Gespräch mit Hans Thill - Signaturen

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Gespräch mit Hans Thill

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Über Dörfer

Ein kurzes Gespräch mit Hans Thill über sein gerade im Verlag Matthes und Seitz erschienenes Buch


 
 

Jan Kuhlbrodt: Lieber Hans Thill, natürlich begibt man sich bei einem solch komplexen Text wie dem „Buch der Dörfer¹ sofort auf die Suche nach Referenzen. Sicher auch um Orientierung in der Geografie des Textes zu finden. Aber das scheint mir ein zweischneidiges Schwert. Zumal der Opitz-Bezug vom Anfang sich ja bald auflöst. An einer Stelle heißt es:

 
 
 
 

Das nächste Dorf hatte seit Monaten keinen Regen, seit Jahren keinen Krieg, seit Jahrhunderten keinen Kaiser gesehen. Jetzt regnete es ein paar Tropfen und so klangen auch die Gebete.

 
 
 

Etwas kehrt also wieder. Abgeschwächt, als Echo. Kann es sein, dass in der Gegenwart der Barock als Echo mitschwingt? Und so auch in diesem Buch.

 
 

Hans Thill: Ja, das Barock interessiert mich immer. Vor allem die ostdeutschen Dichter, Opitz, Fleming, Gryphius. Sie haben ein unfertiges Deutsch in die super-elaborierte Form des Sonetts gepresst und dabei sind Gedichte entstanden, die sehr direkt am sprachlichen Erleben der Leute sind, so kommt es mir vor. Es gibt viele andere Echos im Buch der Dörfer, die einzelnen Referenzen werden ja direkt in Klammern direkt hinter ihrem Aufscheinen genannt.

 
 

Ein wenig scheint es mir auch, als hätte sich eine Art literarische Autobiografie und Leserbiografie in den Text gebracht. Wenn ich so an die Begegnungen mit Deinem Namen zurückdenke. Zuletzt in dem schönen Fleming-Text in der Mütze #6 Ein Brocken Barock. Und als ich Edit-Redakteur war, sind mir die Dörfer ja schon begegnet. Und Deine Prynne-Übersetzungen² (um nur einiges zu nennen). Du sagst, du hast 10 Jahre an dem Dörfer-Text gearbeitet. Hast du dich bewusst Einflüssen geöffnet? Kann man diesen Text auch als eine Art Arbeitsjournal lesen?

 
 

Ja, natürlich. Ich schreibe gern an „Projekten“, in denen ein formaler Rahmen vorgegeben wird. Innerhalb dieses Systems kann man den Assoziationen freien Lauf lassen. Ich schreibe schnell und beinahe automatisch. So könnte man sagen, dass in einem Text, der sich wie die Dörfer über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinzieht, ein großer Teil dessen, was mir in dieser Zeit durch den Kopf geht, aufgehoben ist. Du selber sagst, wie oft Du mit den Dörfern schon Berührung hattest … Dann hätten wir bereits den Schreiber-Weg und den Leser-Weg von Dorf zu Dorf.

 
 

Bei der Lektüre des Zyklus kommen einem die Sprüche von der Welt als Dorf in den Sinn und vom Global Village, aber ich hatte vielmehr das Gefühl, dass Zeit aufgehoben ist, weniger der Ort. Es ist ja eine Art Reise durch die Provinzen (die mit Sicherheit das Zentrum sind). Was spielt Zeit, was spielt Geschichte im Text für eine Rolle?

 
 

Ja, richtig, das Dorf ist ja keine Metropole. Es ist, wie die Definition im Grimm besagt: »eine versammlung geringer leute auf freiem feld«. Die Zeit ist das poetische Immer-Nie, das bis in die Vorgeschichte zurückreicht, als die Wörter sich langsam bildeten. Die Provinzen sind imaginär und teilweise fabelhaft exotisch, wie das Tribalibôt aus dem Parzival. Viele Orte der Kindheit tauchen auf, andere wieder sind hypothetisch auf eine trockene Art. Erdacht, gelesen, erträumt. Ich hatte die seltsamen Reiseberichte des Mittelalters vor Augen, dann wieder reale Käffer, die ich benennen könnte. Jedenfalls wird eine Wanderschaft zu Land geschildert, ein Weiterstolpern, das keine günstigen Winde kennt.

 
 

Man kann also davon ausgehen, dass dein Stolpern weiter geht. Vielen Dank für das Gespräch.


 
 
 


¹ Hans Thill: Das Buch der Dörfer. Berlin (Matthes & Seitz) 2014. 176 Seiten. 19,90 Euro.

 
 

² J. H. Prynne: Poems / Gedichte. Deutsch/englisch. Übers. von Ulf Stolterfoht und Hans Thill. Heidelberg (Verlag Das Wunderhorn) 2007. 75 Seiten. 17,80 Euro.

 
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