Florian Voß: Testbild zwischen Wandelsternen - Signaturen

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Florian Voß: Testbild zwischen Wandelsternen

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Florian Voß


Testbild zwischen Wandelsternen


Geschrieben Anno Domini 2009




 
 
 
 

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Personen:

Hans und Grete (um die dreißig Jahre alt)
Kevin und Britney (um die zwanzig Jahre alt)
(Sollten von einem Schauspielerpaar gespielt werden)

Anreißer (um die fünfzig Jahre alt)
Hausmeister (um die vierzig Jahre alt)
Jussuf (um die fünfzig Jahre alt)
(Können von einem Schauspieler gespielt werden)

Priester und Messdiener (um die vierzig und zwanzig Jahre alt)
Jungchrist 1 und Jungchrist 2 (um die dreißig und zwanzig Jahre alt)
(Können von einem Schauspielerpaar gespielt werden)

Nachbar 1, Nachbar 2 und Nachbar 3 (um die vierzig Jahre alt)

Einige Jungchristen (stumme Rollen)



Bühne:

(Vermutlich Berlin). Ein Hinterhof mit einem vierstöckigen Seitenflügel. Hans und Grete wohnen im ersten, die drei Nachbarn im dritten Stock, der Hausmeister Parterre. Die restlichen Wohnungen des Seitenflügels stehen leer.
Rechts das unbewohnte, baufällige Vorderhaus mit der Tordurchfahrt zur Straße, links eine mannshohe Hofmauer, daneben eine weit ausgreifende Linde. Im Hof Mülltonnen, Unrat, ein ausrangiertes Sofa. – Das Licht ist rötlich.



Zeit:

Vermutlich 2037 n.C.




1.

(Auftritt des Anreißers).

Anreißer: Alle Wege münden in schwarze Verwesung, meine Damen, meine Herren! Alle Wege

münden in schwarze Verwesung. Treten´se näher, meine Dame, kommen´se rann, mein Herr, es gibt hier nichts, was sie erschrecken könnte. Nicht so schüchtern, junge Frau. Keine Angst, mein Sohn, wir alle sind nur blinde Zeiger gen Mitternacht. Nicht verzagen, nur nicht zittern, meine Herren, meine Damen: Alle Wege münden in schwarze Verwesung, alle Wege münden in schwarze Verwesung... (Ab)


(Nachbar 1 öffnet die Fensterflügel und lehnt sich aus seinem Fenster. Er spricht in den Hörer eines antiken Telefons  und starrt in den Himmel. Einige Sekunden später öffnet Nachbar 2 sein Fenster, auch er mit einem Telefonhörer am Ohr).


Nachbar 1: ... aber das ist doch schön. So ins Quatschen zu kommen, mit einem guten Freund die

neuesten Neuigkeiten zu besprechen...

Nachbar 2: Ja hör mal, mein lieber Herr Parteigenosse, da gibt es dieses grönländische Bier im

Sonderangebot, und auch der Preis des Victory-Goldbrands: ich sag es dir, gar nicht mal zu verachten.

Nachbar 1: ... und wenn ich dann im Supermarkt durch die weiten, hellen Gänge schlendere und

überlege, mit noch klarem Köpfchen wäge, abwäge, welches Kaltgetränk ich an dem Abend zu mir nehmen werde, welche Vorfreude dann in mir ist, ja, all die schönen Flaschen. – Und dort, gleich neben den skandinavischen Importweinen, über die man heutzutage so viel liest, gleich neben diesen schlanken Flaschen, die im Einkaufslicht geradezu... ich weiß nicht... glitzern, da steht auch schon ein neues Angebot, so neu, dass es noch nicht in allen Beilagen zu sehen war. – Da muss ich ihn doch anrufen, den Nachbarn, den Freund. Da muss ich ihm doch mitteilen, was ich hier jetzt gefunden habe, nicht wahr?

Nachbar 2: Ja, da kommt Freude auf, da strahlt, da frohlockt das Herz. Und ich muss nicht mal

selbst hingehen, nicht raus aus dem Morgenrock, nicht rein in den Trainings-Anzug. Ich geb ihm einfach fernmündlich Bestellung auf. So schön kann Kommunikation heut sein. Und abends an die Spielkonsole. Kawumm!

Nachbar 1: Ja, mit dem frischen Fleisch auf dem Schoß. Und auf jedem Flaschenhals das Siegel

der Diözese.

Nachbar 2: Ach, herrlich, ja. Den ganzen Abend in einer schönen, besseren Welt, und immer

reichlich Schnaps vorhanden. Dann singen erst die Hirnzellen, und dann verstummen sie. Und draußen dunkelt langsam schon der große Himmelsvorhang ein.

Nachbar 1: Und um die nikotingefärbte Sonne, die sich nun langsam hinterm Haus versteckt,

dem fast verlassenen Haus hier gegenüber, hinter dessen trüben Fenstern die jungen Paare anfangen zu ficken, um die Sonne also, die nun untergehen tut, breitet sich ein Flackern aus, ein Zeilenflackern, ein Bildschirmrauschen, das den ganzen Himmel überzieht. – Und wenn wir in der Nacht genug getrunken haben und nicht nur in den Fenstern, auch in den Fernsehern gefickt wird, dann sehen wir genau, mit leicht getrübtem Blick, das große Testbild hoch droben zwischen Wandelsternen prangen. Da wissen wir, es ist nun gut, ja, alles ist nun gut. Und kein Stück Hirn tut reden noch. Und diese Sonne dreht sich um die Erde, wie jeden gottverdammten Erdentag. Und diese Sonne scheint, weil ihr nichts anderes übrig bleibt, auf gar nichts neues mehr.

Nachbar 2: Wie schön ist doch das Leben!

(Sie schließen die Fenster).



2.

(Hans und Grete kommen vom Einkauf zurück, jeder mit einer Palette Konservendosen auf den Armen. Sie stellen die Paletten auf den Boden und lassen sich in das Sofa sinken).


Grete: Ich werde mich nie daran gewöhnen.
Hans: Woran?
Grete: An die Sonne, an diese aufgeblähte Sonne.
Hans: Da kann man nichts mehr machen ...
Grete: Du bist so fatalistisch, Schatz. Aber, klar, wie soll man auch anders. (Schaut auf ihr

Armband-Thermometer) Wir haben schon wieder 38 Grad, und es gerade mal 9 Uhr durch. Im März! Ich meine, wo soll das eigentlich enden? Die Sonne wird immer größer...

Hans: Das ist noch nicht bewiesen.
Grete: Aber was tut sie denn dann die ganze Zeit? – Mittlerweile nur noch 8 Lichtminuten

entfernt, dieser riesige rote... dieser Haufen, dieser Glutofen. – Hast du schon gehört: das Mittelmeer ist so gut wie weg, hat der Pressesprecher der Kurie gestern in der Wochenschau gesagt. Das Mittelmeer!

Hans: Dem Sender kannst du doch nicht mehr vertrauen. Schon lange nicht mehr.
Grete: Ich sag dir, das nimmt nicht nur ein böses Ende, das nimmt sogar ein sehr schnelles Ende.

Ich meine, wer hätte sich das denn vor vier Jahren vorstellen können. Das sich die Sonne aufbläht wie ein Hefeteig. – Ich meine, stell dir mal vor, du hättest zum Beispiel im Koma gelegen, die letzten vier Jahre, seit der großen Wende. – Du wachst auf in deinem Krankenbett, und dein Rücken tut weh.

Hans: Weil er wund ist natürlich, weil dich die unterbezahlten Diakonissen nicht oft genug

gewendet haben, den Bratrost nicht oft genug gedreht haben mit dir Betthühnchen.

Grete: Ja, und langsam machst du die Augen auf, ganz, ganz gemächlich. Deine Augenlider sind

wie aus dünnem, steifem Leder. Und durch die Krankenhausfenster scheint die Abendsonne, die rote Abendsonne.

Hans: Denkst du!
Grete: Ja, denkst du. Aber das ist nicht die Abendsonne, die ist viel zu groß, die Sonne da

draußen. Das kann nicht an der atmosphärischen Spiegelung liegen, denkst du, diese Sonne da draußen ist einfach viel zu groß.

Hans: Und zu heiß. Es ist nämlich in Wirklichkeit erst Nachmittag und rund 48 Grad im Schatten.
Grete: Langsam kriegst du´s mit der Angst zu tun.
Hans: Mit der nackten Panik.
Grete: Du denkst nach: vielleicht ist es mir nur so heiß, weil ich geschwächt bin. Ich muss ja

wochenlang hier gelegen haben. Meine Arme sind ganz dünn geworden.

Hans: Und du versuchst in Panik aus dem Bett zu krabbeln und schaffst das natürlich nicht, weil

auch die Beinmuskulatur kaum noch vorhanden ist.

Grete: Und schlägst auf den PVC-Boden. Einen ziemlichen Lärm machst du, für einen

Koma-Patienten.

Hans: Was natürlich eine Diakonisse auf den Plan ruft, oder zwei, oder einen ganzen Haufen

Diakonissen. Die dich wieder in das Bett wuchten.

Grete: Und du schreist sie an: Was ist hier los? Was ist mit der Sonne los?
Hans: Die eine Hornisse gibt dir eine Beruhigungsspritze, eine sehr, sehr große

Beruhigungsspritze. Und eine andere erzählt dir mit sehr, sehr müdem Gesichtsausdruck, was in den letzten  vier Jahren so alles passiert ist, in diesem Sonnensystem.

Grete: Und du weißt nicht, was dir mehr von dem kalten Schweiß auf die Stirn und in die

Achselhöhlen treibt, das mit der Sonne, oder dass du offenbar vier Jahre im Koma gelegen hast.

Hans: Und was sagt die alte, müde Diakonisse also?
Grete: Ja, sagt sie, es tut uns leid ihnen das sagen zu müssen, doch diese Welt stirbt seit vier

Jahren. Aber es ja noch Hoffnung in Gott.

Hans: Ja, Hoffnung in Gott ist immer.
Grete: Die Welt stirbt, die Sonne hat sich angefangen aufzublähen vor vier Jahren, vier Monaten

und vier Tagen. Sie wird immer größer. Alle Seen sind schon verdampft, und jetzt verschwinden langsam die Binnenmeere. Rotes ist nurmehr roter Sand. Totes ist tot. Mittelmeer verdampft zur Zeit. – Und die Ernten, sie können es sich denken, alles hinüber. Wir leben fast nur noch von eingelagertem Soja und von Schafskäse ab und an. Brot ist schon seit drei Jahren rationiert. Wasser natürlich auch.

Hans: Ich zum Beispiel, sagt die Hornisse, habe schon seit Monaten nicht mehr geduscht, habe

mich nicht waschen können – und weil ich nicht ficken darf, weil ich das alles rausschwitzen muss, riech ich auch so streng, sie müssen schon entschuldigen.

Grete: Nein, das sagt sie nicht! Bist du wahnsinnig, so was hier zu sagen, im Hof, auf offener

Straße sozusagen...

Hans: Das hört doch keiner.
Grete: Na, du weißt Bescheid, ja? Die Kurie hat weiß Gott Mittel und Wege mitzuhören. Weiß

Gott!

Hans: Ja, weiß Gott. – Du bist einfach zu feige.
Grete: Ach, hör doch auf, Hans. Ich kann´s nicht mehr hören. Ich will nur einfach nicht in einem

dieser Keller landen! – Du kannst dich doch sicher noch an Heiner Schenke erinnern?

Hans: Wer?
Grete: Der Nachbar von uns, aus dem zweiten Stock. Schenke. Der Säufer. – Der hat auch immer

das Maul zu weit aufgerissen. Hast du ihn mal wieder gesehen, die letzten dreieinhalb Jahre?

Hans: Der ist bestimmt nur ausgezogen, ohne sich abzumelden.
Grete: Aber sicher. Deswegen haben die Schwarzröcke auch das ganze Haus durchschnüffelt, als

der Schenke weg war.

Hans: Schwarzröcke? – Dass gerade du unsere guten Hirten so nennst, wundert mich dann doch.

Immerhin bist du ja immer auf ihrer Seite. Schon immer gewesen letztendlich, seit der Wende.

Grete: Was? Spinnst du ? – Davon kann gar keine Rede sein. Es ist nur so: sie haben doch recht

behalten. Das muss man doch eingestehen. Vor der Wende hat der Erzbischof von Köln vorausgesagt, die Sonne würde uns Gottes Allmacht zeigen. Alle Plagen würden eine Sonntagsmesse sein dagegen. Gott würde uns seine Allmacht zeigen, über das Sonnensystem, dass das Universum ist. Er würde den Stern, der um uns kreist, vergrößern, damit er die Sünder von allen Seiten mit Feuer läutern könne.

Hans: Aber die Wissenschaft hat schon Jahrzehnte vorher bewiesen, dass sich die Sonne blähen

würde. – Roter Riese nennt man das. Das passiert mit allen Klasse-V-Sternen, irgendwann.

Grete: Ja, irgendwann, irgendwann in sechs Milliarden Jahren, haben die Weißkittel gesagt, in

sechs Milliarden Jahren und nicht jetzt. Und der Prozess sollte ihrer Meinung nach auch ein bisschen andauern, kosmologisch gesehen. Mein Gott, vier Jahre erst, und das Mittelmeer ist fast verdampft. Wie erklärst du dir denn das, aus deinen schlauen Heften? Aus den „Bild der Wissenschaft“-Magazinen, die du unter der Badewannenverschalung bunkerst, als ob ich davon nichts wüsste. Aber der Herr will ja unbedingt vor der GK enden.

Hans: Ich will nirgendwo enden, damit du es genau weißt, ich versuche nur nachzudenken, im

Gegensatz zu dir. Dass ist doch alles reine Physik! Astrophysik, um genau zu sein.

Grete: Davon wird es auch nicht kühler.
Hans: Astrophysik! – Jedem Klasse-V-Stern passiert das.
Grete: Jedem Stern! Welchem Stern denn? Es gibt doch nur dieses System, dieses Sonnensystem.
Hans: Erdsystem wolltest du sagen.
Grete: Erdsystem ... in einer Blase aus leerem Raum, Sphäre nennt sich das.
Hans: Grundkurs der Kurie. Nichts was bewiesen wäre.
Grete: Und was ist mit den Trans-Pluto-Satelliten?
Hans: Was soll sein?
Grete: Na, wie du weißt, haben wir Funkkontakt zu jedem einzelnen verloren, wenn er weiter als

ein Zehntel Lichtjahr entfernt war.

Hans: Materialermüdung, nichts weiter.
Grete: Materialermüdung? Bei mehr als acht Satelliten?
Hans: Vielleicht irgendein Strahlungsgürtel um das Sonnensystem, der die Technik schachmatt

setzt... es gibt viele Strahlungsgürtel im Universum, habe ich gelesen, zum Beispiel den Van-Allen-Gürtel um die Erde. Oder es war die Oortsche Wolke, diese ganzen Asteroiden.

Grete: Mach dir doch nichts vor! Mit der Sonne haben sie recht gehabt. Mit dem Sphärenmodell

haben sie auch recht!

Hans: Ach, als könnte man mehr als 500 Jahre Wissenschaft, mehr als 500 Jahre Aufklärung mit

einem Federstrich auslöschen, mit einer Prophezeiung. Vielleicht haben sie einfach nur die Satelliten-Projekte manipuliert, um es vorsichtig auszudrücken. Damit alle das denken, was du jetzt denkst.

Grete: Ich denke das doch gar nicht.
Hans: Sehr wohl tust du das.
Grete: Nein tue ich nicht! Aber die Sonne... das mit der Sonne macht doch auch dir Angst, das

kannst du nicht erklären, aus deinen klugen Büchern. – Das bringt uns alle noch um. Vielleicht ist es doch Gott, der seine Finger da im Spiel hat. Vielleicht haben wir zu viel getan.

Hans: Gott seine Finger im Spiel... was für ein Witz. Als würde der sich um uns kümmern, wenn

es ihn denn gäbe. – Und dann diese ganzen Gläubigen! Schau sie dir doch an diese Gläubigen! – Sie glauben, sagen sie, dass ist ihre ganze Arbeit. Sie beten! Aber was machen sie denn anderes, als alte Gedichte zu singen oder dahin zu lamentieren... Herr, sei gnädig, deine Diener zittern schon. – Na ja, immerhin ein paar Gedichte, immerhin. Und gut verkaufen tun sie sich auch. Kann man ja von Gedichten üblicherweise nicht behaupten.

Grete: Hans, Ich habe keine Lust mehr zu streiten. Wir müssen bald reingehen. Die Sonne ist

schon fast überm Dach. Und ich hab Durst.

Hans: Hoffentlich gibt es genug Strom für die Klimaanlage.
Grete: Ist bestimmt wieder abgestellt.
Hans: Dann können wir genausogut im Hof bleiben, hier im Schatten.
Grete: Wir sollten kaltes Wasser in die Badewanne einlassen, noch ist es halbwegs kühl,

wahrscheinlich.

Hans: Das ist in den Leitungen doch schon längst warm geworden.

(Beide setzen sich erschöpft auf das Sofa).

Grete: Es ist doch sowieso ein Jammertal diese Erde, selbst wenn uns Gott nicht verlassen haben

sollte. – Der Baum hier im Hof, dieser Baum, so verdorrt wie er ist, mit seinen braunen Pergamentblättern, in denen man die Äderung gegen das Licht sieht, die sich abzeichnen in der hauchdünnen, getrockneten... Zellmasse... immerhin steht er noch, immerhin

Hans: Aber nicht mehr lange. Du weißt, du kannst das alles im Bulletin der Erzdiözese lesen.

Gerade gestern habe ich in der Hochbahn gehört, dass der Baumtod schon den  Sprung über den Bosporus geschafft hat. Die hochberühmten Zedern des Libanons sind ja schon dahin, weg, finito, over. Die Kastanien Kastilliens müssen auch bald dran glauben. Und die Eichen des deutschen Waldes: alles nur noch eine Frage der Zeit. Eine Wüste, eine Wüstung.

Grete: Das ist eine Linde. Und sie steht noch!
Hans: Kümmerlicher Baum. Steht noch... der Krüppel. An einen Baum des deutschen Waldes

kannst du nicht mal mehr den Erlöser klopfen. Der würde zusammenbrechen. Den Baum meine ich.

Grete: Du sollst still sein! Du holst uns noch die GK ins Haus. Wo oft noch, Johann, wie oft

noch, muss ich dir das klar machen?

Hans: Ach, jetzt darf man nicht einmal mehr was schlechtes, was verfängliches über den

deutschen Wald sagen. Jetzt ist schon ein Gespräch über Bäume suspekt, oder wie, oder was?

Grete: Ich habe nicht die Bäume gemeint, das weißt du ganz genau.
Hans: Ja, ja, du sprichst über den Mann am Balken. Aber der holt uns hier auch nicht mehr raus.
Grete: Aber vielleicht die Schwarzröcke.
Hans: Ich habe keine Angst vor denen. Das Pack mit ihren Anstandsbreviers, oder wie immer die

das nennen. Gestern Nachmittag haben sie wieder mal nur Reden geschwungen, hier im Hof. Und nebenbei: du trägst ja auch keinen Schleier.

Grete: Das ist noch keine Vorschrift.
Hans: Aber es ist, wie soll ich sagen, gern gesehen. Und du bist doch immer so gern gesehen.
Grete: Mach dich nicht lächerlich.

(Nachbar 1 öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus und beobachtet die beiden. Sie bemerken es nicht).


Hans: Bäume und Pfaffen, beides so trocken wie die ganze Welt. Man müsste ein Kreuz auf diese

Wüste Welt legen, damit man es aus dem All sehen kann, aus den Sphären, wie du dich ausdrücken würdest, damit die Außerirdischen gewarnt wären. Oder der Herr, der Einzige, das Sphärengesicht; damit er darüber informiert wäre, unter welcher Last der Schrotthaufen alsbald auseinanderbrechen wird.

Grete: Die Last ist nicht das Kreuz. Johann, so dumm kannst du gar nicht sein, dass du das

glaubst. Es war nicht die Kirche, die diese Welt zerstört hat, es waren die Konzerne.

Hans: Konzerne? Welche Konzerne denn, meine Liebe? Wenn ich das Wort schon höre, wie kann

man nur so schwammig... so schlampig... daherreden? Die Kirche ist, am Rande, ja wohl auch ein Konzern, und zwar ein ziemlich großer.

Grete: Meinetwegen. Die Kirche war es jedenfalls nicht.
Hans: Und der Baum hier im Hof war´s auch nicht, Margarete, der ganz bestimmt nicht. Es ist

alles nur ein wenig trocken geworden, bis auf den Humor, der ist nämlich ganz versandet. Und die Sonne ist groß, und die Sonne ist Gott, und sie wird uns alle verbrennen. Also werft euch in den Staub, in den Sand und betet zu Ra, betet um ein Hallenbad.

Grete: Johann, dir ist nicht zu helfen.
Hans: Das will ich schwer hoffen.
Nachbar 1: Könnt ihr da unten vielleicht mal die Schnauze halten. (Hans und Grete zucken

zusammen und schauen hoch). Ich will ja nichts sagen, Madame, aber deine Stimme ist schriller als mein Schädel vertragen kann. Und die Welt geht sowieso unter, nicht wahr, aber nicht heute. Heute habe ich einen dicken Kopp, da muss die dicke Sonne noch warten, bis sie die dicke Erde fertig kochen darf. Heut will ich meine Ruhe, wenn ich bitten darf.

Hans: Wir wollten so oder so gerade reingehen, es wird schon wieder zu heiß. (Er zieht Grete am Arm mit ins Haus).



3.

(Nachbar 2  und 3 öffnen jetzt ebenfalls die Fenster und lehnen sich hinaus).

Nachbar 1: (greift sich eine Bierbüchse von hinten) Jungs, ich muss euch was sagen, ihr glaubt es

ja nicht, aber ich hab´ das Böse gesehen, gestern Nacht im KDF.

Nachbar 2: (mit Zigarette) Das hab´ ich auch gesehen. Das arme Kind!
Nachbar 3: (mit Schokoriegel) Und diese Bestie mit den kalten Augen. Und diese kreischende,

sägende Geigenmusik. Das hat mir fast das Herz zerrissen. Das hat mir fast alles zerrissen.

Nachbar 1: Ja, und die toten Augen des Mädels, und die sanften Geigentöne dazu, das hat mir das

Herz zu einem schwarzen Loch gemacht, das jetzt noch in meinem Körper ganz dunkel sich ausbreitet.

Nachbar 3: Und die Frau im Fernsehen hat gesagt...
Nachbar 2: Welche Frau? Das geschlachtete Mädchen?
Nachbar 3: Nein, natürlich nicht, du Depp. Die Sprecherin mein´ ich, die Moderatorin. Die hat

gesagt, so eine Bestie, und dass niemand was dagegen macht, gegen so einen Abschaum.

Nachbar 1: Ja, das war schon ein fesches Mädel. Schad´ drum.
Nachbar 3: Und dann hat sie gesagt, die Moderatorin mein´ ich jetzt, hat sie gesagt: wegsperren

für immer, diesen Hundsfott.

Nachbar 2: Hundsfott hat sie nicht gesagt. Kinderschänder hat sie gesagt.
Nachbar 3: Ist doch egal! Sicherheitsverwahrung hat sie gesagt. Gefordert hat sie, im Namen von

uns allen. Damit so was nicht mehr rumlaufen kann. Und uns gottgefälligen Männern die Mädchen weg vergewaltigen kann. Das hat sie gesagt.

Nachbar 1: Die Moderatorin war eigentlich auch ganz hübsch.
Nachbar 3: Das ist doch ganz egal jetzt, Herrgott nochmal. Ich jedenfalls meine, also wenn ihr

mich fragt, meine ich also: wegschließen so eine Drecksau, so einen Fliegenschiss. Sicherheitsverwahrung, aber auf immer, da kann er mal schauen wie das ist, wenn er sich nach der Seife bückt im Duschraum.

Nachbar 2: (unsicher) Genau, Sicherheitsverwahrung für das Dreckschwein.
Nachbar 1: Na, wenn ihr meint, dann eben Sicherheitsverwahrung. (Hebt die Bierbüchse.) Prost!

(Schwarz)



4.

(Licht. Priester und Messdiener schleichen im Hof auf und ab und machen sich Notizen in kleine schwarze Bücher. Gelegentlich ist hinter der Gardine im ersten Stock schemenhaft ein Gesicht zu erahnen).


Priester: Der Mensch muss arbeiten gehen. Dann beten. Dann schlafen. Im Schlaf muss er Gott

sehen. Er muss, wenn es ihm träumt, sich die Geißel auf den Rücken klatschen lassen im Traum – damit ihn Gott wieder erwachen lässt. So schaut es aus, mein Sohn.

Messdiener: Ja, Vater, strecken muss er sich auf seiner Schlafbank, gestreckt werden muss er.

Aber erwachen tut er so oder so, oder?

Priester: Auf keinen Fall, mein lieber Sohn, auf gar keinen Fall. Morgen früh, wenn Gott will,

nicht mehr, nicht wahr. – Erst muss er sich tief in seinen Traum hineinstürzen und die Geißel schwingen, Geißel, die er ist durch Geburt. Er, der sich herausgearbeitet hat aus des Mutters Schoß, der die Scheidenwände fast zerrissen hat mit seinem dicken Schädel. Demütig hätte er werden sollen, seinen Kopf kleiner machen hätte er sollen.

Messdiener: Aber wenn er denn schon draußen war, der kleine Mann, warum hätte er den Kopf

dann kleiner machen sollen, warum zusammenquetschen die ganze Gehirnpracht?

Priester: Was braucht er denn die graue Masse, aufgeblähter Pudding in einer übergroßen

Knochenschüssel... nein, nein, zusammenreißen muss er sich, einen Sündenausgleich schaffen! Sünden gegen seine Mutter Maria, der nachterfüllten, sternbekränzten, die er fast zerrissen hat.

Messdiener: Doch was war jetzt nur der Ausgangspunkt? Wie ist das mit den Träumen?
Priester: Da muss er sich ganz tief hinein graben, nicht wahr, in des Traumes Schoß, mit seinem

kleinen Kopf, nicht wahr. Und Gott muss er ganz kläglich bitten, ob er ihn wieder aus dem Traum herausdrückt, und er dann wieder leben darf. Und wenn er dann gnädig erwachen darf, dann wieder arbeiten, die Hände an das Werkstück legen.

Messdiener: Ja, das ist doch etwas Konkretes, etwas Handfestes. In welcher Fabrik aber, wo ist

ihm denn eine Arbeit gegeben?

Priester: Fabrik?
Messdiener: Fabrik!
Priester: Gibt es das noch, in diesen Breiten? – Ich bitte sie, selbstverständlich nicht. Nicht hier,

nicht drüben und schon gar nicht mehr im Morgenland. Da müsste er schon ein Schlitzauge sein, um in den Genuss einer Fabrikarbeit zu kommen. Ich bitte sie, ein heutiger Hund geht in den Supermarkt und wuchtet dort Pakete mit Konserven durch die Gänge.

Messdiener: Wer sitzt denn an der Kasse?
Priester: Die Frau selbstredend, nicht wahr, mit dem Namensschild. Und dem Schleier vor den

Augen.

Messdiener: Also Konserven, ja?
Priester: Konserven! – Nicht sehr schmackhaft, ich gebe es zu, aber nahrhaft – habe ich mir

sagen lassen. Ich persönlich habe so etwas ja lang nicht mehr gegessen, nicht wahr. Unser Klostergarten... überdacht und gut gekühlt.

Messdiener: Haben sie denn noch genügend Wasser?
Priester: In Massen. Na ja, in Massen vielleicht nicht gerade, aber doch genug, so Gott will.
Messdiener: Wie auch immer. – Konserven also... sehr gut, eine ehrliche Arbeit. – Man kann nur

so schlecht darüber sprechen. Gibt so wenig zu sagen über diese Arbeit.

Priester: Dabei ist sie nicht gering. Halt eine Arbeit, ehrbar. Ehrfürchtig muss er sie ausführen, ja.

Furcht vielleicht. Dann beten. Dann schlafen. Dann träumen vielleicht. Ja! Gut so!

Messdiener: Ja! Gut so!
Priester: (wie aus einem Traum erwachend) Ich glaube, wir sind hier durch, mein Sohn. Wir müssen Meldung machen. (Macht sich eine letzte Notiz. Beide ab. Schwarz.)



5.

(Licht. Hans sitzt  alleine im Hof auf dem ausrangierten Sofa, raucht, trinkt eine Büchse Bier und redet in sich hinein).


Hans: Du musst dein Haar bedecken, Mädchen, damit machst du sonst die Männer geil. Auch

wenn es strähnig ist und fahl und leblos – für die Männer ist es pure Lebenskraft, für die  Hunde ist es Sinnlichkeit. – Sinnlichkeit, Verbindlichkeit, allzeit bereit... Pass auf, Mädchen, dass keine Strähne hervorschaut. Zieh das Tuch doch lieber in die Stirn, zieh es tief herunter, munter runter, lieber Gunther, hol´ mir bitte einen runter... Auch Augenbrauen sind doch Haare, Mädchen, auch Wimpern. Selbst die Regenbogenhaut lässt sich betrachten wie ein Gewebe aus bunten Härchen. Denk dran, Mädchen, die Welt ist ein Kussmund mit spitzen Zähnen, und du bist ehrbar, voller Ehre, angefüllt mit Ehrfurcht. Furcht vielleicht.


(Der Hausmeister tritt aus dem Schatten des Hauseingangs und setzt sich auf die Sofalehne, dicht an Hans. Der Hausmeister lächelt kaum merkbar).


Hausmeister: Ich hab das mitangehört, was sie da so gesagt haben. Das war nicht schön.
Hans: Na hören sie mal, was geht sie das denn an!
Hausmeister: Nicht schön war das, gar nicht schön. Wenn ich sie jetzt verpfeifen würde, bei der

GK. Was würden sie denn davon halten, hä?

Hans: Das soll ein Witz sein, oder? – Sie Strich in der Landschaft. Ich glaube kaum, dass einer

wie sie...

Hausmeister: Ach, einer wie ich? Da glauben sie aber falsch. Was sie da gesagt haben, das

gehört vor die GK. Vor die Glaubenskongregation gehört das! Und dann Sicherheitsverwahrung, hä? Du glaubst ja gar nicht, wie schnell das geht. Das ist nämlich Illegal, was du da zum Besten gegeben hast.

Hans: Nun bleiben sie doch mal ruhig, Mensch, nur die Ruhe, Herr, Herr...
Hausmeister: Ach nee, das Dreckschwein weiß nicht mal meinen Namen, der Herr weiß nicht

mal wie ich heiße. Rennt jeden Tag an mir vorbei, lässt sich von mir seinen Dreck im Treppenhaus wegputzen und weiß nicht mal wie ich heiße.

Hans: Wie soll ich sagen, das tut mir jetzt leid. Das tut mir wirklich schrecklich leid. Aber so

lange arbeiten sie ja noch nicht hier, in diesem Haus, oder...

Hausmeister: Vier Jahre bin ich schon hier, du Sau.
Hans: Nun werden sie doch nicht gleich beleidigend, Mensch. Ich meine, wie können wir das

denn jetzt regeln? Ich meine, das lässt sich doch regeln?

Hausmeister: Ach, Sau darf ich ihn nicht nennen. Sau will er nicht genannt werden. Is´ ja schön,

is´ ja zum Lachen. – Aber meinen Namen nicht wissen! Dir werd´ ich´s zeigen, du Dreckschwein. (Springt ihn an).


(Schwarz).



6.

(Licht. Hans ist mit Gaffa-Tape an den Baumstamm gefesselt. Ein zusammengeknülltes, kariertes Abwasch-Trockentuch steckt in seinem Mund. Der Hausmeister steht mit einem  Ausbeinmesser vor ihm. Hans blutet stark aus einer Bauchwunde).


Hausmeister: Diese Leere. Diese geradezu unglaubliche Leere. Schau dir doch das Leben mal an.

Ich sprech ja gar nicht vom Fernsehen, oder von den Autos. Im Stau stehen mit leeren Blick, oder vor dem Stau des Fernsehprogramms sitzen mit leerem Blick, durch die Windschutzscheibe der Betäubungsmaschine schauen. Von so einer Leere sprech´ ich ja gar nicht. Am Fenster stehen und die Nase nicht an die Glasscheibe drücken. Einfach nur dastehen, da rumstehen. Das Gehirn ist leer – oder nein, das Gehirn ist nicht leer... angefüllt mit zum Beispiel Fetzen von Fickszenen ist es, oder Mordszenen, oder Fernsehszenen. Da ist es schon wieder, alles wird matt auf der Scheibe und matt im Kopf. Aber von dieser Leere will ich ja gar nicht sprechen, nein, davon nicht. – Und die Fensterscheibe ist klar, nein, klar ist sie eigentlich nicht, durch die Sonnenstrahlen, wenn denn die Sonne scheint, und der Himmel nicht leer ist, leer... durch die Sonnenstrahlen aus einer roten, einer geradezu aufgeglühten Sonne, die nur noch 8 Minuten brauchen durch die Leere des Weltalls, bis zur überfüllten Erde, zur mit Leere überfüllten Erde – durch die Sonnenstrahlen also sieht man die Schlieren auf der Scheibe, den feinen Staub, den Dreck, den Feinstaub... der aus den hohlen Auspuffrohren der Autos herausgekrochen ist. – Man steht also an der Glasscheibe, in einem leeren Sommer, und schaut auf eine leere Kreuzung, eine leergeräumte Kreuzung sozusagen. Und man fühlt... ja was eigentlich? Nichts vermutlich. Man holt sich vielleicht eine Banane aus der Küche, man isst die Banane, man steht da, man denkt an den grünen Mond, der aufsteigen wird in ein paar Stunden. Man nimmt sich eine Zigarette. Man raucht. Aber irgendetwas fehlt. Und man betrachtet sein Gehirn. Man schaut sich sein Denken an. Man denkt sein Denken. Diese ganzen Bildstreifen, ich meine Streifen von Bildern, nicht Filmstreifen... ich meine, was machen die da in der Leere? – Das denkt mich ganz übel, das Zeugs das da rumschwebt, das da rumliegt, diese ganzen abgehangenen Bilder. Sex und Tod. Wie es die Mutter fickt, wie es den Klassenlehrer aufschlitzt, wie es die Bankangestellte auffickt. Und so weiter, keine Ruhe, nie. – Und dann kommt so einer wie du mir vor´s Messer. Was soll ich da denken? Ich meine, das wird doch nichts anderes, nichts gutes. Da lagert sich doch nur das eine Bild auf das andere. Da wird doch nichts gut. – Na ja, und dann hab´ ich zu tun, wenigstens das ist Lösung. Da hab´ ich zu binden und zu knebeln und zu machen. Und so weiter. – Und jetzt steh ich da, und das Messer vor mir, vor meinem Bauch, und du vor dem Messer, vor seiner Spitze. Ja, was kann man da tun. Ich meine, was kann man da machen. Ich meine, wie kann man das zum Bild machen? Zum Fleisch? Wie kann man das einlagern, in die kühle, weiße Helligkeit der Gefriertruhe, wie, hä?


(Schwarz)



7. (á la Grand Guignol)

(Licht. Hans sieht sehr bleich aus, ist aber noch bei Bewusstsein. Der Hausmeister legt ihm eine Kompresse an, die die Stichwunde im Bauch bedeckt, und entfernt den Knebel aus seinem Mund.)


Hausmeister: Nun zuck doch nicht so rum, wie soll ich denn da die Kompresse festziehen?
Hans: Wieso machen sie das? Ich habe ihnen doch gar nichts getan.
Hausmeister: Nichts getan, nichts getan! – Allein deine Anwesenheit, was sag ich, allein deine

Existenz, deine klägliche, deine... was weiß ich. Das allein, dass du mit deiner saublöden Fresse die Umwelt verunstaltest, das reicht doch schon. Nichts getan! Euereins glaubt immer davon zu kommen, ja? Nichts arbeiten den ganzen Tag, auf der faulen Haut liegen, und hinter uns spuckt ihr aus. Ich weiß doch, was euereiner über mich denkt. Aber nicht mit unsereiner.

Hans: Ich habe doch gar nichts über sie gedacht. Gar nichts.
Hausmeister: Ha, er sagt es selber, kaum zu glauben. Die Sau gibt es auch noch zu, die blöde

Fotze.

Hans: Wieso haben sie mich denn dann verbunden?
Hausmeister: Damit du mir hier nicht einfach so wegstirbst. Ich hab noch einiges vor mit dir.

Fotze. – Den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen, auf der verfaulten, und Bücher lesen. Immer diese Bücher lesen und dann so tun, als wäre er klüger, gebildeter. Derweil wir den Dreck wegputzen, selbst den Dreck wegputzen, den er uns hingerotzt hat aus seiner dunklen, dunklen Lunge, die feucht wie eine Mädchenfotze ist. Diese schmierigen Innereien, wenn ich nur dran denke. Und lauter Ungeziefer da drin, das in den Gedärmen krabbelt. Und er tut so als wären wir Ungeziefer. – Aber das bin ich nicht! (Langsam versinkt Hans in Bewusstlosigkeit). Nein, ich nicht. Ich hab die Fäden in der Hand. Endlich hab ich sie, die scheiß Fäden. Zu Gott hab ich gebetet, jeden Abend hab ich ihn angefleht, er möge mir die Fäden reichen, für solche Fickpuppen wie dich, denn nichts anderes bist du doch. Fickpuppe. Kuschen könnt ihr, wenn die Schwarzröcke kommen, oder die Jungchristen. Ihr könnt doch nur kuschen und lesen. Und immer die falschen Bücher lesen. Darum müsst ihr dann auch kuschen. Und dann nach unten treten und keinen Gedanken verschwenden an uns. Dabei lese ich die richtigen Bücher. Was sag ich, Bücher? – Ein Buch! Das reicht. Das BUCH lese ich, die Schrift, jeden Abend. Und bete zu Gott, dass er mir die Fäden reicht. Und jetzt hat er sie mir gereicht. Und jetzt lass ich sie nicht mehr los.


(Zwei Männer der Jungchristlichen Garde kommen durch die Hofeinfahrt).

Jungchrist 1: Brüder, was ist hier los? Man hat Schreie gemeldet.
Hausmeister: Schreie? Ach, Bruder, Schreie waren das bestimmt nicht.
Jungchrist 1: Und der Mann dort am Baum? Was ist mit dem? Was geht hier vor, in Gottes

Namen?

Hausmeister: In Gottes Namen? – Das ist gut! (Pause) Der hat mich angegriffen. Dieser...

Verräter. Ein ganz unverschämter, unverfrorener Gotteslästerer. Ich musste ihn dingfest machen.

Jungchrist 2: Und der Verband? Was ist mit dem Verband? Da trieft es ja schon durch.
Hausmeister: Da ist er ins Messer gefallen, in sein eigenes Messer. Er hat mich ja angegriffen,

mit dem Messer ist er auf mich zugestürzt, weil ich ihm gesagt habe, hier in meinem Haus wird nicht Gott gelästert. Er hat Verwünschungen gegen den Papst ausgestoßen, die kann ich nicht wiederholen. Ich bin ein gottesfürchtiger Mann. Ich bete jeden Abend. Ich spende jeden Monat für das Sommerhilfswerk. So etwas habe ich noch nicht gehört. – Da hab ich ihn weggestoßen. Da ist er hingefallen, gestrauchelt ist er und in sein Messer gefallen. Ich hab ihn gleich verbunden, damit er nicht verblutet. Damit er seiner gerechten Strafe zugeführt werden kann, in Gottes Namen, seiner gerechten Strafe. – Ich wollte sie schon anrufen, aber die Leitungen sind wieder mal tot.

Jungchrist 2: Das waren die Nihilisten. Die haben einen Anschlag verübt auf das

Haupttelegrafenamt. – Wieso haben du eigentlich ein Telefon? Du bist doch nur ein... ein...

Hausmeister: Ich bin ein treuer Diener des Herrn. Ich arbeite für die Glaubenskongregation. Vier

Jahre schon. Fast von Anfang an. Und Hausmeister bin ich in diesem Haus. Ich sehe nach dem Rechten. Ich hab eine Belobigung bekommen, vom Erzbischof. Ich kann sie holen und euch zeigen.

Jungchrist 1: Schon gut. Wir werden das prüfen. Dein Name?!
Hausmeister: Peter, Peter Demirel, euer Gnaden.
Jungchrist 1: Du hast uns Bruder zu nennen! Euer Gnaden ist nur für Geweihte. Das solltest du

wissen.

Jungchrist 2: Demirel? Demirel? – Das klingt nach einem Muselmanen-Namen. – Bist du ein

Kanake, Bruder?

Jungchrist 1: Würd mich ja nicht wundern, in diesem Bezirk.
Jungchrist 2: Das würde auch erklären, warum du nur ein Hausmeister bist, Bruder, obwohl du

für die GK arbeitest, wenn das stimmt. – Demirel ... eindeutig Kanaken-Name.

Hausmeister: Ich bin kein Kanake, euer Gnaden! Wirklich nicht. Meine Mutter hat mir immer

gesagt, das wäre ein französischer Name, von den Hugenotten, wissen sie, gute Katholiken waren das... glaube ich.

Jungchrist 1: Von den Hugenotten. Was soll denn das sein? Hugenotten? Ich will ja nicht sagen,

an was mich das erinnert.

Jungchrist 2: (verständnislos) An was denn? - Ah, Nutten! In der Kurie die Nutten! (Lacht).

(Der Hausmeister lacht ebenfalls, laut und unsicher).

Jungchrist 1: Halt um Gottes Willen das Maul, Manuel. Ich hab dich schon einmal melden

müssen. – Und du, Bruder, hast hier nicht zu lachen, verstehst du! Ich trau der Sache nicht, besonders wenn ein Kanaken-Bastard drin verwickelt ist.

Hausmeister: Entschuldigung, euer Gnaden, aber ich bin doch kein Kanaken-Bastard. Ich bin

doch Hugenotte...

Jungchrist 1: Ich sag es dir nicht ein drittes Mal, dass euer Gnaden Geweihten vorbehalten ist.
Hausmeister: Entschuldigung, Bruder.
Jungchrist 1: Schon besser. – Manuel, ruf die Diözese an, wir werden möglicherweise noch ein

paar Brüder brauchen.

Jungchrist 2: (holt ein klobiges Mobiltelefon aus seine Uniformjacke hervor) Bin schon dabei,

Sebastian. (Er telefoniert leise).

Hausmeister: Oh, ein Handy! Ich wusste nicht, dass es so was überhaupt noch gibt. Ich hab auch

mal eins besessen, damals...

Jungchrist 1: Ja, wir haben dieses Privileg. Aber was beklagst du dich, immerhin scheinst du

einen Hausanschluss zu besitzen, wenn es stimmt, was du gesagt hast. – Wir werden das noch überprüfen.

Hausmeister: Nein wirklich, schon seit über zwei Jahren habe ich eins. Nach der Belobigung

vom Erzbischof hab ich es bekommen.

Jungchrist 1: Wie gesagt, wir werden das überprüfen. (Er holt ebenfalls ein Mobiltelefon und ein

Mikrofon aus seiner Jackentasche und verbindet beides mit einem Spiralkabel, hält das Mikrofon dann dem Hausmeister hin. Der zweite Jungchrist hat sein Gespräch mittlerweile beendet). So, Bruder, ich werde jetzt deine Aussage aufnehmen.

Hausmeister: Welche Aussage?
Jungchrist 2: Na, sehr helle ist der nicht, der Möchtegern-Agent, der muselmanische.
Jungchrist 1: Ist er denn einer, ein Agent der GK, meine ich? Was hat denn die Diözese gesagt?
Jungchrist 2: Er ist eingestellt worden vor dreieinhalb Jahren. Vorher hat er ab und an Meldung

gemacht. Nichts verwertbares allerdings, bis auf einmal. Ein gewisser Schenke. Ansonsten spielt er sich auf. Aber er hat wirklich einmal eine Belobigung bekommen, vom Erzbischof Struber. Allerdings zu Sankt Johanni, zusammen mit 250 anderen Subalternen.

Hausmeister: Hab ich doch gesagt! Eine Belobigung vom Erzbischof. Hab ich doch gesagt.
Jungchrist 1: Schon recht, Bruder. Mach jetzt deine Aussage.
Hausmeister: Aber welche Aussage denn? – Ich hab doch schon alles erklärt.
Jungchrist 1: Also, ganz langsam, für Muselmanen-Bastarde. Du, Bruder, hast diesen Mann der

Gotteslästerung bezichtigt. Wir wollen keine Unschuldigen verbrühen, also musst du deine Aussage zu Protokoll geben. – Was der Mann gesagt hat, wie er heißt, was seine Funktion ist in dieser Diözese. Vor allem welche Flüche er ausgestoßen hat und wie oft. Und in welchem Geisteszustand. War er vom Teufel besessen? Oder hat er es aus freien Stücken getan?

Jungchrist 2: Gerade letzteres müssen wir wissen, das ist sehr wichtig, ist dir das klar, Bruder?

Wir können ja keinen verbrühen, der nicht Herr seiner Sinne war. Wenn das Böse ihn geleitet hat, dann müssen wir es erst aus ihm herausholen. Dann kann er geläutert werden und Gott um Gnade bitten. – Du siehst, Bruder, gerade die letzte Frage zu beantworten ist wichtig.

Hausmeister: Ich verstehe. – Also besessen war er nicht. Da bin ich mir sicher. Das hätte ich

gemerkt, sofort hätte ich das gemerkt. Das hätte ich gespürt. Nur bösartig war er. Ein übles Dreckszeugs ist er. Lebt mit einer Frau in Sünde!

Jungchrist 2: Ach, in Sünde! Mit wem?
Hausmeister: Sie ist eigentlich ein gutes Mädchen, glaube ich. Aber arm. Sie wohnt mit ihm

zusammen im zweiten Stockwerk. Ich hab sie oft gesehen. Sie hat nie etwas böses gesagt über unseren Herrgott. Sie hat sogar widersprochen, wenn er gelästert hat.

Jungchrist 1: Um so schlimmer, dass sie mit ihm in Sünde lebt. Aber das hat uns nicht zu

interessieren, jetzt. Vorläufig jedenfalls nicht. – Also weiter, Bruder. Was hat der Mann denn nun gesagt? Und wie heißt er?

Hausmeister: Johannes Handler heißt die Sau...
Jungchrist 2: Na, nicht solche Worte.
Hausmeister: Entschuldigung euer... Bruder. – Johannes Handler. Und sie heißt Margarete

Brunner. Und er hat gelästert den ganzen Tag. Und das kann ich nicht wiederholen, das kann ich einfach nicht wiederholen. Das kann mir doch nicht über die Lippen kommen.

Jungchrist 2: Reiß dich zusammen, Bruder. Du hast deine Aussage zu machen. Dich trifft keine

Schuld, wenn du nur wiedergibst was war.

Hausmeister: Also gut. Dass der Papst eine Hundsfott wäre, hat er gesagt. Und dass die Mutter

Gottes wohl eher eine Hure gewesen sei, als eine Jungfrau, denn das wäre ganz unmöglich mit der Jungfräulichkeit. (Den Jungchristen wird sichtlich unwohl). Und dass er darüber lachen müsste, wie so ein naiver Handwerkersbursche wie der Joseph das hätt´ glauben können. – Aber ich finde ja, wie kann man Zweifeln, dass Gott Wunder vollbringt. Ich finde, wenn Gott Gott ist, dann ist es ihm doch ein Leichtes, eine Frau jungfräulich gebären zu lassen. Sonst wär er ja nicht Gott, wenn er nicht das zumindest könnte. Und Gott kann ja noch viel mehr, viel mehr kann er, da ist doch eine jungfräuliche Geburt kein großes Ding, oder...

Jungchrist 1: (mit belegter Stimme) Du sollst nicht Exegese betreiben, Bruder, du sollst deine

Aussage machen.

Hausmeister: Ja, und dann hat er einmal gesagt, dass der Erlöser ganz zu recht ans Kreuz

geschlagen wurde, dass er ein Aufrührer gewesen sei, und da solle man sich nicht wundern. Und so einen hätte er auch beseitigt, so einen, der gegen die Vernunft und die Wissenschaft der griechisch-römischen Antike gewesen sei. Und dann hat er gesagt, wenn er wisse woher nehmen, dann für jeden Christen einen Löwen. Er könne das gut verstehen, wenn man sich gegen die Fanatiker wehrt und sein lichtdurchflutetes Weltbild verteidigt. Und Liebe hin oder her, hat er gesagt, das wäre doch Firlefanz, der so oder so nicht funktionieren könne. Nur die Wissenschaft und die Aufklärung hätten den Menschen vorangebracht und ihn davon abgehalten, seinen Nächsten zu erschlagen, was man ja gut an Kain und Abel sehen würde, denn die wären nicht aufgeklärt gewesen, und im Übrigen wäre das ja sowieso nur eine Parabel auf die Zeit, als die Menschheit sich in Hirten und Bauern aufgeteilt hätte, zur Zeit der Neo... Neoleit...

Jungchrist 1: Neolithischen...
Hausmeister: Genau! – Neolithischen Revolution.
Jungchrist 1: Ist das alles?
Hausmeister: Nein, noch schlimmer wurde es. Gerade vorige Woche hat er das Schlimmste von

allen gesagt. Da hat er den Namen des großen Antichristen in den Mund genommen. Und er hat ihn noch übertroffen.

Jungchrist 1: Welchen Antichristen? Darwin?
Hausmeister: Nein, Nietzsche!
Jungchrist 2: Ah, das sieht böse aus für ihn!
Hausmeister: Nietzsche, hat er gesagt, hat Unrecht. – Gott ist nicht tot, hat er gesagt, Gott hat nie

existiert.

Jungchrist 1: Gut, Bruder, das reicht. – Manuel, mach den Johannes Handler wach!
Jungchrist 2: Und wie bitteschön soll ich das tun? Der ist nicht bei Bewusstsein, das ist doch

offensichtlich.

Jungchrist 1: Herrgott, schlag ihm halt ein paar Mal ins Gesicht, das sollte helfen.
Hausmeister: Ja, schlagen sie ihm ins Gesicht.
Jungchrist 2: (macht wie geheißen) Wach auf, du Teufelsbrut. Wirst du wohl zu dir kommen.

Wir bringen dich noch zum Aufwachen, du...

Hans: (kommt nicht vollständig zu Bewusstsein) Was? Was?
Jungchrist 1: (tritt nah an ihn heran.) Du, Johannes Handler, bist angeklagt der

schwerwiegenden Gotteslästerung.

Hans: Was? Was?
Jungchrist 1: Gibst du, Johannes Handler, zu, gesagt zu haben, dass unser oberster Herrscher,

unser aller Retter und Beschützer, der einzige und wahre Gott nicht existiert?

Hans: Was? Gott? Ich will nicht mehr... lasst mich doch mit... Gott.... zufrieden...
Jungchrist 1: Das reicht! – Manuel, ruf die anderen rein.

(Der zweite Jungchrist  nimmt erneut sein Mobiltelefon zur Hand und spricht kurz einige Anweisungen hinein. – Durch die Toreinfahrt kommt ein halbes Dutzend bewaffneter Jungchristen und umstellt sowohl Hans als auch den Hausmeister).  


Jungchrist 1: Setzt sie fest! Augenblicklich!
Hausmeister: (schrill) Aber ich hab doch gar nichts getan!

(Alle ab. Licht aus.)



8.

(Am nächsten Morgen. (Vogelgezwitscher). Grete steht im Hof und ruft zum Fenster des Nachbarn 1).


Grete: He, hallo, hallo da oben. He, nun machen sie schon auf.
Nachbar 1: (macht das Fenster auf.) Was denn, was denn, Herrgott nochmal? Was brüllst du

denn schon wieder rum, Mädchen, hä? Ich glaub´s ja nicht. Es ist erst (schaut auf seine Armbanduhr)... es ist gerade mal sieben durch. Leck mich am Arsch, Madame, ich hoffe, du hast einen verdammt guten Grund.

Grete: Hans ist ... mein Freund, Hans, sie kennen ihn doch, oder?
Nachbar 1: Der mit dem schlechtgelaunten Gesichtsausdruck?
Grete: Mein Freund eben, mit dem ich zusammen lebe, im ersten Stock. Sie wissen schon.
Nachbar 1: Ja. Was ist mit dem?
Grete: Ich hab ihn nicht mehr gesehen seit gestern Abend. Er ist verschwunden. Einfach weg!
Nachbar 1: Seit gestern Abend? – Mädchen, du hast Nerven! Der ist ficken, Süße. Ich glaub´s ja

nicht, macht die mich einfach wach. Ficken ist der, Süße. Geh mir nicht auf die Nerven. (Macht das Fenster wieder zu).

Grete: Ich versteh das nicht. Das kann doch nicht sein. Die haben ihn bestimmt abgeholt. Der hat

bestimmt wieder irgendwas raus posaunt, und dann stand einer um die Ecke, der das mitgehört hat. Wie ich ihm das immer gesagt habe. Ha, ich hab doch recht behalten, ich meine, ich hab das immer schon gesagt, dass er den Mund halten soll hier im Hof, oder auf der Straße. – Der ist bestimmt abgeholt worden.


(Jussuf tritt mit einem sehr alten Stadtplan in der Hand durch die Hofeinfahrt. Er schaut die Hinterhausfassade hoch, dann zu Grete).


Jussuf: Entschuldigung. Ich will nicht stören. Kennen sie sich hier aus?
Grete: Na klar, ich wohn hier. Aber eigentlich habe ich gar keine Zeit jetzt.
Jussuf: Entschuldigung, ich wollte nur kurz fragen... wie nennt man das... ein Mitbewohner, nein,

ein Bewohner. Ach, nein, ein ... ein ... ha, ein Mieter. Ich suche einen Mieter.

Grete: Was für einen Mieter denn?
Jussuf: Ahmed. Ahmed Shirin. Ein alter Freund von mir. Er hat hier gewohnt, früher. Ist schon

lang her. Wohnt bestimmt nicht mehr hier.

Grete: Nein, ganz bestimmt nicht, davon wüsste ich. Ahmed Shirin? Nein.
Jussuf: Eigentlich ein Freund der Familie. Sagt man das so?
Grete: Freund der Familie? Ja, sagt man so. Was für ein Freund denn?
Jussuf: Ein Cousin meines Vaters, die kannten sich noch aus ihrer Jugend, im Dorf an der Grenze

zu Persien sind die zusammen aufgewachsen. Mein Vater hat mir aufgetragen ihn zu finden. Aber ich weiß eigentlich nicht mal, ob dass das richtige Haus ist. Hat sich viel verändert hier, die letzten Jahre.

Grete: Das können sie laut sagen.
Jussuf: Kann ich mich kurz setzen? Ich will ja nicht stören, aber ich bin schon über zwei Stunden

durch dieses Viertel ... wie sagt man ... geirrt, und als ich vor diesem Haus stand dachte ich, das ist es. Aber wahrscheinlich stimmt das gar nicht.

Grete: Natürlich, bitte, setzen sie sich.
Jussuf: (gibt ihr die Hand.) Jussuf.
Grete: Grete.
Jussuf: Mein Vater wird schrecklich enttäuscht sein, dass ich Ahmed nicht gefunden habe.
Grete: Aber wieso weiß denn ihr Vater nicht, wo sein Freund ist, wo er jetzt wohnt?
Jussuf: Nun, Ahmed ist nach der großen Wende nicht nach Hause zurückgekehrt. Wir wissen

eigentlich gar nicht, wo er mittlerweile ist.

Grete: Ihr Vater wird das schon verkraften. Irgendwann wird sich dieser Ahmed sicher noch

melden.

Jussuf: Das glaube ich nicht. Und wenn, dann ist es vielleicht schon zu spät. Meinem Vater geht

es nicht gut.

Grete: Was hat er denn?
Jussuf: Das weiß man nicht. Aber man kann es in seinen Augen sehen, und an seinen Schläfen.

Die sind ganz eingefallen. – Er wird bald sterben, glaube ich.

Grete: Oh je, das ist... das ist schwierig. Ich kenne das. Mein Vater ist auch gestorben. Ganz

plötzlich. – Aber das war nicht mal das Schlimmste. Danach, da war das Schlimmste. Er war ein halbes Jahr im Tiefkühlhaus, mehr als ein halbes Jahr. Ich meine natürlich die Leiche meines Vaters, nicht mein Vater an und für sich. Das war merkwürdig. Ich sage ihnen, fast jeden Tag musste ich an dem Kühlhaus vorbei, stand direkt neben dem Supermarkt. Diese Vorstellung: der Vater eingefroren, kalkweiß, wie eine Schweinehälfte... oh, verzeihen sie.

Jussuf: Nein, nein, kein Problem, ich bin nicht strenggläubig. Ich habe schon ein oder zwei Mal

Wurst gegessen, in den letzten Jahren.

Grete: Wie auch immer. - Und besonders komisch war, ich meine, besonders seltsam, also nicht

komisch zum Lachen, sondern mehr komisch im Sinne von merkwürdig... aber eigentlich auch nicht im Sinne von merkwürdig, war ja nicht zum Merken, obwohl ich es mir natürlich gemerkt habe. Jedenfalls: dieser Gedanke, er liegt im Kühlhaus und ich schwitze wie ein Schwein, ich meine, alle schwitzen ja wie die Tiere seit der Wende.

Jussuf: Aber wieso lag ihr Vater denn nun so lange im Kühlhaus?
Grete: Die Leiche! Mit meinem Vater hatte das eigentlich ja nichts mehr zu tun. Jedenfalls: Es

war gerade am Anfang der neuen Zeit. Und sie können sich vorstellen, die Alten, ich meine die alten Leute, sind natürlich gestorben wie die Fliegen, an der Hitze sind die eingegangen, Hitzschlag hauptsächlich, nehme ich an. Und in der Stadt gibt es ja nur drei Krematorien, soweit ich weiß, und da sind dann Wartelisten entstanden. – Eigentlich wollte ich ja eine Seebestattung, aber das ist ziemlich schnell verboten worden, gleich nach der Wende, von der GK. Zu heidnisch wäre das.

Jussuf: Mein Vater lebt ja noch.
Grete: Ach?
Jussuf: Ja, ein zäher... wie sagt man... zäher Brocken. Hat sich mit allen angelegt in seinem

Leben. Wenn er mal in der Moschee war, ist er danach zum Imam gegangen und hat sich mit dem angelegt. Hat ihm erzählt, wo er falsch ausgelegt hätte, wo er die Schrift nicht verstanden hätte. Der Imam wäre fast an seinem Tee erstickt.

Grete: Und da hat ihn nicht die Glaubenskongregation, ich meine die ... die ... was immer ihr da

auch habt...

Jussuf: Wir haben so etwas nicht, nie gehabt, wir haben nur Statthalter und dergleichen. Und

Imame. Und Glaubensrichtungen. Und alle streiten sich untereinander. Gott sei dank.

Grete: Heißt das bei euch nicht Allah.
Jussuf: Das ist dasselbe. Es gibt nur einen Gott, und sein Prophet ist Mohammed.
Grete: Das sagen sie aber mal nicht zu laut hier. Ich meine... ich weiß ja nicht.
Jussuf: Wieso? – In der Bibel, im alten wie auch im neuen Testament, als auch im Koran: Immer

derselbe, der eine Gott.

Grete: Nein, nein, ich weiß ja nicht, ich würde das ja nicht sagen. Und sie sollten auch vorsichtig

sein, sonst werden sie ausgewiesen, so schnell können sie gar nicht Allahu Akbar sagen.

Jussuf: Vielleicht haben sie recht. Es ist, wie soll ich sagen, ungemütlich geworden hier im

Westen. Wie soll ich es sagen, ohne sie zu kränken. Es ist anders als früher. – Ich war ja einige Jahre hier.

Grete: Wie, hier?
Jussuf: In dieser Stadt, für einige Jahre. Ich habe damals für das Goethe-Institut gearbeitet,

gleich nach dem Studium.

Grete: Ach...
Jussuf: Ja, aber dann ist mein Vater krank geworden, und ich war gezwungen zurück zu gehen.

Eigentlich schade. Hat mir gut gefallen hier, damals. Ich habe ja Anglistik und Germanistik studiert in Bagdad.

Grete: Ach, das kann man da studieren?
Jussuf: Ja, natürlich! Damals jedenfalls... daher auch mein Deutsch. Ein bisschen eingerostet...
Grete: Gar nicht!
Jussuf: Danke.
Grete: Und ihr Vater?
Jussuf: Nun, der war gar nicht so krank, wie er tat. Er wollte mich nur bei sich haben. Er war alt

geworden. Und er wollte nicht (zögert) ...

Grete: Was? Was wollte er nicht?
Jussuf: Daß ich bei den Ungläubigen bleibe.
Grete: Wie? Bei den Ungläubigen...
Jussuf: Im Westen.
Grete: Aber sie haben doch gesagt, dass er sich immer mit den Imamen angelegt hat.
Jussuf: Das schon. Aber wenn man alt wird, sie wissen schon, die Kultur, die Religion in der man

aufgewachsen ist.

Grete: Ich bin in gar keiner Religion aufgewachsen.
Jussuf: Wie das? Sie sind doch hier aufgewachsen, im Abendland, im Christentum.
Grete: Das kann man so nicht sagen. Mein Vater zum Beispiel, der dann im Kühlhaus gelandet

ist, nie hat er von Gott gesprochen, egal von welchem, meine Mutter auch nicht, aber die hat sowieso alles nachgeplappert, was mein Vater so von sich gegeben hat. Jedenfalls: mein Vater hat immer gesagt: Gott ist tot, hat Nietzsche schon gesagt, und Gott hat kein einziges Mal protestiert, obwohl er lange genug Zeit gehabt hätte. Wenn man weg ist, ist man weg, hat er gesagt, da kommt dann nichts mehr. Wenn du einen Balken auf den Kopf geschlagen kriegst, dann bist du danach definitiv tot. Liebe Tochter, hat er gesagt, dann kommt gar nichts mehr.

Jussuf: Aber das kann doch nicht sein! Und da haben sie gar nichts gesagt?
Grete: Meine Güte, ich war vielleicht fünf Jahre alt. Da sagt man dann nichts mehr. – Und in den

Religionsunterricht haben sie mich auch nicht gelassen, meine Eltern. Nur einmal war ich drin, hab mich rein geschlichen. Da ist dann von Jesus erzählt worden. Das fand ich schön. Die Lehrerin hatte eine so warme Stimme. Und natürlich habe ich zu Weihnachten und zu Ostern die christlichen Spielfilme im Fernsehn angeschaut. Von Moses mit seinem weißen Bart und von Judas und Ben Hur. Und von Barabas. Und natürlich von Jesus von Nazareth. Merkwürdigerweise war der immer blond.

Jussuf: Und sie haben nie an irgendetwas geglaubt?
Grete: Na ja, wenn man älter wird, ich meine, wenn man in die Pubertät kommt, fängt man ja an

sich was zusammenzusuchen. Wie für eine Wandzeitung. Das haben wir damals nämlich auch gemacht: eine Wandzeitung für die Schulklasse. Wir haben uns am Nachmittag getroffen und zusammen Tee getrunken, meine Freundinnen und ich, und haben überlegt was wir in die Wandzeitung bringen sollten: Regenwald, Ölkrise, oder etwas über den vierten Irakkrieg. Solche Sachen. Und da war dann auch eine, die war die Tochter eines Pastors, die hat zwar nicht von Jesus erzählt, aber von Buddha und Zen und so was.

Jussuf: Seltsam, der Westen.
Grete: Später hab ich dann viele Bücher darüber gelesen und nachgedacht darüber. Und mich

ganz abgeschlossen gefühlt von der Welt. Wie eine Glaswelt war das alles. Aber gesehen habe ich nichts durch die Scheiben. Gefunden habe ich auch nichts. Komisch.

Jussuf: Und jetzt glauben sie an nichts, glauben noch immer an nichts?
Grete: Nein, nein, so kann man das nicht sagen. Ich meine, ein paar Überlegungen habe ich mir

schon gemacht. Allein der Himmel, in der Nacht, wenn man aufschaut: So riesig, auch wenn er ja nur eine Sphäre ist, wie wir jetzt wissen, aber trotzdem: so riesig. Maximale Größe. Das kann doch nicht leer sein. Und dann das Leben: wer will mir denn erzählen, dass vor der Geburt nichts war und nach dem Sterben nichts kommt. Mir kann doch keiner erzählen, dass diese 80 Jahre alles sein sollen, alles sind, dieses... Sekundenbild in der Unendlichkeit. Nein, nein, das ist nicht... das ist gar nicht, wie soll ich sagen... das ist gar nicht harmonisch. – Ich glaube ja, dass wir ewig geboren sind und wiedergeboren werden. Immer weiter, ohne Ende, von Anfang an, ohne Anfang. Daher kommt auch dieses komische Gefühl in uns, diese Verzweiflung, die wir immer in uns haben. Das kommt daher, weil wir schon so lange gelebt haben. Schon so unendlich lange.

Jussuf: (mit veränderter, kalter Stimme) Gut, das reicht!

(Jussuf holt ein klobiges Mobiltelefon aus seiner Jackentasche und zischt einige kurze Anweisungen hinein. Grete sitzt wie erstarrt. Durch die Hofeinfahrt treten die zwei uniformierten und bewaffneten Jungchristen).


Jussuf: Führt sie ab.
Grete: Was? Was?
Jussuf: Kein Wort mehr, sonst ...

(Alle ab. Schwarz).



9.

(Wochen später. Britney und Kevin betreten, mit je zwei Koffern in den Händen, den Hof).


Britney: Was für ein Glück, Kevin, was für ein unglaubliches Glück. Ich kann es noch gar nicht

fassen. Eine Wohnung in der Innenstadt. Und in einem so guten Haus. Leck mich am Arsch, womit haben wir das denn verdient? Ich meine vor allem, womit hast du das verdient. Mir steht so was ja schon lange zu, will ich meinen. Aber du hast mich ja immer nur runtergezogen. Das kannste ja gut, das Runterziehen. Da biste ja europäischer Meister drin, mindestens.

Kevin: Nun mach halb lang, Britney, halt doch einfach mal die Schnauze. Immerhin hab ich die

Wohnung besorgt. Ich hätte dich ja auch im Keller lassen können. Geruchlich haste da ja ganz gut hin gepasst.

Britney: Mann, du bist vielleicht ein Arsch. Als würdest du besser riechen. Wer´s glaubt wird ein

Parfümflakon. – Und hier hätten wir ja auch mal ´ne Dusche. Stand jedenfalls im Vertrag. Und jeden Tag für eine Stunde Wasser. Ist das zu fassen? (Schaut auf ihre Armbanduhr) – Hey, es ist schon fast zwei. Wir müssen gleich mal beten gehen.

Kevin: Später, Brit, das können wir verschieben, ja? Erstmal die Wohnung anschauen. Die soll

vom Feinsten sein, meine Süße, vom Feinsten. Ich kann gar nicht glauben, dass wir die bekommen haben.

Britney: Ja, unglaublich, Wahnsinn. Einfach so zugewiesen von der Diözese. Endlich mal Platz.

Die soll sogar Stuck haben.

Kevin: Als würde dich das interessieren. Seit wann interessierst du dich für Kunst?
Britney: Wieso Kunst? – Ich sprech von Gips, von Stuckaturen.
Kevin: Ja, ja, große Wohnung, plötzlich Bildung. Demnächst kaufst du dir dein erstes Buch.
Britney: Nur die Ruhe, Kevin.
Kevin: Selber nur die Ruhe, Britney.
Britney: Und die soll wirklich eine Badewanne haben. Eine Badewanne! Und eine Stunde am

Tag fließend kalt Wasser.

Kevin: Das glaubst du doch selber nicht. Fließend kalt Wasser – das ist doch nicht das Westend

hier.


(Der Hausmeister öffnet sein Fenster und platziert ein Kissen auf dem Fenstersims. Sein Kopf ist kahlgeschoren. Er sieht bleich, schmal und mitgenommen aus. In seiner Hand hält er einen Rosenkranz).


Hausmeister: Hey, ihr da, was macht ihr hier im Hof?
Kevin: Tag auch. Wir sind die neuen Mieter, wir haben gerade die Zuweisung bekommen.
Hausmeister: Für welche Wohnung?
Britney: Im ersten. Die steht leer.
Hausmeister: (matt) Ich weiß.
Kevin: Wer hat den da gewohnt, bisher?
Hausmeister: Ein Paar. Schlechte Leute. Ganz schlechte Leute.
Kevin: Wie, schlechte Leute? Wieso sind die denn ausgezogen? Wie man hört, ist die Wohnung

ja ein Traum.

Hausmeister: Keine Ahnung. Die sind einfach irgendwann ausgezogen. Über Nacht. Natürlich

ohne die letzte Miete zu zahlen.

Britney: Wir haben auf der Straße ja was ganz anderes gehört, auf der Straße, vor dem Haus, bei

der Wasserpumpe.

Hausmeister: (misstrauisch) Ach ja, was denn?
Kevin: Brit, bitte.
Britney: Lass mich doch. – Na, dass die abgeholt wurden, von der GK, das haben wir gehört.
Hausmeister: Geschwätz! Davon wüsste ich.
Britney: Und dass es hier Spitzel geben würde.
Hausmeister: Was wollen sie damit sagen, Schwester? – Das ist ein ... ein ... anständiges Haus.

Hier geht alles mit rechten Dingen zu. Seien sie bloß ruhig, es sei denn, sie sind so richtig scharf auf Ärger. Ärger kann ich ihnen ganz schnell besorgen, den gibt´s hier im Sonderangebot an jeder Ecke.

Kevin: Schon gut, Herr ...
Hausmeister: Demirel.
Kevin: ... Herr Demirel. Wir wollten nicht aufdringlich sein, meine Frau und ich. Wir freuen uns

nur so über unsere neue Wohnung. Sogar mit Badewanne, haben wir gehört.

Hausmeister: Schon recht, ich werd´s mir merken.
Britney: Was werden sie sich merken?

(In der Wohnung des Hausmeisters klingelt das Telefon. Er nimmt bedächtig das Kissen von der Fensterbank, schließt das Fenster und nickt den Zweien zu, bevor er die Gardinen zuzieht).


Britney: Wer war das eigentlich?
Kevin: Wahrscheinlich die Concierge.
Britney: Die?
Kevin: Die! So was riech ich.
Britney: Was du nicht so alles riechst. Homo-Radar, oder wie? Ich glaub ich spinn! – Halt bloß

das Maul, Kevin. Irgendwann, ich meine, eines schönen Tages kriegt jemand mit, was du so zusammen phantasierst, und dann kommt so einer wie der Hausmeister gleich in den nächstbesten GK-Knast. – Der sah eh ziemlich durch aus. Vielleicht war er ja schon mal, ich meine, vielleicht ist er ja schon mal angeschwärzt worden von irgend so´nem Spitzel. Vielleicht war der ja schon mal vor der GK. Sah jedenfalls ziemlich mitgenommen aus, der Gute.

Kevin: Und du sagst, ich phantasiere. Lachhaft! – Ich riech so was. Und außerdem ist hier doch

niemand, der uns zuhören könnte, oder?


(Ein Fenster im dritten Stock wird geöffnet. Nachbar 1 lehnt sich, mit einer Bierflasche in der Hand, über die Brüstung).


Nachbar 1: Holla, da unten, neue Gäste! Fein.
Kevin: Was?
Britney: (winkt nach oben.) Hallo da oben!
Kevin: Was hat er gesagt?
Nachbar 1: Ich hab gesagt: Holla, neue Gäste! Sehr fein! Herzlich willkommen!
Britney: Danke. – Wir müssen dann mal, sie wissen schon, die neue Wohnung.
Nachbar 1: Klar.

(Britney und Kevin ab.)

Nachbar 1: Na, das kann ja was werden.



10.

(Tage später. Britney und Kevin sitzen mit einer Flasche Schnaps und zwei Gläsern auf dem Sofa, beide schwer angesoffen. Die Abenddämmerung zieht über den Seitenflügel).


Britney: Mann, du bist vielleicht am Arsch, mein Lieber.
Kevin: Ja, ja, schon recht.
Britney: Ankotzen tust du mich, so was von ankotzen. Macht keinen Finger krumm, der Arsch.

Und ich bin nur noch abgearbeitet. Und diese Hitze!

Kevin: Wie rührend.
Britney: Du bist so was von am Arsch, du Arschloch, so was von am Arsch.
Kevin: Genau so schaut es aus, mein Schatz. Ich funktioniere gar nicht mehr. Ist das nicht toll!

Alles kaputt, jedes einzelne Rädchen in meinen Fingern, in meinen Knöchelchen, nicht eingerostet sondern zersprungen. Nur noch Pampe in den Adern. Und literweise Säure im Magen, daher schon ganz aufgebläht, das Ding. Und Teer in der Lunge, ich sag dir, Schichten aus schwarzbrauner Ablagerung bis hoch in die Spitzen der Bronchien. Und die Leber erst, ach herrje, und die Nieren, ich bin ja schon ganz gelb von unverarbeiteter Pisse. Alles zersoffen mit Kanister weise Waschbenzin. Und das Gehirn erst, ich will ja gar nicht davon sprechen, völlig kaputt, kann damit gar nichts mehr denken. Ich funktioniere eben nicht mehr, also lass mich doch in Ruhe, ja, Süße?

Britney: Ich weiß nicht, aber so einen wie dich sollte man mal irgendwie... irgendwie abkühlen,

kalt machen, durchschütteln. Wo kommen wir da hin oder her, wenn alles lumpige Pack einfach kaputt gehen würde. So ein Aaspack, so ein faules Bündel von Trieben. Könnt´ ja jeder kommen. Da könnt´ ja sogar ich daher kommen, könnt´ ich ja auch machen, wäre ja noch schöner – mach´ ich aber nicht. Mann, du musst dir einfach mal Arbeit suchen. Klappe aufreißen... wenn´de damit Geld verdienen könntest... Könnt´ ich ja auch so machen, aber mach ich das? Nee. Da würde ich ja noch lieber Klos putzen, und zwar fremde, und zwar vollgeschissene, zugekotzte, gelbgepisste würde ich ja wieder auswischen, muss aber nicht. Das muss ich aber nicht! Weil: ich habe Arbeit, im Gegensatz zu dir, hab ich ja Arbeit im Casino der Erzdiözese. Gute Arbeit hinterm Tresen. Da mach ich die Schwarzröcke betrunken, aber wegwischen muss ich es nicht, am nächsten Morgen. Das macht eine mit Kopftuch. – Und du? Dich sollte man wegputzen!

Kevin: Was willst du denn? – Immerhin hab ich die Wohnung besorgt.
Britney: Na toll! – Und wer zahlt die Miete?
Kevin: Außerdem bin ich Dichter. Ich kann nicht arbeiten. Das hab ich mir abgewöhnt.
Britney: Ha, Dichter!
Kevin: Na, besser als so ne Tresen … kraft. Ich arbeite nicht für Geld, das seh ich gar nicht ein.

Zu Fressen gibt´s in der Kirche, und die Miete hab ich noch immer zusammengekratzt.

Britney: Geschnorrt willst du sagen, und zwar hauptsächlich von mir.
Kevin: Na und? – Ich hieve meinen Arsch nicht aus dem Bett, wenn es nicht dringend ist. Das ist

mir ausgetrieben worden von meiner Herr Vaterfigur. Da hat mich jeden Morgen geweckt, nachdem ich von der Schule abgegangen war.

Britney: Abgegangen?
Kevin: Abgegangen! – Jeden Morgen hat er mir ins Ohr geschrien: mach dich zum Arbeiten, du

Dreckstück, du faules. Hieve deine verdreckten, von mir überbezahlten Arschbacken aus dem von mir gekauften Bett und geh anschaffen auf dem Bau oder in sonst einem Keller. `Hab ich gedacht, in sonst einen Keller geh ich nicht. Nix ist. Und dann ist die Sau in die Frühmesse gegangen und hat ein verständiges Gesicht gemacht. –  Nicht mit mir! Immer soll man irgendwas machen, tun, schaffen. Es kotzt mich so an. Was soll man denn machen? – Es gibt doch gar nichts zu machen. Die Arbeit, die gibt´s doch sowieso nicht mehr.

Britney: Und wieso hab ich welche?
Kevin: Weil du dich reingeschleimt hast, rangebetet hast du dich. – Dann schon lieber den ganzen

Tag in der Sonne liegen.

Britney: In der Sonne?
Kevin: Ich weiß gar nicht was du hast, in den letzten Tagen ist es doch eindeutig kühler

geworden.

Britney: Na klar, sicher doch. – Das bildest du dir ein.
Kevin: Nicht die Bohne bilde ich mir das ein.
Britney: Ist ja auch egal. (Schaut auf ihre Armbanduhr.) Wir müssen los.
Kevin: Ich muss gar nicht los, mir gefällt´s hier wunderbar. Wunderbar!
Britney: Wir müssen los, Kevin, die Abendmette beginnt in einer Viertelstunde. Wir waren seit

Tagen nicht mehr in der Kirche. Das fällt auf.

Kevin: Ach was, wem soll das denn schon auffallen!
Britney: Kevin, bitte! – Ich will meinen Job nicht verlieren. Sonst ist es das gewesen, mit unserer

schönen Wohnung und fließend  kalt Wasser.

Kevin: (nimmt noch einen Schluck.) Aber ich bin besoffen.
Britney: Kevin!
Kevin: Also gut, wenn es denn sein muss, bitteschön.

(Beide erheben sich vom Sofa und verlassen den Hof durch die Toreinfahrt. Kurz darauf öffnen die Nachbarn zeitgleich ihre Fenster).


Nachbar 1: Es soll ja gerade...
Nachbar 2 & 3: Wo?
Nachbar 1: Es soll ja gerade...
Nachbar 2 & 3: Was?
Nachbar 1: Am Bülowplatz, am Bülowplatz...
Nachbar 2 & 3: Was denn?
Nachbar 1: Vor der Kirche, soll ja ... Bumm! Ja, Bumm!
Nachbar 2: Nein, das kann nicht...
Nachbar 1: Es soll ja gerade vor der Kirche am Bülowplatz, Bumm! Oder sogar in der Kirche

selbst soll ja...

Nachbar 2: Nein, das kann nicht sein...
Nachbar 3: Was? Was?
Nachbar 1: Soll ja in der Kirche, direkt vorm Altar. Soll ja während der Abendmette. Ja, Bumm!
Nachbar 2: Nein! Nein! – Das kann nicht sein.
Nachbar 3: Wo?
Nachbar 1: Vor dem Altar, auf dem Altar sogar, mitten in das Gesicht des Priesters sogar, hab ich

gehört. Ja...

Nachbar 2: In das Gesicht? Mit voller Wucht? Das kann nicht, kann nicht sein!
Nachbar 3: Das ist ja unvorstellbar. Das ist unmöglich.
Nachbar 2: Das war nicht zu erwarten.
Nachbar 3: Nein, keinesfalls war das... der Herr hätte niemals...

(Der Hausmeister kommt in den Hof, einen Rosenkranz in der Hand).

Nachbar 2: Oh ja, der Herr nicht, niemals. Besonders nicht vor dem Altar, oder auf ... das nicht.
Hausmeister: (ruft hoch:) Was?
Nachbar 1 & 2 & 3: Ach, nichts.
Nachbar 1: Wir sprachen über das Wetter.
Nachbar 2: Es soll herbstlich geworden sein in Schweden. In Nordschweden.
Nachbar 3: Ich hab gehört, auf der Rasenfläche vor dem Parlament in Oslo, da ist der erste

Schnee gesehen worden.

Hausmeister: Ach, das sind doch nur Gerüchte. Das war doch bestimmt nur ein billiger

Werbegag für irgend so ´nen Mist.

Nachbar 3: Nein, nein, Schnee!
Hausmeister: Hört mir doch auf damit.

(Schwarz.)



11.

(Priester und Messdiener schleichen erneut durch den Hof, ihre Notizbücher in den Händen).

Priester: Können sie sich noch an diese Nutte erinnern, die wir hier haben festsetzten lassen,

damals? Wie lang ist das doch her?

Messdiener: Vater, ich weiß nicht, ob das wirklich das passende Wort ist.
Priester: Festsetzen?
Messdiener: Nein, das ... wie soll ich sagen ... das ...
Priester: Ach, Nutte? – Glauben sie doch nicht alles, was im Katechismus steht, Mann. Das

sind doch nur Worte. Kleine, nette Worte die mit „N“ beginnen. Wie zum Beispiel „Narkotikum“, „Nazareth“ oder eben „Nutte“.

Messdiener: Bitte, Vater, nicht.
Priester: Wie auch immer. – Haben wir hier nicht... eine Frau festgesetzt vor einigen Wochen,

die wir angeklagt haben? Weshalb doch gleich?

Messdiener: (blättert in seinem Notizbuch.) Lassen sie mich nachschauen. Ja, hier hab ich es.

Margarethe Brunner. 32 Jahre alt. Angeklagt wegen Gotteslästerung.

Priester: Wegen Gotteslästerung! Und wegen was verurteilt?
Messdiener: Das steht hier nicht.
Priester: Sie führen ihr Buch schlampig, mein Sohn, sehr schlampig.
Messdiener: Nein, nein, es steht hier einfach nicht. Das bedeutet nur, dass mir das Urteil nicht

gemeldet wurde.

Priester: Wegen Gotteslästerung also. Tja, was will man da machen... wahrscheinlich nur eine

Haftstrafe, vielleicht mit ein paar Stockhieben dazu. Kläglich, wirklich kläglich.

Messdiener: Kläglich?
Priester: Ja, selbstverständlich. Was denken sie denn, Bruder? So eine Nutte festzusetzen, und

dann nur eine Anklage wegen Gotteslästerung. Eine geringe Haftstrafe, fünf Jahre vielleicht. Lächerlich, nicht der Rede wert. Ein paar Stockhiebe vielleicht, maximal ein leichtes Verbrühen... da ist sie aber gut davongekommen. – Ich meine, so eine Fotze muss doch härter rangenommen werden. Wer weiß, was die noch so alles verbrochen hat? – Gott zu leugnen ist ja das eine, aber andere zu verfluchen zum Beispiel, das ist etwas ganz anderes. Was glauben sie denn, Bruder, was so eine dreckige Fotze den ganzen Tag macht? Sie glauben doch nicht, dass die nur lästert.

Messdiener: Wahrscheinlich nicht, da haben sie schon recht.
Priester: Das will ich wohl meinen. Früher hätte man sie als Hexe zum peinlichen Verhör

geladen. Aber der Erzbischof ist ja zu liberal. Ein weicher Mann. Vom heiligen Vater zu schweigen. Man weiß ja schon gar nicht mehr, was der in Avignon so tut. Oder haben sie etwas gehört? Eine Bulle? Ein Sendschreiben?

Messdiener: Nein, das nicht. Aber Radio Avignon hat eine Verlautbarung verlesen lassen über

die Unantastbarkeit des heiligen Weihwassers, das es nicht getrunken werden darf, unter keinen Umständen.

Priester: Ach, hören sie mir doch damit auf. – Eine Hexe wäre das gewesen. Rösten würden wir

die, wenn nicht der Erzbischof... und die peinliche Befragung, astrein, das wäre etwas, was das Volk in seine Schranken weisen würde. Bestrafe einen, erziehe Hundert. Das kann ich ihnen garantieren, mein Sohn, das ist doch nur Pack, das würde vor Angst zusammenschrumpfen, und wenn nicht, würde es eben auf dem Rost zusammenschrumpfen. So schaut es aus. Die ganzen Fotzen: zusammenschrumpfen. Ja. Ganz ohne Zweifel.

Messdiener: Vater, bitte nicht dieses Wort.
Hausmeister: (öffnet sein Küchenfenster, Rosenkranz in der Hand.) Euer Gnaden, euer Gnaden,

gut das sie hier sind. Ich weiß nicht mehr weiter, euer Gnaden. Mir gelingt es einfach nicht mehr. Ich bemüh´ mich ja so, aber ...

Priester: Was ist denn, mein Sohn, was quält dich? (Beiseite zum Messdiener:) Hatten wir den

nicht bei uns im Keller demletzt?

Messdiener: Ich glaube schon, sieht ganz danach aus.
Hausmeister: Ich habe harte Wochen hinter mir. Man hat mir gesagt, ich wäre dabei, vom

Glauben abzufallen, aber das glaube ich nicht.

Priester: Das will ich hoffen, Sohn.
Hausmeister: Aber in meinem Kopf, da ist es schlimmer geworden.
Priester: Wie meinst du das, Sohn?
Hausmeister: (zählt mit den Fingern immer schneller die Perlen seines Rosenkranzes) Wie soll

ich es sagen? – Manchmal sitze ich in meinem Zimmer auf dem Bett und klopfe gegen die Wand. Und ich habe das Gefühl, dass mir irgendjemand antworten müsste, von jenseits der Wand, dabei weiß ich ja, dass da gar keiner mehr wohnt. Und dann kommt etwas, dass mich inwändig einnimmt. Festsaugen tut sich das und macht alles dunkel in mir. Und dann sind sie da, diese Stimmen, ich meine in meinem Kopf, wenn ich mit mir selbst spreche. Das Rasen, das An- und Abschwellen der Gedanken. Rechts von mir, rechts von meinen Augen, ein Fenster zum Himmel hin, links von mir eine Tür in die noch dunklere Wohnung. Und es rast in meinem Kopf, dieser alte Sprechfunk im Kopf. Und ich denke im Kopf, wehe, aus welchem Jahrhundert hat sich das eingeschlichen, diese knatternde, nein, raunende Stimme. Und dann, wenn eine Spezialmischung in meiner Schädelschüssel sich ergibt, in meinem Gehirn, kann ich die Denkbewegung nicht mehr fassen, nicht mehr die Denkbewegung auf der Aschenbahn im Kreis sich laufen lassen. Was mach ich dann, euer Gnaden, was mach ich dann nur? – Ich erhebe mich über die graue Grütze, die da zwischen den Ohren ist, zwischen Fenster und Tür, zwischen Heute und Morgen, und das Heute ist schon vergangen in dem Moment, und das Morgen nur abgedämpftes Licht hinter meinen Augen... Und es erhebt mich aus mir heraus, eins ums andere Mal. Und was ich sehe hinter meinen Augen, wenn ich sie umdrehe, meine Augen, hin zum Gehirn, was ich also dann sehe: nur anatomische Schaubilder. Und alle Gedanken stürzen in sich selbst. Und nichts bleibt, außer den Stimmen in den vielen Köpfen. Und was soll ich da tun? Was um Gottes Willen soll ich da tun? Sagen sie mir, Hochwürden, was? Was?

Priester: Das ist schwer zu sagen, mein Sohn. Sehr schwer ist deine Frage zu beantworten. – Ich

würde wahrscheinlich beten. Ja, das würde ich tun, beten, das hilft.

Hausmeister: (ein langes Zögern, ein Schrei.) Das ist doch alles eine Lüge. Ich will nicht! –

Will nicht mehr! Ich will nicht verrückt werden. Will nicht! – Und wenn ich schon verrückt werden muss, dann will ich aggressiv verrückt werden. Ich will mir schwarze Schaftstiefel anziehen und durch das Viertel marschieren. Und nicht so ein armes Hascherl sein, das sich hinter der Küchentür zusammenkauert. Keine Depressionen mehr, nur Manien. Und schwarze Schaftstiefel. Ja, und eine fette, große Waffe. Eine glänzende, geladene, nagelneue Waffe! Ja!


(Schwarz)



12.

(Das Haus, Jahre später, die Scheiben sind größtenteils eingeworfen, die Wohnungen verlassen, im Hof liegt Taubendreck. Eine verschmierte Tiefkühltruhe steht dort, wo früher das Sofa stand. Das Licht ist trüb und weißgrau. Hans-Kevin kommt durch die Hofeinfahrt, er hat eine Steppjacke an).


Hans-Kevin: Unglaublich, alles noch so wie früher. Nichts hat sich verändert. Mein Gott, wenn

ich dran denke. Damals, mein Gott, ich fühl mich glatt wie´n Rentner. Menschenskind, sogar die alte Linde steht noch. (Setzt sich auf die Tiefkühltruhe). Wie lang ist das jetzt her? Das muss ja ewig her sein. Und meine Süße, Jesus, wie lange das her ist, kaum zu glauben. – Die lebt ja jetzt in Amerika, hab ich mir sagen lassen, von... von... na, ist ja auch nicht so wichtig. Man wird ganz sentimental, geradezu sentimental wird man hier... „Wie in verwehte Jugendtage blickst du zurück“... wo hab ich das doch gleich gelesen? „Und glaubst, das wär das Glück“... nee, so ging das nicht. Na ja...


(Durch die Hofeinfahrt schiebt der Anreißer eine Glasharfe und spielt Mozarts Adagio in C-Dur. Es beginnt langsam, sehr langsam zu schneien).

Hans-Kevin: Mensch, das waren doch schöne Zeiten, letztendlich. Damals. Was waren wir da

jung. Unglaublich eigentlich, dass ich jetzt wieder hier stehe. An genau demselben Ort. Kaum zu fassen ...


 
 
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