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Franz Josef Czernin: schönst himmelstreich, allseits uns leuchtaugen, gläsern. buchoffen

Veranstaltung / antimon




Exerzitien der Poesie



1


Ein Buch wird im Lyrik Kabinett vorgestellt: „zungenenglisch. Visonen, varianten“ von Franz Josef Czernin. „Druckfrisch“ in der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser erschienen. Czernin sagt, seine Gedichte seien zum Vortrag allein nicht geeignet, der Umgang mit ihnen am ehesten erlebbar in den Unterschieden der Realisation. So werden an diesem Abend insgesamt sieben Gedichte gelesen, jedes viermal hintereinander, mit leichten akustischen „Modulationen“. Zum Beispiel:


auch gewandsaugen

an angel! or, if not, an earthly paragon


schuhflüstern, viel schleiersturm,
mir verschloss luftrau. mängelart.

so geheimstiegen, doch spannweitend
überschwang locken. glutsaugen nach,

tuch fühlende, reich schwankohr,
faItraum. aschengleiten uns stets,

daran kletterblumen, schwärmgeläute.
was reisst offenherz, sehr rosig,

mir schwanen, glieder fersenackt.
durchs gewölkleid einst

himmelheiter. aufrausch wehblättern,
wie stofflicht, haarfeiner flügelort.

Man muss als Leser „mitleisten“, um das Changieren zwischen überlieferten Formen (etwa dem Motto von Shakespeare, aus „Cymbeline“, III 6) und der Czerninschen Fähigkeit zur Sprachschöpfung mitzuerleben. Hilfestellung geben die schriftlich fixierten Gedichttexte, vom Beamer an die Wand geworfen, und die Einführung und Moderation von Thomas Poiss, einem Gräzisten aus Berlin, der sich zugleich für moderne Lyrik interessiert.

Zuerst liest Czernin die Gedichte, so wie sie fixiert sind. Die Modulationen dann ordnen Silbenmoren zusammenstehender Wörter immer wieder neu, etwa „atmen schlag“ zu „(… at) mensch lag“ oder „verkleistern“ zu „verkelei stern“ (wobei sich die eingeschobene Anaptyxe wie von selbst ergibt).

Poiss weist einleitend daraufhin, dass auf griechischen und lateinischen Inschriften keine Worttrennungen, keinerlei Interpunktion vorhanden sind und so die Sinnfindung an der Sprachwand dem Leser überlassen ist.

















Franz Josef Czernin,
re. neben ihm Thomas Poiss.



2


Wortgrenzen will Czernin zwar nicht auflösen, aber „was verborgen ist, soll zur Erscheinung kommen“. Dafür ist die schläfrige Stimmung im Raum nur von Vorteil. Auch der wie Blasen kurz aufsteigende Halbsinn (erst „Schaf-flocke“, dann „Schaff-locke“). Immer glimmt auch längst vergessenes archaisches Ritualfeuer durch die Worthülsen (Widderfell, Schafwollflocken bei Reinigung und Sühne, die abgeschnittene Locke des Neophyten). Worum geht es Czernin in diesem kryptischen Wortpuzzle?

Er sagt, um die reale Gegenwart, die Präsenz des Anderen, nicht Eindeutigen, sei es um die Täuschung durch das eigene verfremdete Bewusstsein, sei es um ein Aufflackern vergessener Eindrücke, also um Erinnerungsblasen aus der Tiefe. Er nennt das „orpheische Poesie“, jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren, des Anderen, das sich zwischen Wort und Bild gelegt hat.

Czernin will mit dieser „Dekonstruktion“ des landläufigen Verständnisses der Poesie zurück zur „Konstruktion“, zurück zu Logos und Analogie. Er nennt dieses ein „poesiegemäßes Verständnis“. Platonisch gesprochen, denn Czernin scheint mir ganz eindeutig ein Platoniker zu sein: um die Teilhabe am Geist (nous, pneuma). Czernin spricht dabei von „Geistwolke“.

Somit schreibt er eigentlich nur für sich, im Ringen um die eigene Erkenntnis, um die Rückgewinnung einiger Weniger, die entweder Gräzisten oder Mystiker sind, oder die nicht einschlafen beim Lesen oder dem viermaligen Hören eines kryptisch verklausulierten Gedichts, das sich vielleicht nie – trotz Mitleistung (Teilhabe) erschließt, sondern schnarchende oder ratlose Hörer hinterlässt.

George Steiners „Von realer Gegenwart“ hat den Schlüssel: „Es gibt Sprache, es gibt Kunst, weil es „das andere“ gibt. (…) Die Vorstellung eines Dichters, der seine Verse in einer Privatsprache schreibt oder zerstört, was er geschrieben hat, die eines Malers, der sich weigert, irgendeine seiner Leinwände einem anderen als dem eigenen Auge zugänglich zu machen, die eines Komponisten, der seine Partitur in stummer, rein innerlicher Hörprobe „aufführt“, ist denkbar. Sie spielt in Horrorgeschichten, die von isolierter Existenz handeln, eine Rolle.











Römisches Mosaik:
Orpheus mit phrygischer Mütze,
umgeben von wilden Tieren,
die er mit seiner Lyra zu bändigen versteht.



3


Daher die unvordenkliche Logik der Beziehungen zwischen Musik, Dichtung und Kunst auf der einen Seite und dem Affront gegen den Tod auf der anderen. Im Tod erhält die schwer zu greifende Konstanz des anderen, dessen, auf das wir keine Einwirkung haben, ihre deutlichste Verdichtung. Es ist die Faktizität des Todes, eine Faktizität, die gegenüber Vernunft, Metapher, offenbarender Darstellung völlig wider-setzlich ist, welche uns zu „Gastarbeitern“, frontaliers, Grenzgängern in den Gasthäusern des Lebens macht.“ (Steiner, a.a.O.)

In Czernins langem Essay, der sich dem Gedichtband anschließt und „Quidquid latet apparebit?“ heißt, (Wird sich das Verborgne lichten?) aus „Dies irae“, dem mittelalterlichen Hymnus vom jüngsten Gericht, äußert sich der Dichter deutlicher „zu einer Poetik der Vision“. Poesie soll Erfahrung, die über das Alltägliche hinausgeht, beim Lesen durch das Lesen bringen. Durch Lesen und Poesie als Exerzitium soll die Erkenntnis gewonnen werden dessen, was an geistiger Erlebniswelt hinter den Worten steht. Dabei ist die (erschreckende) Schwelle einerseits das Einschlafen, andererseits der Tod. Aber die Grenze des Todes zu überschreiten, ist zugleich für Czernin eigentliche Poesie – die orpheische. Was zur Erscheinung kommen soll, das Verborgene, soll nach und nach beim Lesen als Exerzitium entdeckt werden, außerhalb des zunächst nur sinnlich Wahrgenommenen. Dabei muss das Bewusstsein gereinigt werden von Täuschungen, die wie Blasen im Lesefeuer auftauchen. Dieses Exerzitium nannte die Antike „Sterben lernen“.

Pierre Hadot schreibt in seiner Arbeit über antike Philosophie als Lebensform: „Es besteht eine mysteriöse Beziehung zwischen Sprache und Tod. Dies war eines der Lieblingsthemen von Brice Parain: „Die Sprache nährt sich nur vom Tode der Einzelwesen.¹ Der Grund hierfür ist darin zu suchen, daß der Logos eine Forderung nach universaler Rationalität darstellt, daß er eine Welt unverrückbarer Normen voraussetzt, die sich dem ewigen Werden und den wechselnden Begierden des individuellen körperlichen Lebens entgegenstellt. Wer in dieser Auseinandersetzung dem Logos treu bleibt, setzt sein Leben aufs Spiel. Genau das tat Sokrates. Er starb aus Treue zum Logos.

In der Tat also (…)“, sagt Sokrates im Phaidon, „trachten die richtig Philosophierenden danach zu sterben, und tot zu sein ist ihnen unter allen Menschen am wenigsten furchtbar.“ (67 e). Der Tod, von dem hier die Rede ist, stellt (aber nur) eine geistig vorgenommene Trennung von Seele und Körper dar: „Und wird nicht das eben die Reinigung sein, (…) daß man die Seele möglichst vom Leibe absondere und sie gewöhne, sich von allen Seiten her aus dem Leibe für sich zu sammeln und zusammenzuziehen und soviel als möglich, sowohl gegenwärtig wie hernach, für sich allein zu bestehen, befreit wie von Banden von dem Leibe?“ (67 c)

Diese platonische Übung hat wenig mit Trance oder Bewusstlosigkeit zu tun. Es geht ihr um geistige Unabhängigkeit, fern von Begierden, Vorurteilen, Meinungen. Auch für Czernin ist diese Lese-Hör-Übung im Sterben eine geistige Übungsreihe, die darin besteht, die Perspektive zu wechseln: Er erklärt diese Exerzitien mithilfe der Analogie vom Pfeil und der Übertragung:


Alle Menschen sind / sterblich.“ Ausgesagt sei (zwischen den Versen), dass der Versabstand eine Grenze zwischen Lebenden und Toten ist; und zu erfahren aufgegeben seien auch das Gezeigtsein einer solchen Grenze und dabei ihre und des Versabstands gemeinsame Eigenschaften. (…) Erfährst du nun den Versabstand als eine Grenze zwischen Lebenden und Toten und scheint dir diese Erfahrung glaubwürdig, dann sind vertraute Begriffe oder Annahmen zu revidieren, vielleicht nimmst du dann an, der Versabstand besitze Eigenschaften, die nicht sinnlich wahrnehmbar, jedoch hinreichend dafür sind, dass er eine solche Grenze ist. Zeigt der Versabstand diese Grenze tatsächlich, dann ist er auf den Begriff der Grenze zwischen Lebenden und Toten zu beziehen, und dieser trifft dann seinerseits auf den Versabstand zu. Dann verstündest du jene Aussage nicht nur im poesiegemäss anspruchsvollen Sinn, sondern sie wäre auch wahr.“

KK


¹   
Brice Parain: Le langage et l’existence. In: L’existence, Paris 1945, S. 173.
s. auch: Brice Parain: La mort de Socrate, Paris 1950.

Und über eine Grammatologie der Metaphysik: Giorgio Agamben: Die Sprache und der Tod. Ein Seminar über den Ort der Negativität. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2008. 179 S., 10,00 Euro.

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