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Friederike Mayröcker: études

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen

nicht wahr, solch heterogene Schrift



études heißt ein neuer Band mit Texten, Prosagedichte mag man sie mangels einer besseren Bezeichnung nennen, der soeben bei Suhrkamp erschienen ist, und wir könnten geneigt sein, den Titel misszuverstehen, nämlich als „Fingerübungen“ einer großen alten Dame der deutschsprachigen Lyrik. Denn das ist Friederike Mayröcker ohne Zweifel: Photos von ihr sind Ikonen, sie selbst ist sicher mehr Menschen bekannt als es ihre Texte sind und bereits 2004 erschien ein ziegelsteingroßer Band „Gesammelte Gedichte“. Sogar dass man Oberkellner findet, die gegen ein angemessenes Trinkgeld literarisch ambitionierten Touristen Mayröckers Stammplatz im Café zeigen, scheint vorstellbar.
Wir können, so muss man annehmen, FMs Werk als Klassiker lesen.

Wir können aber auch anders.

Denn die Texte in diesem Band sind eine Zumutung, nicht Schaustücke einer Virtuosin der deutschen Sprache („meine geliebte deutsche Sprache“). Obwohl FM natürlich auch das ist und die études genügsam Beispiele dafür liefern, wie sehr sie ihre Kunst beherrscht. Bewundernswert nämlich ist etwa ihre Fähigkeit, den Texten einen Rhythmus zu geben, der leicht auf jede Art von Zeilenfall verzichten kann (und man beachte allein schon die Setzung der Kommas!):

Mitte August die Erde kühlt schon ab schon kühlt die Erde ab weisze Wolken Perücke oh Liebling wie mich dauert dein Verschwinden, Glut deines Herzens nur noch glimmend dein Herz schon fröstelt der Morgen schon dies Frösteln am Morgen Windstille, Keusche am Waldrand träumte es mir die Georginen verblüht...

Bewundernswert der Einsatz leitmotivischer Formulierungen: der Fensterrahmen, Notenhefte, die grüne Kreppapiergrotte. Ein Fuß (Fusz), der seinen Weg sucht, Mimosen und Blumen und Blüten, ein Blutstropfen auch, der immer wieder (wo)anders auftaucht.

Bewundernswert auch, wie Mayröcker ihr Material in immer neuen Lagen übereinanderlegt, unterschiedlichste Stränge zusammenflicht, dass sie einander durchdringen, eins durch das andere hindurch sichtbar werden, vielleicht abbrechen (immer gerade dann, wenn der Leser glaubt, auf vertrautes Terrain geraten zu sein), aber dann doch, wie ein basso continuo hörbar bleiben:


(auf dem Flughafen von Stockholm habe ich dich wiedergesehen es war an einem Advent und fieberten zu einander, wollte mit ihm in 1 andere Stadt in 1 anderes Land. >le kitsch< usw.) Dichter des WASTE LAND, in einem nu, eins seiner kl.Karlsruhen, Schmarotzer Zeit holt uns ein, Täszchen Schnee, >Blüten Ex-Blüten< : Ann Cotten …..... >biszchen schnorren< im Blätterrauschen, ach Tränengeflecht, pflanzest du Bäumchen ins Blau des Himmels, nicht wahr, solch heterogene Schrift


Es sind wahrhaft heterogene Stücke, die Mayröcker hier zusammenfügt und sphärisch umeinanderlegt, dass wir uns inmitten des dabei entstandenen Gebildes fühlen, eines Gebildes, das sich doch immer und jederzeit umstülpen kann und wir finden uns stattdessen auf seiner Außenseite wieder. Wir können, wir müssen das bewundern.

Wir können aber auch...

Atemberaubend ist Mayröckers Umgang mit ihrem Material, von den kleinen Verästelungen im Innern eines Blattes über persönliche Erinnerungen, Beobachtungen des eigenen Alterns bis zur Nennung von Bildern (Cy Twombly, Gerhard Richter...) und Texten (Elke Erb taucht immer wieder auf, Ann Cotten, Peter Handke...). Doch verlangen diese Texte weder nach Bewunderung, noch ist es damit getan, als staunendes Publikum sich von dieser Virtuosin ein paar Übungen vormachen zu lassen. Denn wir müssen, um den Gedichten dieses Bandes gerecht zu werden, zunächst selbst üben, uns die Texte zuzumuten. Und das ist nicht so nebenbei zu erledigen. Unbekümmert ist Mayröcker darum, ihren Gedichten irgendeine Form von Allgemeingültigkeit zu verleihen. „Usw.“ bricht es immer dann ab, wenn die Sprache einer solchen Allgemein-gültigkeit zu nahe kommt. Radikal werden einzelne, persönliche und eben nicht für die Allgemeinheit aufbereitete Erfahrungen mitgeteilt („damals ´54 in Salzburg als ich nach London aufbrach“, viele Personen tauchen nur als Initialen auf, selbst die genannten Dichterinnen sind nur selten eine sichere Referenzgröße: denn wie sollen wir je erfahren, welches Gedicht Elke Erb am 26.11.11 am Telephon vorgelesen hat?).

Wir können aber...

habe dies komponiert morgens 1/2 4 Uhr...“ und ähnlich heißt es häufig in diesem Band. Und ‚Komponieren‘ ist nicht nur eine treffende Bezeichnung für Mayröckers Arbeitsweise, es bietet vielleicht auch einen Hinweis für den angemessenen Umgang mit den hier vorliegenden Etüden; denn wie eine einmal komponierte Musik brauchen diese Texte einen Interpreten: nicht einen entschlüsselnden Erklärer, sondern einen Leser der sie sich weit genug aneignet, um sie zum Klingen zu bringen. Die Texte sind datiert. Der erste wurde am 22.12.10, der letzte am 16.12.12 geschrieben. Zwischen den einzelnen Texten liegen wenige Tage, manchmal eine Woche. Gute Voraussetzungen also für eine Lektüre der études in Echtzeit. Und so muss ich es fürs Erste bei einer unbeholfenen Beschreibung dieses Buches belassen, um es dann vielleicht in zwei Jahren zu rezensieren.

Wir können.
Der Versuch wird sich lohnen.



Friederike Mayröcker: études. Berlin (Suhrkamp) 2013. 193 Seiten. 19,95 Euro.

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