wahrnehmung bis in die Gegenwart bestimmt. Während sich die Druckkammern vor allem mit ästhetischen und sprachlichen Aspekten befassten, interessiert mich in den „Jubeljahren“ auch eine Reflektion der Sprecher*innenpositionen: die Verdrängungs- und Aneignungsstrategien der deutschen Gesellschaft, die Angst- und Gewaltphantasien einer Opferperspektive sowie die wechselseitige Konstitution beider Positionen.

 
 

Zwischen dem Erscheinen Ihrer Monographie „Druckkammer“ (2012) und dem aktuellen Band „Jubeljahre“ liegen drei Jahre. Worin bestehen die Unterschiede?

 
 

In meinem ersten Band ging es wesentlich um eine Krisenerfahrung. Die Kapitel von Stadt- und Reiselyrik wurden in einem dritten Abschnitt auf ihre historische Abgründigkeit hin unterlaufen. Wesentliche Topoi der Romantik wie der deutsche Wald, Sterne, Haare, Nacktheit, usw. kollabieren unter dem bildlichen Arsenal, welches durch den Nationalsozialismus und den Holocaust besetzt wird. Unsere gegenwärtige deutsche Sprache ist voller Bezüge auf diese Vergangenheit. Eine Menge sedimentierter Gewalt. Diese Doppelbödigkeit markierte ich auch mit dem Titel des Buches „Druckkammern“. Demgegenüber stellen die sechs Kapitel der „Jubeljahre“ eigentlich eine Reihe von Versuchsanordnungen dar, die einen Umgang mit dieser Sprach- und Traditionskrise versuchen.

 
 
 

Würde ich ein Bild für die Aufteilung des Buches verwenden, wäre es das Spreizen der Finger. Dem Nationalsozialismus ist dabei nur noch einer von vielen Bezugsrahmen. Der Titel „Jubeljahre“ hat drei Bedeutungen: einmal die gängige idiomatische Bedeutung von Seltenheit, dann die buchstäbliche Bedeutung einer Zeit des Jubelns. Außerdem das biblische Konzept des Shnat Ha‘jovel, das alle 7 mal 7 plus einem Jahr eine Neuverteilung des Bodens in Israel und eine Vergebung aller Sünden vorsieht. In dem Titel drückt sich also durchaus ein utopisches Moment aus, nicht so sehr der Neuverteilung von Grund und Boden, sondern von Diskursen und deren Verfügbarkeit.

 
 

Welchen Leser der „Jubeljahre“ haben Sie vor Augen?

 
 

Sehr unterschiedliche. In einer Kritik an den „Druckkammern“ hieß es einmal, die Texte wären aus einer Perspektiven eines Autors geschrieben, für den die Hölle schon immer die anderen waren. Das fand ich schrecklich! Ein wichtiger Fokus des neuen Buches ist der Thematisierung der Frage gewidmet, wer eigentlich spricht und wer angesprochen wird. Politisches Sprechen setzt ja immer eine feste Identität voraus. Das Eigene wird aufgewertet, das Fremde abgewertet und ein Drittes vergessen. Kunst birgt die Möglichkeit, diese Bewertung und auch die Positionen selbst zu hinterfragen.

 
 


Wenn es in dem ersten Zyklus „Jubeljahre“ heißt: „Ich wende mich an diejenigen, (....) die nur noch Lyrik verstehen und sonst nichts“, ist dies eine vielfältig deutbare Erwartungshaltung?

 
 

Im dem Zyklus geht es mir darum, die Position der Sprechenden und Angesprochenen zu verunsichern. Mit dem vielfach verwendeten anaphorischen Auftakt „Ich wende mich an ...“ adressiert der Text so verschiedene Positionen wie Ostpreußen, Juden, Deutsche, Terroristen, Hedonisten, geflüchtete Menschen, Nachgeborene und viele mehr. Aber es geht mir auch um eine Reflektion von Hoffnung und Enttäuschung. Indem die moralische Position des Sprechenden und Angesprochenen nicht eindeutig zuzuordnen ist, steht die Frage nach der Bewertung selbst zur Disposition. Mit „Jubeljahre“ versuche ich eine Position des Trotzes zu umreißen, mit dem das lyrische Ich versucht, sich der eigenen enttäuschten Hoffnung angesichts von Gewalt und Geschichte zu stellen, ohne in einen oberflächlichen Optimismus oder einen lähmenden Pessimismus zu verfallen.

 
 


Lyrik–Produktion ist ein einsames Geschäft. Welche Bedeutung hat das Lyrik–Kollektiv G13 für Sie?

 
 

G13 ist ein Kollektiv, dass in seinem schreibenden und performativen Kern 10 – 14 Mitglieder umfasst. Der Name G13 selbst eröffnet ein Kaleidoskop von Bedeutungen wie Stuhlmarke, Telenovela, eine Sorte Marihuana, eine Anspielung auf die G7–Staaten und vieles mehr. Für mich ist G13 ein Ort gegenseitiger Kritik und Unterstützung. In diesem Sinne erzeugt G13 eine Form der Anerkennung, die dem Lyrikbetrieb und der Lyrikszene eine Alternative beistellt. In unserer letzten Arbeit haben wir einen kollektiven Text verfasst („das war absicht“ bei SuKuLTuR, 2013). „das war absicht“ ist das Ergebnis einer Pendelbewegung zwischen kollektivem und individuellem Arbeiten. So sammelten wir zunächst Material in einem gemeinsamen Online–Dokument, anschließend identifizierten wir Themenblöcke. Einzelne Autor*innen befassten sich dann mit der jeweiligen Ausgestaltung und Anordnung des Textmaterials. Diese konzeptuelle Pendelbewegung hat mich sehr interessiert. Ich habe die Arbeit daher noch einen Schritt weiter geführt, indem ich jene Teile aus dem Kollektivtext bearbeitet habe, die ich schon für den Kollektivtext angeordnet hatte. Der Zyklus „das war absicht“ ist das Ergebnis dieser neuerlichen Re-Individualisierung. Er wäre ohne G13 nicht entstanden. Er ist ein Ergebnis meiner Arbeit zwischen kollektivem und individuellem Schreiben.

 
 



Max Czollek: Jubeljahre. Gedichte. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2015. 80 Seiten. 13,90 Euro.

 
 
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