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Friederike Mayröcker: Cahier

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Sehen, um nicht zu vergessen



Im Jahr 1985 erschien im Verlag Volk und Welt ein Band mit einer Werkauswahl von Friederike Mayröcker. Das Jahr Schnee. Vor fast dreißig Jahren also. Wir wollen nicht von Alter reden. Jedenfalls nicht von Lebensalter, aber schon damals war das Werk der Dichterin unüberschaubar. Aber es war und ist kein Koloss, kein Monolith der sich vor eine auf- oder untergehende Sonne geschoben hat. Eher als flächig möchte ich es beschreiben. Darin folgendes Gedicht:

schwarz wie die Fahne der Anarchie

kommen Sie
endlich von dieser
Farbe los, Frau
sagte die Ärztin, während
sie meinen Nesselausschlag
behandelte,
und musterte mich
mit strenger Mine
von unten nach oben
bis zum geschwärzten
Augenpaar.


Dieses Gedicht hat mich gefangengenommen, neben einigen anderen in diesem Band, obwohl ich nicht wusste, nicht wirklich wusste, was ein Nesselausschlag ist. Ich hatte natürlich eine Vorstellung, war ich als Kind doch ab und an mit nackten Beinen in Brennnesselfelder geraten.

Und klar, von dieser Farbe ist nicht loszukommen. Nicht, wenn man derart die Wahrnehmung kultiviert hat, wie Friederike Mayröcker. Und festhält was vergeht. Im jüngst erschienenen Band Cahier wird des wieder in Tagebuchartigen Notaten mehr als deutlich.

Die Freiheit der Wahrnehmung, den unbedingten Drang, sich gegen Hierarchien zu stemmen, das Werk nicht monolithisch werden zu lassen, sondern die Fläche zu feiern. Die unüberschaubare Anwesenheit.
Und wie im eingangs erwähnten Volk und Welt Band sind auch die späteren Bücher der Autorin immer wieder mit Zeichnung durchsetzt. Bilder die nicht auf klassische Abgeschlossenheit drängen, die den Moment im Moment feiern, bejubeln fast, aber auch auf Lebensnähe drängen. Eine Brille zum Beispiel, unterschrieben mit: nicht vergessen. Was bedeuten kann, dass man die technischen Hilfsmittel braucht. Aber in die Zeichnung der Brille sind auch die Augen gezeichnet. Also auch das Sehen, um nicht zu vergessen.

Auf Seite 54 in Cahier findet sich die Zeichnung eines Schwans umrandet von Text:


(Schwan ist gleich Kahn ist gleich Wahn: in der Kärtnerstrasze den kl. Schwan gekauft) … vielleicht Pointilismus, weiszt du, diese Schreibkunst wie angetupft etwa, also die jüngsten Momente des Schnees usw.

Aufzeichnungen, Notate zu Texten, Landschaften, Textlandschaften. Als wollte die Autorin die Momente bewahren. Sich gegen Abläufe stemmen, indem sie das, was abläuft in Sprache gießt. Und in diesem schreibenden Erfahren hebt sie Zeit auf und mithin die eingeschriebene Vergänglichkeit.

… weiszt du, während die Mauersegler ich meine wie schwarze Kreuze über die Wienzeile, singend, fiepend, strammzogst du mein Jäckchen, strammziehend diese Schreibleidenschaft, unbändig …

Und hier auf Seiten 87 in Cahier sind wir wieder bei der eingangs im Gedicht erwähnten Anarchie. Diesem nicht zu bändigenden Aufnehmen, dass nun schon neunzig Jahre anhält und sich ausbreitet.



Friederike Mayröcker: Cahier. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2014. 192 Seiten. 19,95 Euro.

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