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Fundstücke

Diskurs / Poetik
"Sollte Kunst etwas Exterritoriales jenseits der Alltags-routine sein?
So war es ja wohl auch mal bei den Griechen - etwas, um die Welt besser zu verstehen und um Gott näher zu sein. Theater hat in diesem Versuch, mit dieser Feier, die man macht, um sich selbst als Mensch besser zu verstehen, immer etwas Egozen-trisches. In den guten Zeiten der Volksbühne war es eine größere Feier, die keinen ausgeschlossen hat. Heute hat Kunst vielleicht nur als etwas Partisanenhaftes eine Chance. Man kommt kurz von den Bergen runter, macht eine Strafaktion und zieht sich wieder zurück."

Frank Casdorf, Peter Laudenbach:

Am liebsten hätten sie veganes Theater

(Kapitel: Hauptsache, man darf nicht "Neger" sagen, dann ist die Welt in Berlin-Mitte in Ordnung, 2013 ) 2017






17.02.2018

"Da die Summe des Mangels immerzu stabil bleiben musste, zahlte man mit dem, was sie aufrechterhielt, stabilisierte oder zumindest nicht verringerte. Erfüllung war um jeden Preis zu vermeiden, es musste schließlich weitergehen. Das brachte es mit sich, dass in den Besitz von Zahlungsmitteln zu kommen, nur dann möglich war, wenn Negativität zuvor ein solches Maß an Mangel gestiftet hatte, dass sich eine Situation ergab, in der Akkumulation als quasi neutralisierender Ausgleich gewertet werden konnte, aus dem sofort wieder neuuer Mangel hervor-ging. Wie eine Sucht, die sich immerzu selbst erneuerte. Arbeit war nicht vorgesehen, die gab es dort gar nicht mehr, es gab allerdings Abgängigkeiten. (...)"

Monika Rinck

aus: Kritik der Motorkraft,

(Episode XI) 2017/8

(brueterich press)








11.02.2018

Ich rede nicht über epische Gedichte. Wir alle wissen, wie lange die brauchen können. Ich rede von dem kleineren, unoffiziellen, domestizierten Gedicht. Wie kann ich es beschreiben? Eine Tür geht auf, eine Tür geht zu. Dazwischen sieht man ein Einzelbild: einen Garten, eine Person, einenWolkenbruch, eine Libelle, ein Herz, eine Stadt. Ich denke dabei an diese runden viktoria-nischen Papierbeschwerer aus Glas, an die ich mich erinnern, die ich aber nicht mehr finden kann, eine Welt entfernt von der Massenware aus Plastik, die die Spielzeugregale bei Woolworth besetzt. Diese Art Papierbeschwerer ist eine durchsichtige Kugel, in sich abgeschlossen, sehr rein, mit einem Wald, einem Dorf oder einer Familie darin. Man kehrt ihn von unten nach oben, dann zurück. Es schneit. Im Moment ist alles verändert. Dort drinnen wird es nie wieder sein wie vorher - nicht die Tannenbäume noch die Giebel, noch die Gesichter.
   So findet ein Gedicht statt.

Sylvia Plath:

Ein Vergleich (Wie ich den Romanautor beneide!),

(in: Ein Haus mit vielen Zimmern, editionfünf) 2015











04..02.2018
Das Ausschnitthafte bleibt in uns verhaftet, Wir suchen nach dem großen Bild, können es aber nicht finden, Alles ist nur der Ausschnitt eines Ausschnitts, Deshalb beginnen wir, Listen zu verfassen und Fragebogen auszufüllen: Wie viele Menschen mit Schusswaffen habe ich gesehen? Wie viele dieser Schusswunden waren als Einschüsse im Körper noch zu erkennen? Wie viele Tote fand ich unter Linden? Wie viele unter Eichen? Unter einer Straßenlaterne und so weiter.

Frank Witzel:

Grund unter Grund

(brueterich press) 2018





27.01.2018
Das Bewusstsein dessen, was Männer über eine Frau sagen, die ehrlich über ihre Leidenschaften spricht, hatte sie aus ihrem Zu-stand künstlerischer Unbewusstheit herausgerissen. Sie konnte nicht mehr schreiben. Die Trance war vergangen. Ihre Phantasie konnte nicht mehr arbeiten. Dies, so meine ich, ist eine äußerst übliche Erfahrung unter Schriftstellerinnen - sie werden durch die extreme Konventionalität des anderen Geschlechts be-hindert.

Virginia Woolf:

Berufe für Frauen

(Aus "The Death of the Moth and Other Essays") 2012

In: Ein Haus mit vielen Zimmern, 2015, editionfünf


21.01.2018
Das Dilemma des Lyrikers, des Dichters ist es, daß sein Material, die Sprache von Anfang an so vielen Zwecken gedient hat: vom Gekritzel in einem Pissoir zum näselnden Ton von der Kanzel, vom nüchternen Geschäftsbrief zur bluttriefenden Pro-pagandaphrase. Um Banalität und allgemeine Phrasen zu um-schiffen, muß er - zwischen vielen Untiefen lavierend - sich allmählich einen Stil, eine persönliche Ausdrucksweise zulegen. Allerdings kann es dabei nur allzu leicht geschehen, daß er ins entgegengesetzte Extrem fällt: eine gestelzte, gekünstelte Spra-che, womöglich eine schrille Sentimentalität, die vollkommen überzeichnet, was er wirklich fühlt oder fühlen möchte. Mit den Wörtern wirklich umgehen zu können, erfordert beinahe ein apothekerhaftes Abwägungsvermögen.  

Gunnar Ekelöf:

Aus der Werkstatt eines Lyrikers

(In: Der ketzerische Orpheus) 1999










13.01.2018

Ich habe mir auch vorgenommen, mal meinem Körper mich zu widmen; es ist doch eine Hauptsache, denn alle Kraft und Schaffensfreudigkeit kommt von ihm. Bei mir wenigstens, ich kann keine Verse machen, als wenn ich etwas Uebermaß von Gesundheit habe. Wenn ich gesund bin, sing' ich auf der Stelle was mir einfällt, und schmetternd ströme ich es aus, »das Sehnen meiner Nachtigallenbrust!« das unmusikalische Menschen mit allerhand schlechten Eigenschaftswörtern benennen, als da sind: heiser, quäkend, heulend, greulich u. s. w. Wenn ich aber Uebermaß von Gesundheit habe, dann mach ich mir die Verse selber, und nun laß Einen mir mit Eigen-schaftswörtern kommen! Ich bin so triumphesfreudig dann, daß ich über alle Eigenschaften in der Welt hinausschmettre; es wird wahrhaft grandios.

Annette von Droste-Hülshoff:

Brief Dezember 1840












07.01.2018

Neujahr

Ein Tag des Heils beginnt! Laßt alles Böse fern in Worten und Gedanken, jetzt sollt ihr an einem guten Tag nur gute Worte sprechen! Eure Ohren seien frei vom Zank, und böse Streitigkeiten sollen ganz beiseite bleiben, die neidische Zunge soll ihr Werk (auf einen späteren Tag) verschieben! Siehst du, wie der Himmel vom Weihrauchfeuer leuchtet, wie auf den angezündeten Opferherden die Ähre aus Kilikien knistert? Das Feuer flammt mit seinem Glanze auf dem Gold der Tempel und streut Licht in zitternder Bewegung hoch im Heiligtume aus.

Ovid:

Die Fasten

(I, 71 - 79), ca. 17 n. Chr.








31.12.2017

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