Direkt zum Seiteninhalt

Folge 1

Diskurs / Poetik > Diagramme



Jan Kuhlbrodt


Häfners Koordinaten (wie ich sie mir denke)



1.


Suchen Nähe zu Objekten

einen Loreleyfelsen in der Elbe
wir schöpfen Hoffnung, mit hohler Hand
trinken vom Flusswasser, bilden uns ab, reden uns ein
identisch mit digitalen Momentaufnahmen

(Irrtum zeigt im Alphabet Methode, S. 83)


Am Samstag, den 7. Dezember 2013 las ich in einem Buch Eberhard Häfners. Daraus ergab sich eine Lektürewelle. Das Buch auf den Knien (wenn ich lese, sitze ich direkt neben dem Lyrikregal, weil ich mit derartigen Wellen rechne) griff ich von Zeit zu Zeit ein anderes Buch, las ein Gedicht darin, oder zwei, und legte es auf einen langsam anwachsenden Stapel ab. Mein Arbeitszimmer ist klein, der Stapel aber wuchs und drohte umzukippen, womit ich rechnete, denn derartiges war schon oft passiert, und ich sah mich hin und wieder niederknien, um die Bücher aufzuheben und den Stapel neu zu schichten. Doch der Häfnerstapel hielt.



2.

Es gibt Nominalkomposita
innerhalb der pragmatischen Semantik

(Artkombination der Evolution, dto. S. 53)


Gedichte als Kunstwerke sind wie alle anderen Kunstwerke auch autonome Gebilde, sie stehen und sprechen für sich. Um sie zu verstehen brauche ich nichts weiter als den Willen, sie zu verstehen. Alles weitere bildet sich mit und an ihnen aus, indem sie sich Kontexte schaffen, Lektüren eröffnen.
Natürlich entspringen die Werke selbst auch konkreten Kontexten, Diskursen, doch schon im Moment ihrer Geburt sind sie erwachsen und von ihrer Herkunft emanzipiert. Gedichte sind keine Lebewesen! Und es gibt zur Lektüre keine Alternative.


                                           
                3.


An Kunstwerke herangetragene Bestimmungen taugen nur der Sammlung und Katalogisierung, sind Signaturen im Kontext anderer Kunstwerke, um sie im Fundus wiederzufinden und selbst die Bezeichnung Gedicht ist nicht mehr als eine solche Signatur.
Soweit ein Vorab, denn ich werde über Gedichte aus einem Band Eberhard Häfners schreiben, der Irrtum hat im Alphabet Methode heißt, und werde versuchen eine Dichttradition zu entwerfen, die Texte einzuordnen, ihnen Signaturen zu verleihen. Es ist ein wenig wie mit den Längen und Breiten-graden auf einem Globus. Sie existieren in der Welt nicht wirklich, oder eben nur auf der Karte, die eine Abbildung ist. Dennoch ermöglichen sie uns Orientierung. Wir wissen durch sie, wo wir zu wühlen haben, um sie zu finden.



4.
Notiz vom Samstag


…, aber eben, bei der Häfnerlektüre wurde ich angeregt, in meinem Regal nach folgenden Autorinnen und Autoren zu suchen (Eines gab das Andere): Günter Bruno Fuchs, Peter Hille, Else Lasker-Schüler, Robert Walser und Peter Altenberg. Wobei Letzterer wohl aufgrund seines Bartes eher ein Reflex auf Peter Hille war. Dennoch scheint mir hier eine Traditionslinie versteckt. Bohemiens könnte man meinen, trifft aber nicht wirklich die Literatur. Vielleicht sollten wir von der Feinheit des Sprachgewebes sprechen. Spinnennetze. Allerdings fiele Fuchs da ein wenig raus. Eine spezifische Berliner Feinheit (vergangen) ohne Altenberg dann. (letzterer ohnehin nur auf Grund seines Bartes?)


Aus Häfners Vehikel der Unsterblichkeit (dto., S. 87):


die Knebel am Violinenhals quietschen
Isobaren straff gezogen, näher rückt die Front
schweflig die Hyroglyphenblitze

ein Vehikel der Unsterblichkeit, altägyptisch
Nektarinen der Ambrosiamaschine


Jenseits von Expressionismus, Symbolismus und Ästhetizismus war noch was, und das hat untergründig überlebt, in Geheimarchiven vor sich hingedämmert und war zäh, obwohl diese Zähigkeit der Grundfeinheit des Phänomens widerspricht.


5.


Eine andere Literaturwissenschaftliche Theorie, die der von der Autonomie des Werkes nur scheinbar widerspricht, ist die von den russischen Futuristen entwickelte Theorie der literarischen Evolution. In zeitlicher Einordnung könnte man sie als geisteswissenschaftlichen Reflex auf Darwin begreifen. „Deshalb muss eine der kompliziertesten Fragen der Evolution der Literatur –  die Frage des „Einflusses“ –  überprüft werden.“ (Jurij Tynjanow, 1927)


6.

Aus Texten

Und hunderttausend stehen in der Wilhelmstraße, und sie beten.
Und brave Burschen blasen Flöte, Saxophone und Trompeten.
Und bunt in meinem Hirne explodieren laut
er Erntefestraketen
.

Jesse Thoor: (Das Huldigungssonett)


Aber auf der Terasse waren fünf Automaten
Als Sklaven der Menschen nach Tarifen
Des Stromes und Verdienstes angestellt.
Und wer den Beruf hat, legt den Lampion hin,
Bedient das Schaltbrett, lässt Papierschlangen
Durch die Finger gleiten. Und das ist der Sonntag.

Uwe Gressmann: (Zeitenfest)


sein kleiner Bruder ebenfalls
ein Hundesohn, hungrig angesichts der Printen
denn es weihnachtet schon

erdgeschichtlich uns beide gefolgt
als abtrünnige Wölfe, als Duckmäuser
so fern, ja sofern sie domestiziert

Eberhard Häfner: (Hunde, dto., S. 103)


Eberhard Häfner: Irrtum zeigt im Alphabet Methode. Gedichte. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 124 Seiten. 13,90 Euro.

Zurück zum Seiteninhalt