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Georg Leß: die Hohlhandmusikalität

Rezensionen / Verlage


Armin Steigenberger

Erkundung des Handschuhs


Auf kaum einen Band habe ich gespannter und erwartungsfroher gewartet wie auf Georg Leß’ Zweitling die Hohlhandmusikalität, erschienen bei KOOKbooks als Band 62 in der Reihe Lyrik, 2019. Dann endlich hielt ich es in den Händen. Zunächst erschien mir das Buch geheimnisvoll. Schon der Titel ist ungewöhnlich, fast ein Mysterium – was könnte das sein: Hohlhandmusikalität¹? Eine Begabung für Musik aus der hohlen Hand²? Am Anfang fand ich mich nicht leicht durch all die Texte, die zwar weitgehend mit konventioneller Grammatik gebaut sind, dafür aber einen exorbitanten Bilderreichtum beinhalten, dessen Nebeneinander bei der Erstlektüre mir sehr komplex erschien. Stürzen ins Handliche, wie es in einem Gedicht heißt, könnte ein Motto sein, um ins Lesen zu kommen. Das Verschlungene der Zyklen wirkte auf mich zunächst schwer durchdringbar, da es Bezüge gibt, erschien es mir gewichtig, fast mit Blei beschwert; einzelne Verse jedoch begannen sofort abzuheben. Gespickt voll mit Andeutungen, nicht aus hohler Hand, hebt es an.

Zunächst möchte ich beim Einband bleiben, beim Schutzumschlag, der sich abnehmen und aufklappen lässt: Das glänzende weiße Papier zeigt einen dunklen Handschuh, grob gestrichelt: eine übergroß abgedruckte Bleistiftzeichnung. Es ist nicht ganz klar, ob der Lederhandschuh³ eines kultivierten Herrenreiters oder der Gummihandschuh eines brutalen Täters dargestellt ist. Was nur auffällt, wenn man den Umschlag aufklappt: Der Daumen ist verdreht, er zeigt abgeknickt nach hinten, das bedeutet: der Handschuh ist leer, wurde (nach der Tat?) abgestreift. Und die Spannung stieg für mich umso mehr, was sich wohl hinter all dem verbirgt. Wohin zeigt der Daumen, der (betrachtet man nur die Vorderseite) wie die Karikatur eines Facebooklikes wirkt? Der Handschuh für eine rechte Hand ist leer, eine „hohle Hand“, also wie ein am Tatort liegen gebliebenes Relikt, eine Art Reliquie, mit nach hinten geklapptem Daumen. Der Besitzer ist fort, der Täter längst geflüchtet. Ein Clou daran ist die schwarze Ellipse, die zum Arm hin den Abschluss des Handschuhs bildet. Sie wirkt im Gegensatz zur Zeichnung geometrisch exakt – und somit bekommt die ganze Zeichnung etwas Collagenhaftes. Rückseitig darüber notiert wurde ein Text, der zum Inhalt des Buches vielleicht schon stichhaltige Indizien liefert und die ganze Ambiguität des Bandes in gewisser Weise vorwegnimmt.

Sonnentau,
blankes Blatt, Verlangen ist
ein Platz / zwischen Sehern im Dom,
Verlangen ist die Diskussion auf
Augenhöhe mit der Axt
         
Was so floral fast als Stillleben „nach der Natur“ beginnt, wenn das Blatt im Kopf des Lesers zunächst selbstredend als Blütenblatt gelesen wird, wandelt es sich unmerklich zu einem Blatt aus scharfkantigem Stahl, das Drumherum wird überraschend zur jäh zerstörten Idylle, in die zusätzlich der Hieb eines Schrägstrichs („slash“) hineinschlägt. Es zählt einzig das Verlangen als übermächtige, Gewalt implizierende Größe. Mit der Axt wird gefällt. Sie ist erfunden, um Bäume zu fällen, Holz kleinzuhacken usw. Sie ist sowohl Sinnbild menschlicher Erfindungsgabe im Werkzeugmachen, für ingeniöse Metallbearbeitung und die Kunstfertigkeit des Schmiedens, wie auch Sinnbild für die schleichende Abholzung von Wäldern im Anthropozän. Die Axt ist ein beliebtes, ein grausames Mordinstrument, das mich frösteln lässt. Es kann zerteilen, zerhacken, es evoziert Zerstörung. Zwei Menschen diskutieren auf Augenhöhe, indem sie mit Äxten aufeinander losgehen. Leß packt den Stier bei den Hörnern und schreibt ein Buch auch über die dunklen Mächte in den Menschen, was da alles mit einiger „moralischer Überlegenheit“ immer wieder gerne auch als „Verrohung der Gesellschaft“ betitelt wird.

Zu Georg Leß muss man wissen, dass er sich für das Genre Horrorfilm interessiert, ja begeistert und bei diesem Thema auch mit seiner ganzen Professionalität einsteigt. Es gibt vermutlich keinen aktuellen Horrorfilm und keinen Thriller, den er nicht kennt. Er schrieb dazu auch einen Essay, der in der Lyrikwelt einige Beachtung genoss und immer noch genießt. Es geht Georg Leß dabei um Schnittstellen, Adaptionen, Parallelen u.v.m. zum cineastischen Horrorgenre, wo bzw. inwiefern sich   Fenster zur Dichtung auftun. Hierzu könnte ich mich nun in Fahrt schreiben, aber das mag als Info erst mal für den Einstieg genügen, denn es führt gleich in den ersten Text.

gegen die Füße

wenn du stolperst, dann
halt etwas Spitzes oder Heißes (oder beides) in der Hand
immer zum Auge hin und mitten in und durch das
Landschaftsbild, die Hängung zittert, fürchte deine Mittel

halb knochenhart aufgestellt
schwanken wir, halb Scherben (…)
           
Zunächst ist klar: Es kann, was man hier liest, inhaltlich kein Ratschlag sein, oder ein paradoxer: wie Hals- und Beinbruch! Denn der dringliche Rat der allermeisten Eltern an ihre Sprösslinge wäre es, Messer und heiße Gegenstände beim Laufen so zu halten, dass man sich nicht verletzen kann. Gleichzeitig gerät etwas ins Wanken, das ehedem schöne Bild an der Wand zittert, und ebenso schwanken wir. Etwas ist in Unordnung vom Ratschlag bis hin zum Landschafts- und Menschenbild in uns. Und hier wird’s spannend. Hier scheint nichts so zu sein, wie es normalerweise ist. Welche Gesetze gelten hier?

Offenbar ist oben unten und unten oben. Ein wenig wird mir sogar schwindelig. Ein Text, der vielleicht auch ein wenig wachrütteln will, sprich, einen kleinen Pessimismus in sich trägt, was u. a. den Selbsterhalt der menschlichen Spezies ins Visier nimmt. Er endet mit wenn’s auf die Fußsohlen schneit. Der Text zeigt den Menschen in seiner ganzen halb knochenhart aufgestellt[en] Schwäche. Evolution? Lernen aus der Geschichte? Paradoxe Intervention? Wahrheit steht Kopf.

Dagegen steht die Zerstörung der Schöpfung. Der Imperativ fürchte deine Mittel ist vielleicht einer der Schlüssel, um weiter in die Texte hineinzukommen; neben dem zweifellos biblischen Aspekt wird in gewisser Weise die Furcht vor sich selbst benannt, die sich ebenso auf die poetischen Mittel beziehen lässt. Es ist auch die Menschheit selbst, die ihre eigenen Mittel fürchten muss – all das lässt sich immer auch allgemeingültig lesen, kann für den Einzelnen wie für alle(s) gelten. Sollte der Mensch anfangen, vor seinem eigenen Können Furcht zu empfinden? Auch im folgenden Text scheint mir die Entwicklung der Arten das Thema zu sein, wann ist aus dem Fisch der Schoßhund geklettert, wann aus dem Hund Hunde (…).

Schon beim ersten Hineinlesen stellte ich fest, dass diese Gedichte viel komplexer (verflochtener, vielschichtiger, verschlungener) sind als so manches, was man frisch und fromm gleich vom Blatt konsumieren kann, denn unzweifelhaft durchkreuzen sich hier mindestens drei Ebenen. „Man wird nicht (gleich) schlau aus einem solchen Gedicht. Was ich ganz positiv meine. Vermutlich wird man überhaupt nie schlau aus ihnen. Und dennoch erhellen sie, womit man nicht nur zu neuen Sichtweisen, sondern auch auf neue Spuren gelangt, die man noch nicht betreten hat. Hier ist etwas krumm, hier haut etwas nicht hin und das ist mir sehr angenehm.“, schrieb ich 2014 zu Leß’ Debüt. Ich muss nicht hinzufügen, dass es mir hier wieder ganz genauso ging.

Und freilich ist der Autor nicht mit Fleiß mehrschichtig, sondern das Komplexe ist ausschließlich bedingt durch das, was er zu sagen intendiert. Vielmehr sehe und erlebe ich einen Reichtum mitsamt dem Wunsch, in manche dieser Bilder noch einmal ganz und mit großer Ruhe einsteigen zu wollen, um sie ganz zu erfassen.

(…)                                                     Tu’s nicht, versprechen wir lauthals uns
ins Unterhaar, zwar passen unsre Pfoten in
einander ohne Schinderei, schwör dir, darunter wäre ich ein anderer, ein folgsam
kleidsam Werden,
um ein wieder anderer zu sein, wenn wir uns zunehmend ähneln, wie

ein Witz wölbt sich bei Vollmond zum Gedicht, Luftmasche im Fangsprung an
einander vorbei, schlimm, ich weiß (…)              

Hier wird – wie auch in Horrorfilmen – zunächst mit einem angenehm prickelnden Unbehagen gespielt, immer wieder entwickeln die mehrschichtigen Gedichte ihre Ambiguitäten, ihre Ambivalenz, sind oft idyllisch und scharfkantig zugleich. In all dem ist eine innere Musik, und fast wollte ich schreiben: Georg Leß ist der letzte Romantiker, den ich kenne. Und natürlich ist er kein Romantiker im klassischen Sinne, doch sein unerschütterter Glaube an die Menschheit ist mindestens „post“romantisch, auch wenn ich das Aufsplittern der Genres und Subgenres qua Tagging und den Post-Schubladismus so gar nicht mag. Das meine ich sehr positiv, denn wer mit postromantischem Anliegen über das Anthropozän schreibt, lässt sich auf einen großen Spagat ein.

dreizehnter Wirbel / die Nacht nach dem Horrorfilmabend

färbt ein, Mutters Traum von Vater im Flur
die Stirn eine Wunde, rastloser Fluss, Vaters Traum
von den Tannen, vom Traum in der Hand
das verplombte Gewehr an der Kirschholzwand

traf auf den Förster, Haustierschnitter (…)                

So beginnt das erste Gedicht im Kapitel zu Händen.

Im Gegensatz zu Leß’ vorherigem Band haben wir es hier mit einem zyklenreichen „Konzeptalbum“ zu tun; auch inmitten der Zyklen werden andere Texte eingestreut. Zyklen werden rückwärts abgezählt. Rückwärts abgezählte Zyklen wirken wie ein Countdown, sie implizieren einen Countdown, der wiederum etwas Bedrohliches hat, Boxer werden vor ihrem K.O. angezählt – da es nach dem Gedicht eins unweigerlich zu Ende ist, das Ende ist absehbar (wogegen ein „normaler“ Zyklus andersherum gezählt einfach beliebig lange bis ultimo flottieren kann), die Spannung wird gleichzeitig auf die Spitze getrieben. Bedrohung ist impliziert. Und damit auch ein diffuses Unbehagen, was wohl danach kommt. Ein schleichendes Gefühl, dass irgendetwas ausläuft, abläuft. Die Lage ist ernst. Zwischen die zyklischen Texte werden andere Gedichte eingestreut, was die Spannung noch erhöht. Es gibt auch am Anfang einen Zyklus im Zyklus – es sind Texte, die „gegen“ etwas geschrieben sind, als würden sie sich sanft sträuben und stemmen, gegen das Festland, gegen die Augenhöhe; die derart durchkreuzten zyklischen Bewegungen entwickeln auf diese Art auch sehr viel Humor. Ist es Protest dagegen, dass die Tiere beschlossen haben, das Wasser zu verlassen und an Land zu kommen, dass Wirbeltiere, Säugetiere sich gebildet haben? War das nicht im Rückblick schon der Anfang vom Ende? Rückwärts abzählende Reihen, die sich mit Evolution befassen, also auf einen finalen wie fatalen Endpunkt (!) zulaufen, entfalten ihre kritische Wirkung voll und ganz. Sie nähern sich unaufhaltsam ihrem Ende, das daliegt wie ein leerer Handschuh, eine schwarze Ellipse, eine Auslassung. Es gibt mehrere Gedichte mit denselben Titeln, z.B. bei der Wirbel-Serie, d.h. die Striktheit des Rückwärtszählens, die man als Leser*in teils erlebt, wird zum Ende des Bandes hin durchbrochen. Der Autor schreibt gegen sein eigenes System an, es gibt ein Gedicht gegen die Wirbel. Aus dem Gedicht gegen den Sicherheitsabstand:

(…) wie jeden Morgen zittert sich das Licht zurecht, soll es (Versuch
einer stoischen Schauergeschichte) rutscht kleinteilig abwärts
dass es knackt, denn (Vorschau) verschwindet im Schädel
der Keller steigt uns entgegen      

Schon der erste Zyklus im Buch enthält fünf Betrachtungen („Begegnungen“) über das Schöne. Immer ist dort auch der Tod in petto, in den kalkhaltigen Schultern, in der Schönheit, ganz barock, es werden die geologischen Konvulsivkräfte überblendet in Völkerwanderung, Fluchtbewegungen und Kultivierung durch den Menschen. Das Wegsehen (aus Furcht?) wird Programm, einhellig decken wir Missstände zu. Die Texte irritieren. Plötzlich taucht ein I  auf, I.ging, I.ab, I.oder, I.nie … das I Ging ist ein Buch der Wandlungen; I aber auch Ich, ist iPhone, iPod, iPad, Ich-Adaption. Aber doch kein Ich, vielleicht ein Alter Ego, eine andere Instanz, die Intuition, der Instinkt? Das Unbewusste, die Triebsteuerung? Das Ich ist Thema. Mehr als einmal wird auf Rimbauds Formel das Ich ist ein Anderer angespielt.

So amüsant wie skurril ist auch der Umgang mit Namen – es sind vermutlich imaginäre Protagonisten, die Namen tragen wie Georgette, Aigner, Özge, Shiina, Smymi … am Sonntag bringt Smymi Seuche mit. Es sind Figuren, die sich sogar verändern können, im Gedicht siebter Wirbel / dreischichtsystemisch wird aus Mimsy erst Mmsy dann Mismy, was mich an Filme von David Lynch denken lässt.

Immer wieder wird Kopf mit Knopf überblendet, und obwohl es um anzunähende Knöpfe geht, lese ich bei Hitzknopf, Schrumpfknopf, Dickknopf, als müsse man nur den „richtigen“ Knopf drücken, um den entsprechenden Pawlowschen Reflex auszulösen.

(…)
krumme Läufe, weil Schwerkraft eng umschlang

verschiedener Herrchen Leine, trotz wehriger Gleichzeitigkeit, Privatisierung vielleicht
vertauschte Wiegen, verzogen, verflogen, wer weiß        

Alles steht K(n)opf, wie auch das Porträt vom Autor auf der vorvorletzten Seite –  eigentlich ein Foto der ganzen Person im Sakko, von Kopf bis zur Hüfte. Ich musste spontan an Georg Baselitz denken. Georg Leß will Lese- und Sehgewohnheiten – wenn nicht unterlaufen, dann mindestens in Frage stellen und das eben nicht mit Penetranz, massierter Wucht und aufdringlicher Sprache, sondern mit (s)einer kleinen Armee von Worten. Und gleichzeitig beinhaltet der Zyklus über das Schöne Bilder von Zweisamkeit, denn ist es nicht die Paarung der Menschen, die Liebe, die in letzter Konsequenz zu Überbevölkerung und zu all dem führt, was der Menschheit im 21. Jahrhundert droht? Der Zyklus das Schöne bringt neben all dem, wo es (künftig?) ums Eingemachte geht – z. B. mit beim Versuch, satt zu bleiben, mehr / zu vererben als Bissspuren, das Verlangen, der auszulösende Hitzknopf impliziert den Umgang mit Nuklearwaffen ebenso wie den simplen Trieb. Schönheit und Degeneration stehen dicht nebeneinander. Es gibt immer auch die große Tragik neben (scheinbarer) Leichtigkeit.

nicht einmal die Augen sind, was sie sehen

Gerade beim Horrorgenre wäre die Versuchung groß, mit den Themen Dunkelheit und Angst, Dämonen und Geistwesen, Werwölfen und Vampiren maßlos umzugehen, und (Kunst-)Blut, Splatter und Gore inflationär einzusetzen, was Georg Leß erfreulicherweise nicht tut. Eher in den Stimmungen, die seine Gedichte haben, taucht das Unheimliche auf. In einzelnen Worten umspielt er seine Themen, es sind oft Hinweise für Kenner, allein das Wort Lykoi benennt die sogenannten Werwolfkatzen, die Faun von Werus ist eine Kettensäge. Ein Gedicht mit dem Zweittitel Werdienst spielt mit dem Werwolf. Beklemmung geschieht bei Leß immer mit Zurückhaltung, nie auf grobe, aufdringliche Weise. Leß widersteht niederen Effekten; es ist bei ihm gewissermaßen Widerstand gegen die Sprachgewalt. Er kalauert nicht, er versteigt sich nicht in Zynismen, und dennoch blitzt in Worten wie Wortizist (vielleicht eine Anlehnung an den Vortizist) ein raffinierter und sehr bewusster Umgang mit Sprache, eine selbstbewusste Poetik des Autors auf.

(…)
ich sollte womöglich, ich wollte sogar
sämtliche Bausteine, jedes Organ passten dazu
andererseits die zwei Deckel, heillos aufeinander gerichtete Wünsche      

Dennoch werfen die Poeme allerhand Rätsel auf. Es gibt Geheimgänge in den Gedichten. Worte wie Überzahlgast, Zwingerverengung, Kadaversetzling usw. erscheinen rätselhaft und wecken Lust zu weiterem Lesen. Manchmal scheint es, als seien die Gedichte vieldimensional und haben es in sich, obwohl sie zu einem völlig anderen Thema geschrieben sind, auch heimliche Liebesgedichte scheinen versteckt auf, surreale „Vignetten“, die thematisch ganz woandershin streben als das Gedicht selbst.

(…) zwei Stimmen, mundwarm und treu zwar, aber du
hast mich noch nicht gefunden, grab

apartes Schaufelblatt, bei Sonnenschein Prisma
Arsenal bei Nacht

Inwendig explodieren die Gedichte buchstäblich. Oder implodieren, je nachdem. Ihre Themen sind mannigfaltig, es sind eben keine reinen Anthropozängedichte, keine reinen Horrorgedichte, keine reinen Liebesgedichte, keine reinen Sauerlandgedichte, und sie sind manchmal parodistisch, wo man es nicht erwartet. Es sind auch keine rein sprachkritischen Texte, obwohl sie sich daran reiben, ein Gedicht heißt Katt-ap¹⁰. Im Gedicht gegen das Geständnis werden am Ende die Sprache und ihre Mittel in ihre Bestandteile und Silben zerlegt. Andere Gedichte schießen sich unversehens auf Liedhaftes¹¹ ein, stimmen einen Refrain an, (…) aus der Urzeit stammt sie nicht, hilft kein Kämpfen, hilft / kein Fliehn (und Fühler wappnen wenig), lasst uns zusammenziehn, lasst uns zusammenziehn.

Fleisch ist bei Leß der Stoff, aus dem der Horror gemacht wird und bei dem am meisten Unbehagen aufkommt, sei es Formfleisch aus freien Stücken wie im Gedicht die fleischfressenden Lampen, seien es Worte wie speckschenklig oder Fleschkresch. Selbst ein an sich „harmloses“ Wort wie Rehkarree wirkt, flankiert von prall überfütterte[n] Lederhandschuhe[n], gruselig, besonders wenn die Schlachtbank und die Fleischverarbeitung immer auch mit dem Wort Kadaver korrespondiert.

Ich könnte bei etlichen Themen noch viel weiter einsteigen, und manches habe ich vermutlich noch gar nicht entdeckt. Feststeht: der Leßsche Kosmos ist sehr   vielgestaltig, hat durchweg Tiefgang und jeden Aspekt kann man selbst auf 10 Seiten nicht „erschlagen¹²“.

Mit Leß’ Poesie muss man sich vertraut machen, sie fällt einem nicht so zu; sie verschließt sich ein wenig, sie fürchtet ihre Mittel, sie wedelt nicht so offensichtlich herum mit ihren Metaphern und schon gar nicht mit dem, was die Gedichte in Gänze von einem wollen. Vielleicht wollen sie gar nichts von einem? Es gibt Ellipsen, Auslassungen – und am Ende ist nichts mehr so, wie man denkt. Sie sind alles, aber nicht aufdringlich, sie hüpfen einem auch nicht ständig durch schickes Sprachmachwerk frech in die Augen oder treten einem grob auf den Füßen herum. „Die Texte haben etwas zurückhaltend Bebendes“.¹³

Motive überlagern sich; nie ist es das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint –   das ist mir hochwillkommen, es ist ein Kennzeichen Leßscher Lyrik. Ich bin von den neuen Gedichten mindestens genauso positiv verwirrt, wie ich es damals war. Nur dass ich das Gefühl habe, dass die Welt, die ich vermeinte, vor mir zu haben, in weiten Teilen ausgetauscht wurde. Die Welt wurde komplexer, also wurden die Gedichte es auch. Ich habe andere Sujets vor mir, andere Motive, andere Ansätze. Die Themen – kann man das so sagen? – haben sich weiterentwickelt. Der Autor scheint mit den gleichen Deduktions- und Deskriptionsmethoden heute auf ganz anderen Feldern zu forschen.

Und Leß’ Gedichte sind voller originärer Findungen. Die Ablassnatter, die Fahnennachtschwalbe, der sich aufbäumende Beileidzeiger. Im Gedicht zwölfter Wirbel / die Liebende (Schlager) gibt es einen Diebesgott, ein Affektkettchen und ein Fensterrosenfeld. Sehr originell: am Ende dieses Gedichts bleibt ihre Antwort schlicht aus.

(…)

er: am Kassenband kam ich mir vor
nicht wie einer, der zahlt
nimm hier meine Liebe, ich habe
es leider nicht kleiner

sie:


* * *

¹ Im Gedicht Erkundung des Handschuhs wird es thematisiert, neben anderen Arten der Musikalität.
²  Das Wort hohl wird vielfach verwendet, z.B. im Gedicht vierter Wirbel / Lykoi und Lyapunov, (…)  unverhofft Gleichklang, hohl, ein Geheimgang! (…)
³  Der Lederhandschuh kommt in mehreren Gedichten vor, so z.B. im Text zehnter Wirbel /Arche, die Sorge heißt es: im Lederhandschuh stecken fünf Garnelen.
⁴  Gleich im zweiten Gedicht geht es um Damen- sowie Herrenleder.
⁵   Im Text „gegen die Abrüstung“ kommt ein ganzes Arsenal an Werkzeugen in die Texte, Zerwirkzange, Trennschleifer, Spalthammer. Auch im Gedicht gute Taten der Literarischen Gesellschaft Arnsberg wird die Blutige[n] Axt thematisiert.
⁶  17-seitiger Essay „über das heimliche Verhältnis zwischen Gedicht und Horrorfilm.“  im Band Metonymie, hrsg. von Norbert Lange, Berlin 2013 im Verlagshaus J. Frank (heute Verlagshaus Berlin).
⁷   Ich bin Wiederholungstäter, was Georg Leß angeht, denn ich habe seinen 2013 in der parasitenpresse erschienen Band Schlachtgewicht für Fixpoetry rezensiert – ein paar Leute meinten gar, ich hätte Georg Leß entdeckt. Ich entdeckte Georg Leß für mich in der Edit. Seine Lyrik war mir sofort aufgefallen, denn daran war etwas ein unruhiges Rumoren. Es ging um Schlachtgewichte, Tierkadaver, borstiges Fell und natürlich Horrorsujets in allen Varianten. Bei seinem zweiten Band sind die Mittel (noch) komplexer geworden. Und er erfindet sich mit jedem neuen Gedicht in seinem zweiten Band wieder neu.
⁸  Wie genannt im Text „vierter Wirbel / Lykoi und Lyapunov“
⁹  s. https://de.wikipedia.org/wiki/Vortizismus.
¹⁰  Auch der Gedichttitel Anderkatt spielt mit dem Anglizismus.
¹¹   Anklänge an Liedhaftes finden sich immer wieder, so auch im Gedicht gegen die Kaulquappen in der Zeile Sprache altert, während du sie du die du, was wiederholt wird in nachfolgenden Text gegen den Teich: Bis ans Ende aller Menschen zu die /du die du ...
¹²   Normalerweise würde ich diese Wendung nicht benutzen. Bei einem Autor, der sich dem Genre der Horrorfilme verwendet, erscheint sie mir etwas naheliegender.
¹³  ... schrieb ich 2014.


Georg Leß: die Hohlhandmusikalität. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2019. 80 Seiten. 19,90 Euro.
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