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Georg Leß: Schlachtgewicht

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen


(Alles) auf einmal



Im Falle einer Gebrauchsanweisung ist es sicher wünschenswert, dass alle ihre Leser sie in gleicher Weise verstehen und umsetzen können. Dass man aber von Gedichten nicht fordern kann, diese Art uniformer Rezeptionshaltung zu ermöglichen, ist allgemein bekannt; ein Gedicht löst sich nach erfolgreicher "richtiger" Interpretation weder in Luft auf, noch wird es überflüssig – auch wenn ich diesen Eindruck aus meinem (glücklicherweise schon einige Jahrzehnte zurück liegenden) Deutschunterricht hätte mitnehmen können. Daher, und nur für den Fall, dass die Lage der Unterrichteten sich nicht signifikant gebessert hat, würde ich nur zu gern eines der elf Gedichte, die Georg Leß in seinem Band "Schlachtgewicht" vorlegt, als Konterbande in die gängigen Lesebücher deutscher Schulen einschmuggeln.

Denn Leß´ Gedichte verweigern sich einer normativen Interpretation. Auch der Versuch, sie wenigstens so weit objektiv zu beschreiben, dass ein für jeden Leser schlüssiges Bild entsteht, scheint mir in diesem Falle zum Scheitern verurteilt; ich unternehme ihn natürlich dennoch, rate aber deswegen gleich hier dazu, die Gedichte selbst zu lesen.


"Schlachtgewicht" – was für ein Titel! Ein Fachsprachenwort, gewiss, aber eines, das noch allerlei Assoziationen mit sich führt, von der Vorbereitung zum Kampf bis hin zum Bild eines zur Schlachtbank geführten oder von der Schlachtbank gezogenen Tieres (dazu noch das "Ach!" und der "Wicht"...). Das Wort stammt aus dem vierten Gedicht des Bandes "If Nancy doesn´t wake up screaming she won´t wake up at all" (was für ein Titel! – aber das sagte ich ja schon): "...mit Föhn und meinem Schlachtgewicht // zur Schur, den Schafen wurde nichts gezahlt / zahllos bezogen sie den Landstrich frisch...". Auch hier bleibt das Wort verstörend vieldeutig und gibt dem Leser keine Möglichkeit, sich auf eine bequeme "richtige" Lesart zurückzuziehen, wie auch das schöne Bild der den Landstrich frisch beziehenden Schafe sogleich durch die vorhergehende Zeile auch in einen kalt-ökonomischen Zusammenhang umgedeutet wird.

Diese ständige Bewegung zwischen unterschiedlichen Assoziationsfeldern macht mir Leß´ Gedichte so wertvoll. Eben deswegen, weil es anstrengend ist, dieser Bewegung zu folgen, und ich als Leser ebenso viel zum Gelingen der Lektüre beitragen muss, wie der Dichter (und das ist natürlich ein Grund mehr, solche Gedichte in die Lesebücher zu bringen).

Eines der Assoziationsfelder, mit denen die Gedichte immer wieder arbeiten ist die Kindheit, ausgesprochen, wie in "Silent night, deadly night II, 1987" oder implizit wie in "Verfassungen, Verwaschungen", immer wieder verzahnt mit anderen, bedrohlicheren Assoziationen: "...die Nägel brachen oft nicht von allein...", "...im Sandkasten erstarrte eins zu Glas...".
Kindheit als verkehrte Welt führt das "Kondorlied" vor Augen:


Kondorlied

nie gesehen, höchstens schwach
ich kannte diese Schwäche aus der Nachbarschaft

da stand ein Kleintierzoo vor vielen Jahren
im Wald am Elternhaus, ein Fertighaus
ich zog vor vielen Jahren aus
ich zog vor vielen Jahren aus
die Gitter fielen, doch die Tiere blieben
mit ihren Muskeln war etwas geschehen
war ihr Verlangen nicht mehr anzuspannen


viel später wurde ich geboren
mal spielten wir Kojoten jagen
mal nach Kojotenknochen graben
fast hätte ich verloren


Immer wieder ist in Leß´ Gedichten neben einer breiten Registratur an Assoziationen auch eine ebenso breite Vielfalt der Sprechweisen zu beobachten. Von stakkatohaftem Notieren ("nie gesehen, höchstens schwach", "und außer Bergen? Hügel", "sehr wesentlich, vertraute Sprache, fast verwandt" sind solche Zeilen) bis zur (fast) gereimten Strophe am Ende des Kondorliedes muss der Leser stets auf alles gefasst sein.

Das Nebeneinander von Idylle und Gefahr, vom unterschiedlichen Umgehen der Menschen mit Tieren (und umgekehrt) und miteinander zeigt sich an "Entzündungswert" in einer Weise, an der Ovid sicher ebenso seine Freude gehabt hätte, wie ich:


Entzündungswert

sinngleich aus der Quelle steigen, aus den langen Augen, wann
beginnt die sichere Entfernung, Aktaion, wann wird es glimpflich schön?

diese Errötung nennt der Arzt Alarm, die Tiere alle Glöckchen
sein Wartezimmer wird ihnen kein Wartezimmer
wie Herrchen Frauchen und andersherum und bei Fuß

sondern Übergang (absteigen, sehen
was uns verbindet)
geschart um seine Anglerfüße, diese

Füße, bis zur Ferse reichen Zehen
die er niemals spreizte – es reizte ihn beinah ein Menschenleben lang

"absteigen sehen / was uns verbindet" – was für ein Enjambement! Und die Metamorphose des Voyeurs Aktaion zum stieläugigen Krebs, der entweder gekocht oder von einem verwandelten Kranich gefressen wird, seiner Hunde zu Schoßhündchen im Wartezimmer und noch dazu die ihrer Besitzer: Mich begeistert all das bei jedem Lesen aufs Neue. Andere Leser werden vielleicht andere Lesarten für dieses Gedicht finden. Umso besser. Mögen es viele sein.



Georg Leß: Schlachtgewicht. Gedichte. Köln (parasitenpresse. Lyrikreihe Bd. 029), ²2014 (2013). 14 Seiten. 6,00 Euro.

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