Fernando Pessoa: O poente está espalhada pelas nuvens - Signaturen

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Fernando Pessoa: O poente está espalhada pelas nuvens

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O poente está espalhada pelas nuvens

Der Sonnenuntergang ist über die Wolken ausgebreitet, die einzeln losgelöst den ganzen Himmel bedecken. Reflexe in allen Farben, sanfte Reflexe, erfüllen die Mannigfaltigkeit der Luft hoch oben, treiben abwesend in den großen Schmerzen der Höhe. An den Firsten der hohen Dächer, halb Farbe, halb Schatten, nehmen die letzten weichen Strahlen der scheidenden Sonne Farbformen an, die weder ihre noch die der Dinge, auf denen sie liegen, sind. Es herrscht eine große Ruhe oberhalb des Geräuschpegels der sich ebenfalls beruhigenden Stadt. Alles atmet jenseits der Farbe und des Klangs, in einem tiefen und stummen Atemschöpfen.

An den bunten Häusern, die die Sonne nicht sieht, nehmen die Farben langsam ihre Grautöne an. Kälte ist in den Verschiedenartigkeiten dieser Farben. Es schläft eine kleine Beunruhigung in den falschen Tälern der Straßen. Schläft und ruht. Und nach und nach beginnen an den tiefsten der hohen Wolken die Reflexe zu Schatten zu werden; nur an jener kleinen Wolke, die als weißer Adler über allem schwebt, bewahrt die Sonne von weitem ihr lachendes Gold.

Alles, was ich im Leben gesucht habe, habe ich selbst ebendeshalb aufgegeben zu suchen. Ich bin wie jemand, der geistesabwesend etwas sucht, von dem er im Traum unter dem Suchen schon vergessen hat, was es war. Wirklicher als die gesuchte abwesende Sache wird die reale Bewegung der sichtbaren Hände, die beim Suchen alles umdrehen, wegschieben und aufstellen, und die weiß und lang existieren, mit genau fünf Fingern an jeder.

Alles, was ich gehabt habe, ist wie dieser hohe und auf verschiedene Weise gleiche Himmel, von einem fernen Licht berührte Fetzen aus Nichts, Bruchstücke falschen Lebens, das der Tod mit seinem traurigen Lächeln vollständiger Wahrheit von weitem vergoldet. Alles, was ich gehabt habe, ja, ist das Nicht-Suchen-Können gewesen, Feudalherr abendlicher Sümpfe, verlassener Prinz einer Stadt leerer Gräber.

Alles, was ich bin, oder was ich war, oder was zu sein oder gewesen zu sein ich denke, verliert plötzlich – in diesen meinen Gedanken und im plötzlichen Lichtverlust der hohen Wolke – das Geheimnis, die Wahrheit, das Glück vielleicht, das es in irgendetwas gab, das das Leben unter sich hat. Dies alles, wie eine fehlende Sonne, ist, was mir bleibt, und über die hohen Dächer läßt das Licht die sinkenden Hände unterschiedlich herabgleiten, und in der Einheitlichkeit der Dächer wird der innere Schatten von allem deutlich.

Unmerklicher zitternder Tropfen, wird hell in der Ferne der erste kleine Stern.



216 - 7. 10. 1931
übersetzt von Werner Wanitschek


 

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