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Fernando Pessoa: (Im Büro allein)

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Fernando Pessoa


(Im Büro allein)

übersetzt von Werner Wanitschek



Não sei porque – noto-o subitamente – estou sozinho no escritório


Warum weiß ich nicht – ich stelle es plötzlich fest –, ich bin allein im Büro. Ich hatte es schon unbestimmt geahnt. Es herrschte in irgendeinem Winkel meines Bewußtseins von mir eine Weite vor Erleichterung, ein tieferes Atemholen von anderen Lungen.

Es ist dies eine der seltsamsten Empfindungen, die uns durch den Zufall des Einander-Treffens- und -Verfehlens beschert werden kann: nämlich die, sich allein in einem für gewöhnlich vollen, lauten oder fremden Haus zu befinden. Wir bekommen sogleich die Empfindung unumschränkten Besitzes, leichter und ausgedehnter Herrschaft, von Weite – wie ich sagte – aus Erleichterung und Ruhe.

Wie schön, dieses uneingeschränkte Alleinsein! Laut mit uns sprechen, ohne Blickhindernis umhergehen, zurückgelehnt in einer unangerufenen Träumerei ruhen zu können! Jedes Haus wird zu einem Feld, jeder Raum bekommt die Ausdehnung eines Gutes.

Die Geräusche sind alle fremd, als gehörten sie zu einem nahen, aber unabhängigen Universum. Endlich sind wir Könige. Danach streben wir schließlich alle, und die größten Plebejer von uns – wer weiß – mit mehr Kraft als die mit mehr falschem Gold. Für einen Augenblick sind wir Pensionäre des Universums, und wir leben, durch die regelmäßig gezahlte Rente gesichert, ohne Nöte und Sorgen.

Ach, doch erkenne ich, an diesem Schritt auf der Treppe, den ich weiß nicht wer zu mir heraufkommenden Jemand, der meine vergnügliche Einsamkeit unterbrechen wird. Überfallen wird es werden von Barbaren, mein stillschweigendes Reich. Nicht daß der Schritt mir sagte, wer der Heraufkommende sei, noch daß ich mich an den Schritt dieses oder jenes mir Bekannten erinnerte. Es gibt einen eher dumpfen Instinkt in der Seele, der mich wissen läßt, daß hierher kommt oder heraufkommt, was vorläufig nur Schritte auf der Treppe sind, die ich plötzlich sehe, weil ich an den der sie heraufsteigt denke. Ja, es ist einer der Angestellten. Er bleibt stehen, man hört die Tür, er kommt herein. Ich sehe ihn ganz. Und er sagt zu mir beim Hereinkommen: »Allein, Herr Soares?« Und ich antworte: »Ja, schon eine Weile … « Und dann sagt er, sich aus dem Jackett schälend mit dem Blick auf das andere, das alte, auf dem Bügel: »Ganz schön langweilig für jemanden, wenn er hier allein bleibt, Herr Soares, und dann noch …«. »Stimmt, ganz schön langweilig«, antworte ich. »Da möchte man fast schlafen«, sagt er, schon im verschlissenen Jackett und auf dem Weg zum Schreibtisch. »Möchte man«, bestätige ich lächelnd. Dann strecke ich die Hand aus nach dem vergessenen Federhalter, und graphisch mache ich einen Sprung zurück in die anonyme Gesundheit des normalen Lebens.


29. 3. 1933

 

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