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Ernst Jandl, Ian Hamilton Finlay: not / a concrete pot

Rezensionen


Michael Braun
 
Ein ungelernter AVANT-GARDEner und seine Metamorphosen

Der Briefwechsel zwischen Ernst Jandl und Ian Hamilton Finlay


Im dünnbesiedelten Hügelland der „Southern Uplands“ in Schottland, 40 Kilometer südwestlich von Edinburgh, liegt ein verlassener Paradiesgarten. Erbaut und kultiviert hat ihn der schottische Landschaftsdichter und konkrete Poet Ian Hamilton Finlay (1925-2006), der ab 1966 das 1,6 Hektar große Terrain zu einer Kunst-Oase ausgebaut hatte, sein „Little Sparta“, das Poesie und Landschaft in eine symbiotische Beziehung bringt. Seine Vorbilder bezieht dieser Landschaftsgarten aus der antiken Dichtung, aus den „Bucolica“ Vergils, Lukrez´ Lehrgedicht „De rerum natura“ und den „Meta-morphosen“ Ovids. Auf Säulenstümpfen, Steinobjekten, Bänken oder Baumstämmen sind hier Verszeilen oder Ein-Wort-Gedichte eingraviert oder eingemeißelt. Der Dichter selbst hat sich einmal in treffender Paradoxie als „berühmt und völlig unbekannt“ bezeichnet.

Für seine kurze Berühmtheit in Deutschland hatte 1969 Ernst Jandl gesorgt, als er seinen experimentellen Dichterfreund in einem Dossier in den „Akzenten“ vorstellte. Finlay porträ-tierte sich hier als „ungelernter AVANT-GARDEner“, der die große Verbindung zwischen Wörtern und Pflanzen, zwischen autopoetisch wuchernder und gestalteter Natur herstellt: „Ich bin jetzt damit beschäftigt, einen kleinen, vertieft angelegten Garten zu graben, in dem es Mauern mit Bergpflanzen geben soll, einen kleinen Rasen mit Kamillen, und drei >Ein-Wort<-Gedichte, in Stein gemeißelt (von einem Bildhauer).“ Als Finlay 1974 von der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ zum Doyen einer Schöpfungs-Poesie ausgerufen wurde, war das ein zweiter Versuch, diesen außerordentlichen Dichter einem internationalen Publikum nahe zu bringen:

„Ernst Jandl … war nahe daran, uns für einen Dichter zu gewinnen, den wenige von uns kannten, den Schotten Ian Hamilton Finlay. Wörter bilden nur einen Teil von Finlays >Gedichten<. Seine Poesie ist in dem Sinn >konkret<, dass er künstlerische Objekte baut, für die er Steine, Pappe, Glas, Holz, sogar Teiche verwendet. Seine >Gedichte< werden zu Rätseln, enthalten Anklänge jener in der Renaissance geliebten Kunst des Sinnbildes, wo man Bedeutung in einer Verschmelzung aus Wort und Bild fand.“
    Eine neuerliche Wiederentdeckung des poetischen Landschaftsarchitekten Finlay versucht nun eine faszinierende Briefausgabe, die der Wiener Folio Verlag in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek auf den Weg gebracht hat. Die Literaturwissenschaftlerin Vanessa Hannesschläger dokumentiert hier große Teile des Briefwechsels zwischen Ernst Jandl und Ian Hamilton Finlay, der sich über zwanzig Jahre von 1964 bis 1985 erstreckte und der zugleich die umfangreichste Korrespondenz in Jandls Nachlass darstellt. Der in englischer Sprache geführte (und von Barbara Sternthal übersetzte) Briefwechsel setzt ein, als Jandl die Abkehr von der konventionell-politischen Dichtung seines Erstlings „Andere Augen“ bereits vollzogen, aber mit seiner radikal sprachmaterialistischen Poesie noch keine öffentliche Anerkennung gefunden hatte. Von 1964 bis 1966 suchen Jandl und Finlay nach poetischen Verbündeten für ihre kompromisslose Dichtkunst und integrieren sich in das allmählich wachsende Netzwerk der konkreten Poeten, das mit Eugen Gomringer und Max Bense im deutschsprachigen Raum, den tschechischen Autoren Jirí Kolár und Josef Hirsal und mit dem Franzosen Henri Chopin, dem Verfasser des Manifests Position I du mouvement international, einige einflussreiche Ankerpunkte bildete. 1965 kommt es zwischen Jandl und Finlay zu einem Disput über die Gedichte Martin Heideggers, die Jandl „lächerlich schlecht“ findet, während die einfachen Wortreihungen des Philosophen auf Finlay einen gewissen Reiz ausüben. Immer wieder tauscht man sich aus über die Vorzüge des poetischen Minimalismus, schickt sich gegenseitig „Ein-Wort-Gedichte“ zu, animiert sich zu Veröffentlichungen in Zeitschriften oder erörtert die Chancen auf einen Literaturpreis. Dabei ist es nach 1966 Jandl, der mit seinem Erfolgsbuch „Laut und Luise“ den Durchbruch geschafft hatte und seinen stets in prekären finanziellen Verhältnissen lebenden Dichterfreund nach Kräften unterstützte. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wechselt Finlay mehrfach seinen Wohnsitz, bis er im Sommer 1966 seinen Kunstgarten Stonypath, sein „Little Sparta“ zu bauen beginnt. Der Fototeil des Bandes präsentiert einige zauberhafte Exempel der visuellen Poesie Finlays, etwa das „Standing Poem“, ein faltbares und aufstellbares Gedicht oder auch seine kryptischen Buchstaben-Karten. „Ich habe ein Gedicht mit 2 Drachen gemacht“, schreibt Finlay im Oktober 1968 an Jandl, „die Sue (die Ehefrau des Dichters, Anm. d. Verf.) & ich vom Hügel fliegen ließen … aber es benötigt eine leichte Brise & blauen Himmel, wird also bis zum kommenden Sommer nicht wiederaufgelegt werden … Leider haben wir es, solange das Wetter hielt, nicht fotografiert.“ Es ist eine schöne und lehrreiche poetische Luftfracht, die dieser Briefwechsel zweier europäischer Ausnahmekünstler enthält. Der lyrische Weltstar Jandl reiste ab 1968 durch die ganze Welt, während der nach einem Herzinfarkt gesundheitlich angeschlagene Finlay in seinem „Little Sparta“ blieb und seinen Skulpturengarten erweiterte. „Gedichte brauchen Gesellschaft, Freunde“, schreibt Jandl einmal im Oktober 1967. Sehr viele Freunde sind auch dieser vorzüglichen Briefausgabe zu wünschen.

Die konkreten Gedichte
"acrobat" und "ajar" Finlays
aus dem "Akzente"-Heft 6, 1969

Finlays "Skulpturenprojekt im Schweizer Garten" aus dem besprochenen Band

Ernst Jandl / Ian Hamilton Finlay: not / a concrete pot. Briefwechsel 1964-1985. Ausgewählt und herausgegeben von Vanessa Hannesschläger. Übersetzt von Barbara Sternthal unter Mitarbeit von Vanessa Hannesschläger. Wien, Bozen (Folio Verlag) 2017. 232 Seiten, 28,00 Euro.
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