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Felix Philipp Ingold: Niemals keine Nachtmusik

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt


Neue Notizen zu Ingold



2.Oktober
Schon gut dass die Erde ruht
in dem was sie enthält.


Das Motto ist ein Zitat aus Ingolds Zyklus Allezeit und gleichzeitig Referenz an sein Tagebuchprojekt Leben und Werk, das auf nahezu tausend Seiten die Abläufe einiger Jahre ineinander verschränkte.
    Allezeit aber ist, wie der Name im Grunde verlangt, ungleich lakonischer und eröffnet den zuletzt erschienenen Gedichtband („Niemals keine Nachtmusik“).

Ich komme nicht mehr mit. Aber ich versuche es doch, und was bleibt mir auch anderes übrig. Zeit ist Frist. Ein Faktum, das mit aller Kraft zu ignorieren anstünde.
In gefühlt immer kürzeren Abständen bringt mir die Post Bücher, in deren Entstehung Ingold auf die eine oder andere Art verwickelt ist. Meist als Autor, aber auch als Herausgeber und Übersetzer. Jüngst zum Beispiel den Band Niemals keine Nachtmusik. Gedichte und Marina Zwetajewas Schreibhefte Unsere Zeit ist die Kürze. Darüber wird gesondert zu berichten sein.


Meine Freude darüber ist größer als mein Erschrecken über eine solch gesteigerte Produktivität. Und warum überhaupt erschrecken, es sind ja Sachen die mich fordern; es ist keine Überproduktion. Es ist Produktion auf ästhetisch gedanklich enormem Niveau.
    Von meiner Vorstellung allerdings, die Bücher im Einzelnen zu besprechen, muss ich mich verabschieden. Ich bin diesem Vorhaben nicht gewachsen. Indes ich lese ... Und zuweilen ist es mir wie eine Befreiung.

    Und ich lese Verse wie diese:

Die letzte seichte Bucht Europas blu-blubbert am Fuss
des Ural. Von dessen Klippen herab rieselts
Kalk. Kobalt. Karmin.


Sie entstammen dem langen Gedicht „Permanentszene“. Als Motto dienen diesem Text zwei Verse Goethes: Und wenn der Narr durch alle Szenen läuft/ So ist das Stück genug verbunden.

Natürlich läge es nahe zu behaupten, dieser Narr, der verbindet, sei die Sprache selbst. Doch die Behauptung wäre zu einfach, und käme jenen entgegen, die in der Sprache, was immer das ist, den eigentlichen Akteur der Dichtung sehen.
    Aber die Sprache agiert nicht, und wenn man es so sieht, verwechselt man die Aktion der Marionette mit Handlung. Aber Handlung ist auf Intention begründet. Diese mag sprachlich vermittelt sein, bleibt aber an ein Subjekt gebunden.
    Was Sprache jedoch macht: Sie stellt strukturell das Feld zur Verfügung, auf dem das Subjekt sprachlich sich findet, konstituiert und austobt.
    Im selben Gedicht weiter hinten heißt es:


...
Aber nur bei Ebbe, wenn der Kontinent für eine Weile aus der
Sintflut steigt. Die Frist ist kurz genug
für eine Groteske in beliebig vielen Versen und Akten. Ist
genug für uns als Traumbesetzung. Ich
...


Das vielleicht nur, um hier ein wenig zur Methode dieser Dichtung anzumerken.

    Ingold testet aus. Wie schon in einigen Büchern vorher spielt er Strophenformen durch. Nach Einzeilern, Drei- und Vierzeilern hier nun Gedichte, die sich in ihren Strophen nicht mehr an eine begrenzte Zahl von Versen binden. Die Freiheit, die nach innen ging. wird hier extensiv bewirtschaftet, die Sprache wird an längerer Leine geführt.
    Oder ist es doch die Sprache selbst, die Leine lässt? Wohl beides. Dialektik vielleicht.
    Zum Dank für ihre Freiheit gibt die Sprache ihre Fesseln preis, ihr Eingebundensein in den Diskurs, dessen Werkzeug sie ist, und den sie hervorbringt. Und preisgeben heißt nicht verlieren. Sie zeigt die Ketten auf, die sie schmücken und fesseln zugleich. Und findet sich in der Welt.


Nicht überall gleich aufgewühlt. Allüberall im Clinch
der Gischt und Woge trickreich eint. Doch wird die Flut an
ihrer Oberfläche mehr und
mehr geschmiert. Schweröl und Giftmüll


Felix Philipp Ingold: Niemals keine Nachtmusik. Gedichte. Klagenfurt (Ritterverlag) 2017. 104 Seiten, 17,90 Euro.

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