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Fernando Pessoa: (Atrás)

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Fernando Pessoa

(Atrás)

übersetzt von Werner Wanitschek


Atrás dos primeiros menos-calores do estio findo


Nach den ersten weniger heißen Tagen des endenden Sommers kamen, in den Zufällen der Spätnachmittage, gewisse sanftere Färbungen des weiten Himmels, gewisse Änderungen frischen Windhauchs, die den Herbst ankündigten. Es war noch nicht das Verfärben des Blattwerks oder das Abfallen der Blätter, auch nicht jene unmerkliche Bangigkeit, die unsere Wahrnehmung des Todes außerhalb begleitet, weil es auch unserer sein wird. Es war wie ein Ermüden der tatsächlichen Anstrengung, ein unmerklicher Schlaf, der zu den letzten unternehmenden Handlungen hinzugekommen war. Ah, es sind Nachmittage von einer solch schmerzenden Gleichgültigkeit, daß, bevor er in den Dingen beginnt, der Herbst in uns beginnt.

Jeder Herbst, der kommt, ist dem letzten Herbst, den wir haben werden, näher, und das gleiche ist wahr für die Sommerzeiten; doch der Herbst gemahnt, durch das was er ist, an das Ende aller Dinge, und zur Sommerszeit ist es leicht, durch Schauen, daß wir es vergessen. Es ist noch nicht der Herbst, es ist noch nicht in der Luft das Gelb gefallener Blätter oder die feuchte Traurigkeit der Zeit, die später Winter sein wird. Sondern es gibt eine Spur vorweggenommener Traurigkeit, ein für die Reise gekleideter Kummer, in dem Empfinden, in dem wir unmerklich achtsam sind auf die farbige Zerstreuung der Dinge, auf den anderen Ton des Windes, auf die ältere Ruhe, die sich, wenn die Nacht hereinbricht, über die unvermeidliche Gegenwart des Universums verbreitet.

Ja, wir werden alle vergehen, an allem vorbeigehen. Nichts bleibt von dem, das Gefühle und Handschuhe trug, von dem, das vom Tod und von der Lokalpolitik sprach. Wie das Licht, das die Gesichter der Heiligen und die Gamaschen der Vorübergehenden beleuchtet, dasselbe ist, ebenso wird das Fehlen von Licht dasselbe sein, das das Nichts im Dunkel läßt, welches bleibt von dem, daß die einen Heilige und andere Gamaschenbenutzer gewesen sind. In dem großen Wirbel, vergleichbar dem des Laubes, in dem träge die ganze Welt ruht, zählen die Königreiche soviel wie die Kleider der Näherinnen, und die Zöpfe der blonden Kinder gehen im selben Todeskreis wie die Zepter, die Reiche darstellten. Alles ist nichts, und im Atrium des Unsichtbaren, dessen offene Tür nur auf eine gegenüber liegende verschlossene Tür weist, tanzen, als Dienerinnen dieses Windes, der sie ohne Hände durcheinander wirft, all diese Dinge, kleine und große, die für uns und in uns das gefühlte System des Universums bildeten. Alles ist Schatten und aufgewirbelter Staub, und es gibt keine Stimme, außer dem Ton, den das verursacht, was der Wind hochhebt und mit sich reißt, und kein Schweigen außer dem, das der Wind zurückläßt. Die einen, leichte Blätter, die weniger an der Erde haften, weil sie leichter sind, steigen hoch im Wirbel des Atriums und fallen weiter entfernt als der Kreis der schweren. Andere, fast unsichtbar, gleichfalls Staub, verschieden nur, wenn wir ihn aus der Nähe sähen, machen sich selbst das Bett im Wirbel. Andere wieder, Miniaturstämme, werden im Kreis herumgeschleppt und bleiben hier und da liegen. Eines Tages, am Ende der Kenntnis von den Dingen, wird die Tür hinten aufgehen, und alles, was wir waren – Sternen- und Seelendreck – wird aus dem Haus gekehrt werden, damit das Vorhandene wiederbeginne.


14. 9. 1931


 

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