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Fundstücke - 2015

Diskurs / Poetik > Fundstücke

"Diese Verkoppelung geschieht über einen Stoß ins Horn, über eine Erfahrung und eine Utopie der Sprache: die Erfindung einer Poesie, die bereits, im Voraus schon, die Sprache der zukünftigen Harmonien ist; eine Theorie der Stimmen und Körper, eine antizipierte und antizipierende Praxis ihrer bevorstehenden Übereínstimmung."

Jacques Rancière:
Das Fleisch der Worte
(Kap.: Die Legende des Jahrhunderts)
1998 / 2010

26.12.2015

"Vielleicht kann sich ein Gedicht nur dann entfalten, wenn etwas im Verborgenen bleibt. Es, das Gedicht, will ja nichts auf den Punkt bringen, durch begriffliche Umklammerung unverrückbar fixieren oder etwas im dröhnend Expliziten entblößen, sondern es will eine punktuelle Luzidität, es will eine Spur legen und die Büchse der Pandora öffnen, aus der dann alle Bedeutungen eines Wortes auffliegen können."

Michael Braun, Michael Buselmeier:
Der gelbe Akrobat 2, Neue Folge
(Michael Braun: Bestickt mit Bäumen,
zu Marion Poschmann: "latenter Ort")
2016

19.12.2015

"Feuer gibt es nur an Rändern. An den Nähten des Getrennten, an den Übergängen, den Auf-, Vorbei- und Untergängen; Feuer am Horizont des Feuers, Sprechen am Horizont des Sprechens. Auf der Grenze, in der Nacht, der Brandung. Jetzt komme Feuer! Hölderlin. Mehr Licht! Goethe. Bei allen Unterschieden zwischen diesen beiden Worten, beide sagen, es sei noch nicht genug, nicht gegenwärtig genug, beide fordern, jetzt, zuletzt, heraus und wünschen ein Mehr, Steigerung, die Ankunft dessen, was schon genannt und da ist, und fördern dies Mehr, fördern das Kommen."

Werner Hamacher:
Brouillon zu einer Phantasie über Feuer und Sprache
(Für Jean Daive)
(in: Mütze #1) 2012




12.12.2015

"Der Dichter John Keats sprach von Negative Capability - und meinte damit das Vermögen, im Ungewissen, Unentschiedenen auszuharren. Das ist nicht gleichbedeutend mit Zögerlichkeit oder einem Ausweichen vor Entscheidungen. Es geht um eine Toleranz gegenüber dem, was Ihnen vorerst unzugänglich erscheint, man könnte sagen: das Gegenteil von Fundamenta-lismus."

Monika Rinck:
Risiko und Idiotie
(Das Gedicht ist da)
2015


05.12.2015

"Einen ganzen Abend und einen Teil der Nacht damit zubringen, die offenen, die halb geöffneten, die fast geschlossenen Münder zu betrachten, die Vermeer gemalt hat. Die Feuchtigkeit, jenseits der Lippen und jenseits dessen, was sie zeigen, sehr genau untersuchen. Einen ganzen Abend, um die Lichtperlen zu zählen und zu betrachten, die Punkte, die Nägel aus Licht, das helle Rieseln unter dem Ohr, am Ort der Perle, dasjenige beobachten, was Vermeer durch die Feuchtigkeit eines Mundes, einer Lippe vermittelt."

Jean Daive:
Joerg Ortner - Man muss das Herz von Rimbaud waschen
(in Mütze #10)
2015



28.11.2015

"Für mich steht fest, dass die überragenden Naturen keineswegs frei von Fehlern sind. Korrektheit in allem läuft Gefahr, pedantisch zu sein; bei der Größe aber muss es, wie bei gewaltigen Reichtümern, auch etwas geben, was vernachlässigt wird. Vielleicht ist es sogar notwendig, dass niedrige und mittelmäßige Naturen, weil sie sich nie in Gefahr begeben und nicht nach dem Höchsten trachten, gewöhnlich fehlerfrei bleiben und weniger gefährdet sind; das Große schwebt eben durch seine Größe in Gefahr. Auf der anderen Seite verkenne ich durchaus nicht, dass wir durch eine natürliche Anlage alles Menschenwerk eher jeweils von seiner schwächeren Seite betrachten und dass die Fehler unauslöschbar in unserem Gedächtnis haften, die Erinnerung aber an das Schöne schnell zerrinnt. Ich selbst habe auf nicht wenige Fehler des Homer und anderer Großer hingewiesen; ich finde an ihren Vergehen durchaus kein Gefallen, aber ich spreche dann nicht von absichtlichen Fehlern, sondern eher von zufälligen, sorglos begangenen Versehen, die aus Größe irgendwie in einem Moment der Unaufmerksamkeit unterlaufen. Trotz dieser Fehler muss man, glaube ich, den größern Vorzügen, auch wenn sie nicht überall gleichmäßig durchgeführt sind, immer den ersten Preis zuerkennen, allein - und sei es nur aus diesem Grunde - wegen ihrer Geistesgröße."

Ps.-Longinus:
Vom Erhabenen, 33, 2 - 4.
Codex Parisinus Gr. 2036, 10. Jh.
(ca. 1. Hälfte des 1. Jh. n. Chr.)


















21.11.2015

"Der Konkretismus der Lemuren, denen im doppelten Sinn der Horizont abhanden kam, geht unmittelbar in die äußerste Abstraktion über; die Stoffschicht selber bedingt ein Verfahren, durch das die Stoffe, indem sie eben noch als vergehende gestreift werden, geometrischen Formen sich nähern; das Engste wird zum Überhaupt."

Theodor W. Adorno:
Versuch, das Endspiel zu verstehen
Paris, 1958


14.11.2015

"Sätze für etwas das ohne Sätze geschieht
und nichts ist ohne diese Wahrnehmung in Sätzen
als:   "

Franz Tumler:

Sätze von der Donau, (III. Teil), 1965
07.11.2015

Das Gedicht liebt uns mit Dickicht, Krisen und Luftwurzeln. Was treibt uns in unser Gestrüpp - das "erbärmliche Talent, die Dummheit zu sehen und sie nicht zu ertragen"*?


* vgl. Deleuze (1997)

Ann Cotten, Daniel Falb,
Hendrik Jackson, Steffen Popp,
Monika Rinck:
Helm aus Phox (8. Lebensform) 2011

31.10.2015


"Jenes Nichtwissen, von dem man nicht weiß. Hier greift ein <vergessen> spezifischer Art. Unsere Grammatik führt nicht dorthin, ihre Psycho-Strukturen <da/nicht-da> reichen nicht aus. Nichtwissen, das als Nichtwissen nicht gewusst ist, ist in <Normalsprache> nichts. In der Poesie ist es: Möglichkeit. Durch einen Spalt tauchen, spüren, erreichen, berühren - berührt sein - herbeiziehen."

Ulrike Draesner:
Die fünfte Dimension
(Münchner Rede zur Poesie)
2015


24.10.2015

"Wenn aus den Fenstern eines Hauses ganz offensichtlich Feuerflammen herausschlagen würden und einer fragen würde, ob dort drinnen Feuer sei, und ein anderer ihm mit ja antworten würde, so wüsste ich nicht recht, welcher der beiden mehr zu verhöhnen wäre. Angesichts der oben vorgebrachten Gründe wäre es nicht anders bestellt, um jemandes Frage und um meine Antwort, wenn er mich fragen würde, ob Liebe zu meiner Sprache in mir sei, und ich ihm mit ja antworten würde."

Dante Alighieri:
Das Gastmahl
(Traktat 1, Kapitel 12)
(ca. 1303/6)



17.10.2015

"Das vielleicht Gefährlichste an einer akademischen Bildung ist - zumindest in meinem Fall -, dass es die Neigung zur Überinterpretation verstärkt. Ich verliere mich in Abstraktionen, statt auf das zu achten, was sich vor meiner Nase abspielt. Statt auf das zu achten, was sich in mir abspielt. Wie Sie alle garantiert längst wissen, ist es äußerst schwer, geistig rege und aufmerksam zu bleiben und sich von dem ständigen Monolog im eigenen Kopf nicht einlullen zu lassen."

David Foster Wallace:
Das hier ist Wasser
(Vortrag 2005)




10.10.2015

"Eines Abends also, vor dem Einschlafen, vernahm ich, so deutlich ausgesprochen, daß es mir unmöglich war, ein Wort daran zu ändern, abgetrennt jedoch vom Klang irgendeiner Stimme, einen recht merkwürdigen Satz; er hatte keinen Bezug zu irgendwelchen Geschehnissen, in die ich nach bestem Gewissen zu diesem Zeitpunkt verwickelt war, es war ein Satz, der mir eindringlich erschien, ein Satz, möchte ich sagen, der ans Fenster klopfte. Rasch nahm ich davon Kenntnis und wollte es dabei belassen, als mich sein organischer Aufbau stutzig machte. Dieser Satz setzte mich wirklich in Erstaunen; ich habe ihn leider nicht bis heute behalten können, er lautete etwa so: „Da ist ein Mann, der vom Fenster entzweigeschnitten wird“, doch war das durchaus eindeutig gemeint, da er von der schwachen bildhaften Vorstellung eines gehenden Mannes begleitet war, der in der Mitte senkrecht zu seiner Körperachse von einem Fenster durchschnitten wurde. Ohne Zweifel handelte es sich einfach um die aufrechte Stellung eines Mannes, der sich aus dem Fenster gelehnt hat. Da aber dieses Fenster die räumliche Veränderung des Mannes mitgemacht hatte, wurde mir klar, daß ich es hier mit einem Bild ziemlich seltener Art zu tun hatte, und sogleich hatte ich keinen anderen Gedanken, als es meinen poetischen Baumaterialien einzuverleiben. Kaum hatte ich es derart aufgezeichnet, als es auch schon von einer fast ununterbrochenen Reihe von Sätzen abgelöst wurde, die mich kaum weniger überraschten und mir den Eindruck einer solchen Willkürlichkeit vermittelten, daß die Selbstkontrolle, mit der ich bis zu diesem Tag gelebt hatte, mir illusorisch erschien und ich nur noch daran dachte, dem endlosen Streit in meinem Innern ein Ende zu bereiten."

André Breton:
Erstes Manifest des Surrealismus (4)
1924

























03.10.2015

"Indem ich mir einen Stil aneigne, den einige naiv finden werden (während er doch so tief ist), lasse ich ihn zur Vermittlung von Gedanken dienen, die unglücklicherweise vielleicht nicht grandios erscheinen werden! Gerade darum, auf die leichtfertige und skeptische Art und Weise der gewöhnlichen Unterhaltung verzichtend und vorsichtig genug, um nicht ... jetzt weiß ich nicht, was ich sage wollte, denn ich erinnere mich nicht an den Anfang des Satzes. Wisset jedoch, dass die Dichtkunst sich überall dort findet, wo das spöttisch-stupide Lächeln des Menschen mit der Entenvisage nicht ist."

Lautréamont:
Die Gesänge des Maldoror (6)
1869






27.09.2015

"- Performanz hat keinen Wert, keine Substanz. Sie wollen ein Ideentheater, aber kein Wissen. - Als ob der Prozess des kritischen Denkens ein Ziel bräuchte, um ihn zu rechtfertigen.

Doch warum hat Dichtung dann ihre Musik, Fiktion ihre Geschichten, haben Essays ihre Ideen?"

Charles Bernstein:
Frame Lock (In: My way - 1999)
(Dt. in: Gedichte und Übersetzen, 2013)


19.09.2015

"Bedenke beim Schreiben, daß du - aus Honorarinteresse oder Geltungsbedürfnis - gezwungen sein könntest, dein Zeug auch laut vorzulesen. Handle danach."

Ulf Stolterfoht: handapparat heslach
(7. These zur windischen Lyrik,) 2011
12.09.2015

"Hoffnung oder Verzweiflung bestimmen für den wachen Träumer - für den Dichter - das Wirken seiner Phantasie. Er braucht nur diese Hoffnung oder diese Verzweiflung zu formulieren, und sein Verhältnis zur Welt wandelt sich auf der Stelle. Alles ist für den Dichter Empfindungsgegenstand und folglich Gefühlsgegenstand. So wird alles Konkrete Nahrung seiner Phantasie, und Hoffnung und Verzweiflung wechseln mit den Empfindungen und Gefühlen ins Konkrete über."

Paul Éluard:
L'évidence poétique, habitude de la poésie
Vortrag in London, 1936



05.09.2015

"Das ist das entscheidende Experiment. Du siehst - das Brockengespenst ist nichts als ein Reflex deines Selbst. Und indem du dem Gespenst deine geheimsten Gefühle offenbarst, machst du es zum dunklen symbolischen Spiegel, der ins Tageslicht reflektiert, was sonst auf immer verborgen bliebe.
Im gleichen Verhältnis steht der Schattendolmetscher, den der Leser als Eindringling in meine Träume kennenlernen wird, zu meinem eigenen Selbst. Der Schattendolmetscher ist ursprüng-lich ein  bloßer Reflex meiner inneren Natur. Aber wie das Brockengespenst manchmal von Stürmen und Böen aufgestört wird und sich verbirgt, so schweift der Schattendolmetscher manchmal irgendwohin ab, hinaus aus meinem Bereich, und mischt sich unter fremde Naturen. Dann erkenne ich ihn oft nicht als mein Schatten-Ich. Im allgemeinen sagt er nur, was mein Ich am hellen Tage gesagt hatte, wenn ich mich in die Tiefe meines Herzens versenkte. Aber wie sich manchmal sein Gesicht verändert, ändern sich auch seine Worte, und ich erken-ne sie nicht als Worte von mir. Niemand verantwortet alles, was in seinen Träumen geschieht. Ich glaube, im allgemeinen ist er ein redlicher Dolmetscher meines Selbst, und nur ab und zu gehorcht er dem guten alten Phantasus, der über die Träume herrscht."

Thomas de Quincey:
Suspiria de Profundis
Neue Folge der Bekenntnisse eines englischen Opiumessers
(1. Teil, Das Brockengespenst)
1845















30.08.2015

"Im schwindelerregenden Kreisen der ewigen Wiederkehr erstirbt das Bild unmittelbar."

Dino Campana:
Notizheft, vor 1916
22.08.2015

"Die Entzauberung war nicht von Dauer. Sie galt nur für den einen Abend. Schon am folgenden Morgen trat der Zauber neu in Kraft, und zwar gleich im Aufwachen, in den Übergangs-momenten des Halbschlafs."

Peter Handke:
Versuch über den Pilznarren,
2013
16.08.2015

"Das ist es. Der Sprache entlang schreiben. Der Sprache folgen. Ihr vertrauen, dass sie in die Realität einfädeln kann. Ihr vertrauen, dass sie Realität ist. Den Thesaurus anwerfen. Fächer aufmachen. Durch ein Labyrinth gehen. Im Dschungel sein. Die sich öffnenden Wege halten Seitenpfade verborgen, die sich erst zeigen, wenn es zu spät ist umzukehren."

Michael Lentz:
Atmen Ordnung Abgrund
(Frankfurter Poetikvorlesungen, Kap. 1)
2013

08.08.2015

"Das Wesen großer Werke ist genau, dass in ihnen die volle Präsenz der inneren Welt mit der vollen Präsenz der äußeren Welt kombiniert und in Einklang gebracht wird. In ihnen er-kennen wir, dass die Gesetze dieser beiden Welten überhaupt nicht widersprüchlich sind; sie bilden vielmehr ein alles umfas-sendes System; es sind Gesetze, an die zu halten uns dennoch aus irgendeinem Grunde fast unmöglich scheint, Gesetze, die nur die größten Künstler in der Lage sind neu zu formulieren. Es sind einfach die Gesetze der menschlichen Natur."

Ted Hughes:
Mythen und Erziehung
1976





01.08.2015

"Schminken Sie sich die Laienvorstellung ab, dass Information gut ist. Dass mehr Informationen besser sind. Das Telefonbuch enthält viele Informationen, aber wenn Sie eine bestimmte Nr. suchen, sind Ihnen 99,9 Prozent davon nur im Weg."
"An und für sich ist Information nur ein Maß der Unordnung."

David Foster Wallace:
Der bleiche König (§ 27)
2011/2013

25.07.2015

"Was wir hören, ist Sprache, die sich selber hört. Als anonymer Anrufer. Erstaunlich konkret, wie das Atmen am anderen Ende der sonst stillen Leitung, ist das Nichts, das uns hier begegnet. Brot, Namen, Briefe, Bett. Wir kennen all dies, und die Verneinungen löschen es nicht etwa aus, sondern stellen es uns noch deutlicher vor Augen. Stellen leere Sprachhülsen aus als nicht geglückte Anwendung von Einzelheiten und Vereinbarungen innerhalb des Genrerahmens."

Uljana Wolf:
Box Office
(Münchner Rede zur Poesie 8)
2009



18.07.2015

"Bricht Wörter. Das Licht. In flüchtige Verwesung, augenblicklichen Verlust. Wir nehmen mit Münzen vorlieb. Und wünschen stockendere Sprache. Dunkel und augenvoll. Mehr Lokalkolorit."

Rosmarie Waldrop:
Hölderlin-Hybride (V, 4)
1998 / 2015
11.07.2015

Berauschet Euch

Man muß immer trunken sein. Das ist alles: die einzige Lösung. Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu fühlen, das euere Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsset ihr euch berauschen, zügellos.

Doch womit? Mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt. Aber berauschet euch.

Und wenn ihr einmal auf den Stufen eines Palastes, auf dem grünen Grase eines Grabens, in der traurigen Einsamkeit eures Gemaches erwachet, der Rausch schon licht geworden oder verflogen ist, so fraget den Wind, die Woge, den Stern, den Vogel, die Uhr, alles was flieht, alles was seufzt, alles was vorüberrollt, alles was singt, alles was spricht, fraget sie: »Welche Zeit ist es?« und der Wind, die Woge, der Stern, der Vogel, die Uhr werden euch antworten: »Es ist Zeit, sich zu berauschen! Um nicht die gequälten Sklaven der Zeit zu sein, berauschet euch; berauschet euch ohne Ende; mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt.«

Charles Baudelaire:
Gedichte in Prosa
(Le Spleen de Paris), Kapitel 15
1869
















04.07.2015

"Ist denn jede poetische Abbildung der eigenen Obsessionen, auch da, wo sie agrammatisch wird oder ins Privatsprachliche hinüberwechselt, bereits Sprachkritik? Das bezweifelt der Idiot und stellt sogleich eine Zwischenfrage: Gibt es überhaupt so etwas wie eine eigene Obsession, die gänzlich unabhängig wäre von dem großen Pool der Obsessionen und Phantasmen aller anderen? Könnte man hier mit Karl Valentin antworten: Es wurde alles schon einmal ersehnt, aber noch nicht von allen? Hm. Schließlich ist überall auf Werbeplakaten das Aufkommen neuer Ticks zu beobachten, die von ihrer eigenen Schablonen-haftigkeit ablenken wollen, indem sie das Verb. Weglassen. Oder Freistellen. Und überall. Punkte. Setzen. Das geht doch nicht. Oder ist dies nun endlich das lange erwartete Eindringen des Semiotischen in die Symbolische Ordnung?"

Monika Rinck:
Risiko und Idiotie
(Nach der Revolution der poetischen Sprache)
2015








27.06.2015

"Ich habe meine Tinte durchforscht nach dem Unaufsuchbaren: nach dem reinen Fleck jenseits der befleckten Schrift."

René Char:
Einer harschen Heiterkeit
(Nachdank), 1951
20.06.2015

"Der Kritiker mag vielleicht erwidern, dass manche von meiner Generation begeistert und mit unwissenschaftlicher Vorliebe über Gegenstände schrieben, die seit langem verboten waren. Ist es jedoch nicht von größter Wichtigkeit, gerade die alten Tabus zu erforschen, und zwar nicht nur "zu höchst moralischen Zwecken" wie die Nachfolger Ibsens, sondern fröhlich, aus purem Übermut, aus purer Freude an diesem Spiel des Geistes?"

William Butler Yeats:
Autobiographie
(Buch 4: Die tragische Generation, XIII)
1926


13.06.2015

"Zweierlei ist stets erforderlich: erstens ein gewisses Maß an Komplexion oder, genauer gesagt, Einbettung, und zweitens einige Suggestivkraft, eine wenn auch unbestimmte Unter-strömung von Bedeutsamkeit. Vor allem diese Unterströmung verleiht einem Kunstwerk soviel von jenem Reichtum (um der Umgangssprache einen annähernd treffenden Ausdruck zu entleihen), den wir nur allzu gern mit dem Idealen verwechseln. Das Übermaß beschworener Bedeutsamkeit dagegen, das diese Unterströmung des Themas zur Hauptströmung werden lässt, verwandelt zumindest die sogenannte Poesie der sogenannten Transzendentalisten in Prosa - in eine Prosa von plattester Art."

Edgar Allan Poe:
The Philosophy of Composition,
1846







06.06.2015

"Die Übersetzung der Sprache der Dinge in die des Menschen ist nicht nur Übersetzung des Stummen in das Lauthafte, sie ist die Übersetzung des Namenlosen in den Namen."

Walter Benjamin:
Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen
(in "Angelus Novus", 2 - 1966)
30.05.2015

"Für ihn, den Idioten, ist es, als ob alle anderen fein aufeinander abgestimmt sprächen. Heruntergeregelt auf den verträglichsten Stimmungsgrad. Fast unbewußt von moderierenden Persönlich-keiten vorgeregelt. Es bildet sich eine feste, kieselharte Förm-lichkeit des aufeinander abgestimmten Sprechens, die jeden einzelnen vom eigenen (schärferen) Bewußstein abschirmt. Eine viel unnachgiebigere Konvention als jede frühere, aus bürger-licher Zeit bekannte.
Unüberwältigt sprechen sie. Was sie überwältigen müßte, dringt nicht durch Zeit und Kleid."

Botho Strauß:
Lichter des Toren.
Der Idiot und seine Zeit
2013





23.05.2015

"Kunst ist die Wirklichkeit der Götter ...
ist Nordlicht. Nähere Erklärungen
z Z nicht möglich"

Gottfried Benn:
Poetisches Fragment, 1946
17.05.2015

Die Sachen und die Wörter werden sich trennen. Das Auge wird zum Sehen und nur zum Sehen bestimmt sein; das Ohr lediglich zum Hören. Der Diskurs wird zwar zur Aufgabe haben zu sagen, was ist, aber er wird nichts anderes mehr sein, als was er sagt.

Michel Foucault:
Die Ordnung der Dinge
(2, V: Das Sein der Sprache), 1966
09.05.2015

"Von linearem Illustrieren des Gemäldes durch Text, welches das Geheimnis aufhöbe, ist nicht die Rede. Der Text kann und soll sogar eine völlig andere Richtung einschlagen, eine zweite Ebene einziehen, die das Ganze zu einem Dritten, Eigenen macht. Wie nun soll das geschehen? Der Dichter ist vom Bild nicht weisungsgebunden: er nimmt "hierzu ... die Welt", das heißt, alles, was vorhanden ist, alles, was assoziativ als "hoch sinnlich" erkannt wird. Anhand der Bildvorlage entsteht nun das Gemäldegedicht; es mobilisiert seine Metaphernsprache, erzeugt seine eigene Bildlichkeit, um mit der gar nicht fremden Fremd-sprache eines Bildes mithalten zu können. Dichten auch hier als Dolmetschervorgang, als Übersetzungsprozeß. Das Gemälde-gedicht wird geschrieben, um letztlich mit dem Künstler gleichzuziehen; und nur das wäre für den Dichter optimal."

Thomas Kling:
Zum Gemäldegedicht
(Düsseldorfer Vortrag in
"Auswertung der Flugdaten"),
2005








03.05.2015

"mach schon - laß deine mystische ballade flattern - ah geisterhaft & Tokaier-selig wirst du sein wie der verrückte pulsschlag - der verrückte pulsschlag eines kindes - der kinder von ringelreihen & der wanderpoeten in ganz indien - die jongleure rufen dich beim falschen namen & nennen dich wundes kätzchen - so leicht ist das, denn sie kennen keine märchen ..."

Bob Dylan:

Heilige gebrochene Stimme & der Tingeltangel-Morgen

(in: Tarantula), 1966


25.04.2015

"Alles Sprechen und Schreiben von heute, auch das der Fachmänner, hat als der Inbegriff leichtfertiger Entscheidung die Sprache zum Wegwurf einer Zeit gemacht, die ihr Geschehen und Erleben, ihr Sein und Gelten, der Zeitung abnimmt. Der Zweifel als die große moralische Gabe, die der Mensch der Sprache verdanken könnte und bis heute verschmäht hat, wäre die rettende Hemmung eines Fortschritts, der mit vollkommener Sicherheit zu dem Ende einer Zivilisation führt, der er zu dienen wähnt ... Nichts wäre törichter, als zu vermuten, es sei ein ästhetisches Bedürfnis, das mit der Erstrebung sprachlicher Vollkommenheit geweckt oder befriedigt werden will. Derlei wäre kraft der tiefen Besonderheit dieser Sprache gar nicht möglich, die es vor ihren Sprechern voraus hat, sich nicht beherrschen zu lassen. Mit der stets drohenden Gewalt eines vulkanischen Bodens bäumt sie sich dagegen auf."

Karl Kraus:
Die Sprache
(in "Akzente", 2. Jahrgang, 1955)











18.04.2015

"Das Gedicht besitzt den letzten einzigartigen Zugriff auf die Welt, in dem der Zugreifende als Subjekt agiert und durch abgewandelte Sprache animierend in die sich verflüchtigende Welt eingreift. (Alle anderen Formen und Modelle strudeln im Strom vereinheitlichender Kommunikation in die gleiche Richtung, in die Meere von buntem Gemisch und Beliebigkeit.)
Die Dichtung aber unternimmt noch immer den Versuch, der Sprache das Sprechen beizubringen und nicht auf ihr die Abhänge und Rutschbahnen reiner literarischer Bericht-erstattung hinunterzurodeln.
Gedichte, dies ist meine Auffassung, sind nicht zum Träumen da, sondern zum Aufwachen."

Gerhard Falkner:
Schorfheide. Bekennerschreiben
(in "poet nr. 18"), 2015








11.04.2015

"Der Anfang besteht darin, verloren zu gehen. Nicht achten auf das Woher, sondern auf das Was. Auf dieses Was durch das Wie. Und umgekehrt. Verschränktes, prekäres Erscheinen. Immer zitterndes Ob. In seinem Licht verändert sich der Begriff (Kreativität), verwandelt (Poesie) sich in die Frage: Wie kommt, in Sprache, etwas Neues in die Welt?"

Ulrike Draesner:
Die fünfte Dimension
(Münchner Rede zur Poesie)
2015

05.04.2015

"Schönheit und Mitempfinden  - näher können wir einer Definition dessen, was Kunst ist, nicht kommen. Wo Schönheit ist, gibt es auch Mitempfinden, einfach deshalb, weil Schönheit sterben muß: Schönheit stirbt stets, mit dem Dargestellten stirbt die Darstellung, die Welt mit dem einzelnen."

Vladimir Nabokov:
Franz Kafka. Die Verwandlung.
(in: Lectures on literature), 1982

28. 03. 2015

„Das Schreiben ist ein süßer wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war es mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichtes klar, daß es der Lohn für Teufelsdienst ist. Dieses Hinabgehn zu den dunklen Mächten, diese Entfesselung von Natur aus gebundener Geister, fragwürdige Umarmungen und was alles noch unten vor sich gehen mag, von dem man oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt. Vielleicht gibt es auch anderes Schreiben, ich kenne nur dieses, in der Nacht, wenn mich die Angst nicht schlafen läßt, kenne ich nur dieses. Und das Teuflische daran scheint mir sehr klar. Es ist die Eitelkeit und Genußsucht, die immerfort um die eigene oder auch um eine fremde Gestalt – die Bewegung vervielfältigt sich dann, es wird ein Sonnensystem der Eitelkeit – schwirrt und sie genießt. Was der naive Mensch sich manchmal wünscht: ‚ich wollte sterben und sehn wie man mich beweint‘ das verwirklicht ein solcher Schriftsteller fortwährend, er stirbt (oder er lebt nicht) und beweint sich fortwährend. Daher kommt seine schreckliche Todesangst, die sich nicht als Todesangst äußern muß, sondern auch auftreten kann als Angst vor Veränderung, als Angst vor Georgental.“

Franz Kafka:
Brief am 3. Juli 1922 an Max Brod
1922
















24.03.2015

"Wie man aus den Werkstattberichten großer Lyriker weiß, handelt es sich bei ihren Stimmungen keineswegs um so oberflächliche, labile, leicht verfliegende Stimmungen, daß umsichtiges, ja nüchternes Nachdenken stören könnte. Die gewisse Beschwingtheit und Erregtheit ist der Nüchternheit keineswegs direkt entgegengesetzt. Man muß sogar annehmen, daß die Unlust, gedankliche Kriterien heranzulassen, auf eine tiefere Unfruchtbarkeit der betreffenden Stimmung hindeutet. Man sollte dann unterlassen, ein Gedicht zu schreiben.
Ist das lyrische Vorhaben ein glückliches, dann arbeiten Gefühl und Verstand völlig im Einklang. Sie rufen sich fröhlich zu: Entscheide du!"

Bertolt Brecht:
Anmerkungen zur literarischen Arbeit
(Der Lyriker braucht die Vernunft nicht zu fürchten),
ca. 1936






21.03.2015

"Wenn Mäßigung Klugheit ist, wenn Beständigkeit in der Liebe Klugheit ist, war sie dann klug?"

H.D.:
Die Insel. Fragmente der Sappho, 1920
14.03.2015

"Aufwachend.

Wind! - bist du da? - blas die Asche!"

Elke Erb:
Sonnenklar
2015
08.03.2015

Was suche ich, was ist das Verborgene? Die Tradition. Was ist Tradition? Das, was ich vorfinde. Wie verläuft die Suche? Gezielt auf Umwegen. Und die Umwege gehören auch zum Ziel

Michael Lentz:
Atmen - Ordnung - Abgrund
(1. Inventio) 2013
01.03.2015

Das Provinzler-Sturm- und das Hie-Rimbaud-und-auf-sie-drauf-mit-Gebrüll!-Verfahren. Dies läßt sich nicht aus vollem Herzen empfehlen, da gewisse Vorbedingungen unerläßlich sind. Ehe Sie hinabstoßen und ins Zentrum der literarischen Tätigkeiten platzen - und das heißt, wenn Sie sehr jung sind, die richtigen Kneipen, und später die richtigen Quartiere, und noch später die richtigen Klubs -, müssen Sie hinter sich einen namhaften Rumpfbestand (der Rumpf braucht nicht unbedingt einen Kopf) wilder und unverständlicher Gedichte haben. (Wie ich schon vorher sagte, ist es nicht meine Aufgabe, dazulegen, wie diese linkischen und wortreichen Ekstasen zuwege gebracht werden. Hart Crane stellte fest, daß er nur im Suff Sibelius hören mußte, um das Zeug in rauhen Mengen ausstoßen zu können. Einem Freund von mir, der seit seinem achten Lebensjahr an heftigen Kofschmerzen leidet, fällt das Schreiben ohnehin so leicht, daß er sich Knoten ins Taschentuch machen muß, damit er daran denkt, aufzuhören. Es gibt viele Methoden, und wo ein Wille und leichtes Delirium ist, da ist auch ein Weg.)

Dylan Thomas:
Wie man Dichter wird
(in: Porträt des Künstlers als junger Hund)
1940 (1994)












22.02.2015

Darf ich Ihnen sogleich klarmachen, daß ich in diesen informativ sein sollenden Notizen Dichtung nicht als Kunst oder Handwerk betrachte, als den rhythmisch-verbalen Ausdruck eines geistigen Bedürfnisses oder Dranges, sondern einzig und allein als Mittel zu einem gesellschaftlichen Zweck. Besagter Zweck besteht im Erlangen einer Stellung in der Gesellschaft, die genügend gefestigt ist, um es dem Dichter zu gestatten, jene Affektiertheiten der Rede, der Kleidung und des Benehmens, die im Anfang von so wesentlicher Bedeutung sind, abzulegen und auszumerzen; ferner in einem Einkommen, das groß genug ist, seine physischen Ansprüche zu befriedigen, wenn er nicht bereits dem Dichterübel, dem Großstadtwasserkopf, zum Opfer gefallen ist; und schließlich in der dauerhaften Sicherheit vor der Angst, noch weiterschreiben zu müssen.

Dylan Thomas:
Wie man Dichter wird
(in: Porträt des Künstlers als junger Hund)
1940 (1994)








16.02.2015

"Der Kopf ist der Drehort, ist Drehort der Sprache und Schnittstudio. Die Dichtung entspringt dem Datenstrom, ist, gelingt sie, funktioniert sie, gesteuerter Datenstrom und löst einen solchen im Leser aus."

Thomas Kling:
Botenstoffe
(Spracharbeit, Botenstoffe) 2001
08.02.2015

„Ich glaube, daß die Beeinflussung von zur Produktion veranlagten jungen Leuten durch die frühere Literatur nicht so groß ist, wie vielfach angenommen wird (wahrscheinlich zum Leidwesen der Literarhistoriker). Ich würde eher sagen, daß sich im Verlauf einer Kulturperiode innere Lagen wiederholen, gleiche Ausdruckszwänge wieder hervortreten, die eine Weile erloschen waren - so wiederholte sich im Expressionismus zwar Sturm und Drang, aber ohne eine bewußte Beziehung  auf Klopstock und Hölderlin.“

Gottfried Benn:

Einleitung zu Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts
1955




31.01.2015

"Allein die Literatur erlaubt uns, mit dem Geist eines Toten in Verbindung zu treten, auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre - denn so tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet."

Michel Houellebecq:
Unterwerfung (1)
2015



25.01.2015

"Die erste Plinse klumpt immer", sagte der Koch mit der weißen Mütze und betrachtete seine mißglückte Plinse.
"Aber das macht gar nichts, die nächsten werden schon geraten ..." Und mit diesen Worten warf er die Plinse einem hungrigen Küchenhund vor.

Andrej Belyj:
Die Zweite Symphonie, die Dramatische
(4. Teil), 1902

18.01.2015

Oh wollten doch die Dichter wieder werden, was sie einstmals gewesen sein sollen: – Seher, die uns etwas von dem Möglichen erzählen! Jetzt, da ihnen das Wirkliche und das Vergangene immer mehr aus den Händen genommen wird und werden muß – denn die Zeit der harmlosen Falschmünzerei ist zu Ende! Wollten sie uns von den zukünftigen Tugenden etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten – von purpurglühenden Sternbildern und ganzen Milchstraßen des Schönen! Wo seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?

Friedrich Nietzsche:
Morgenröthe (Gedanken über die moralischen Vorurteile)
551. Von zukünftigen Tugenden
1881




10.01.2015

"Ja, du magst sagen, was du willst, mein Bester, aber was ist mir das trotz allem für eine Theorie, welch anrüchigem Hirn entsprungen - und was für ein madiges, enges System! Sich beschränken wollen auf die Waschküchen des Fleisches, das Übersinnliche verwerfen, den Traum verneinen - und nicht einmal verstehen wollen, daß für die Kunst der Reiz beginnt, wo die Sinne den Dienst verweigern!"

Joris Karl Huysmans:
Tief unten
1891



03.01.2015

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