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Enrique Winter: Die Polin

´Barrio latino
Foto: Adrian Kasnitz

Enrique Winter

aus dem chilenischen Spanisch von Léonce W. Lupette, Sarah Otter
und Johanna Schwering


DIE POLIN

Ihre adlige Herkunft so zweifelhaft
wie jede adlige Herkunft. Modzelewska väterlicherseits,
Wyrzykowska mütterlicherseits. Sie istWaise und fünfzehn Jahre alt,
neunzehnhundertneununddreißig:
sucht Arbeit in einer feindbesetzten Fabrik.
Ihr Chef geht auf die Vierzig zu, wegen der Russen
fliehen sie gemeinsam nachWien. Müllers Eifersucht bringt sie ins Gefängnis,
er verrät sie an die Nazis, um den Chef mit seiner Schwester zu verkuppeln.
Es sind mehr als drei Monate. Befreit von den Amis läuft sie Tage bis nach Salzburg
und sieht bei einem Alarm ihren Chef über den Residenzplatz rennen. »Papa!«, ruft sie.
Sie heiraten heimlich, auf den Mund küsst er sie nie.
Als Haushälterin ihres Schwagers schläft sie im Dienstbotenzimmer,
genau wie später in Chile.Wohin sie Goethe mitnahm
und ein paar Kleider, um aus dem Fischerbötchen
ein Schiff mit Kapitän und Matrosen zu machen.
Ein Sohn.Witwe. Katzen. Hunde. Vögel,
die nach ihr riechen oder umgekehrt.
Für ihre Enkel interessiert sie sich kein bisschen, wirft mein Vater ihr vor.
Ich klingle, doch es bleibt still; ich rufe, doch sie antwortet nicht,
sechs fette, wutschäumende Hunde kläffen hinterm Zaun.


POLACA

De un pasado dudosamente noble
como todo pasado noble. Modzelewska por padre,
Wyrzykowska por madre. Es huérfana y de quince años,
mil novecientos treinta y nueve:
pide pega en la industria intervenida.
El patrón frisa los cuarenta, arrancan
juntos a Viena por los rusos. Por los celos de Müller cae presa,
acusada a los nazis para casarlo con su hermana.
Son más de tres los meses. La liberan los gringos, camina días a Salzburgo
y en la plaza tras una alarma ve correr a su jefe. –¡Papa!, chilla.
Se casan a escondidas para que nunca la bese en la boca.
Doméstica de su cuñado, duerme en la pieza de servicio
tal como en Chile. Donde trajo a Goethe
y un par de pilchas, para hacer del barquito de pesca
uno con capitán y marineros.
Un hijo. Viuda. Gatos. Perros. Pájaros
que huelen como ella o viceversa.
No está ni ahí con ver a sus nietos, le reclama mi padre.
Toco el timbre y no suena, grito y no responde,
seis perros gordos y furiosos ladran sobre la reja.


Enrique Winter: Oben das Meer unten der Himmel. Gedichte aus dem chilenischen Spanisch von Léonce W. Lupette, Sarah Otter und Johanna Schwering, Köln (parasitenpresse) 2018. 86 Seiten. 12,00 Euro

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