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Fundstücke

Diskurs / Poetik
Dies ist die Geschichte des Übergangs von einer Welt zur anderen, von einer Ordnung zur anderen - die Geschichte des Untergangs beider. Sie handelt von der Anfälligkeit der Ordnung, der alten Ordnung ebenso wie der neuen. Es ist die Geschichte ihres fortwährenden Untergangs.
Scheherazade und Far-li-mas: ihre Erzählungen vertagen den Tod, aber sie heben ihn nicht auf. Aufgehoben wird dagegen das Todesurteil.

Roberto Calasso:

Das Untergang von Kasch
(Kap.: In den Ruinen von Kasch), 1983 / 1997



21.04.2019
Schreib Dich: es ist unerläßlich, daß dein Körper Gehör bekommt. Dann wird aus unermeßlichen Quellen der Reichtum des Unbewußten hervorsprudeln. Unser Erdöl wird auf der Welt, ohne Dollars oder schwarzes Gold, unkotierte Werte verströmen, die die Regeln des alten Spiels verändern.

Hélène Cixous:

Das Lachen der Medusa
(Passagen Verlag, 2013), 1975 / 2010

14.04.2019
Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.
  Das ist wahre Freiheit.
  Das heißt es, Denken zu lernen.
  Die Alternative ist die Gedankenlosigkeit, die Standardeinstel-lung, die Tretmühle - das ständige Nagen, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.

David Foster Wallace:

Das hier ist Wasser
(Rede 2005) 2012






06.04.2019
Ich kann mit dem jetzigen Begriff von Lyrik meine Lyrikfreunde über facebook zu Lyrikveranstaltungen locken, eventuell einige Lyrikschubladen öffnen und einige Lyrikbandbuchdeckel schließen. Ich kann mit ihm aber, im wahrsten Sinne des Wortes, wenig anfangen. Und letzteres ist nun aber genau das, was man von Begriffen erwarten darf. Wenn ich momentan sage: „Lyrik“, dann bezeichne ich damit zuallererst sprachliche Erzeugnisse einer bestimmten Szene, denn künstlerische Verfahren mit Sprache als Material, die gibt es auch anderswo.

Charlotte Warsen:

Kritik vs. Kommentarfunktion
(zu Lyrik und Kritik? Diskurs 2016)
Der ganze Aufsatz »




31.03.2019
Ich sage / sie sagt /
hin & wieder: ich will nicht
wie aus einer Grundschwäche
spricht eine Meinung Schwäche
spricht eine Schwäche Meinung

Elke Erb:

Spricht eine Schwäche Meinung
(in: Gedichtverdacht, roughbook 048)
1.11.2013 / 2019
24.03.2019
"Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, verehren und - das Maul halten!"

Albert Einstein:

Bei einer Umfrage der
"Illustrierten Wochenschrift" 1928
21.03.2019
Wortwart. Als hätten den goldenen Zweig
Gärtner vergessen bei der rostigen Pforte,
unweit der Brombeerhecke, du musstest
aufstehn und gehn nur ...

Uwe Kolbe:

Die sichtbaren Dinge, 2
(poetenladen, 2019)
17.03.2019
Ja, gib mir eine Stimme
gib mir die Stimme eines Sehers
um von der Schönheit Zeugnis abzulegen

Sigurdur Pálsson:

Stimmen in der Luft, 1
(in "Gedichte - Erinnern eine Stimme",
übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, ELIF-Verlag, 2019)
10.03.2019
Die Spuren des Geheiligten sind im Surrealismus allenthalben nachweisbar. Auf keinen dieser Punkte konnte der Rationalismus Freuds je eine befriedigende Antwort geben. Die spiritistische Parapsychologie, die Erbin der orphischen und neuplatonischen Mysterien, konnte den Erwartungen Bretons eher entsprechen, und sei es um den Preis einer partiellen Widerlegung, zu der ihn sein materialistischer und revolutionärer point d‘honneur trieb. Dafür, dass die okkultistische Lehre während der ganzen Geschichte des Surrealismus nicht aufgehört hat, für die Psychoanalyse eine Konkurrenz darzustellen, gibt es eine unerwartete Bestätigung in einem Ausspruch Freuds, den Jung in seiner Autobiographie auf etwas sarkastische Weise überliefert:
"Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Freud zu mir sagte: 'Mein lieber Jung, versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben. Das ist das Allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk.' Das sagte er mir voll Leidenschaft und in einem Ton, als sagte ein Vater: 'Und versprich mir eines, mein lieber Sohn, geh jeden Sonntag in die Kirche!' Etwas erstaunt fragte ich ihn: 'Ein Bollwerk - wogegen?' Worauf er antwortete: 'Gegen die schwarze Schlammflut -' hier zögerte er einen Moment, um beizufügen: 'des Okkultismus'."

Jean Starobinski:

Psychoanalyse und Literatur
(Suhrkamp, 1970)




















04. 03. 2019

Vor allem glaube ich, daß die Rhythmisierung ungeahnte Möglichkeiten einschließt. Rhythmus ist nicht nur innerhalb der Musik das elementarste, direkt körperlich wirkende Gestaltungs-mittel: die Freude daran, etwas zuvor Bekanntes wieder-zuerkennen, die Bedeutung der Wiederholung; eine Verbindung zum Pulsieren des Atems, des Blutes und der Ejakulation. Es ist falsch, daß Jazzbands ein Monopol auf die kollektive rhythmische Ekstase haben sollen. Dramatik und Lyrik können sie ebenfalls vermitteln.

Öyvind Fahlström:

Manifest für Konkrete Poesie, 1954
(in Schreibheft # 92 - 2019)






03. 03. 2019

Diesen Satz habe ich mir oft überlegt. Dann habe ich ihn auf eine leere Seite geschrieben. Am nächsten Tag durchgestrichen. Am übernächsten wieder daruntergeschrieben. Wieder durch-gestrichen, wieder hingeschrieben. Als das Blatt voll war, habe ich es herausgerissen, Das ist Erinnerung.  

Herta Müller:

Atemschaukel (Kap. Diktandohefte)
2011


23. 02. 2019

Sprache    behext das Innre das Schweigen und Gedächtnis
den chiffrierten Landschaften
aufprägen

Jean Daive:

"ward gebaut" (roughbook 047)
(übers. von Werner Hamacher, 1979/80)

17. 02. 2019

Es wird mir [das Wertvolle, das ich zu sagen habe] - wenn ich Glück habe - beim Schreiben bewusst werden und mich überrumpeln. Was ich beim Schreiben suche, ist diese Überrumpelung. Es ist die Richtschnur, nach der ich mein Tun beurteile - was nie leicht ist.

V.S. Naipaul:

"Zwei Welten". Rede anlässlich der Ver-leihung des Nobelpreises für Literatur im Dezember 2001

09. 02. 2019

Doch immer sind da auch noch ein paar Widerspenstige. Sie bleiben zornig am Rand des Kreises hocken, die Schlinge um den Hals, und erheben Geschrei. Wie Hunde den Mond an-heulen, und der Mond hört sie nicht, so schreien diese nach außen, wo niemand sie hört. Und weil sie nach außen schreien, nimmt man sie auch nicht allzu ernst. Sie sind eine Abwechs-lung im Alltag und sogar nützlich als Ventil für alles, was nicht einmal mehr im Traum zu schreien wagt.

Hans Erich Nossack:

Spirale II: Die Schalttafel

1956





03. 02. 2019

Der vor-moderne Mensch lebte in einer Bilderwelt, welche die «Welt» bedeutete. Wir leben in einer Bilderwelt, welche Theorien bezüglich der «Welt» zu bedeuten versucht. Das ist eine revolutionär neue Lage. […]

Vilém Flusser:

Die kodifizierte Welt

(Merkur - Heft 359), 1978

26. 01. 2019

Unmöglich eine weibliche Art des Schreibens zu definieren, das ist von einer Unmöglichkeit die weiterbestehen wird, denn man wird diese Schreibart nie theoretisieren, umgrenzen, kodieren können, was nicht bedeutet, daß es sie nicht gibt. Aber sie wird immer über den, vom phallozentrischen System bestimmten Diskurs hinausführen. Sie findet anderswo statt und wird an-derswo stattfinden als in jenen Gebieten die der philosophisch-theoretischen Herrschaft untergeordnet sind. Sie wird sich nur von den Subjektivitäten denken lassen, welche die Automatis-men in Trümmer legen und entlang der Grenzen eilen, keiner Autorität je untertan.

Hélène Cixous:

Das Lachen der Medusa

(Passagen Verlag, 2013), 1975 / 2010








19. 01. 2019
Gebären ist ja ein Synonym für alle Formen des Schaffens, wir sind schwanger mit Projekten und Plänen und Gedanken und eben auch mit Kindern. Auf dieser Ebene gibt es eine große Aufladung. Neben der Vorstellung, dass durch die Vulva das Leben kommt, gab und teilweise gibt es auch immer noch die Vorstellung, dass es dort wieder verschwindet. Oder dass dies der Ort ist, wo wir auch mit anderen Sphären der Vorstellungs-welt kommunizieren können. All das ist positiv und kreativ und lustvoll.
Und so lange damit spielerisch umgegangen wird, kann ich das Potential darin durchaus sehen. Das Problem ist, wenn es - wieder einmal - biologisiert wird. Nach dem Motto: dass die wahre Kreativität der Frau in ihrer Gebärfähigkeit steckt. Oder dass Frauen so viel empatischer oder was auch immer sein sollen als Männer, weil sie gebären können. Das ist nicht nur sexistischer Unfug, sondern knüpft an anderen sexistischen Unfug an, der - nur mit umgekehrten Vorzeichen - erklärt hat, dass Frauen, weil sie eine Vulva haben, nicht in der Lage sind, am kulturellen Prozess teilzunehmen.

Mithu M. Sanyal:

Gebären ist ein Synonym für alle Formen des Schaffens

(poetin nr. 25, 2018)















12.01.2019

Wenn ich schreibe, kommt mir das, was ich beschreiben will, so nahe, als ob es mir gegenübersitzt. Oft heule ich beim Schreiben, weil ich mich so gut in alles hineinversetzen kann. Menschen, Tiere, ganz egal, mit allem, was mir nahe ist, kann ich mich völlig identifizieren. Ich bin dann dieses Ding.

Friederike Mayröcker:

Ich bin erst Mitte 70 ein wirklicher Mensch geworden

(ZEIT, 19.09.2012)

05.01.2019

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