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Falk von Schönfels: Über das letztendlich unvermeidbare Zerwürfnis rationaler Wesen ...

Rezensionen / Verlage


Kristian Kühn

#/@/fluctibus (Falk von Schönfels): Über das letztendlich unvermeidbare Zerwürfnis rationaler Wesen mit den immer häufiger kursierenden, klammheimlichen, nicht mehr im geringsten Ansatz beurteilbaren, rein gefühlten, nicht erdachten Weltanschauungen. Gedichte, Prosa, Zeichnungen. Wolnzach (Verlag Kastner) 2018. 148 Seiten. 19,80 Euro.


Eine unbestimmte Identität – der Blick

Es gibt nur wenige Bücher, die ich lese, die meinen Sinn auffordern, auch außerhalb meiner (leicht schläfrigen) Alltags-Perzeption zu funktionieren. (Benn nannte das vielleicht auch „Flimmerhärchen“).
    Bei einem dieser wenigen Bücher, von denen ich nicht sagen kann, warum sie mich anbinden, ist es der Stachel in mir, ein ablehnend Subversives, das mich einholt und in die Irre führt, handelt es sich um o.a. kompaktes „Bändchen“ mit dem langen Titel, der eigentlich schon recht gut den Inhalt beschreibt, wie die barocken Bücher, die man sonst nur in den Handschriften-Lesesälen der Bibliotheken zu Gesicht bekommt.
 Die Sprache kann es eigentlich nicht sein. Dafür ist sie streckenweise zu unstimmig, idiosynkratisch – will zu viel und deftig mit zu geringer Schlagkraft, weil im lyrischen Sinne zu wenig Spielraum von Wort zu Wort eingehalten wird. Doch kommt es bei diesen vormodernen, neubarocken Traktaten auch gar nicht sehr auf die Sprache als Wortlaut an. Zumeist ist sie ja – zumindest im alten Vorbild – eh auf Latein und nur mit Mühe dechiffrierbar.
    Und dennoch wird der Inhalt, der sich – wie in alten Schriften – meistens schon im langen Titel verbirgt, gut erfüllt.
  Es ist wie eine Zwiesprache mit einem Daimon, vielleicht dem eigenen, der die Träume vernebelt, der summt und unscharf etwas setzt zwischen Erinnerung und Vergessen. Und damit erfüllt es die Voraussetzungen eines lyrischen Buches, ja eines lyrischen Lesebuches, das man immer irgendwo aufschlagen und darin stöbern kann. Und eine Korrespondenz ergibt, auch wenn diese vielleicht auf den ersten Blick Unsinn im Wittgensteinschen Sinne ist.

Es enthält neben dem Vorwort, 86 Gedichte, 83 Zeichnungen, 3 Kurzgeschichten und weitere Prosa. Dem Autor geht es um „kontemporative Poesie“, was auch immer das ist. Vielleicht diese Korrespondenz? Und um „zeitgenössische Kontemplation“, was auch immer das ist (im Vergleich zur alten) – vielleicht Front- und Rückseite – und zugleich stellt Schönfels dazu Bilder aus seinem „Wahnsinn™ und Methode®-Zyklus“ bei, welcher von ihm als Künstler auch in Hallen ausgestellt worden ist und wird.

Was ist mit diesem Wahnsinn sprich Methode gemeint? Die chymische Kunst der Destillation? Hin zum Geistigen? Hin zum Körperlichen durch anhaltende Empfindung? Manche der Zeichnungen würde ich ebendiesem dionysischen Reich der (engl.) Ancients zuordnen, weil alte Zeit, Vorzeit, ante-diluvianische Grauzone nicht ganz stimmt, dafür sind die Bildeindrücke zu maschinell, zu nietenhaft geschnitten, zu sehr mäandernder Steam Punk und zugleich doch neu (und auf ihrer Kehrseite archetypisch alt), z.B. die weiblichen Organismen und Verlockungen bei gleichzeitiger Heu-schreckenhaftigkeit und Todeserwartung. Ein körperliches Irrenhaus? Ein kenterndes Narrenschiff? Mit einer Blutspur als Faden der Ariadne durch den Irrgarten?

Es sind emotionale Weltbilder.

„Man klaubt hier und da etwas auf und vermengt es zu einem geistigen Brei, welchen man seinen Mitmenschen dann darbietet.“ (Vorwort, S. 5).

„Fix geäußerte Ideen können in Stammhirnen erheblichen Schaden anrichten. Auflösung und Zersetzung sind absehbare Folgen, aber auch gewaltsame Manifestation, halb-denkerische Starre und ein verhärtetes Gehör. … Denn ihr sagt es ja: Nichts ist mehr sicher, außer der eigene Fundamentalismus.“ (ebenda, S. 6)

Der Autor ist Grafikdesigner, freiberuflicher Artdirektor für die Werbung, aber auch Journalist und Künstler – seine Bilder passen nicht ganz zu seinen Texten, sie spiegeln die andere Welt, die nicht wirklich mit Worten beschrieben werden kann. Ein unscharfes Alter Ego. Genau da liegt das Problem – die Bilder führen nicht wirklich weiter, sind eine eigene Perzeptionswelt, sie kontrastieren nicht, sondern ziehen eigene Linien, zeigen die Welt in ihrer Weiblichkeit mit verschiedenen Anspannungen, Auseinandersetzungen, Verrenkungen, die ebenso retardierende Grenzen hat, wie auch die sich selbst reproduzierenden, kulminierenden Texte – durch Wiederholungen, Kreise, die ein welliger Tanz der Worte und dazu der Körper sind. Wie eine Hieroglyphenreihe mit Umschrift. Eine vernebelte Übersetzung von Bildsprache in Wort, von Wort in ein modern ausgelegtes Comic-Archetypisches. Zwei Räderwerke – unbestimmt in Anlehnung an Platons Begriff der unbestimmten Zweizahl.

Zwiespalt im Fluss – der Autor hat sich das Pseudonym Fluctibus gegeben. Einerseits Falk von Schönfels, auf der Rückseite der Medaille seine Fluctibusreleases, seine Fluctibook Productions. Hier lebt er diese zweite Identität, an die auch sein Pseudonym angelehnt ist: Robert Fludd, auch Flood, Robertus de Fluctibus. Ein philosophischer Heiler, Hermetiker, Rosenkreuzer, auf dessen „Tractatus theologico-philosophicus“ von 1633 schon Wittgenstein zurückgegriffen hatte, dann Anselm Kiefer mit einem Werkzyklus.

Diese unbestimmte Zweiheit ist kein großes Problem, zumal Thema, sie provoziert aber zugleich einen großen Anspruch, das Laute, das aus dem „Büchlein“ ruft. Es spielt ein bisschen mit der Idee von einem Whistleblower, Skandal-Aufschreier – der auf Reisen oder en passant etwas sieht und aufdecken will, ins smartphone tippt und nicht weiß, ist es wahr oder ein fake. Der Rest findet im Versteck statt. So auch bei Fluctibus:

„Mikrogeister auf Zappelpille // Willkommen in der hysterischen Gesellschaft! Empörologen aller Länder haben ihre Wahrheit gespeist und erbrechen sie über Zielgruppen hinaus in bereitwillige Behälter, welche die Aufnahme als angenehm empfinden wollen.“ (S. 9)

„Rippchen für Rippchen wird das Herz abgebaut, bis zur totalen Stumpfschaltung.“ (S. 41)

„Hobel den Fratz wieder munter, denn er wird nicht grüner. / Schleife sein Antlitz zu neuem Ungetüm zurecht!“ (Tremolo Mundi, S. 46)

„Die Genussversprecher kommen, um Scholastik für Schweine zu präparieren.“
(S. 48)

„Albtraumland fließt vorbei. Es gibt nichts Schönes.“ (Clusterkopfschmerzen, S, 53)

„Es gilt immerzu wachsam zu sein im Fundament des Wahnsinns. Nichts filetiert das Gedankentum mehr als der Mehrwegidiotismus der natiophilen Wichshobler.“ (Schlickgewitter im Jammerkasten, S. 55)

Zuerst Vexierspiele des Wahnsinns ästhetischer Wahrnehmung, später im Lauf des Buches dann Angst, auch der Vorwurf einer Angst als Selbstbefriedigung: wie ein Fluss, der zur Schlange wird.

(S. 62)

„Die zweite Identität steht auf nachhaltigen Hedonismus.“ (S. 65)
    
Immer ist es die Katharsis, die in einer archetypischen Tragödie durch einen Schub an Panik (Phobos) eingeleitet werden will.

„Es kann nur einen Magen geben, aber viele Leiber.“ (S. 118)

Apropos Alchemie und ihre Schutzgeisthüter – man kann dieses Lesebuch auch völlig anders rezensieren, sprachkritischer, politischer, bleibt es doch ein Vexierspiegel der eigenen verstreuten Vorstellungswelten und bietet wie es hinten heißt, Anreiz für die „stimulierte großhirnrinde“. Allerdings wäre es ratsam, wie etwa beim Eintauchen in die Alchemie, sich dafür Zeit zu nehmen – mindestens für einen zweiten Blick, denn der erste entspricht eher einem fortlaufenden „Wimmelbild“.

Ein Lesebuch zum Festbeißen!
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