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Felix Schiller: regionale konflikte

Rezensionen


Kristian Kühn

Ein Europa-Körper  


Felix Schiller, Anfang dreißig, hat sein Debut – es heißt „regionale konflikte“ – im Herbst 2017 bei hochroth München vorgelegt. Durch ihre Vierer-Auswahl von besten Lyrikdebuts des Jahres (für das Haus für Poesie in Berlin) hat die Kulturjournalistin Beate Tröger es im Dezember dann geadelt. Nun ist es da.

Am Anfang eine Landkarte mit 29 Hotspots regionaler Konflikte in Europa, darin Zahlen, identisch mit den Seitenangaben für die 29 Gedichte. Und noch ein einführendes sowie ein abschließendes Gedicht des reisenden Ichs als An- und Ausleitung des Vorhabens.

Es ist sehr schwer, dieses Bändchen zu besprechen und ihm gerecht zu werden. Am besten, ich halte mich dabei an die Angaben Jacques Rancières aus seinem Essay „Das Fleisch der Worte“, und zwar an das Kapitel „Der Platz der Lyrik“. Da heißt es:

„Die Freiheit, die die moderne dichterische Revolution begründet, ist eine dem Dichter zur Verfügung stehende Art und Weise, sein Gesagtes zu begleiten. Die Bedingung der Möglichkeit dieser Begleitung besteht in einer neuen, politischen Erfahrung des Sinnlichen, einer neuen, der Politik eigenen Weise, sich zu versinnlichen und das bürgerliche ethos im Zeitalter der modernen Revolutionen zu affizieren.“

Schiller ergreift kaum Partei, indem er anwesend ist. Aber er affiziert – als ein empfindsamer Beobachter, der Splitter von Ereignissen zusammenfügt, ohne sie trennen oder bewerten zu wollen, dass sie wehtun, die sich deshalb auch widersprechen, als Eindrücke und spontane Gedanken, mit Schwergewicht auf einem Dreisatz/Narrativ Körper → Grenze → Krankheit.

Und Rancière fährt fort:

„Das moderne Dispositiv der politischen Repräsentation stützt sich auf eine nicht-repräsentative Darstellung, die ihr vorausgeht, eine unmittelbare Sichtbarkeit des Sinns im Sinnlichen.“

Und so beginnen diese 29 Hotspot-Gedichte stets mit nicht-repräsentativen Einzelwahr-nehmungen, etwa mit „oder simpler aufruf, zuster“ – anderswo mit „und trachtenläufe, bolsch“, jeweils gefolgt von der litaneiartigen Frage: „beginnen so am körper konflikte?“ Dann erst wird der Ort des Geschehens genannt, gefolgt von der das Gedicht ausmachenden Beobachtungskette dessen, was subjektiv und körperlich erfahrbar ist im Chaos der Ereignisse eines umkämpften Gesamtkörpers Europa. Einen überschaubaren oder konsequenten Ablauf oder gar eine Interpretation der Wahrnehmungen gibt es nicht. Und statt am Ende der Gedichte – es sind Prosagedichte –, wenn sie mit lyrischem Flattersatz schließen, eine zusammenführende Erkenntnis zu präsentieren, werden sie zur Selbstreflektion, als wolle das Ich abreisen, aufgeben. Etwa gleich in Mariehamn (autonom in Finnland):

„wie kann ich mich verwalten im selbst
und gleichzeitig öffnen?
welcher verdienst stellt sich ein
fürs ertragen der kälte,
das weitermachen, tägliches
fallen auf asphalt“
      
Oder später in Quimper, wobei ein Teilkörper gewiss für alle steht:

„was davon nehm ich mit, was behalt ich?“
bin ich so als erwerbsperson tariert?
vielleicht ist das ich, kurzfristig
aufgetreten, ein alarmsignal.“

Tricky das, wenn das Ich erscheint, quasi vereinzelt, es dann ernst wird – aber vielleicht auch ein verkappter kritischer Hinweis auf das allgemeine Verhalten einer Teilnahmslosigkeit, speziell bei der Jugend, die lieber tanzt und Selfies macht, ein Zeichen ihrer Selbst-Vergessenheit? Zeit mit Rancières Text über Lyrik fortzufahren:

„Die Lyrik ist eine politische Erfahrung des Sinnlichen, aber auch eine polemische Erfahrung, und das in einem doppelten Sinn. Erstens ist sie die Form des Schreibens, die sich in Konfrontation zu einem sinnlichen Schreiben des Politischen versteht, gegen eine unmittelbare Darstellbarkeit des Politischen in der Ordnung der sinnlichen Präsentation, in Konfrontation also zu einer bestimmten politischen Übertragung und gehalten, sich davon abzuwenden.“

Also kein sinnliches Schreiben des Politischen (wie etwa bei Brecht oder Fried oder Rühmkorf), sondern im Gegenteil eine sinnliche Präsentation, die sich bewusst vom politischen Narrativ als Form der Übertragung abwendet, wenn auch in einer Spannung zum Politischen. Bei Schiller gelegentlich gleich einem krankmachenden Ouroboros, einer Gedankenschlange, die sich in den Schwanz beißt und die Bildeindrücke und dadurch entstandenen Metaphern gleich wieder auffrisst, in eine Welt des Unsicheren verschlingt. Was präsentiert wird, ist die körperliche Anwesenheit, wobei der Fokus zwar auf den Fragen liegt, Gegenwart betreffend, aber nur auf den unmittelbaren, direktbezüglichen, nicht auf analytischen oder interpretierenden. Also abstandslos ICH. Es gibt keine Legitimation – nur den Corpus Europa, den Corpus Mensch. Die Schmerzen, das Kopfzerbrechen.

„der schmerz strahlt vom lokalen aus über nerven in alle regionen / [wie lange wird’s dauern?…]“

Brüssel: „es kracht brüchig aus ihren parolen, auf postern les / ich: belgien zerreiße und passt euch an und geht. Protest gibt protest, der körper führt so immer weiter / geschäft: vereinfachte gründung / von gruppen. wir finden uns grob in familien, sichern sozial.“

Studenten in Bukarest: „an welchen lippen schmiert der labello mit blut?“

Podgorica: „das aufgewirbelte licht hebt unter-/schlupf in den körpern, lagert in verletzungen, schmuggelt fragen / auf die straße.“

Unentschlossen in Nikosia:

„bail in, bail out                                   [ein sich Beteiligen an den Verlusten oder Aussteigen]
will ich zuflucht finden,
mein gehäuse verlassen?
warum zieht sich die stimme
ins zwerchfell zurück?
ich wickle sie nicht ab;
sind meine fragen unlösbar?“
   
Das Motto dieses Nikosia-Gedichts lautet: „grenzen schon im ansatz gezogen“ – Zeit für Rancières Verständnis moderner Lyrik:

„Möglicherweise jedoch erreicht die moderne Lyrik – und das ist der zweite Aspekt ihrer „Polemik“ – nur dann die Reinheit ihres Gangs, wenn sie dafür die metaphorische Traverse vergisst, die sie erst ermöglicht. Die glückliche lyrische Begegnung zwischen dem Ich, den Worten und den Dingen setzt eine vorhergehende Reise voraus, eine Reise des Wiedererkennens, d.h. eine Reise, die die Möglichkeit des Wiedererkennens sichert.“

Genau diese Reise des Wiedererkennens führt uns Schiller vor Augen. Man erkennt sich selbst wieder auch beim Lesen. Und zwar anhand von eingewobenen schmerzlichen Grenzen. Eine Dekonstruktion der eigenen politischen Reflexe hin zur Selbstbespiegelung, zur Autopsie.

Zum Beispiel Belfast: „auf der bombay street \ hör ich sturmmasken-/tage, cocktails aus feuerwerk und steinen, es gibt zusammenstoß, schreit eine: blutsonnen an trockendocks; dort also bricht disziplin / auseinander. Ich seh mauerstädte friedenslinien überschreiten.“

Mauern gegen Frieden – und auf der Gegenseite:

„seltenes handeln, es ist vielmehr spektakel“

Das Rebellische wird neutral beschrieben, fast ohne Ordnung und System:

Triest: „sie fordern tafelspitz,/ gerechtigkeit und rettich; sezession.“

Minsk: „deutschland ist gute schule an knüppeln, faucht eine, / die abgeführt wird.“

Und im Flattersatz die Selbstreflektion dazu:

„mit starken einschnitten trenne ich wieder.
plustert sich sehnsucht im körper auf
durch zustrom in abgesperrte bereiche?
sie läuft über in sämtlich verfügbare flächen.
was habe ich einmal gewollt?“

Allerdings im Abgesang: das Grenzenlose – die Auflösung – gelingt nicht:

„ich kann meine abgrenzungen nicht löschen.
ich zweifel, stagnier, verfrachte
meinen körper als stückgut zurück ins geschäft“



Felix Schiller: regionale konflikte. München (hochroth München) 2017. 40 Seiten. 8,00 Euro.
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