Gespräch mit Mara Genschel - Signaturen

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Gespräch mit Mara Genschel

Dialoge
 



MATERIAL UND REFERENZFLÄCHE


 
 

Der im Frühjahr 2015 im Verlag Reinecke & Voß erschienene Band „Mara Genschel Material“, herausgegeben von Bertram Reinecke, gibt Einblick in das Hinterfragen von Gattungsgrenzen im Werk Mara Genschels, die zwar Verfahren der bildenden Kunst und der zeitgenössischen Musik nutzt, aber den Kernbereich der Literatur dabei nicht verlässt.

 
 

Die Auseinandersetzungen im Materialband zum Werk der Dichterin, geführt von Luise Boege, Ann Cotten, Michael Gratz, Martin Schüttler und Meinolf Reul, zeigen zugleich einen Modellfall auf, wie von Lesern „mit ästhetischen Herausforderungen“, sprich „Verständnishürden“, umgegangen wird. Diese müssen nicht im Kunstwerk selbst allein liegen, oft werden sie erst durch die übliche Art des öffentlichen Umgangs generiert.

Die folgenden Gespräche zwischen Mara Genschel, Luise Boege
¹ und Martin Schüttler² über „Materialgenese“ und „Der Autor als Produzent“ bilden das Ende des dritten und den Anfang des vierten Teils eines längeren Gesprächs der drei über die Referenzfläche.


 
 

Martin Schütter: Es bleibt nicht beim Destruktionsvorgang oder beim Dekonstruieren, sondern dann fängt es überhaupt erst an, dann beginnt es, dass du da neue Ordnungsprinzipien findest, dass du neue, noch krudere Textrealitäten nebeneinander lässt. Also ab dem Moment, wo du dein Schreiben oder dein Denken ausgehebelt hast, kannst du es zulassen, dass Teile ... da in der 3#, was ist denn da alles drin, da sind Fundstücke, Titel, kurze, einzelne Fragmente, Gedichtfragmente, Fließtext, Zitate, Graffitis oder sonstwas, das ist wirklich die ganze Vielheit von Textmöglichkeiten ... so gefundener, komischer Kommentarfließtext. Es ist wirklich eine Art von Metadichtung geworden. Text mit Texten.

 
 

Mara Genschel: Das habe ich so noch gar nicht gesehen. Dass man mit den unterschiedlichen Methoden der Lyrik Material arrangiert.

 
 

Martin Schüttler: Jaja. Sozusagen, dass es nicht mehr darum geht, Texte zu konstruieren, dass nicht mehr das Wort oder die Silbe oder der Laut ... Du machst im Grunde total das Gegenteil von Valeri³,  kein Wunder, dass er das nicht mag.

 
 

Luise Boege: Mag er das nicht?

 
 

mg: Nein, er hasst das!

 
 

ms: Statt immer weiter in den Laut zu differenzieren, verwendest du dieselbe Strategie des Denkens, oder eine ähnliche Schärfe des Denkens, und wendest es aber auf Sprachversionen, auf existente Sprachversionen als Ganzes an. Und hast nicht mehr dieses: Sprache differenzieren, Laut differenzieren, und immer weiter ... Da ist vielleicht auch einfach nicht mehr soviel zu tun, oder im Moment nicht mehr soviel zu tun, habe ich den Eindruck, da tritt man sich vielleicht vielmehr auf die Füße im feinen Ausziselieren der klanglich schönen Sprachexquisite ... wie sagt man ... Sprache ... Sprachgebilde ... Kleinode ...

 
 

lb:  Funde ... sprachinhärente ... Funde im ... oder im Alphabet ...

 
 

ms:  ... und wenn ich mir deine alten Texte anschaue, dann hattest du da auch eine Affinität zu und vielleicht auch eine große Begabung, aber dass du dem einfach widerstehst und sagst, nee, das mach ich jetzt nicht weiter, auch, dass du keine Lesungen mehr machst, in dieser Form, ist nur die logische Konsequenz, dass du da nicht mehr das Gefühl hast fürs, sagen wir, fürs Kulinarische. Das Kulinarische im Schreiben wie auch im Vortragen. So auf der Zunge zergehen lassen. „Im Mondenschein“.

 
 

lb: Wobei es sich da schon, wie soll ich sagen, relativ auslebt. Es ist halt ein bisschen verquerer, vor allem im Satz, aber es ist ja nicht wirklich antiliterarisch oder aliterarisch.

 
 

mg: Aber wo lebt sich das aus?

 
 

lb:  Ja, einfach, wie das geschrieben ist.

 
 

ms: Haha. Fachlich sagt man: „Wie das geschrieben ist!“

 
 

lb:  „lässige (durch-) / Laissez-faire ...“

 

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ms: Sag doch nochmal kurz, was wir nicht mehr drauf hatten beim letzten Gespräch, weil sich das Aufnahmegerät ausgeschaltet hat?

 
 

lb:  Wir hatten nicht mehr drauf die Frage nach dem Lektor ... Dass eben Mara mich gefragt hat, ob ich es für problematisch halte, dass kein Lektor dabei sei. Weil das wohl einige Menschen, die selber Bücher machen, in einer Trias von Herausgeber, Lektor und Autor, bemängelt haben. Und das ist meiner Meinung nach völlig verfehlt als Frage, weil es ja in diesem Fall diese klassische Anordnung von vornherein gar nicht gibt. Wenn, dann müssten es meiner Meinung nach drei sein, weshalb es albern wäre, wenn du dir einen externen Lektor heranholen würdest, der dir dann deinen Entwurf bestätigt. Du machst ja alles, du bringst ja alles selbst heraus, den Text, und dadurch aber, und das ist das interessante, was mir eingefallen ist, dass dadurch halt die Frage tatsächlich nach dem Leser auch nochmal ganz reell gestellt wird.

 
 

mg: Du hast auch noch gesagt, was ich sehr schön finde, dass die Referenzfläche sozusagen ihr eigenes Korrektiv ist.

 
 

lb:  Ja.

 
 

mg: Dass der Lektor hier sozusagen gar nicht zwingend notwendig ist.

 
 

ms: Und ich hatte noch gesagt, das möchte ich auch nochmal wiederholen, dass im Referenzflächenprojekt schon eine Art Widersprüchlichkeit in sich steckt, durch die verschiedenen Heterogenitäten, durch die verschiedenen Ansätze, Materialien, Sprachmaterialien, aber eben auch rein haptisch, Papier und Tesafilm-Material, sodass die Geschlossenheit in keiner Weise behauptet wird. Es bräuchte ja ein Korrektiv, wenn man ein gesamtes, ein geschlossenes Gebilde „Buch“ herstellen will, und dadurch gibst du dem Leser ja eine unglaubliche Autonomie, darauf zuzugreifen, auf deine Texte, auf deine Referenzflächen.

 
 

lb:  Wobei es natürlich der große Witz ist, wie ich finde, dass es natürlich mit der Geschlossenheit sehr stark spielt, oder das halt ja trotzdem auch bedient. Das ist, was ich vorhin meinte mit so einem Bereich, oder eigentlich einem ganzen Komplex, von Prinzipien, die durchgespielt werden.

 
 

ms: Aber das find ich ja auch das moderne. Beziehungsweise, da würd ich auch als Musiker wieder einhaken, weil ich sagen würde, das ist ein Prinzip, das man relativ gut zurückführen kann auf John Cage oder auf Marcel Duchamp, nämlich auf das Prinzip der Rahmung. Man ersetzt die tradierte Form, nämlich das Gedicht, den Roman durch eine selbstgewählte Rahmung, die ist in diesem Fall dein Heft, deine Referenzfläche, und die Rahmung besagt: Alles, was hier drin ist, hat keine Geschlossenheit, wird aber geklammert. Und diese Klammerung, diese Rahmung, die zwingt den Leser: Was da aufeinandertrifft, wie in einem Reagenzglas oder wie in einem physikalischen Versuch, mit diesem Versuch muss ich jetzt zurechtkommen. Das heißt, diese Geschlossenheit ist eine, die durch eine Rahmung zwar behauptet wird, aber sich in sich nicht einlöst, das heißt im Prinzip eine Art Frankenstein’sches Monster, was dann doch irgendwie als Organismus lebt, aber keiner weiß eigentlich, warum. Es wird nur durch eine Klammer festgehalten.

 
 

lb:  Jaja, das meinte ich vorhin, glaube ich, auch, als ich von einem Medienwechsel oder von einer Art Verschiebung, dieses medial total definierten Feldes ...

 
 

ms: Mir ist noch etwas eingefallen zum Thema Leser, das wäre nämlich tatsächlich ein Kritikpunkt, den ich hätte, oder zumindest ein Punkt, den ich noch nicht gelöst sehe – vielleicht kann man ihn auch nicht lösen – aber wo zumindest eine interessante Fragestellung drin lauert. Und zwar ist es diese Diskrepanz zwischen: es ist für wenige Leute, also es ist limitiert, gleichzeitig ist es aber auch günstig, also zum Selbstkostenpreis, was ja eigentlich genau ein interessanter Widerspruch ist. Normalerweise im kapitalistischen System wäre es: Massenauflage für wenig Geld oder limitierte Auflage für viel Geld. Das heißt, du tust etwas, was eigentlich im Wertsinne verschwenderisch ist, du verschleuderst. Aber gleichzeitig findet in diesem Prinzip der Offenlegung oder des Hybriden auch eine Thematisierung des Lesers statt, was du ja auch gesagt hast, und das widerspricht sich so ein bisschen, weil du damit große Mengen an Lesern niemals erreichen kannst, was aber ja eigentlich im Prinzip interessant wäre, oder sagen wir einmal so: Distributionswege zu erreichen, oder Distributionswege zu haben, die weiter ausstrahlen als der limitierte Kreis derer, die jetzt darauf Zugriff haben.

 
 



¹ Luise Boege, *1985 in Würzburg, Studium am Literaturinstitut Leipzig und an der Universität Erfurt. Sie veröffentlicht Prosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien. Sie wurde unter anderem mit dem Open Mike- sowie dem Alfred Döblin Stipendium 2012 geehrt. Ihr Roman „Kaspers Freundin“ erscheint im Frühjahr 2015 bei Reinecke & Voß.
² Martin Schüttler *1974, studierte Komposition bei Nicolaus A. Huber und Ludger Brümmer. Zwischen 2001 und 2004 war er Stipendiat am ZKM in Karlsruhe. Er arbeitete mit international renommierten Musikern zusammen, etwa dem Ensemble Modern, Nadar und dem hr-Sinfonieorchester. Außerdem kontinuierliche Kooperation mit Interpreten der jüngeren und jüngsten Generation. Er ist Mitbegründer der Plattform stock11. Für seine Kompositionen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Kranichsteiner Kompositionspreis der Darmstädter Ferienkurse 2002. Seine CD „Pelze & Restposten“ ist 2009 in der Reihe Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats erschienen. Seit 2014 ist Martin Schüttler Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.
³ Valeri Scherstjanoi.


(Bertram Reinecke:) Mara Genschel Material. Leipzig (Reinecke & Voß) 100 Seiten. 12,00 Euro.

 
 
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