Gespräch mit Dominik Dombrowski & Armin Steigenberger 1 - Signaturen

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Gespräch mit Dominik Dombrowski & Armin Steigenberger 1

Dialoge
 
 

Anlässlich der Lesung "In die Mitternacht gefaltet" im Lyrik Kabinett mit Àxel Sanjosé und Ron Winkler am 23. September 2013 kam Dominik Dombrowski nach München. Am nächsten Tag bei bestem Wetter trafen sich er, Armin Steigenberger und Kristian Kühn im Biergarten Augustiner-Keller und führten ein Gespräch zur Mittagszeit, um anschließend den Gast zum Bahnhof zu begleiten.

 
 


1. „Explodierende Sonette“

 
 

KK: Wir müssen uns jetzt irgendwie einigen. Ich finde am Interessantesten entweder was zum Metrum, also achtet ihr auf das Metrum, oder nicht? Und „Sprache aufbrechen“, was auch immer das nun genau ist.

 
 

DD: Bei mir war’s ja so, ich hab mal eine Zeitlang versucht, Sonette zu schreiben. Aber ich konnte mich nie disziplinieren zu diesem Gefühl, Sonette zu schreiben, weil mir immer noch was Besseres einfiel, was dann diese Form wieder aufgebrochen hat, und dann hab ich …

 
 

KK: Inhaltlich? Gedanklich was Besseres?

 
 

DD: Gedanklich und teilweise auch in der Melodie besseres. Und dass ich dann regelmäßig diese Sonettform wieder aufgegeben habe, obwohl ich es mir vorher vorgenommen hatte, und das sind eine Reihe von Gedichten geworden, die ich dann „Explodierende Sonette“ genannt habe.

 
 

KK: Klingt gut. Ich hab diese Erfahrung ja auch gemacht. Ich hab ein Frühlingsgedicht geschrieben und wollte das dann, weil es mir nicht gefiel, und dachte, es wird dann besser, wenn ich daraus ein Sonett mache, dann brach das aber komplett auseinander und hatte auch gar keinen Inhalt mehr, also was ich ausdrücken wollte, war weg. Durch die Form weg.

 
 

AS: In diesem Band, ich weiß nicht, ob du ihn gelesen hast, „Hieb- und Stichfest“ vom Reinecke & Voß-Verlag, also da haben ja so …

 
 

KK: Den hab ich nicht gelesen, aber den hast du besprochen, nicht?

 
 

AS: Genau. Und da geht es um diese ganzen Fragen. Inwiefern heute noch Metrum wichtig ist, das ist eine. Und ist es Kunsthandwerk oder nicht, und also Praktisches, das wird in Sonettform debattiert, und das fand ich hochspannend.

 
 
 
 
 












Klaus M. Rarisch, Lothar Klünner u.a.: Hieb- und Stichfest. Eine Tenzone in Sonetten. Leipzig (Reinecke & Voß) 2012. 60 Seiten, 8,00 Euro.



 
 

DD: Ich finde, dass man sich durch dieses Metrum disziplinieren oder inspirieren lassen kann, aber um es danach dann für sich zu zertrümmern.

 
 

KK: Inspirieren, das hieße, dass man vorher gar nicht so festgelegt ist, was man schreiben will.

 
 

DD: Richtig.

 
 

KK: Und dann sich ans Metrum halten und in das Metrum eintauchen. Und dann kommt was, und das kannst du natürlich anschließend wieder zertrümmern. Aber es muss ja erst was kommen.

 
 
 

(Der Kellner kommt).

 
 

DD: Also, was ich da noch anschließen wollte, ich mag eigentlich generell keine Gedichte, die, wenn der Dichter nicht weiß, was er schreiben will und sich mit einem Blatt Papier hinsetzt und dann irgendwie anfängt, also dieses völlig leidenschaftslose, handwerkliche Dichten, da kann ich nicht viel mit anfangen.

 
 

AS: Also es gibt in diesem Sonettstreit-Band ein Argument, das mich absolut überzeugt hat vom Metrum, und zwar: wenn du wirklich dichterisch in Not bist, also Gisela Kraft sagt, dass, wenn du praktisch in der Sprachkrise bist, eben die Sonettform dir eine Grundlage geben kann wieder. Und von der Warte aus ist jedes Parlando so eine Art Schönwetterdichtung.

 
 

DD: Gerade so Wörter wie Sprachkrise, also da krieg ich schon einen Föhn, da find ich, die ganze Dekadenz und Raffinesse liegt da drin: Ich bin jetzt als Dichter berufen, aber ich befinde mich in einer Sprachkrise.

 
 

KK: Nun, Sprachkrise ist ja ein Begriff, der durch die Moderne geistert.

 
 

AS: Ja, klar.

 
 

KK: Das wäre ja praktisch unser zweites Thema, Sprachfluss aufbrechen, der dir so kommt, das meintest du ja mit Parlando, nicht?

 
 

AS: Ja, sagen wir mal so: dieses opulente, barocke Parlando, dieses Pointierte eben, also was so ein bisschen papiertigerhaft rüberkommt, und dann – der Gegenpol ist für mich eben dieses absolut Reduzierte, wo man wirklich um jedes Wort kämpft.

 
 

DD: Ja, für mich ist das dann auch, wenn die Leute sich quasi, statt Leidenschaft zu haben oder den großen Wurf zu haben, also wirklich irgendwas zu sehen und dann niederzuschreiben, also stattdessen mit sich ringen und dann auf diese Psychocouch setzen …

 
 

KK: Naja, also das gibt’s ja eigentlich in der Musikgeschichte auch, dass die einen ihre fertigen Songs aufnehmen im Studio, die anderen, gerade die berühmten oft, die einen Termin haben und dann sagen, ja wir machen eine Session, und irgendwas wird schon kommen.

 
 

DD: Dass jetzt jemand einen Berg hinter sich hat, und statt sich da hineinzusetzen und zu sagen, ich hab eine Schreibkrise, eine Sprachkrise oder eine Sonstwas-Krise, dass der dann halt einfach sagt, mir fällt jetzt nichts ein und deswegen mal ich ein Bild. Und irgendwann kommt dann schon was.

 
 

KK: Sprachkrise, die ist ja allgemein. Aber wenn man den Fluss aufbricht, und man ist ein alter Sack schon, mit ganz vielen Erlebnissen, und da fragt man sich, dirigiert einen die Sprache, ja? Von Novalis her gesehen – der hat ja behauptet, Sprache spricht sich selber, und dann ist sie auch Poesie, wenn man nicht eingreift ...

 
 

DD: Also ich finde, je mehr alter Sack jemand ist, desto mehr dirigiert man die Sprache.

 
 

KK: Sprache aufbrechen heißt im Grunde auch „Gedankenstrukturen aufbrechen“ – den Fluss kannst du ja nicht aufbrechen, du kannst ihn höchstens stoppen.

 
 

AS: Ja klar. Und irgendwo … also ich kenn das schon, ich hatte mal so eine sprachskeptische Phase, dieses Chandos-(Syndrom), wo du halt irgendwas hinschreibst, und du merkst, es trägt nicht. Also dass du dichten kannst, geht ja nur, wenn du den Worten vertrauen kannst. Und ich hab manchmal selber dann so mir über die Schulter geschaut beim Schreiben und festgestellt, ich kann meine ganzen Sprachfiguren nicht mehr sehen …

 
 

DD: Gut, dann kommt man in eine andere Phase.

 
 

AS: Ja, genau, also wo man merkt, dass, wenn ich jetzt so weitermachen würde, dann würd ich mich parodieren.

 
 

KK: Also Benn hat das ja gefordert, der hat gesagt, ein modernes Gedicht bedeutet immer auch zugleich die Beobachtung seiner selbst. Also den Schreibprozess mit einzubeziehen.¹

 
 

AS: Ja, wenn dieser Selbstbeobachter überhandnimmt, dann ist es nicht sonderlich schön, weil du ja jedes Wort dann siehst, und du denkst, jetzt schreibt er wieder so einen Scheiß dahin. Wo man sonst in seinem Element ist beim Schreiben, merkst du dann auf einmal, es haut nicht mehr hin.

 
 

KK: Da wär ein Metrum dann vielleicht …

 
 

AS: Genau. Mit einem Metrum kannst du praktisch den Rahmen verengen, dass du merkst, jetzt versuch ich mal mit diesem Gitter da wieder was einzufangen.

 
 

DD: Also wenn man jetzt tatsächlich Lust hat, Lyrik zu schreiben, und jetzt aber andererseits Betrachtungen anstellt, wo man das Ganze dann – seine Betrachtungen – aufschreibt, wo’s dann erstmal so eine Art Prosaskizze ist, also Lust hat, das irgendwie als Lyrik entstehen zu lassen, dann kann man mit diesem Metrum ganz gut arbeiten, es muss nicht unbedingt heißen, dass das durchmetrisiert ist. Also ich würd mich nicht davon dirigieren lassen, jetzt deswegen immer das gleiche Versmaß einzuhalten. Oder ich würd da mit Zeilensprüngen arbeiten und mit verschiedenen Versmaßen, also dass dann aus einer Prosaskizze ein lyrisches Ding wird. Aber ich würd mich nicht gänzlich auf ein Ding, also jetzt eine daktylische Ode zum Beispiel (fixieren). Dann kann es ruhig auch mal für zwei Zeilen eine Jambenform haben. Oder man findet das sowieso erst hinterher raus. Das hat ja Bertram Reinecke auch mal gesagt, dass man in allem hinterher ein Metrum sehen kann. Auch wenn’s zehn verschiedene sind. Wenn man ein Gefühl für seine Lyrik entwickelt hat, dann schleicht sich da so ein automatisches, zum Beispiel bei mir jetzt, ein dombrowskieskes Metrum ein, das einfach nur meine eigene innere Melodie ist.

 
 

KK: Ihr habt ja völlig verschiedene Arten zu schreiben – Sprache aufbrechen betrifft ja eigentlich mehr den Armin, nicht? Und bei dir ist es ja mehr die Gedanken aufbrechen, auch Worte mal - aber den Sprachfluss, den behältst du ja.

 
 

DD: Ja, bei mir ist es einfach mehr Begleitmusik.

 
 

AS: Ich mach auch manchmal diese semantischen Restriktionen, das Zentrieren-Wollen, ja und …

 
 

KK: Gedankenflüsse, Gedankenstrukturen anhalten, ist eigentlich, sich selber anhalten.

 
 

AS: Wenn du mal soweit warst, dass du gemerkt hast, wenn ich diesen Satz sage, dann stimmt was nicht, und er stimmt erst, wenn die Semantik aufgebrochen wird, also an dem Punkt war ich schon mal.

 
 

KK: Das machen ja viele, die Semantik leicht verschleiern oder ändern. Zum Beispiel gestern das Milchgedicht, nicht?²

 
 

DD: Das Milchgedicht, das hat für mich was Infantiles, also infantil ist das falsche Wort, aber es hat was Grundlegendes.

 
 

KK: Ja, es ist ein Ursymbol, weil das Säugen mit drin ist.

 
 

AS: „Schwarze Milch der Frühe“.

 
 

KK: Milchstraße.

 
 

DD: Also, es kommt von den verschiedensten Seiten her, zum Beispiel mein Vater, der nichts sonderlich mit Lyrik zu tun hatte, der kam in seinem Suff mal aus seinem Schlafzimmer hoch ins Wohnzimmer und meinte dann, eigentlich müsste man nur noch Sätze mit Milch machen. Zum Beispiel, statt ich höre Musik, ich höre die Milch. Und fing dann kaskadenhaft an.

 
 

KK: Weil der dem Urgrund mit seinem Alkohol angeschlossen war.

 
 

DD: Richtig.

 
 

KK: Dann sprudelt das richtig.

 
 

DD: Sprudelte die Milch.

 
 

KK: Gibt es Möglichkeiten, Sprache so aufzubrechen, dass sie keinen Sinn mehr macht?

 
 

AS: Naja, weiß nicht, das sagt immer trotzdem was aus.

 
 

KK: Damit haben sich die Linguisten beschäftigt, also ist jeder Satz, der grammatikalisch richtig ist, auch sinnvoll?

 
 

AS: Nee, ist er nicht.

 
 

DD: Aber er hat dann letztendlich auch wieder Charme. So zum Beispiel Hans Arp. „Ein großes Mondtreffen ist anberaumt worden“.³

 
 

AS: Die Dadaisten haben das ja auf die Spitze getrieben.

 
 

KK: Ja, und da scheiden sich dann im Grunde die Rezeptionsgeister. Die einen mögen sowas nicht, verquere  Metaphern, weil sie immer noch einen Sinn drin haben wollen, die andern finden gerade aufgebrochene Semantik, die sehr assoziativ ist, anregend und schön.

 
 

DD: Also ich find‘s gleichzeitig. Wenn’s gut gemacht ist, find ich’s schön, aber es kann auch peinlich und blöd sein. Es muss eine Wirkung haben.

 
 

AS: Sagen wir mal so: Es ist letztendlich inkommensurabel, wenn du nicht mehr weißt, worum es da geht. Aber das ist ja zugleich das Reizvolle dran, wenn der Satz nicht so aufgeht wie ein normaler Satz, wenn ein geheimnisvoller Rest bleibt, wie auch manche Metapher, die dann eigentlich unsinnig ist, naja, ein Oxymoron eben.

 
 



¹  "Damit verbindet sich die Vorstellung von Bewußtheit, kritischer Kontrolle, und, um gleich einen gefährlichen Ausdruck zu gebrauchen, auf den ich noch zurückkomme, die Vorstellung von "Artistik". Bei der Herstellung eines Gedichtes beobachtet man nicht nur das Gedicht, sondern auch sich selber. Die Herstellung des Gedichtes selbst ist ein Thema, nicht das einzige Thema, aber in gewisser Weise klingt es überall mit an." (Gottfried Benn: Probleme der Lyrik)

²   Ron Winkler: Der Schnee der Weisen
    (für Eberhard Häfner)
    es fiel Milch.
    und am Horizont brach Milch an.
    und jemand tat Milch.
    (...)
                                                                                                                                                    
³    Ein großes Mondtreffen ist anberaumt worden.
    Monde und alles, was mit dem Mond zu tun hat,
    werden sich da einstellen.
    Mondquellen,
    befiederte Monde,
    Mondglocken,
    weiße Monde mit diamantenem Nabel,
    Monde mit Handgriffen aus Elfenbein,
    winzige Mondlakaien, die über alles gerne
    Polstermöbel mit kochend heißem Wasser begießen,
    größenwahnsinnige Rosen,
    die sich für einen Mond halten.
    (...)


 
 
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