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Franz Blei: Das große Bestiarium der modernen Literatur, Teil 4

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Franz Blei:
Das große Bestiarium der modernen Literatur
(1922)

Teil 4

Kleine Grammatik für Anfänger

1.
Eine grammatische Regel ist die Sanktion eines schönen Brauches, nichts mehr und nichts weniger. Wer mit dem Brauche bricht, muß sehr erwogene Gründe sowohl als auch Anstand besitzen.

2.
Hat auch der Instinkt mehr Rechte über die Sprache als die Intelligenz, so ist es in zweifelhaften Fällen doch besser, ein Wörterbuch und eine Grammatik um Rat zu fragen, als das eigene Gefühl.

3.
Dies gilt ganz besonders für jene jungen Leute, welche ihre Sprache nicht in einem Dialekte, sondern in dem Argot einer Großstadt kennen gelernt haben. Oder welche aus einer Branche des werktätigen Lebens – Handel und Industrie – in die Literatur treten.

4.
Aber auch für jene, welche die Sprache in philosophischen Seminarien gelernt haben. Diese mögen sich erinnern, daß erwägen wägen heißt und daß alle abstrakten Worte Figurationen eines materiellen Aktes sind.

5.
Über die ausschlagende Bedeutung des Wortes und der Rede wird die Formel noch gegeben werden. Vorläufig sei bemerkt, daß ratio = oratio, wie λογος Wort und Vernunft, ἀλογος unredend und undenkend bedeutet.

6.
Und erinnert, daß der Mensch, sich der Sprache bedienend, ihr Gefangener wurde auf immer.

7.
Das Wort folgte einer Bewegung, erfolgte aus ihr: gute Augen sehen noch die mimische Bewegung. Man spricht, man denkt nach vorwärts.

8.
Nur ein geringster Teil der Worte einer Sprache, der deutschen z. B., ist in der Schrift fixiert. Die Schrift ist hinter dem gesprochenen Wort zurück, wie das Wort immer etwas hinter dem Gedanken zurück ist.

9.
Da der Mensch das Ganze nicht zu umfassen vermag, trennt er es in Teile. Er trennt, um zu herrschen. Dies ist die erste Tätigkeit der Intelligenz. Analysieren, das ist entbinden.

10.
Nicht zu vergessen, daß wir mehr als vier Jahrtausende Schrift hinter uns haben. Das kindliche Wunder der Metapher packt uns nicht mehr wie zu Zeiten Homers. Die Freude an einem Bilde wissen wir kindlich. Aber wir wissen auch, daß unsere Intelligenz keine andern Interpreten und Dolmetsche hat als die Bilder, die mit einer Geste den »Sinn« unseres Gedankens anzeigen.

11.
Es kommen deshalb die einsilbigen Sprachen, wie das Chinesische, zur Abstraktion nur durch die Metapher, denn sie haben keine Organe entwickelt, die geeignet wären, die verschiedenen Stufen der Analyse zu notieren. In den zarten Fingern des Symbols behaupten sie, die flüchtige Essenz festzuhalten.

12.
Die Sprache transponiert dank dem Gehör, von dem sie direkt abhängig scheint, in die Dauer die Notierungen des Gesichtes, welche dem Räume zugehören. Man kann von einer augenblicklichen Transmutation der Werte eines Sinnes in die Werte des andern Sinnes sprechen. Aber während uns die beiden Ohren einen identischen Eindruck geben, vermitteln uns unsere Augen von dem gleichen Gegenstand zwei etwas verschiedene Bilder. Die Ohren messen die aufeinander-folgenden Momente, kennen nur die Zeit. Das gehörte Gedicht läuft ab und wir sind währenddem in dem Zustand einer gewissen Unsicherheit. Gegenstände des Raumes kommunizieren uns die Augen sofort.

13.
Man kann nur in Worten, das heißt in Bildern, denken. Darum führen die Worte die Welt, und die Ideen gehören, in ihrer unmittelbaren Aktion, den Worten.

14.
Im Anfange genügte es, Worte zu schaffen, um göttliche Figuren zu schaffen. Gewisse Gottheiten des Rig-Veda sind nur verschiedene Bezeichnungen zum Beispiel der Sonne, ihr gegeben entweder nach ihren Aspekten oder von verschiedenen Stämmen des Volkes oder zu verschiedenen Zeiten. Im Verlaufe sterben dann die Götter ins Abstrakte. Man kann von einer Eucharistie der Worte sprechen, durch die wir mit dem Universum kommunizieren.

15.
Die Gottheit als letzte Ursache und als zentrales Prinzip ist uns nur durch ihr proteiformes Attribut faßbar. Das Wort ist das Attribut der Idee. Es bleiben uns zum spielen nur die Reflexe. Uns unbewußt und auch, wüßten wir es, es nicht ändern könnend, endet der Bezeichner damit, das Bezeichnete in sich aufzunehmen, und das präponderierende Zeichen, ausgestoßen kraft der virtuellen Wahrheit der Dinge wegen seines reinen Ausdruckes, wird Werkzeug des Irrtums.

16.
Der Schriftsteller hat das feinste Ohr dafür, zu hören, wann in einem Wortleibe das Herz zu schlagen aufgehört hat. Denn dieser herzlose Leib lebt noch lange weiter und verlangt Achtung für das, was er einmal war. Und ist doch schon längst in die leere Abstraktion gestorben, in ein Klischee. Nur ins Lächerliche ließe sich eine so abstrakt gewordene Konzeption wie »Freiheit« anthropomorphisieren.

17.
Die Worte sind Daguerreotypbilder: sie entfärben sich. Aber die Aspekte der Welt sind unzählbar und wechselnd: ein Aspekt ist vorstellbar nur in Proportion zu allen andern und in instinktiver Vergleichung. Daher wird immer geordnet, und diese Klassifikation hob an mit der ersten wörtlichen Qualifizierung. Es herrscht eine Hierarchie.

18.
Die Reihenfolge im Traktement unserer Grammatiken beruht auf einem Brauche; sie korrespondiert weder mit der Geschichte der Sprache, noch folgt sie einer psychologischen Methode. Sprachgeschichtlich im Anfange steht das Pronomen und das Verbum, und auch die Pronomina sind aus indikativen Partikeln konstituiert worden, bezeichnend das Nähere und das Fernere. Sie schmolzen mit dem zusammen, was später Adverb und Proposition werden sollte. Die aufzeigende Bewegung, die Geste, welche der Wortbildung vorausging und sie begleitete, um zu verschwinden, nachdem das Wort hinreichend fixiert war, wird in der Sprache immer deutlich bleiben. Theoretisch reduziert sich alle Grammatik darauf, die Termini einer variablen Beziehung zwischen Objekt und Subjekt mit allen Resultanten und Umständen zu fixieren.

19.
Im primordialen ›sein‹ sind Subjekt und Objekt ineinander geschmolzen. Ihm folgen alsbald die Attribute des ›sein‹ und all das, was dem Subjekt zugehört, es begleitet, qualifiziert. Durch die Besitzergreifung wird das Subjekt Herr des Objekts, aber das Subjekt selber kann nur erwachen aus dem vielfachen Anstoß des Objektes, vielfach wie die Gegenstände und Umstände des Lebens. Den Expressionisten sei Hegel zitiert: Jede Wirkung ist die Ursache ihrer Ursache und jede Ursache ist die Wirkung ihrer Wirkung.

20.
Alle primitiven Verba sind qualitativ, drücken Variationen von ›sein‹ aus. Sie sind den Pronomen analog, insofern sie eine innere Handlung, welche direkt das Subjekt angeht, übersetzen. Das ausschließlich ein Tun ausdrückende Verbum ist Frucht einer ersten Differentiation von Subjekt und Objekt. Psychologisch sind alle grammatischen Kategorien das Resultat progressiver Differentiationen, Knospenbildung am Stamme – am unendlichen?

21.
Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen. Das ist ein magisches Verbot, bei den Primitiven sprachlich noch ganz lebendig, denn für sie ist der Gegenstand und das ihn bezeichnende Wort noch ganz eng verbunden. Es gibt Stämme, deren Glieder dem Fremden weder ihren eigenen noch den Namen ihres Dorfes sagen aus Furcht, er könne bösen Gebrauch davon machen. Alles Heilige und daher alles Gefürchtete darf nicht bei seinem Namen genannt werden. Genau so verfährt der Argot: die sprachlichen Deformationen, zu denen Gruppen von Individuen gebracht werden, fürchten sich, die magische Konzeption als Basis, aus Gründen einer andern Ordnung, aber immer Personen und Dinge bei ihren wirklichen Namen zu nennen und geben ihnen Namen aus Übereinkunft. Der Argot ist in einem gewissen Sinn der Sprache gegenläufig, indem diese mitteilen, der Argot aber intentional heimlich bleiben will: er dient der Verteidigung einer Gruppe. Der Argot bildet sich in jeder Gruppe aus: im Liebespaar, in Handwerksgemeinschaften, in politischen Bünden usw. usw.

22.
In dem magischen Verbot, den Namen nicht eitel zu nennen, drückt sich vielleicht die Tendenz aus, die Bezeichnung statisch zu erhalten und diese Statik vor Erschütterungen möglichst zu schützen.

23.
Im tiefsten Sinne des Wortes sind die Sprachen gegeneinander verschlossen. In jeder Übersetzung geht etwas verloren und dieses Etwas ist das flüchtige Wertvollste. Die Übersetzung zeigt die Unterseite einer Stickerei. Sie gibt das Metall einer Münze, aber ohne dessen Prägung. Ich sage Stickerei und Prägung: die Unübersetzbarkeit einer Sprache in eine andere gilt also nur eingeschränkt. Man sagt, unübersetzbar seien Gedichte, weil deren Eigentümliches bestimmt sei von einer Abfolge unnachahmbarer Klänge. Diese Meinung sieht das Wesentliche nicht. Ich versuche, es in eine brauchbare allgemeine Formel zu bringen.

24.
Die Physiker unterscheiden eine kinetische und eine potentielle Energie, bezeichnen mit dem ersten eine aktualiter ausgeübte Kraft, mit dem zweiten eine Kraft, die ein Körper auszuüben in der Lage ist. Diese Terminologie, auf die Sprache angewendet, stellt sich das literarische Mittel dar als eine gradierte Mischung von kinetischem und potentiellem Sprechen. Kinetisch ist und nichts als das die Wortfolge: der Zug geht um 8 Uhr 20. Eine rein kinetische Sprache gibt es als literarisches Mittel nicht, auch nicht in der absurdesten Romanprosa. Nichts als potentielle Sprache gibt es literarisch nicht, denn man kann aus Worten keine Musik machen, oder Worte eines Gedichtes werden, mir vorgelesen, bloße Klanggebilde dann, wenn ich die Sprache des Gedichtes nicht kenne. Jede literarische Sprache jeder Zeit und jedes Volkes ist Mischung aus kinetischer und potentieller Sprache: Grad und Energie dieser Mischung sind variabel im Werke sowohl wie in den Literaturen der Zeiten und der Völker.

25.
Dem Liede oder der Ballade, deren Sprache sich dem Kinetischen sehr annähert, ist das Potentielle durch die in Rhythmus und Reim mitschwingende Musik gegeben. Ohne diese Musik, etwa in Prosasätze aufgelöst, wäre die grobe Kynesis von »Über allen Wipfeln« eine Banalität, als welche das Lied oft jenen erscheint, die es nicht zu hören vermeinen. Auf die durch Rhythmus und Reim beigebrachte potentielle Qualität verläßt sich auch immer der Dilettant in der Herstellung seiner Gedicht-Erzeugnisse. Das anzudeutende Extrem ist die Primadonna, welche mit höchster Wirkung das Alphabet singt.

26.
Zur Vermeidung des Mißverständnisses unserer Terminologie, daß damit als literarisches Sprachmittel jenes bezeichnet sei, das eine doppelte Meinung habe, also allegorisch sei, hat Robert Musil für potentiell das Wort irisierend vorgeschlagen. Ich zitiere es, um damit das Gemeinte deutlicher zu machen. Es hat die Formel nichts mit der Allegorie zu tun, auch nicht mit dem bewußten Symbolismus. Sie betrifft nicht die Dinge, sondern die Worte selber, in deren Wahl, Ordnung und Melos man die Verbindung kinetischer und potentieller Sprache zu erkennen hat. Dies wird deutlich im Falle der Übersetzung aus einer Sprache in eine andere. Ohne jeden Verlust ist rein kinetisches aus jeder Sprache in jede Sprache übertragbar. Aber potentielle Sprache wäre es nicht, sondern wäre kinetisch, wenn sie sich anders ausdrücken ließe als durch sich selber. Die Übersetzung eines Gedichtes gibt nur dessen kinetischen Gehalt, den »Sinn«, wieder, und der ist das wenigst wertvolle des Gedichtes. Die bedeutendste Leistung deutscher übersetzter Kunst, Borchardts Dante und Swinburne sind Gedichte Borchardts – Dantes und Swinburnes nur in der philologischen Bedingtheit, nicht in der ästhetischen.

27.
Je näher ein Gedicht dem kinetischen Sprechen kommt, um so größer ist seine Popularität und umgekehrt: je stärker die potentielle Sprache eines Gedichtes ist, um so »unverständlicher« wird es für die Menge, welche sich nur des kinetischen Sprechens bedient in der Vorbringung von Fakten, Situationen, Geschichten. Da die Prosa in der Regel einen größeren Teil kinetischen Sprechens enthält als potentiellen, ist die Prosa mehr gelesen als das Gedicht. Im Zeitlichen: was ehmals potentiell war, verliert dies: das ganze 18. Jahrhundert beurteilte das elisabethanische Drama kinetisch: dieses hatte in diesem Zeitalter seinen potentiellen Charakter verloren, um ihn erst durch die kritische Restauration Lambs wieder zu gewinnen. Die außerordentliche Popularität des Verses im 18. Jahrhundert verdankt er seinem starken kinetischen Charakter, der das Potentielle fast gänzlich verdrängte. Das Extrem des Gedichtes im 18. Jahrhundert ist schlechte Prosa. Das Extrem des symbolistischen Gedichtes – nommer un objet, c'est supprimer les trois quarts de la jouissance du poème, qui est faite du bonheur de deviner peu à peu, le suggérer, voilà le rêve (Mallarmé) – ist völlige Entsinnung zugunsten einer suggestiven Musik.

28.
Voltaire würde das fast rein kinetische seiner Gedichte als das gute Gedicht bezeichnet haben, wie es Mallarmé mit seinem fast rein potentiellen Gedichte tat. Dieser hat jenes schlecht, jener hätte dieses schlecht genannt. «Wer die Formel von kinetischem und potentiellem Sprechen gebraucht, vergesse nicht, daß es sich immer um eine Relevanz handelt.

29.
In einem frühern Paragraph dieser kleinen Grammatik ist gesagt, daß der Gedanke immer um ein kleines dem Worte vorhergeht, dem bestimmten Worte, das ihn dann ausdrückt. Das wird ketzerisch jenen vorkommen, die aus den Worten denken, besser noch: welche die Worte denken lassen, durch eine Wortwüste schwimmen, von einer Wortoase zur andern, d. h. sich von stark mit Assoziationen geladenen Worten diktieren lassen, was sie zu denken haben. Dies ist nur eine zeitgemäße Notierung. Denn in früheren Zeiten wäre kein Anlaß gewesen, so Selbstverständliches auszusprechen. Was auch von den folgenden Paragraphen zum Kapitel Stil gilt.

30.
Der Stil ist des Menschen, sagte Buffon. Er meint, er sei das Zeichen einer menschlichen Intelligenz und Sensibilität, also der Person zugehörig und änderbar nur mit dieser. Die Physiologie bestimmt ihn gewiß stärker als Lernen und Belehrtwerden. Die Zahl des Gegenständlichen in der Kunst – »Motiv«, »Sujet«, »Problem«, »Inhalt« – ist sehr beschränkt, aber unbeschränkt ist die Zahl der Personen, welche diese Gegenstände denkend variieren. Daß die nachgoetheschen Faustdichtungen nichts taugen, liegt nicht an der banal gewordenen Fabel, sondern an der gewollten stilistischen Imitation der Epigonen.

31.
Es gibt keine Überlegungen des Stiles. Er kommt dadurch nicht zustande, daß man seiner bedacht ist. Man sieht, empfindet, denkt und – riskiert die Mitteilung, das ist alles. »Der große Schriftsteller,« sagt Ernest Hello, »gibt seinen Stil, das heißt sein Wort.« Aber immer ist auch an des Naturforschers Wort »le style est l'homme même« zu denken, der die Artikulation des Wortes in Abhängigkeit bringt von besonderer Art des Schnabels, Befestigung der Zunge, Diameter der Kehle, Kapazität der Lunge.

32.
Man spricht von einem visuellen und einem emotiven Gedächtnis. Welche bloß das erste besitzen, werden von einer Landschaft die Erinnerung eines mehr oder weniger deutlichen Bilds bewahren. Der Emotive wird sich bloß der Empfindungen erinnern, welche der Anblick der Landschaft in ihm auslöste. In glücklichen Fällen gibt es eine sich das Gleichgewicht haltende Mischung beider Gedächtnisse. Wo das Visuelle dominiert, dort wird man einen stärkeren Stilwillen merken können, und dort, wo das Emotive stärker ist, wird, was man Stil nennt, auf den zweiten Platz rücken, wohin es gehört. Es ist außer Zweifel, daß die Visuellen, arbeitend wie Maler in Kombinationen von Farben und Worten, intellektuell jenen unterlegen sind, welche für die Dinge die Zeichen substituieren und sie ohne Intervention von Sensibilitäten mitteilen: denn dieses ist die höchstmögliche Leistung dann, wenn, der sie übt, diesen Zeichen seine eigene Sensibilität zu geben vermag, kraft derer sie allein den Sinn bekommen. Die Worte und Sätze werden lebendig nur von dem Leben dessen, der sie braucht, nicht aber sind sie es schon durch die in ihnen angehäufte Sentimentalität, was sie zu Klischees macht. Rilke ist der umfangreichste Dichter dieser Klischees.

33.
Der Anfänger achte darauf, daß die Worte nicht nur eine plastische und eine emotionale Eigenschaft haben, daß sie nicht nur klingen und mehr oder minder selten sind, sondern daß sie ihre Rasse haben; und daß viel auf die Reinheit ihrer Rasse ankommt, denn in ihr liegt der Eigenwert des Wortes.

34.
Den Stil bestimmt die Struktur des Denkens: das Material der Fakten erhält das Denken von dem, mit dem es in Beziehung steht. Dieser Gedanke Taines ist der fruchtbarste zu der ganzen Angelegenheit.

35.
Der Vergleich, heute von denen meist unglücklich geübt, welche, man weiß nicht warum, Kampf der Metapher ankündigen, ist die Elementarform der visuellen Phantasie. Er ist, Vorläufer der Metapher, eine Metapher, in der beide Vergleichspunkte genannt sind. In der Metapher ist nur ein Vergleichspunkt genannt. Homer hat keine Metaphern. So wenig wie die älteren Veden, die ganz symbolischer Ausdruck sind, wie alles Sakrale. Die Metapher ist durchaus modern. Erst die modernen Dichter, ganz entsprungen dem Gefängnis des Wortes und doch dessen Mal wie ein Sklavenzeichen tragend, können lügen. Flaubert kann lügen, Homer nicht. Der Moderne opfert die visuelle Logik der imaginativen Logik. Der Moderne vermag das doppelte, dreifache gleichzeitig auftauchende Bild bei der Idee eines Faktums nicht zu dissoziieren. Der Antike sieht, die Märtyrerin mit der Taube vergleichend, die Seele der Jungfrau als Taube zum Himmel fliegen. Die Kinder werden mit Engeln verglichen, also werden sie Engel im Himmel, wenn sie sterben. Die ersten schüchternen Metaphern schufen, falsch verstanden, sekundäre Mythologien. Jedes Klischee war einmal eine neue Metapher. Diejenigen, die heute gegen die Metapher sind, gebrauchen sie trotzdem und unfähig, neue zu bilden: Klischees.

36.
Das Klischee auszuschließen, ein solches Verlangen würde, erfüllt, jeden Satz rätselhaft machen, so sinnlos wie die Forderung nichts als potentieller Rede im Gedichte. Man muß nur die Scheiben der alten Laterne putzen und sie richtig halten, dann kann sie besser leuchten als ein neuerfundenes Patentstreichholz. Man soll nur Worte gebrauchen, deren Sinn man gut kennt, das heißt den symbolischen Konnex mit der Realität. Die naive Dummheit ist weit wertvoller als die falsche Gescheutheit. Jeder Stil ist nur so viel wert wie der Gedanke, den er mitteilt. Alle gut gedachten Werke sind auch gut geschriebene. Aber der Satz gilt nicht in seiner Umkehrung. Man darf sich nicht schreiben hören (wie die deutschen Wildes).

37.
Jemand schreibt »einen klassischen Stil«. Das wird gewöhnlich über Leute schulmeisterlicher Art ausgesagt, die gar keinen Stil haben, also überhaupt nichts zu schreiben haben. Diese Leute haben schreibend immer ihre Sonntagskleider an und fordern die Aufmerksamkeit dafür vom Leser. Da ist keine Zeile, die den Eindruck macht, als ob sie sich selber geschrieben hätte. Solches Schreiben ist der bis ins Greisenalter perpetuierte Schulaufsatz, den abzuschaffen höchste Zeit ist, wenn die Kunst des Schreibens gerettet werden soll.

38.
Die Prosa ist ihrem Wesen nach und aus ihren großen Künstlern dahin definierbar, daß der Prosaist zwei Funktionen erfüllt: er integriert in die geschriebene Sprache alles das aus der gesprochenen Sprache seiner Zeit, das ihm erhalten zu bleiben wertvoll dünkt. Dies ist die eine Funktion. Die andere ist: er formt Grammatik und Syntax über die subtilsten und lebendigsten Bewegungen seines Denk-Fühlens, seines und dessen seiner Zeit. Er wählt und verwirft nach einem unbekannten, aber ihm geläufigen Gesetze.


Quellenschriften des Bestiarium

Es erübrigt sich, den interessierten Leser auf seine Lieblingsbücher zu verweisen, als da sind des Herrn E. Engel »Historia Naturalis der teutschen literarischen Fauna im 19. Jahrhundert, aus dem Genius der teutschen Sprache, wie ich sie rede, erfaßt«. Oder des Herrn Bartels Werk »Die Deutschen Literatiere nach ihren Nasen betrachtet«. Oder des Herrn Richard M. Meyer »Einer- und anderseitige Literatur des 19. Jahrhunderts dem deutschen Gemüte nach«. Oder der ähnlichen Bücher von Kluge, Koch usw. Es werden im folgenden Quellennachweis vielmehr nur Schriften aufgeführt, die sich spezialisiert mit dem Gegenstande befassen. Und auch hier war Auswahl geboten. Denn Tag um Tag kommt hier Neues an den Tag, den es heute nicht zu scheuen braucht. Zahllos sind die staatlichen Institute oder Seminarien, in denen sonst beschäftigungslose junge Leute aller Geschlechter von den dazu Berufenen in der Erforschung unserer Tiere durch Wort, Zuruf, Schrift und ermunterndes Beispiel angelernt werden. Man arrangiert Ausflüge zu den kürzlichen Geburtsstädten moderner Dichter, deren glückliche Mütter sich oft nicht scheuen, das Wochenbett zu verlassen, in dem sie noch von dem Dichter liegen, um die wissensdurstige Schar zu empfangen. Man veranstaltet Bierabende und Kegelschieben, um die noch Säumigen auf diesem Umwege zur Kenntnis der modernen Literatur zu bringen. Aber nicht nur die offizielle Wissenschaft ist fieberhaft tätig. Jeden Tag bringen auch die Gazetten neue Details. Vorträge überstürzen sich. Preisaufgaben stoßen sich im Raume – kurz, es ist überwältigend zu sehen, mit welchem Eifer sich eine Nation mit ihren Tieren beschäftigt. Hier also nur aus erdrückender Fülle eine kleine Auswahl der wichtigsten Ergebnisse solchen Eifers.

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Muncker, Prof. Dr. Franz, Der Thomasmann in seiner Beziehung zu Klopstocks Züricher Wohnung an der Schifflände. Lit. Centralblatt Nr. 110, pp. 378 bis 380.
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Biographische Belustigungen

Die beim deutschen Volke beliebtesten Literaturgeschichten stellen den Inhaltsangaben der respektiven Werke immer eine Erzählung des Lebens ihrer Verfasser voraus, kürzer oder länger, je nach der Beliebtheit. Manche gehen weiter und verflechten Werk und Leben des Belletristen oder Dichters in ein Ganzes, wobei das private Leben immer dort den Faden aufnimmt, wo dem Historiker der ästhetische Faden ausgeht oder umgekehrt. Der Erfolg des großen Bestiarium sollte nicht unter dem Mangel solcher biographischer Belustigungen leiden. Wir haben sie vom kritischen Teile sauber abgetrennt und geben sie in der essentiellen Form der Anekdote. Zu einer umfangreicheren Konzession konnten wir uns nicht entschließen. Einerseits sind wir, wie man sieht, theoretisch anders verpflichtet, andrerseits fürchteten wir, bei näherer Kenntnisnahme des Lebens unserer Verfasser das geringe Interesse, das sie uns einflößen, ganz zu verlieren. Mit den Anekdoten taten wir unser Möglichstes. Ultra posse, nicht wahr?
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Ein junger revolutionärer Literat rief: »Ich brauche zehntausend Bourgeoisköpfe!« – »Ich würde mich mit dem Ihren begnügen«, sagte Rudolf Kassner.
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Jemand fragte Arthur Schnitzler, der aus einer Gesellschaft kam, wie er sich unterhalten habe. »Ohne mich,« sagte der Plauderer, »hätte ich mich sehr gelangweilt.«
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In Wien wurde einmal der Nachlaß einer wegen ihrer Liebschaften mehr als wegen ihrer Kunst berühmten Schauspielerin öffentlich versteigert. Einige bejahrte Damen fanden entrüstet, daß die Preise zu hoch gingen. »Diese Damen,« sagte Franz Blei, »hätten die Sachen am liebsten zum Selbstkostenpreis. «
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Bei der Aufführung eines Stückes von Georg Kaiser sagte jemand: »Das Stück ist sehr schmeichelhaft für Carl Sternheim.«
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Es war Schickele, der einmal die Annette Kolb le plus honnête homme du monde nannte. Die selbige Annette nannte jemand in Bern, als sie große Sympathien für den Kommunismus zeigte, die Précieuse radicale.
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Auf den ehrgeizigen Carl Sternheim hat man folgendes Epitaph verfaßt: »Hier ruht Carl Sternheim. Es ist der einzige Platz, nach dem er nicht gestrebt hat.«
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In Berlin trat ein sehr mageres Tanzpaar auf. Wedekind sagte: »Es ist, als ob zwei Hunde um einen Knochen rauften.«
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Oscar Wilde wollte einen Roman über die Blutschande schreiben und ihn Jean Lorrain widmen als »Dem Einzigen, der mich verstehen kann«. »Aber,« sagt etwas konsterniert Lorrain, »ich habe gar keine Schwester.« – »Mein Lieber, haben Sie nicht Ihre alte Mutter?«
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Jemand traf Carl Sternheim allein in den Isarauen spazieren. »Was machen Sie da, Herr Sternheim?« – »Ich unterhalte mich mit mir selbst.« – »Dann seien Sie auf der Hut, Herr Sternheim, Sie unterhalten sich mit einem großen Schmeichler.«
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K. Edschmid las an einem Morgen seines achttägigen Pariser Aufenthaltes im Petit Journal, daß nachts vorher in der Rue Frochot eine Rauferei gewesen und dabei ein persischer Untertan verhaftet worden sei. Edschmid war es so, als hätte er vor zwei Tagen eine Gasse passiert, die er Rue Frochot las. Er pflegt seitdem gern zum Beweise seiner Lebenserfahrung seine Rede mit den Worten einzuleiten: »Ich, der ich mich in Paris mit Persern stach...«
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Wedekind betrat ein Speiselokal, dessen alle Tische besetzt waren, bis auf einen, an dem nur Halbe saß, mit dem er gerade »bös« war. Er ging trotzdem auf den Tisch zu, fragte, ob hier Platz sei. »Ich pflege allein zu essen«, sagte Max knurrend. Wedekind wies auf den Kalbskopf, den der berühmte Dramatiker verspeiste und sagte: »Aber, Sie sind doch bereits zwei, Herr Doktor Halbe.«
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Es war der neue Roman »Das Herz in der Faust« von Ganghofer erschienen, und der Dichter wurde von seinem kaiserlichen Herrn im Hauptquartier empfangen mit den Worten: »Das war wieder mal ein Schuß ins Schwarze, mein lieber Ganghofer.« – »Wir tun alle nur unsere gutdeutsche Pflicht«, sagte schlicht der Verfasser. Die gerade anwesende Kaiserin zerdrückte gerührt eine Träne.
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Franz Werfel wurde im Kriegspressequartier damit beauftragt, Worte und Aussprüche zu erfinden, die Kaiser Karl bei öffentlichen Anlässen von sich geben könne. Werfel erfand mit vieler Freunde Hilfe eine Menge. Das beste Wort aber machte der viel mehr als witzige Anton Kuh: »In meinem Reiche geht die Sonne nie auf.«
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Altenberg trifft auf der Straße einen seiner vielen ihm unbekannten Bekannten und wird zum zweiten Frühstück eingeladen. Herr Buda macht auf Altenberg einen nervösen Eindruck und erklärt das damit, daß er zehntausend Kronen in der Tasche habe. Er wolle sie nachher auf die Bank tragen. Peter A.: »Auf die Bank? Um von einem schmierigen Kommis darüber eine schmutzige Quittung zu erhalten? Für zehntausend Kronen bekommen Sie das schönste Mädchen von Wien, das Ihnen und Ihnen allein ihr Lächeln schenkt, ihre Seele, ihren süßen Leib. Und die Bank? Kauft Papiere dafür, die Sie schlaflose Nächte kosten, die Sie, auch schlaflos, aber wie anders, in den Armen...« Altenberg redet sich in Ekstase, Herr Buda springt auf, er werde in zehn Minuten wieder zurück sein. Herr Buda kommt zurück. »Meine Nervosität war zu groß. Ich habe mein Geld auf die Bank getragen. Ich hab nur zwanzig Kronen zurück behalten.« – »Zwanzig Kronen? Dafür können Sie das schönste Mädchen von Wien haben.« – »Was für ein Mädchen?« – »Von dem ich Ihnen vorhin erzählt hab, das schönste Mädchen von Wien, nur viel jünger.«
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Jemand, der viel von Altenbergs Witz gehört hatte, setzte sich an seinen Tisch. Peter schwieg eine geschlagene Stunde lang. Der Herr äußerte sein Erstaunen. Darauf Altenberg: »Ich glaube, Sie verwechseln mich mit dem Doktor Friedell.«
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Flake sagt, daß ihm ein Manuskript gestohlen worden sei. Schickele bemerkt: »Der Dieb kann nur einer sein, der nie was von dir gelesen hat.«
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Wilhelm II. hatte nach Sanssouci seine Tafelrunde geladen: Lauff, Ganghofer, Herzog, den Dichter von Charleys Tante und Leoncavallo. Clewing hatte seine Gitarre mitgebracht, daher bliesen Majestät nicht die Flöte. Sonst aber war alles fridericianisch.
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Wedekind war in Komplimenten nicht glücklich. Einer Schauspielerin, welche in der Rolle der Kleopatra aufgetreten war und meinte, für die Rolle müsse man schön und jung sein, sagte Frank: »Nun, meine Gnädige, Sie beweisen das Gegenteil.«
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Schüchtern wie Wedekind war, fiel er immer mit der Tür ins Haus und manchmal auch gleich durch das ganze Haus durch. Manche seiner Tischdamen werden sich seiner stereotypen Frage nach der ersten halben Stunde Schweigens erinnern: »Mein Fräulein, sind Sie noch Jungfrau?« Von einer Siebzehnjährigen bekam er einmal die Antwort: »In Ihrer Gesellschaft bliebe ich es bestimmt bis an mein Lebensende.«
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Dem höchst fruchtbaren und redseligen C. Hauptmann entschlüpfte in einer Gesellschaft ein Geräusch. Jemand sagte: »Dieser Ton von ihm ist mir lieber als wenn er redet.«
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Wedekind lag an einem gebrochenen Bein zu Bett und Halbe besuchte ihn, trotzdem man »bös« war. Man versöhnte sich. Als Wedekind wieder ausging, begegnete ihm der berühmte Verfasser schöner Stücke, der ihn grüßte. Wedekind sah in die Luft. »Aber Frank, wir haben uns doch versöhnt!« – »Das war nur für den Sterbefall, Herr Doktor Halbe«, sagte Frank und ging weiter.
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Schnitzler sagte: »Als Redakteur der Schönen blauen Donau hat mich Rudolf Lothar in die Literatur gebracht, jetzt hätte er mich allerdings lieber wieder draußen.«
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Hermann Bahr wollte vor Jahren eine Reise nach Rußland machen, hatte aber nicht genug Geld. »Ich schreib halt erst die russische Reise und fahr für das Honorar hin, nachschaun, ob's stimmt.« Damit ist H. Bahr auch, wie alles sonstigen Modernen, der Stammvater des Expressionismus geworden.
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Vom Nebenzimmer aus vernahm man Geräusch eines lebhaft geführten Gespräches, das Carl Sternheim und ein sächsischer Diplomat miteinander führten. Und zwar über Marx. Erst nach eineinhalb Stunden kamen die beiden Herren darauf, daß Sternheim den Marx, Herr von N. den Max von Baden gemeint hatte.
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Max Halbe wurden in einem Berliner Hotel die Stiefel gestohlen. Er depeschiert seiner Frau: »Stiefel gestohlen, kann nicht reisen.« Antwort von Frau Halbe: »Unbegreiflich. Nimm sofort besten Anwalt.«
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Friedell stand vor einer gerahmten Sache, auf der mit blauer und roter Ölfarbe Kreise und Elipsen gemalt waren. Der Maler erklärte, das sei Ragusa. »Da sehen Sie«, sagte Friedell, »wie ich von Kunst gar nichts verstehe. Ich hätte das für Spalato gehalten.«
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An dem Tage, da der achtzehnjährige Lyriker T. Kriegsminister wurde und zum ersten Male mit einem Portefeuille –. Wie? Aber die Anekdote ist ja schon zu Ende, meine Herren.
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Franz Hessel hat lang in Paris gelebt und Heimweh danach. Ich treffe ihn in München, es scheint die Sonne. Aber er hat den Regenschirm aufgespannt, die Hose aufgekrempelt. »Warum denn, Herr H.?« – »Es regnet in Paris,« sagt er.
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November 19 sagte Sternheim: »Man kann schon wieder mit Paris verkehren.« Meine Bemerkung, es dürfte noch Peinlichkeiten haben, überhörend, fährt er fort: »Ich habe gestern zwei Hypotheken nach Frankreich vergeben.«
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Als d'Annunzio, il Imaginifico, in seiner Villa in Capponcina wohnte, kam er jeden Sonntag mittag in schneeweißem Anzug auf alabasterweißem Schimmel auf den Marktplatz geritten und hörte da, unbeweglich er und das Pferd, der Musik der Dorfkapelle zu. »Signore Gabriele probiert sein Monument,« sagten die Bauern.
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Als Wilde im Sterben lag, sagte ein Bekannter zu ihm: »Wenn Sie droben im Himmel meine Frau sehen, sagen Sie ihr –« Wilde unterbrach: »Ach besorgen Sie doch Ihre Angelegenheiten selber.«
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Einige Wochen nach einer Börsenhausse erzählt Sternheim bei dem Dichter E. A. Rheinhart: »Ich hab da ein paar Literaten Tipps gegeben, und sie haben ganz nett verdient. Mein Gott, keine großen Summen, aber für einen Literaten ganz nett.«


Verabschiedung des Lesers

Auch das Beste muß einmal zum Schluß kommen. Zumal Dickleibigkeit dem Bestiarium im guten Fortkommen nicht hinderlich sein soll. Aber es wird demnächst der Vorhang aufs neue in die Höhe gehen und agiert soll werden: Neue Gespräche Goethes mit Eckermann. Mit allerlei Scherz- und Zwischenspielen. Man sei aber immer an das gute Wort von Chesterton erinnert, das lautet: It is better to speak wisdom foolishly, like the Saints, rather then to speak folly wisely, like the Dons. Unzufriedene werden sagen, daß sie hier die Weisheit vergeblich suchten. Denen aber sage ich mit dem Apostel: »Nicht daß ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte.« Wobei mir einfällt, daß ich diese Verabschiedung des Lesers recht eigentlich mit Zitaten füllen könnte, da Zitieren einen kenntnisreichen und gebildeten Eindruck macht und der Leser, zumal der deutsche, solchen Eindruck liebt. Nahe liegt da Jean Paul mit dem Satze: »Ideen sind unser Schwert, die Literatur unser Schlachtfeld.« Etwas weiter hergeholt, aber passend ein Satz aus dem Novum Organon des Bacon: »Intellectui non plumae, sed plumbum addenda«, was ich übersetze: »Dem Geiste tut nicht Federn (Karl), sondern Blei (Franz) not.«
    Das Bestiarium ist, ich weiß es, der Gefahr ausgesetzt, von den Witzbolden mißverstanden zu werden, zumal bei uns, wo mangels esprit der Witzbold so heimisch ist wie der Trauerbold, jener von diesem durch einen untiefen Abgrund getrennt, über den das fragliche Gebilde des deutschen Humores die Brücke zu schlagen versucht. Ich weiß mich jedes Humores gänzlich unschuldig. Ich bin mehr für die fröhliche Weisheit des Lächelns, jene gentilezza des Lächelns, welche den Lächelnden in das Belächelte einschließt. Dazu gehören als Voraussetzung Freiheit und Froheit des Geistes, Gefühl guten Blutes, nachbarlicher Anstand, liebwerte Sitten, – lauter Tugenden, die, wie man weiß, die heutigen Deutschen in so hohem Maße besitzen.
    Nun sage ich Adieu. Der Mannigfaltigkeit dieses Inhaltes wenigstens eine äußere Einheit zu geben, folgt hierauf ein von Katja Schatzberger genau angefertigtes Register der Personennamen, Edschmid neben Homer, Bonsels neben Goethe und Karl Kraus neben

Ihrem Diener
Fr. Blei.


Register der Eigennamen

Abraham a St. Clara
Alexander d. Gr.
Altenberg
Anakreon
Andrian
d'Annunzio
Archilochos
Archimedes
Auernheimer, R.
Aurelius Ambrosius
Avenarius, Richard

Baco von Verulam
Bahr, H.
Beer-Hoffmann
Barrès, M.
Bartels, A.
Bauch, Prof.
Baudelaire
Baudisch, O.
Baumgarten, F. F.
Becher, J. R.
Beethoven
Bekker, P.
Benedikt, M.
Benn, G.
Bergson
Bie, O.
Bierbaum, O. J.
Bizet
Björnson
Blei, F.
Bleibtreu, K.
Bloch, E.
Bloehm, W.
Boecklin, A.
Boelsche, W.
Bonsels, W.
Bourget, P.
Borchardt, R.
Borchert, Prof.
Borgia, Cesare
Brod, M.
Brombacher, H.
Brezina, F.
Bronnen
Browning, R.
Buber, M.
Buddho
Buffon
Burte
Busse, C.
Byron

Cabell
Caesar, Jul.
Cassirer, P.
Cézanne
Chamberlain
Chesterton
Claudel, P.
Clewing
Coleridge
Conrad, M. G.
Conrad v. Hötzendorf
Courts-Mahler
Croce, B.

Dalago, K.
Dante
Darwin
Däubler, Th.
Dauthendey, M.
Dehmel, R.
Descartes
Dilthey, W.
Döblin, A.
Dostojewski
Dröhm
Dumas fils
Dyck, van

Eckermann
Edschmid, K.
Ehrenstein, A.
Einstein, K.
Eloesser, Dr.
Emerson, R. W.
Engel, Prof.
Ernst, P.
Essig, H.
Eulenberg, H.
Eucken, Prof.
Euripides
Ewers, H. H.

Federn, K.
Feistauer
Fischer, J.
Fischer, S.
Flaischlen, C.
Flake, O.
Flaubert
Fontana, M.
Förster, F. W.
France, A.
Frank, L.
Freiligrath
Freksa, F.
Frenssen
Freud, S.
Frey
Friedenthal, J.
Friedell, Dr.
Fulda, L.
Fuchs, B. A.
Funk, Ph.

Ganghofer, L.
Gauguin
George, St.
Gerardy
Gide, A.
Ginzkey
Giotto
Godwin, K.
Goethe
Gogh, van
Goltz, J. v. d.
Gorki, M.
Gourmont, R. de
Greco, Il
Grillparzer
Groos, K.
Gulbransson, O.
Gundelfinger
Gundolf
Guenther, Chr.
Gütersloh, P.

Haeckel, E.
Haendl
Halbe, M.
Hamsun, K.
Handl-Mazetti, E.
Hardekopf, F.
Harden, M.
Hardt, E.
Hasenclever, W.
Hatvany, L.
Hauptmann, Carl
Hauptmann, Gerhard
Hausenstein, W.
Hauser, K.
Hecker, Th.
Heer, J. C.
Heim, Dr.
Heimann, M.
Hello, E.
Hennings, E.
Heraklitos
Herrick, R.
Herzl, Th.
Hesse, H.
Hessel, F.
Herzog, L.
Heymel, A. W.
Hille, P.
Hiller, K.
Hindenburg
Hölderlin
Hofer, K.
Hofmannsthal
Holz, A.
Homer
Huch, R.
Hugo, V.
Humboldt, W. v.
Huysmans, J. R.

Ibsen
Ingres

Jacobsohn, S.
Jammes, F.
Jean Paul
Jensen, J. V.
Johst, H.

Kafka, F.
Kaiser, G.
Kant, J.
Karlchen
Kassner, R.
Keats
Keller, G.
Kellermann, B.
Kerr, A.
Keyserling, Graf
Kiepenheuer
Kierkegaard, S.
Kipling, R.
Kippenberg, A.
Klabund
Kleist
Kluge, Prof.
Kokoschka
Kolb, A.
Kolbenheyer
Kornfeld
Korolenko, W.
Kranewitter
Kraus, K.
Kutscher, A. Prof.

Lasker-Schüler
Lauer, K.
Lauff, K.
Lautensack, H.
Leibnitz, W.
Lenau, N.
Lenz, M. R.
Leoncavallo
Lessing
Liegler, K.
Lienhardt, F.
Liliencron, D. v.
Lissauer
Loerke, O.
Lothar, R.
Lowell, W. D.
Lukianos
Luther, M.

Maeterlinck
Maistre, J. de
Marées, H. von
Marinetti
Mallarmé, St.
Mann, H.
Mann, Th.
Marc, F. Marie Madelaine
Marlitt
Martens, K.
Martersteig
Maupassant
Max von Baden
Melas, M.
Mell, M.
Mencken, L. B.
Meredith, G.
Meyer C. F.
Meyer, R. M.
Meyrink, E.
Michelangelo
Mimnermos
Molière
Molo, W. von
Mombert
Mörike
Morgenstern, Chr.
Müller, G.
Müller, H.
Müller, R.
Muncker, F. Prof.
Münchhausen, von
Musil, R.

Nadler, J.
Negelinus, Dr.
Nerval, G. de
Nietzsche
Nithart
Noske, Gen.

Oehlke, Prof.
Ompteda, von

Pascoli, G.
Pannwitz
Paulus
Peladan, S.
Perikles
Petronius
Peyronnet, A.
Pfemfert, F.
Phidias
Philippe, Charles Louis
Pindaros
Platon
Plutarchos
Polgar, A.
Prévost, M.
Presber
Propertius
Pulver, M.

Rabindranath Tagore
Racine
Raffael
Rathenau, W.
Reiser
Reiß, E.
Rembrandt
Renan, E.
Rilke, R. M.
Rimbaud, A.
Ringelnatz, J.
Rosegger
Rossetti, D. G.
Rostand, E.
Rowohlt, E.
Ruskin

Salus, H.
Salten, F.
Salz, Prof. A.
Sand, G.
Sardou
Sainté-Beuve
Shakespeare
Shaw, B.
Schaeffer, A.
Schaukal, R.
Scheidemann, Gen.
Scheler, M.
Schering
Schiebelhuth, H.
Schickele, R.
Schiller
Schlaf, J.
Schleich, Prof.
Schlenther, P.
Schmidtbonn
Schmitz, O. A. H.
Schnack, F.
Schnitzler, A.
Schönherr
Scholtz, W. von
Schröder, R. A.
Schwabach, E. E.
Simon, H.
Sokrates
Sombart, W.
Sorge, J.
Spengler, O.
Spielhagen
Spitteler
Staackmann
Starke, O.
Steffen, A.
Stehr, H.
Stein, Frhr. v.
Steiner, R.
Stendhal
Sternheim, C.
Storm
Stößl
Stratz
Strauß, E.
Strauß, R.
Stresemann, Dr.
Strindberg
Stucken
Suarès, A.
Sully Prudhomme
Swinburne

Taine, H.
Tennyson
Thoma, L.
Tönnies, Prof.
Tolstoi
Torquemada
Tovote, H.
Trebitsch, S.
Treitschke, H.
Tröltzsch, Prof.
Tyrtaios

Ullmann, R.
Unruh, F. von

Vaihinger, Prof.
Vergil
Verhaeren, E.
Vischer, F. T.
Villon, F.
Vollmöller, K.
Voltaire

Wagner, R.
Walser, R.
Wassermann, J.
Weber, M. von
Wedekind, F.
Weigand, W.
Weininger
Weiß, Konr.
Werfel, F.
Whitman, W.
Wieland
Wilamowitz, Prof.
Wilde, O.
Wildgans
Wilhelm II.
Wille,
Wolff, K.
Wolfenstein,
Wolfskehl, K.
Wolters, Fr.

Zahn, E.
Zech, P.
Zobeltitz
Zola, E.
Zuckerkandel, B.
Zweig, A.
Zweig, St.

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