Direkt zum Seiteninhalt

Fabian Widerna: "Irreversibilitäten"

Veranstaltung / antimon


Fabian Widerna

Fabian Widerna, geboren und aufgewachsen in Salzburg, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Slavistik in München und Paris.

Erste Veröffentlichungen in mosaik - Zeitschrift für Literatur und Kultur, Wendepunkt.

Teilnahme und zeitweise Leitung der Schreibwerkstatt Komparatistik der LMU, früher zusammen mit Matthias Dietrich, zur Zeit mir Andreas Rentz, Teilnahme an deren Lesungen und Herausgabe der begleitenden Broschüren. Ebenso an den ersten beiden Großen Tagen der jungen Münchner Literatur 2015 und 2017.

Auftakten



Jetzt jedenfalls herrscht Stillstand. Von vorne weg nach hinten durchgesetzt. In Wellen zu allen Seiten übergriffig. Resonanzkatastrophe, ganz grobkörnig, im Grunde: etwas stürzt ein, zerschellt am Boden der Tatsachen. Was bleibt, ist in bloßen, groben Zügen noch zu retten; die Perspektive möchte man sehen, die den Hergang wiederherstellte, um der Unwahrscheinlichkeit völliger Reglosigkeit gerecht zu werden; andererseits: vielleicht liegt das letztlich bloß an der Perspektive, die ich einnehme. Als Zeuge des Geschehens sehe allerdings auch ich nur Schatten, denen man ausweichen muss, weil sie beinahe festkörperlich nicht zu durchdringen sind. Steinerne Spinnweben, Gespensterhüllen. Weichen Sie aus? Schlängeln Sie sich durch die Reihen? Ist das alles hier bloß zu langsam, als das …?  Treten Sie ganz nah ran! Die Menschen haben keine Gesichter hier, oder vereinzelt, bloß zu unscharf, als dass der erste Blick bereits kritischen Bezug herstellte. Nur Hinterköpfe im Wesentlichen, ohne Kontext; sie wollen 's bleiben! Körper, im Wesentlichen ein Rauschen, ein Hauch von Moder, der sie umgibt, wie vom alten Papier, Photographien in Kellerabteilen, nicht wirklich oder zugänglich, die man sich vorstellt, solange die Zuständigen mit den Schlüsseln zum Vorhängeschloss marginal gewordener Geschichten und Lebensläufe nicht mehr hinabsteigen. Man schlendert durch die Gänge, sperrholzbegrenzt von trüben Fenstern ausgelagerten Lebens. Öde. An unnachgiebigen Schultern vorbei nach vorne. Jetzt jedenfalls. An Schuhpartien entlangschleifend. Der Blick richtet sich auf die Person an der Spitze, deren Widerpart wenige zehn Zentimeter gegenüber hinter Glas an Hilflosigkeit, jetzt, hier im Moment, der feststeht, gerade noch zu überbieten ist, gegenüber der Figur, ganz vorne, jetzt, nachdem bis dahin noch ganz gewohnt Bewegung gewohnten Kommens und Gehens geherrscht hatte, bloß nun nicht mehr, als ein starres wie ausdrucksschwaches Gesicht die Kontrolle übernimmt. Was dieses Gesicht vielleicht nicht, schon, was: von diesem Gesicht kaum beabsichtigt war – ein Widerpart zu sein und in aller Ruhe unerträglich absichtslos die Alltäglichkeit eines Vorgangs zu zerstören, dessen Alltäglichkeit Behörden in aller Welt in aller Unerträglichkeit scheinbarer Regelmäßigkeit perfektioniert haben. Verweigerung der Möglichkeit des Schalters. Abspiel: vielleicht nicht im Rahmen der Person, die dahinterliegt, die ebenso anwesend wäre, wie der Körper, der Bewegung in Form von Reaktion auszusetzen hätte und verweigert, und Ratlosigkeit auslagert, wie um der Feststellung, von Amtswegen, dem letzten Ende zu begegnen, welches das Amt im Namen des Gesetzes von ihr verlangt. Ich sehe das, und jede Bewegung wird doch nur von mir gesetzt, wie sie vorauszusetzen wäre, unabhängig von der Anwesenheit, die ich trotz allem bedeute und die etwas bewirken muss, auch wenn nichts den Anschein erweckt. Das müssten Sie stehen lassen.
    Ich folge der Verfügung eines Stirnrunzelns von Seiten des Widerparts hinter Glasscheibe und nutze die am längsten ausgezogene Zeitlupe der Betrachtung eines Augenblicks aus, die man sich vorstellen kann, um die Prägnanz der Infragestellung der Szenerie mit der Bewegung des Munds zu verbinden, die genau dann einsetzt, als die Frage, wie man denn helfen könne?, noch ohne dass der ganze Ernst der Lage klargeworden wäre, zur Sprache kommt. Wie kann ich Ihnen helfen?, fragt die Dame hinter Behördenglas zur Wahrung gesunder Distanz, als noch ein Moment scheuer Ratlosigkeit für wahrscheinlicher gehalten wird, die sich im nächsten Moment für gewöhnlich verflüchtigt, während der folgende mit der Erwartung aufräumt, noch keine Unruhe, aber im gleichen Moment nicht das schüchterne Stottern mit sich bringt, aus dem in aller Kürze doch ein Anliegen rekonstruiert würde, dem man mit einigen klaren, über Jahre verselbstständigten Worten gezielt Abhilfe schaffte. An den Lippen hängend folge ich, tonlos, blicke weiter ins Geschehen, vertieft, und sehe zu, wie sich die Faltenlage ihrer Stirn vertieft, im Ausdruck eines überforderten Individuums in diesem Hintergrund eines von zu vielen Alltagen ermüdeten Gesichts. Ich wende den Blick zur Person an der Spitze, wieder; noch habe ich ihre Züge nicht betrachtet, in diesem Niemandsland, Nullpunkt intimer Kommunikation, der erst mit dem Scheitern endet. Es ist starr, stillstehend, keine Regung berührt die immer noch anhaltende Unauffälligkeit eines natürlichen Mangels am Mienenspiel. Jede Rührung zieht daran vorbei, während alles Umfeld in Gang gerät. Tausende Menschen. Details. Die Uhr an der Wand eines ocker getünchten Raums. Der Mensch ein paar Stellen weiter hinten in der Reihe, der, jetzt, von einem Bein auf ‘s andere tappend seinen Schwerpunkt mal mehr mal weniger rhythmisch zu verlagern beginnt, rhythmisch vor störendem Hintergrund, wenn kein Mensch diesen Lärm erträgt, der sich potenziert, eines Raums voller Menschen, die man nicht durchdringt, selbst Störfaktor aus der Bahn geworfener Abläufe. Die Uhr macht einen Sprung, allenfalls um zu demonstrieren, dass es jetzt an der Zeit sei, sich vom Bewegungszwang frei zu machen, der sich tragischerweise von der jetzt endlich tragischen Figur konterkariert sieht.  Keine weiteren Schritte, während die nächsten Fragen, Kaskaden, wie man denn?, was sie wolle?, helfen könne, an ihr zerschellen. Oder am Schirm aus Unnahbarkeit, der sich selbst, indiziert, nach und nach um sie etablierte, wie im Narrativ vom frischen Planeten Erde, der sich erst nach und nach aus den Partikelwolken zusammengeballt, endlich eine Atmosphäre einfängt. Das Umfeld krümmt sich mehr und mehr und weiter und läuft wie gewohnt daran vorbei. Von diesem einen Punkt, zwischen dessen beiden wesentlichen Polen der Anekdote ich mich eingestellt befinde, geht ein gegenläufiger Puls aus. Ich gehe ganz nah ran, an dieses Zentrum aus reglosem Gesichts, mustere jede Pore, jedes Fältchen, die darauf hindeuteten, dass es lebte, auf Bewegung, im Mundwinkel auf den Ansatz eines Schmunzelns, dessen leichte Krümmung mit der Variante der Szene spielte, wo sie hier alle bloß verarschte. Aber nichts, dann, statuenhaft; ich nehme Abstand, weiche zur Seite.
    Die Reglosigkeit beginnt aufzufallen und reizt wie Aktionismus zuwider gewohnten Verlaufs zur Reaktion, Protest, denken manche; jemand berührt ihre Schulter, der wippende Mann dahinter, vielleicht, weil er weniger hintergründig, vielleicht sogar ein Gesicht entwickelte, das deutlich, kenntlich machte, innerhalb der Masse, die sich bewegte, gemächlich, wenn diese Reihe stillstand, dass etwas außerhalb der Norm verhandelt werden muss. Die Hand zittert. Der Körper gibt im Maße der Berührung nach und federt zurück in Ausgangslage. Das legen sie ihr als Bosheit aus. Sie können hier nicht...! Schießt es aus den Leuten hervor, die sich ihr zuwenden, jetzt. Schließt es aus! Sie müssen sich bewegen. Sie können hier nicht … Sie müssen…! Reden Sie! Ich folge den Brüchen durch den Raum, die die Aufmerksamkeit bezeichnen, die eine Blackbox affiziert, deren Innenleben erst in Folge der Katastrophe seziert werden soll. Das passt nicht hierhin. Wir wollen…! Wie kann ich Ihnen helfen? Sollten Sie nicht besser…? Sie machen einen wirren Eindruck, Sie…! Die Stimmen sind ungerecht. Die Stimmen ziehen nichts in Betracht; sie erregen sich. Ich gehe dem Eindruck nach. Ich folge ihnen. Ich eile durch die Reihen und stoße mir den Kopf an den immer unwirscher durch den Raum kreuzenden Stimmen, die auf die arme Statue zustürmen wollen, aber auf halber Strecke leerlaufend vom anwachsenden Stau aus Ratlosigkeit abgewürgt werden. Am Ende erhält alles samt nicht die notwendige Substanz, die man erwarten wollte, die man als gegeben ansieht, um gegebenenfalls anerkannter Ordnung Zuwiderlaufendem entgegenzusteuern; ich stelle mir vor, dass sie letztlich aber doch beschließen sollte, sich zu rühren und im Gegenzug alle anderen für immer hier stillstehen müssten, für den Moment zumindest, folgend, im Fixpunkt; oder vielmehr vom Raum begraben würden, der unter ihren Schwingungen leidend das Zeitliche segnete. Ich stelle mir vor, ihr dann nachzueilen, weil ich kein Teil hier bin, keine Funktion beschreibe, um den Wegen zu begegnen, die sie dann vollzöge. Hinaus durch die automatische Tür ins Foyer, ein Stillstehen hinter sich herziehend ähnlich Nebelschleiern. Feststellen, dass eine Person dahintersteckt, obwohl feststeht, dass hier nichts persönlich ist, dass dieser Stillstand dieser Figur nur einem Punkt entspricht, in dessen Umkreis alle Unnahbarkeit kulminiert, die jenen Raum beschreibt: jetzt hebe ich die Lider, wie um herauszufallen. Die Figur: Ausstattung, Staffage, Extrempunkt dessen, was Angst ausmacht, wenn man nicht mehr ausweichen kann. Eintagsfliegen, unter Zehennägeln nistend; dann behaupten: ich schließe die Augen, um mich dort zu befinden. Dann würde wiederum ich mich bewegen, weil die Szene nicht erlaubt, die Figuren übers Spielfeld, zu diffus, oder mindestens zu allen Seiten wegzuschieben. Ich befinde mich an dieser Stelle und packe die Statue an den Schultern und schüttle sie. Das Gesicht bleibt weiterhin leer. Ich stelle mir das Bedürfnis vor, zuzuschlagen. Dass es steinern wäre, um die geballt beschleunigte Faust zu beschädigen, die vor der Hilflosigkeit der anderen, die jetzt langsam deutlich wird, kapitulierte. Aber der Körper gibt den Impulsen nicht nach. Die dünne Haut über den Knöcheln platzte nicht auf, als ob … Wie von Scherben, aber auf den Flügeln unzähliger Insekten kreisend, zerfällt jetzt, endlich …

Zurück zum Seiteninhalt