Fundstücke - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Fundstücke

Diskurs / Poetik
 
 

"Es könnte sein, daß in aller Philosophie, fast gewiß in der gesamten Theologie, ein verborgenes, aber beharrliches Begehren lauert - Spinozas conatus -, das Begehren, dieser aufgezwungenen Knechtschaft zu entfliehen: entweder durch die Anpassung der natürlichen Sprache an die tautologische Genauigkeit, die Transparenz und Verifizierbarkeit der Mathe-matik (dieser kalte, aber inbrünstige Traum verfolgt Spinoza, Husserl, Wittgenstein) oder, auf rätselhaftere Weise, durch das Zurückgreifen auf vorsprachliche Intuitionen."

George Steiner:
Gedanken dichten
(Vorwort), 2011





25.03.2017

Ein Lied wie Ein Hund schlich in die Küche, das in acht kurzen Zeilen so ursprüngliche Themen wie Hunger, Sünde, Tod, kultische Trauer, Unsterblichkeit im Erinnertwerden abhandelt und in seiner Rondoform den nicht aufhörenden Reproduktions-zyklus dieser Themen betont - ein solches Lied ist pure Poesie.
Wir, die wir dem Neuen alles zu danken haben und das Geschäft des Änderns mit Eifer und Glück betreiben, stoßem hier auf ein mächtiges Bedürfnis nach dem Alten und Beharrenden. Dieser Widerstand kann unser Denken weiser machen. Das Neue ist nutzlos, wenn es nicht angestrebt wird, um sich zu bewähren, das Ändern ein Unfug ohne vorgestellten Erfolg des Änderns. So wie das Alte seine Tauglichkeit beweist durch die Fähigkeit, in Neues umzuschlagen, muß das Neue, taugt es was, umschlagen können in Altes. Bewegung ist nichts ohne Ruhe; ein Haufen Negationen allein macht noch keine Dialektik.

Peter Hacks:
Das Poetische, 3
(in: Kürbiskern 4/1966)











18.03.2017

Das Bild liegt tiefer als die Worte. Wenn er nachdenkt über die Einzelheiten des Bildes, verlieren sie sich schon. Er muß bedingungslos an den Wert eines Bildes glauben. Je besessener er vom Bild ist, je weniger er sich um die Anlässe des Bildes kümmert, desto überzeugender wird die erreichte Wirkung. Worte enthalten immer Fragen. Worte bezweifeln die Bilder. Worte umkreisen die Bestandteile von Bildern und zerlegen sie. Bilder begnügen sich mit dem Schmerz. Worte wollen vom Ursprung des Schmerzes wissen.

Peter Weiss:
Laokoon oder
Über die Grenzen der Sprache
(1963)




11.03.2017

Heute kann ich nicht an Symbole denken, ohne sie für die allergrößte der Mächte zu halten, ob sie nun bewußt von den Meistern der Magie oder halb unbewußt von ihren Nachfolgern, dem Dichter, dem Musiker und dem Künstler verwendet werden. Anfangs habe ich versucht, zwischen Symbol und Symbol zu unterscheiden, zwischen denen, die ich natürliche und frei erfundene Symbole genannt habe, doch die Unterscheidung hat mir schließlich so gut wie nichts mehr bedeutet. Ob ihre Kraft aus ihnen selber kommt oder sie einen willkürlichen Ursprung hat, ist von geringer Bedeutung, denn sie wirken meiner Meinung nach, weil die Große Erinnerung sie mit gewissen Ereignissen, Stimmungen und Personen in Verbindung bringt. Was immer die Passionen der Menschen zusammengetragen haben, wird in der Großen Erinnerung zu einem Symbol, und in den Händen dessen, der das Geheimnis kennt, bewirkt es Wunder und beschwört Engel und Teufel herauf. Die Symbole sind manngfaltig, denn alles zwischen Himmel und Erde steht in einem wichtigen oder unwichtigen Zusammenhang mit der Großen Erinnerung, und man weiß nie, welche vergessenen Ereignisse sie wie den Giftpilz und das Unkraut in die großen Leidenschaften verschlagen haben.

William Butler Yeats:
Magie, 7
(in: Gedanken über Gut und Böse)
1901
















04.02.2017

"Ein Gedicht antwortet allein der in es hineingesteckten Kraft oder allenfalls noch einer auf es gesetzten Hoffnung. Es ist durchdrungen von der Misere des Dichters, seiner Transparenz, seiner Verfallenheit an das Flüchtige, Unentschädigende, Narbende, Abendliche, aus denen immer wieder neue Anwendungen auf die Wirklichkeit erwachsen, eine Selbst-erhaltungstragik in der unentwegten Nähe zum Lächerlichen, die der Hang zur Vereinfachung und Allgemeingültigkeit mit sich bringt."

Gerhard Falkner:
Von der Poesie (1992)
(In: Bekennerschreiben, 2017)





25.02.2017

Es steht aber nicht schlecht um die Sache der Liebe, um die Sache der Poesie. Was wäre das sonst für ein nichtssagendes Wort: Baum? Was wäre das für ein stimmloses Wort: Nacht? Was wäre das für ein vergebliches Wort: Du?

Uwe Kolbe:
Dämon und Muse. (Münchner Rede
zur Poesie 17 im Lyrik Kabinett 2017)
18.02.2017

Ich sehe mich als jemanden, der der Sprache im Positiven wie im Negativen verfallen ist, der sexuelle Aspekt also, den Art-mann einmal erwähnt, zwischen Sprache und Dichter oder Dicherin. Der ist sehr wichtig: Die Sprache meinen und von der Sprache gemeint werden. Da ergibt sich das Unabsehbare und gerade Unabsichtliche eben durchaus, und das ist ja nun nicht am Reißbrett zu entwerfen. Insofern natürlich zum ursprüngli-chen Programm der Dichtung, eben dem Hermetischen stehend.

Thomas Kling:
Ein schnelles Summen
(Gespräch mit Hans-Jürgen Balmes und Urs Engeler, April 1994)
(In: Botenstoffe, 2001)


11.02.2017

"Der Schriftsteller", hat Ossip Mandelstam einmal notiert, "ist ein Gemisch aus Papagei und Pope." Als Papagei ist er Stimmenimitator, Adept und Nachplapperer der großen Verse und Prunkzitate der poetischen Altvorderen, als Pope beansprucht er bis heute - auch wenn er ihn nur subkutan oder im Gewand der Ironie in seine Texte hineinschmuggelt - den alten Wahrheitsanspruch des poeta vates für sich.

Michael Braun:
Papagei und Pope
Nachwort zur Anthologie
"Ansicht der leuchtenden Wurzeln
von unten", (Poetenladen) 2017

04.02.2017

„Ich sage: eine Blume! Und aus dem Vergessen, in das meine Stimme jeglichen Umriss verbannt, erhebt sich musikalisch, als etwas anderes als die gewussten Kelche, Idee selbst und lieblich die allen Sträußen fehlende.“

Stéphane Mallarmé:
Verskrise
1897
04.02.2017

Mein Dämon möchte, dass ich schreiend davonrenne, wenn ich einen Fehler mache, wenn ich mich irre. Er will, dass ich denke, ich bin so gut, dass ich perfekt sein muss. Oder gar nichts. Doch ich bin, ganz im Gegenteil: ein Wesen, das müde wird, gegen Schüchternheit ankämpft, mehr Schwierigkeiten hat als die meisten, die problemlos auf Leute zugehen. Wenn es mir dieses Jahr gelingt, meinen Dämon hinabzustoßen, wenn er sich erhebt, wenn ich kapiere, dass ich müde bin von meiner Tagesarbeit, müde vom Korrigieren der Aufsätze, und dass es eine nützliche Müdigkeit ist, kein Anlass, entsetzt loszuschreien, dann wird es mir nach und nach gelingen, mich der Wirklichkeit des Lebens zu stellen, anstatt davonzurennen, sobald es weh tut.

Sylvia Plath:
Die Tagebücher
(1. Oktober 1957)








28.01.2017

„Der Alltag wickelte mich ein. Ließ mich nicht los. Gewährte weder Empfindungen noch Worte, die zum Brandmarken, zum Neinsagen nötig waren. Lieferte keinen Stoff für einen Aufruf zum Optimismus. Daher nahezu als Regel: Zur Herstellung eines poetischen Erzeugnisses ist Veränderung des Ortes oder der Zeit erforderlich."

Wladimir W. Majakowski:  
Wie macht man Verse?
1926


21.01.2017

„Das diesen künstlerischen Gebilden innewohnende ästhetische Gesetz tendiert offenbar dahin, das Kalkül innerhalb des Sprachlichen zu durchbrechen, den mechanischen Charakter des Sprachlichen zu akkumulieren und über den Akkumulations-punkt hinaus wieder in ein Ursprünglich-Lebendiges aufzulösen; die Erkenntnis der Verdinglichungsstruktur auch des Sprach-lichen ist heute für den Künstler wesentlich.“

Johannes R. Becher:
Brief an die Frankfurter Zeitung 1923




14.01.2017

"Was mich an den Gedichten in Bann schlug, war die Fluidität ihrer iterativen Klanghaftigkeit, die Ebenen von Nicht-Bedeutung, von Klage als Klang, die Ausuferungen des Atems. Die Art, wie sich diese Klanghaftigkeit an der langue du fond [Grundsprache] des Lesers bricht als Überraschungsmoment, als Murmeln. Ähnlich wie das Übertreten oder Stolpern, das einen überwältigt, wenn man eine Sprache fließend spricht und plötzlich eine fremde zu lesen versucht."

Erín Moure:
O Cadoiro,
übersetzt von Uljana Wolf
(roughbook #037), Vorwort.
2016


07.01.2017

 
 
 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü