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Ernst Jandl: Werke in sechs Bänden

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

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Dieses Gedicht ist ein bisher unveröffentlichter Text Ernst Jandls, der dank der unermüdlichen Arbeit Klaus Siblewskis nun gedruckt vorliegt. Im Band 2 der Ernst Jandl-Gesamtausgabe auf Seite 702. Und dieser Text hat etwas Symptomatisches. Fragt er doch unmittelbar nach Aktualität. Nach der Aktualität Jandls vielleicht, aber darüber hinaus auch nach der Aktualität von Lyrik überhaupt.

Wir wohnen im Erdgeschoss, was uns zur Hauptpostannahmestelle in unserem Mehrfamilienhaus macht. Während der letzten Frühjahrsbuchmesse aber klingelte der Paketpostbote bei uns und brachte ein Paket, dass wirklich einmal an mich adressiert war. Ich nahm es mit einiger Verwunderung entgegen. Dieses Paket enthielt jene Kassette mit der sechsbändigen Ausgabe der gesammelten Werke Ernst Jandls, die ich mir, unmittelbar nachdem ich die Ankündigung dieser Ausgabe gelesen hatte, bestellte. Das war einige Zeit her, und ich hatte schon lange nicht mehr daran gedacht. Umso größer also war die Verwunderung und Freude, als ich das Paket geöffnet hatte.

Für meinen durchgewalkten poetischen Sinn ist dies ein Fall definitiv gelungener Schönheit, wie sie auf dem Hinter- und Untergrund unseres Jahrhunderts noch möglich ist.


Das schreibt Franz Mon 2005 über ein Gedicht Ernst Jandls, das von leuchten heißt und 1977 entstanden ist. Ich kann behaupten, dass dieser Satz zumindest für mich Geltung auf Jandls Gesamtwerk beanspruchen darf. Dieser Satz stellt das Gedicht in einen historischen und politischen Kontext.

Jandls Texte bilden so etwas wie ein kosmisches Hintergrundrauschen meiner gesamten Lesebiografie und ich kann mutmaßen, dass das nicht nur auf die meine zutrifft. Einige von Jandls Gedichten kann man sicher als kanonisch in einem ganz eigenem Sinn bezeichnen, und das nicht nur bei einem stark lyrikaffinen Publikum. Allein das Gedicht ottos mops geht in seiner Bekanntheit wohl weit über Kreise hinaus, die sich als Lyrikleser bezeichnen würden. Auch das Gedicht fünfter sein ist wohl für einige Kinder der erste Kontakt mit Lyrik gewesen, und dann gleich mit derart avancierter. Man kann behaupten, dass Jandl unter anderem hier die Quadratur des Kreises gelungen ist. Höchstes Formbewusstsein trifft auf maximalen Lesespaß. Und bewegt man sich tiefer ins Werk, stellt man fest, dass es politische Brisanz nicht ausspart. Hier wehrt sich Sprache gegen ihre Zurichtung. Ihre Waffe ist zuweilen Humor, und das kommt auch dem Anarchismus des Kindes entgegen. Dabei sind die Texte alles andere als naiv.

Die Kassette nun, die die erste vollständige Ausgabe der Werke Ernst Jandls ist, ermöglicht dem Leser die Genese dieses Werkes noch einmal nachzuvollziehen. Jandls Texte werden, nach Genres geordnet, in zeitlicher Reihenfolge präsentiert. Natürlich treffe ich auf jede Menge Bekanntes, aber jedem Band sind auch bislang unveröffentlichte Texte beigegeben, und ich erinnere mich – bei der Lektüre – an einen Vortrag des Herausgebers Klaus Siblewski, den er am Ende des letzten Jahrtausends einmal am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gehalten hatte und in dem er berichtete, wie er in Jandls Wohnung auf jede Menge beschriebenes Papier gestoßen war. Es stellte sich beim Zuhörer unmittelbar das Gefühl einer Höhle ein, einem Labyrinth voller ungehobener Schätze. Unter der Überschrift aus ordnern und mappen sind diese bislang unveröffentlichten Texte jedem Werkabschnitt Jandls beigegeben. Dabei sind Entdeckungen zu machen.

In der Poesie brauchen wir alles, woran wir uns nicht gewöhnt haben, in der Kunst überhaupt, aber zuallermeist in der Poesie, die auf ein Material angewiesen ist, das von allen unausgesetzt und mit vollständiger Gewöhnung daran, dazu verwendet wird, alles außer Poesie daraus zu machen.


Dieser Satz entstammt dem Essay Technische Aspekte der Gedichtkomposition der im Band 6 der Ausgabe abgedruckt ist, welcher die Statements, Reden und Vorträge versammelt. Darin auch die großartige Frankfurter Poetikvorlesung das öffnen und schließen des mundes. Diese grandiose Vorlesung, die ein einzigartiges Dokument zur Poetik ist, gewinnt im Kontext der gesammelten Schriften noch einmal an Facette, gerade heute, da viel von Marginalisierung und Bedeutungsverlust der Lyrik die Rede ist. In Jandls Werk wird ersichtlich, was Lyrik vermag.


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Ernst Jandl: Werke in sechs Bänden. Hrsg. von Klaus Siblewski. München (Luchterhand Literaturverlag) 2016. 3712 Seiten. 99,00 Euro.

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