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Fernando Pessoa: Floresce alto na solidão nocturna

Texte


Fernando Pessoa



Floresce alto na solidão nocturna

Hoch in der nächtlichen Einsamkeit blüht hinter einem Fenster eine unbekannte Lampe. Alles andere in der Stadt, das ich sehe, ist dunkel, außer wo schwacher Widerschein des Lichtes von den Straßen aufsteigt und hier und dort einen entgegengesetzten, sehr bleichen Mondschein schweben läßt. In der Schwärze der Nacht hebt die eigentliche Häusermenge ihre unterschiedlichen Farben oder Farbtöne in sich selbst kaum hervor; nur unmerkliche, man möchte sagen abstrakte, Unterschiede verunregelmäßigen das aufgehäufte Ganze.

Ein unsichtbarer Faden bindet mich an den unbekannten Besitzer der Lampe. Es ist nicht der gemeinsame Umstand, daß wir beide wach sind: hierin ist eine Gegenseitigkeit nicht möglich, denn da ich am Fenster im Dunkeln stehe, könnte er mich nie sehen. Es ist etwas anderes, was mich allein angeht, welches ein wenig zu tun hat mit der an Nacht und Stille teilhabenden Empfindung von Vereinzelung, die sich diese Lampe zum Ruhepunkt wählt, weil es der einzig vorhandene Ruhepunkt ist. Es scheint daß weil sie brennt die Nacht so dunkel ist. Es scheint, daß sie leuchtet, weil ich wach im Dunkeln träume.

Alles Existierende existiert vielleicht weil etwas anderes existiert. Nichts ist, alles existiert gleichzeitig: vielleicht ist es so richtig. Ich empfinde, daß ich zu dieser Stunde nicht existieren würde – zumindest nicht auf die Weise, in der ich existent bin, mit diesem gegenwärtigen Bewußtsein von mir, welches weil es Bewußtsein und gegenwärtig ist in diesem Augenblick vollkommen ich ist –, wenn jene Lampe irgendwo dort drüben nicht brennen würde, in vorgetäuschtem Höhenprivileg nichts anzeigender Leuchtturm. Ich empfinde dies, weil ich nichts empfinde. Ich denke dies, weil dies nichts ist. Nichts, nichts, Teil der Nacht und der Stille und davon, daß ich mit ihnen ein Nichtvorhandenes bin, ein Negatives, ein Zwischenräumliches, Raum zwischen mir und mir, Etwas -Vergessen irgendeines Gottes …



8. 9. 1933 - übersetzt von Werner Wanitschek

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