Direkt zum Seiteninhalt

Franz Hofner: Zu Jayne-Ann Igels „Gegenstände“

Zeitzünder
Franz Hofner

Zu Jayne-Ann Igels „Gegenstände“


Das Hirn, ein eigenartiger Gegenstand im Kopf.
Es produziert Dialog als Duell: die Wörter schießen aufeinander, das Schweigen, möchte man hier schon ergänzen, gehört dem Unterlegenen. Das Bewusstsein, von dem die Autorin erzählt, ist in die Zeugenrolle geraten, doch in die parteiische Zeugenschaft, es sekundiert bei der Austragung eines Konflikts. Halb nur wach und kaum mitschuldig an jener Auseinandersetzung, die die Erinnerung hochholt. Das Bewusstsein schiebt die Schuld auf das Hirn, als ob das physische Material, die von Vater und Mutter geerbte Substanz das Aktive, das der Sache nähere wäre. Als ob es noch ein anderes Refugium in Petto hätte, wo es mehr zu Hause ist.

Vom abwesenden Vater war die Rede gewesen, am Morgen - die Mutter ist dem gesamten Text nicht der Rede wert; wo immer sie sein mag, sekundierend ist sie dem Vater nicht - doch der Vater hat sein eigenes Verschwinden immer huckepack, seine Abwesenheit muss immer gegen das Totsein abgeglichen werden: er lebte noch an jenem Morgen, so versichert sich das erinnernde Ich, wenn auch so über ihn gesprochen wurde, als hätte er sich besser bereits in die Gegenstandsrolle einfinden sollen.

Einer, dem zu Lebzeiten zum Schweigen geraten wurde, was er danach doch noch reichlich erledigen kann und wird. Einer, dem eine Lage attestiert wird, die er jetzt, abgelebt, reichlich eingenommen hat, passiv, liegend, erduldend.

Aber jener, der diese Verdikte vorbrachte, trägt ein verwandtes Outfit, das auch der Vater hätte tragen können, wäre jenem nicht etwas an die Gurgel gegangen, hätte ihm nicht etwas entgegen gestanden, hätte sich seiner Sprache nicht ein Knoten in den Weg gestellt. Die sprechende Variante des Vaters, urteilend, selbst sprechend und andern zum Schweigen ratend ohne die Hemmungen, die andere in solchen Lagen zögern, schweigen ließen. Er bildet sich ein, zu wissen, was jetzt das Beste sei, er genießt das freie Spiel der Gurgel, ohne irgendeine Schuld bei sich zu sehen. Er schwimmt obenauf, und doch trifft ihn die stille Skepsis der Autorin, deren Schweigen, was die argumentative Ebene angeht, sie vollständig mit dem Schweigen des Vaters solidarisiert: mag sein, dass jener im beigen Hemd Recht hat, die wahre Lage hat er dennoch nicht durchschaut.
Aus der Sicht des Nachgeborenen, des damaligen halben Kindes war das angeratene Schweigen der falsche Weg. Es ist dem Gedicht aufgegeben, sich dem Schweigenden sekundierend zuzuneigen und für das zu sprechen, was jenseits von Schuldfragen und rationalen Lagen von Argumenten, auch jenseits von biographischen oder fiktiven Konstellationen, das Beste ist.

Jayne-Ann Igel

Gegenstände

halbwach lediglich in der sekundantenrolle für das hirn, das
bilder und dialoge produziert, so wie am morgen, als von
vater die rede, der zwar abwesend, aber noch am leben, und
an den die empfehlung ging, nichts zu sagen jetzt, was das
beste in seiner lage (›welche lage?‹ war ich versucht zu fragen,
im wissen um seine ›letzte ruhestatt‹) – jener, der sprach, trug
ein hellbeiges hemd, eines, wie auch vater es hätte tragen
können, den obersten knopf offen, dies bißchen spiel für die
gurgel, statt eines krawattenknotens, der, so schien mir in
der kindheit, auf die kehle drücken mochte und so für vaters
schweigen verantwortlich war …


In: Jayne-Ann Igel: die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen. Frankfurt a.M. (gutleut verlag – reihe licht #2) 2018. 72 Seiten. 20,00 Euro.
Zurück zum Seiteninhalt