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Elke Erb

Portraits




Elke Erb – Die irdische Seele


(Ein schriftlich geführtes Interview)



Als Elke Erb am 15. November 2013 in München zusammen mit Ann Cotten den 2. Münchner Poesie=Marathon bestritt, sagte sie, Sprache sei ein lebendiges Ding und nicht festgelegt. Sie schreibe nie von Anfang an ein Gedicht, es seien immer zuerst Notizen im Tagebuch. In kürzlich geführten Interviews drückte sie sich so aus: Dichtung lebe von den Vorzügen der Absichtslosigkeit – erst aus dem beweglichen Wortlaut kommen Wille und Einsicht zur Poesie.




Du schreibst zuerst ins Tagebuch. Und auch jeden Tag 5 Minuten lang Notate. Verführen diese Notate nicht – zumindest scheint mir das am Anfang von „Sonanz“ so, etwa beim Gedicht „Nobel“ (S. 13) – zu automatischem Schreiben?


Es sind nicht "Tagebuchaufzeichnungen", sondern "5-Minuten-Notate", in besondere kleine Hefte eingetragene Aufzeichnungen ohne thematische Vorgabe, nur mit dem Datum darüber. Automatisch? Sie sind, was sie sind. Wären sie automatisch, wenn sie "Assoziationsketten" ausschalten? Da wäre der "automatische" Ablauf doch gestört?
Versuche es selbst, vielleicht zwei Wochen hindurch. Dann siehst Du selbst, wie Dein subkutanes Ich sich bewegt. Es findet seine Anliegen von allein. Es ist kein Automat. Die Auswahl im Buch „Sonanz“ nimmt etwa 60% der Notate auf. Es konnte, aber sehr selten war es so, vorkommen, daß irgendwann unter Tage ein Wortsignal auftauchte, das an den Bereich der schon eingetragenen Notate erinnerte, also von ihnen auch selbst gerufen war und ihnen gehörte. Dann folgte ich dem Signal.

Man könnte sich unterhalten über das Bewußtsein als Kontroll-Instanz. Es stört. Es führt zu unkontrollierter Vorgaben-Bedienung. Es kontrolliert nicht redlich. Lügt sozusagen. Bewegt sich untergeordnet, statt frei & produktiv.


Ja, der Verstand versucht immer, die Oberhand und Kontrolle zu behalten. Du sagtest bei der Lesung im November in München: „Die nächsten beiden Gedichte sind aus dem Buch „Sonanz. 5-Minuten-Notate“. (… ) Bei der Bearbeitung des folgenden Gedichts spürte ich einen mythologischen Hintergrund, und richtig: Es gibt da reihenweise Hochzeiten zwischen Menschen und Füchsen. Dieser Nachricht entsprechend ergänzte ich das Notat.

ANTEILNAHME

Der Fuchs stubst an die Treppe
mit der Nase. Unten. An die Treppe.
Nein, beim Treppensteigen. An die Stufen.
Stubst er.

Prüft er? Sucht er?

Denn der Mond scheint wieder.
Mondlicht steht mit hohen Palmen.
Hohe Palmen teilen einen Strand.

Liege im Gebäude, träume
einen Fuchs,

und bin im Hause wohl die feine
Füchsin heimlich, nehme Anteil,
träume die bereite

Treppe draußen, Kanten, Kömmling,
nehme Wolken, Palmen, weiß den
Mond, weiß Wasser, einen Strand.

Gehe zum Balkon hinaus und warte,
warte meine Weile an der Brüstung.


30.9.04 (Sonanz, S.182)



„Eines Tages im Herbst 2002 sagte Ulrike Draesner, sie schreibe jeden Tag fünf Minuten lang etwas nieder. Als ich meinte, ich könne das nicht, sagte sie: Wenn du nicht weiter weißt, schreibe einfach immer das letzte Wort, bis die Zeit um ist. Eben dies war (nicht die Ermunterung, sondern) der auslösende Reiz: das Nichts, das die Hemmung wegstrich.“

(Sonanz, Vorbemerkung S. 8)


NOBEL

Perlen Stieben Brunnen-Stäube
ferne Nebel widrig lies sie

in der Klause die im Walde aber
einem Klosterbruder und auf Steinen
Bodo reiner Ziegen und alpiner

guter Bruder abends Sterne Milch
der Käser ungefaßt

und zugetan enthoben
(Fichten-Posamenten)

(Sonanz S. 13)


***

Eine Spannung Wort zieht Wort nach, mit sich, weiter,
Laut Laut und Sinn auch Sinn, so geht es hin

und läßt nicht los, ist so wie nicht ist, unablässig,
bis es endet, Stop, abläßt, und steht wie angewurzelt,

Pflock in den Boden, Salzsäule, schau, verlaß die Stadt,
zieh Ort zu Ort, zieh Leine, Seil, bis es sich kappt.

(Sonanz, S. 30)

Auf den Fuchs möchte ich noch eingehen, zuerst aber klären, inwieweit das von Dir zu den Notaten Geäußerte sich mit der Aussage in Einklang bringen lässt: "Alle meine Gedichte sind zuerst Tagebucheintragungen, die ihre Zukunft als Buchtext nicht im Sinn haben. Erst wenn ich sie in den PC abschreibe, suche ich die heraus, die als Buchtext infrage kommen." Welche Änderungen, bzw. wie viele, wurden anschließend beim Übertrag in den PC vorgenommen? Waren die Notat-Assoziationen nur das Basismaterial?


Die 5-Minuten-Notate sind in DIN A 6 Hefte geschrieben, klein, fest. rot-scharz gedeckelte, aus China. Ihre 5 Minuten mißt man nur einmal, dann hat man die Zeit, auch mit dem Maß auf der Heft-Seite (Rechenkästchen, nicht Linien; etwa eine Dreiviertelseite). Inzwischen schreibe ich auch die normalen Tagebuch-Notizen in sie. Auch sie entwickeln sich selbständig vom Ansatz her weiter. Die Hefte sind schnell bei der Hand, Und Du mußt schnell sein, sonst geht der Ansatz verloren. Die Hast bewirkt öfter eine Folge von Ersatz-Wörtern, ich helfe ihnen dann heraus.  
Die fünf Minuten-Notate aber haben ihre Idee nicht vorher. Sie sind vorsatzlos. Ich habe sie alle in den PC abgeschrieben, Während der Abschrift schrieb ich sofort hinein, was mir einfällt, unterdrücke also Regungen nicht. Jetzt dachte ich, hol doch mal die abgeschriebene Ursprungsnotiz her.

30.9.04

Der Fuchs schubst sich die Nase. Nein. An der Treppe. Nein. Unten an der Treppe, beim Hinaufgehn bei dem Treppensteigen. Stubst er. Vielleicht schnüffelt, sucht er? Es ist Mondschein. Denn der Mond scheint wieder. Mondlicht steht wie hohe Palmen. Hohe Palmen teilen einen Strand.
Liege im Gebäude, träume einen Fuchs. Innen, träume Außentreppe, Kanten. Nehme Wolken, Palmen, weiß den Mond, das Wasser. Gehe zum Balkon hinaus. Und warte meine Weile Warten an der Brüstung.


Der Anfangssatz spricht eindeutig unmittelbar, direkt. Der hohe Grad an Notat-Wörtlichkeit im Gedicht läßt erkennen, daß sich das Schreib-Ich durchaus verbindet/verbündet mit dem unterschwelligen. Sie vereinigen sich. Zugunsten der Lebendigkeit des Worts. Eine Eigenschaft ist hier gut – an den Korrekturen – zu sehn; seine Vorgängigkeit, Das Wort geschieht. Eine andere ist die leibtlich-lautliche Stimmigkeit. Sie betriftt nicht nur Reime, Assonanzen, sondern den gesamten Text.
Die zeitgleichen und die späteren Tagebuch-Notizen haben von den Sonanz-Notaten gelernt, zumal dann, wenn sie einen Gedicht-Charakter schon in sich tragen. Die Beweglichkeit zuzulassen, und eben die lautliche Stimmigkeit hat sich wohl erhöht.
(unter den Notaten steht öfter – auch in Fett!: holen! )

Kannst Du Dir vorstellen, Du öffnest Dein Heft und schreibst hinein: Der Fuchs schubst sich die Nase?


Ja, warum nicht. Aber zum Fuchs: Ted Hughes, der „Schamane“ unter den Dichtern hat in seinem Essay „Wie Dichtung entsteht“, unter dem Kapitel „Tiere fangen“ sein Gedicht „Der Sinnfuchs“ (The Thought Fox) erklärt. Auch hier geht es – wie bei Dir – um das Lebendige in der Sprache, wie man Wörter, Rhythmen, Bilder, lebendig bekommt.
Hughes: „Hätte ich, als ich dieses Gedicht geschrieben habe, Worte gefunden, Worte, die seine Bewegungen noch lebendiger hätten wirken lassen, das Zucken seiner hängenden Zunge und die kleinen Wolken seines Atems, seine in der Kälte gebleckten Zähne, die Schneeklumpen, die von seinen Pfoten fallen, während er eine jede abwechselnd hebt – hätte ich die Worte für all das gefunden, wäre der Fuchs für mich vielleicht noch wirklicher und lebendiger, als er es jetzt ist, wenn ich das Gedicht lese. Doch nun ist er so da, wie er ist. Wenn ich den wirklichen Fuchs nicht mit meinen Worten hätte einfangen können, hätte ich das Gedicht nie aufgehoben. Ich hätte es in den Papierkorb geworfen, wie ich so viele andere Jagdbeute in den Papierkorb geworfen habe, die nicht das erbracht hatte, wohinter ich her war. SO, WIE ES NUN DASTEHT, KOMMT DER FUCHS JEDES MAL, WENN ICH DAS GEDICHT LESE, AUS DER DUNKELHEIT HERAUS UND TRITT IN MEINEN KOPF EIN. Und ich nehme an, dass noch lange nachdem ich schon tot bin, solange noch eine Kopie des Gedichtes existiert, jedes Mal, wenn jemand das Gedicht liest, der Fuchs irgendwo aus der Dunkelheit heraustritt und auf ihn zugeht.
Mal von der Schönheit der Aussage abgesehen, steckt hier ja zweierlei deutlich drin: die Imaginationskraft, die Ideen lebendig macht und die Magie – eine Wortmagie / eine Invokation. Könntest Du etwas über Deine „Technik“ sagen, die Sprache, Wörter lebendig zu machen?


Ich mache die Wörter nicht lebendig. Ich bekomme sie lebendig. Beim Wiederlesen in den Gedicht gewordenen Notaten spürte ich einmal: Sie sind so gegenwärtig.
Zu dem von Dir vorgeführten Beispiel: "Der Fuchs kommt jedesmal wieder aus der Dunkelheit heraus" möchte ich sagen: So ist es bei mir nicht. Es entsteht aber eine Stereo-Wirkung. Das gesamte Gedicht erzeugt eine lebendige Tiefenschärfe, die mich oft sogar schockt, sodaß es aufregend ist, in sie einzusteigen. Ich mache mir dann klar, wenn ich das bei Texten anderer erlebe, erschreckt es mich nicht, es erfreut mich.
Die Text-Ausbeute aus den Notaten beträgt, wie gesagt, etwa 60%.
Der Effekt bei den normalen Tagebuchnotizen ist:
die poetische Klärung klärt ihren Sinn.

Ein zweiter Effekt: Seit ich erwarten kann, daß ich den Text vortragen werde, korrigiere ich ihn für das Ohr. Auch diese Mündlichkeit bewirkt, daß er lebt.
Mir scheint, ich habe Dir umfassend geantwortet, oder?


Der Sinnfuchs

Ein bilde ich mir dieses Mitternachtsmoments Wald:

Etwas andres außer mir lebt
Noch neben der Uhr Einsamkeit
Und dieser leeren Seite, auf der meine Finger sich regen.

Durchs Fenster seh ich keinen Stern:
Etwas Näheres,
Doch tiefer in Dunkelheit,
Betritt nun die Einsamkeit:

Kalt, zart wie der dunkle Schnee
Berührt eines Fuchses Nase Zweig, Blatt;
Zwei Augen, hörig der Bewegung, die jetzt
Und jetzt wieder und jetzt und jetzt

Saubere Spuren setzt in den Schnee
Zwischen Bäumen, und witternd lahmt
Ein Schatten nach plump ins Hohl
Eines Körpers, der kühn wagt zu kommen

Über Lichtungen, ein Aug,
Sich weitende, tiefende Grünheit,
Glanzvoll, gespannt
Tritt er auf mit eigner Geschäftigkeit,

Bis er mit einem jäh scharf beißenden Fuchsstank
Eintritt in die dunkle Höhle des Kopfs.
Sternlos das Fenster noch; die Uhr tickt,
Die Seite ist gespurt.

(Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht. Tiere fangen. S. 32 f)

Im Vergleich zum Gedicht „Der Sinnfuchs“ von Ted Hughes, in dem er selbst zum Fuchs wird und das imaginierte Bild anscheinend von ihm Besitz ergriffen hat, zu Deinem Fuchsgedicht sagst Du, dass beim Niederschreiben des inneren Erlebens bei Dir zwar das Wort lebendig wird, Du aber in das Bildgeschehen selber nicht eingreifst, quasi wartest, was da kommen bzw. geschehen wird.
Damit lässt Du Raum für eine spätere poetische Klärung, die u.U. dem Gedicht einen anderen Sinn gibt.
Es sind also, wenn ich das zusammenfassen darf, bei Dir drei Stufen bis zum druckbaren Gedicht: 1) Aufschreiben des inneren Flusses, 2) beim Abtippen unter anderem der Aspekt: Kann das ein Gedicht werden? 3) Die poetische Klärung – inwieweit ist diese, ich nenne es mal Vokalisierung, auch ein magisches Mittel, die Lebendigkeit des Bildes neu zu evozieren? Welche Mittel des Klangs, der stimmhaften Sprachlaute werden da genutzt? Kannst Du etwas über diese „Technik“ sagen? Inwieweit ändert oder klärt das den Sinn?


Ich denke, es ist recht, wenn ich werkstatt-konkret antworte:

Tagebuchnotiz vom 13.1.14
Schmerzen, Negativa, haben einen absoluten Charakter, groß sind sie, wenn sie groß sind, klein, wenn klein, eine Sache der Dimension,
aber nicht der Geltung! Nicht der Hierarchie. Sie sind sich nicht unter- noch überzuordnen.
Der große Schmerz wird entstellt so, wie man den kleinen als Wehwehchen disqualifiziert.
Da ist viel Verrat möglich.
Mißraten peinigt.

Es ist ja ganz klar, daß die Notiz nicht darauf zielt, ein Gedicht zu werden.
Sollte sie aber eins werden, würde das ihren Sinn nicht verändern.

Nicht ihr Sinn, sondern ihre Text-Art fände sich schon verändert, gäbe ich ihr einen Titel, z.B.: HALT!

(Vielleicht könnte sie ein Gedicht werden – möglich ist alles, es kommt darauf an, was einem aufleuchtet, wenn man ihr wiederbegegnet.)

Dann gewiß würden auch die Satzteile aktiviert,
expressiv (grammatisch) in Verszeilen getrennt,
und mit Blindzeilen.

(Ich habe einmal eine Notiz von mir erst verstanden, als ich sie mit Blindzeilen aufteilte, ich staunte.)

D.h., es könnte sogar sein, daß sich ihr Wortbestand kaum verändert.
Es müßte der ästhetische Reiz erkannt werden in ihm. Vielleicht hat er ja keinen.
Manchmal spürt man einen solchen Reiz gleich, manchmal nicht.
Er kann auch später wirken und seine Einlösung fordern.

Den Begriff Klang, nach dem Du fragst, verstehe ich auf alle stimmliche Gestik erweitert, nicht nur vokalisch, auch Konsonanz, Rhythmus, Akzente, und zwar den gesamten Text hindurch (Tonlosigkeit eingeschlossen).

Würde die Notiz zu einem Gedicht, hieße das:
Was jetzt in ihr deutlich nur einen feststellenden Charakter hat, würde zu schweben beginnen.
Es träte etwas wie Schönheit zutage. Vielleicht auch schon nur wegen einer Selbständigkeit, Bündigkeit ...

EIGENTUM

Du wiederholst Rhythmen, wie du dazu aufgelegt bist. Ständig ja auch spürbar deine eigene Gutheißungszugabe, Gutheißung, Willigkeit, Gutheißungswillkür. Rhythmen von Redewendungen, Versen, „Aussprüchen“, … übersetzte Folgen nimmst du auf, wie du aufgelegt bist. Wiederholst sie.
Aber sie wollen obendrein noch irgendwohin, fortsetzen irgend durch dich.
Und du merkst: es bricht ab, merkst es beinah vorher bereits, und deshalb die Gutwilligkeit, etc., Willkür. Verlegenheit knäuelt sich dir vorn in den Schultergelenken.

(Sonanz, S. 38)

Eine Zusatzfrage: Auf der einen Seite greifst Du in das imaginierte Bild nicht ein, nachdem es evoziert ist, auf der anderen hältst Du es durch diese Klangumgestaltung am Leben. Wobei es sprachlich stimmhaft lebendig bleibt bzw. wird und gleichzeitig eine Würde, ein Abstand zwischen Bild und Betrachtung entsteht – etwas zutiefst Menschliches, was Deine Arbeit einzigartig macht. Eine menschliche Freiheit, die zwar nicht im Handeln liegt, aber in der Distanz, dem nicht Aufgehen und nicht Aufgeben im Objekt. Du bist dann „teilnehmende Beobachterin“ – wie ist diese Doppelfunktion aufgeteilt? Was überwiegt?


Wenn Du gleichzeitig sagst, finde ich das sofort treffender als alle einerseits / andererseits.

Und die teilnehmende Beobachterin ist nicht aufgeteilt, weder bei einer rein gedanklichen Verbalisierung noch bei poesielicheren Ansätzen (man muß sich ja wohl zusammennehmen, wenn man auf etwas aus ist. Oder man ist da schon konzentriert ...)

Dort, wo Du hinsiehst, wenn Du zutiefst sagst, ist sie gewiß nicht geteilt. Was ergäbe sich, wenn Du das Wort zutiefst aushorchtest?   

Deine Frage Was überwiegt? – Ich denke, es ist jeweils ausgewogen, ein über bleibt nicht über.

Ich entnehme Deiner Antwort, dass Gedichteschreiben für Dich eine Art Raumbesetzung ist: Du belegst ihn (den geistigen Raum, der sich Dir auftut), beobachtest, was geschieht, und nimmst auch daran teil, im Sinne des Eingreifens. Wie soll ich das verstehen? (Du sagtest nämlich mal, dass Du im Zug gern aus dem Fenster siehst und dass Dich dabei das Schwinden der Landschaft, der Eindrücke zum Schreiben lockt.)


Ich lasse nicht Raum, schon gar nicht vorsätzlich, ich lege es ja nicht darauf an, ein Gedicht zu schreiben. Sondern: Es entsteht Raum. Oder: Raum wird besetzt. Etwas wird hingeräumt. Zusammengeholt. Der Impuls eines Notats ist ein Gedanke – etwas geht einem auf.
Heute beim nächtlichen Bad (es hilft gegen Schlaflosigkeit) habe ich Andrej Sacharows Nobelpreis-Rede gelesen. Mir fiel auf, daß die Begriffe nicht (mehr?) funktionieren. Nachher dachte ich: der Hintergrund seiner naturwissenschaftlichen Exaktheit bewirkt vielleicht, daß ich das Defizit merke. Oder allein meine inzwischen gesteigerte Empfindlichkeit gegen Begriffe. Oder beides vereint;
Was heißt "Menschenrechte". Unglaublich! Welchen Raum eröffnet dieses Wort! Der Raum zu ihm ist:
der des Schädigens, Tötens, Beraubens, Versklavens ... Unterdrückens. Ohne sie brauchte man das Wort nicht, es drückt sie aus.

– Wohl schon im Gedankenimpuls und dann gewiß, wenn man ihn zu notieren versucht hat, schaut man von einem zum andern Punkt/Wort/"Gegenstand", die da "vor dem geistigen Auge" erscheinen, erschienen sind, sich auftun miteinander:
Wie verhalten sie sich zueinander.
Wie ja überhaupt das Wort Verhältnisse einen räumlichen Prospekt hat, der in hält signalisiert ist. Man sagt auch Zustand, Bestand, Umstände ...

Mehr aber an Raum/Räumlichkeit enthält ein Textansatz für mich nicht.
Ein Wild, das ja so auch unbeweglich steht, wenn es wittert, ist in diesem Moment entschieden räumlicher geortet.
Ein Text ist ein Zeitgebilde, im Nacheinander zunächst der Wahrnehmung, aber auch dieses Verhältnis reicht nicht, denn es fordert und befördert, bringt hervor: Reaktion, Antwort, Folge.
Die Bewegung geht vor und kann auch zurückgreifen, sie kann in einer gleichzeitigen Geltung sich in ein Immer verwandeln. Dabei können schein-örtliche und schein-räumliche Effekte entstehen, partiell etwa beim Reim oder beim Wortspiel und desgleichen, was den gesamten Text betrifft.
Paradox könnte man – auch über rein begriffliche Verbalisierungen – sagen: Eine Feststellung steht erst dann fest, wenn sie schwebt.
Von Raumbesetzung kann keine Rede sein, Besatzung ist ein negativer Begriff, bei Besitz und "seßhaft" überwiegt der kulturlose Anteil den Anteil an Kultur.
"Raum" meintest Du ja als Metapher. Siehst Du Räume, wenn Du Raum sagst? Ich meine, daß das Wort als Lautgebilde vorlaut den wirklichen Raum bevormundet.
Beim Zugfahren habe ich erst neuerlich begonnen mitzuschreiben. Während des Schreibens verliere ich natürlich die Außenansicht. Von dieser merkwürdigen Parallele zwischen Draußenzeit und Schreibzeit drinnen habe ich vermutlich – im Nachhinein – gesprochen; an den von Dir zitierten Satz erinnere ich mich nicht.

Ich kam ja vielleicht auf das Schwinden der Eindrücke, weil bei Dir öfter von Lücken die Rede ist:

                 
                 (Wieso denn empfinde ich Lücken, Löcher innen,/ und außen nicht? Außen
                 zunächst einmal nicht,/ lückenlose Umgebung.) (Sonanz 65)
                 
                 Denkmuster (Ist=Ist wie nicht=Nicht (Meins 35))
                
                „Lebenslang“ (Misstrauen gegenüber die Sprache als ein
                 Strickleiternervensystem / Sonanz 150)


Zitat 1: Das unterschwellige Ich, dem ich in den 5-Minuten-Notaten zu reden erlaube, belehrt mich immer wieder über das Fragmentarische der kulturellen Zivilisation, die uns unter Vorgabe ihrer Vollkommenheit zu erziehen sich erlaubt, unsere eigenen Fähigkeiten dabei abtötend. Das erste Bild war: Du willst etwas sagen, redest los, und weißt auf einmal kein Wort weiter. Der Anschein "geebneter Wege". Das Brücken-Motiv (das Überbrücken). Nach einiger Zeit begriff ich bei der Bearbeitung der Notate, daß sie mir auch sagen: du wirst sterben. Das zitierte Gedicht spiegelt Lücken und Lückenlosigkeit so murrend wie ironisch.

Zitat 2: Lasse gleichzeitig gelten. (Die Gleichung bewirkt ein Schweben.)
Ich erinnere mich, wie es mir die Sprachwelt unverhofft als einleuchtend zeigte, als ich irgendwo erfuhr, in der Ursprache seien Dualismen wie heiß und kalt in nur einem Begriff verbunden gewesen.

Zitat 3: Da ist kein Mißtrauen gegen das Reden, sondern Wahrnehmung: Interesse, Teilnahme, Offenheit – da kommen doch Worte, was haben sie im Sinn, worauf wollen sie hinaus. Andererseits – im dem Gedicht steht zuvor eine Leiter, in der Sprossen fehlen – die Sprache als Zivilisation tut so, als sei sie verläßlich. Als Gegensatz wird dann die Katze genannt: Was willst du. Katze. / Katze Katze. Lückenlos Leib.

In einem andern Gedicht des Buchs "Sonanz" steht: [...] ich möchte nur [...] & den gemeinen Lebensstrick, bis er den Kopf hat, Ganglien, // elektrisieren, diesen nicht verlieren! Titel des Gedichts: Jäger und Sammler.

Von einem Schwinden der Eindrücke habe ich wohl nicht gesprochen. Das Wort Schwund hat jetzt Vorfahrt im Begriff Gedächtnisschwund. (Zugleich fährt unter dem Schwund herauf eine erstaunende Vermehrung und Intensivierung der "Eindrücke").
Im Gedächtnisschwund entstehen freilich gewisse Lücken. Die waren aber noch nicht so auffällig in der "Sonanz"-Zeit, aus der Du hier zitierst.
Die 5-Minuten-Notate übten geradezu in der Wahrnehmung anderer Lücken: Du läufst z.B. los – im Reden, hast etwas im Kopf und redest los – und mußt abbrechen, weil du nicht weiter weißt. Einmal abgesehen von dem Fragmentarischen (und Schein-Kompletten) der kulturellen Zivilisation, die uns auf Kosten unserer eigenen Leistungsfähigkeit sittet, – ich begriff, daß das in den Notaten vernehmliche Ich mir auch beibringt, daß ich sterben werde.
Dein erstes Zitat (Sonanz 65, s.o.): eine ironische Spiegelung: in der Innenwelt Lücken – die Außenwelt lückenlos. Und die Warnung: halte sie nicht, weder die Innen- noch die Außenwelt – für intakt.


Was bedeuten Dir Hunde? Warum kommen sie sooft in Deinen Gedichten vor? Sie kommen mir, dem Fragenden, vor wie hermetische Begleiter, also Metaphern des Unaussprechlichen bzw. wie Wesen aus der Unterwelt? (Sonanz 96, 104, 244, Fuchs groß wie ein Hund / Sonanz 71) Titeltext in „Das Hündle kam weiter auf drein“ (Beinen).


Erst konnte ich sie nicht leiden. Dann hatte ich mal den Hund von Lorencens zu hüten in zwei Sommern auf dem Land, während sie verreist waren, und das Vorurteil entfiel, denn er gefiel mir: Oh, ein Hase sprang aus einem schmalen Getreidefeld, er sauste ihm nach, aber der Hase verschwand hakenschlagend. Er kam zum Acker zurück und suchte ihn im Feld, und zwar übersprang er den Feldstreifen im Zickzack systematisch von einem Ende bis zum andern. Das gefiel mir. Oder er legt seine Pfoten in der Wohnstube auf das Fensterbrett und jammert langgezogen, weil er nicht hinauskann. Oder wir sind an der Weide beim Haus, da kommen riesige weißgelbe Kühe heran (Import nach der Wende, nach den vorigen schwarzweißen). Der Hund erschrak und wich in dem hohen Gras vor dem Zaun aufrecht zurück, auf den Hinterbeinen.
Ich konnte sie nicht leiden, weil sie sich zu jederlei Formen züchten ließen. Im Prinzip also – weil Du nach den ideellen Hintergründen fragst – auch aus einem politischen Aspekt: wie Menschen nämlich, die sich nicht verwahren. Wenn sie im Text vorkommen, sind sie weder unterirdische Wesen noch oberirdische. Nichts weiter als sie selbst, gleich mir.
Die Sympathie (hier für einen bestimmten Hund) siehst Du in diesem Gedicht ("Sonanz" S.88, 2.2.04):
ENTTÄUSCHUNG // Gestern wieder der Hund nicht. Nur Gewölk. / Unten der Hund nicht. // (Auch nicht das Kinn überm Hund.) / (Beim Hund aufwärts Person, Gesicht.) // (Hund unten am runden Brunnen vorbei. / Oben etwa Wolken, Giebel, Dächer. Kronen. / (Unten Schlamm, dunkle Krusten.) // Hund heißt herrlich nicht Herz. / Hat seinen kleinen Hintern. / Wünschte ihm alles Gute. // Gestern wieder der Hund nicht. / Andere Hunde gesehn.
Es kommen in dem Buch viele Tiere vor, Füchse, Ziegen, Hirsche  ... Sie sind nie "hermetisch" gemeint, Symbol usw.

AB UND ZU

Wieso denn empfinde ich Lücken, Löcher innen,
und außen nicht? Außen zunächst einmal nicht,
lückenlose Umgebung.

Spüre, wie ich, vom Berg absteigend zum Bahnhof,
mit dem Auge erfasse: an ein Haus dort steigt an
sein Stück Rasen grün, es summiert sich -

als sei lückenlos sein - Bewegung.
Aber nimm im Haus diesen Putzlappen,
den endlich verbrauchten

- Triumph in den Ganglien unter dem Herzen:
besiegt ist er, hin, so lange Zeit, so oft in die Hand
genommen, zu glauben gegeben der Hand,

anvertraut ihm die Hand, angetraut deine, vermählt ihm,
Arbeitsbund. Putzlappen. Nötigung. (Triumph
noch über den Stich hinweg, daß demnächst

ein neuer ja her muß ... ) Dies ist ein
morphologischer Reflex auf den Reiz hin: der Rasen
summiert sich, bis er bei seinem Haus ist, grün.

(Sonanz, S. 65)


Ist = Ist wie nicht = Nicht

Wenn ich mich beeile, Gedankenimpulsen zu folgen,
dann nicht nur, weil sie selbst so schnell sind,

sondern auch, weil sie durch eine taube Masse hindurch
sich zu schwingen haben, durch einen sonst stummen
Komplex. Der sie, eile ich nicht, verschluckt!

So geht es zu statt auf.

Das Unmittelbare, Unvermittelte ist in meine Denkmuster
eingewebt. Schizozellen.

Ich muß mich nicht wundern dort über Begriffsstutzigkeit.

Mehr oder weniger ständig und allseits fühle ich mich
gehemmt, beschränkt, bedrängt und gestellt:

von Wirkungen als Ursachen.
Von Wirkungen als Ursachen

fühle ich mich mehr oder weniger allseits und ständig
gehemmt, beschränkt, bedrängt und gestellt.

Und ich soll statt Ursache Wirkung sein.

Sobald eine Folge sich andeutet, folge ich ihr
augenblicklich wie ein Tier durch eine Lücke im Käfig.

Wie durch eine Lücke im Käfig, augenblicklich, ein Tier,
folge ich: Resultaten.

Für mich ist es also ein Glück, das Glück einer Würdigung,
wenn ich mich versetzt sehe in eine andere Person / Position,
die die Andere / der Andere, etwas Anderes usw. heißt.

Im Grunde nur: die "usw." heißt.

(27.10.04; Meins, S. 35 f.)


LEBENSLANG

Tadel. Tadel: die Leiter - Sprossen fehlen.
Das Wort fehlt nicht. Das Wort ist zur Stelle.

Unverlangt. Mißtrauen in sein
Strickleiternervensystem.

Was willst du. Katze.
Katze Katze. Lückenlos Leib.

Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

(Sonanz, S. 150)

Erzählen als Betrug (Sonanz 71) – was ist damit gemeint, vor allem im Zusammenhang mit der Unterwelt.


Betrug: Da steht "Der Fuchs ist groß wie ein Hund. Erzählen ist ein Betrug."
Sonst sage ich so etwas nicht. Aber die schroffe Übersetzung von fiktiv bezeugt eben meine Auffassung des Genannten als nichts weiter als real.
Sonst allerdings fasse ich auch Eingebildetes als real auf, nämlich: Wieso soll der Stuhl als real gelten, aber was jemand im Kopf hat, der auf ihm sitzt, nicht?!


Welche Rolle übernimmt dagegen das Quadrat? (als Segen des Himmels – ebenda: Sonanz 71) (In der Tradition ist das Quadrat Symbol der festgefügten Seelenkräfte, aber auch deswegen ein Schutz des Anrufenden vor der Gefahr magischer Wirkungen).


Quadrat. "Der Segen des Himmels ist ein Quadrat": Der Segen des Himmels ist eine Seelenkraft, nicht wahr? Ich wende das Wort demnach richtig an (intuitiv sozusagen, ohne auf die Tradition, von der Du weißt, anzuspielen. Aber wenn Du es weißt, wieso fragst Du dann?

***

Das T-Shirt ist blau, die Hand rosa.
Der Segen des Himmels ist ein Quadrat.

Der Fuchs hat sechs Hühner getötet. Sie werden gerupft.
Der Fuchs ist groß wie ein Hund. Erzählen ist Betrug.
Vor deinen Augen, ein Unterschleif.
(...)

(Sonanz, S. 71)


Anders gefragt: Welche Wirkung hat dieses subkutane Lebewesen (in mir – Vorwort zu Sonanz)? Um wen als Steuerkraft handelt es sich dabei?


Diese Frage erkenne ich an. Es handelt sich um die Steuerkraft des subkutanen Lebewesens, der Du in den 5-Minuten-Notaten in "Sonanz" begegnest. Ich folgte ihr unbewußt. Es erstaunte mich, unterhalb des Oberstübchens dieses Wissen zu gewahren. Offenbar weiß dieses Ich mehr als man "bewußt" weiß.

Zusatz: „Engel unten“ (Über die Zeit hin / Sonanz 173) „Pflückende Engel“. Eigentlich sollte man ja die Engel oben erwarten. Ist dieses Pflücken eine Hilfe für die Menschen, zu überleben – oder ein Hinraffen, eine bedauernswerte Vergänglichkeit?

Engel sind auch ein seelisches Subjekt. Beim Pflücken all so dabei. Mit mir unten. Da pflücke ich Heidelbeeren. Es geht um nichts weiter. Du pflückst doch sehr mit der Seele, wenn du da hockst. Ich habe den Engel also geerdet.


(Die Person, es könnte sein / sie zielt auf Auflösung) (Meins 32) (Sonanz 61)
Wird da auch auf die Rebellischen Engel angespielt oder – wie Klopstock sie nannte – die höllischen Geister? Also den Abfall vom Göttlichen hinunter – diese höllischen Geister sollen ja auch von unten auf die Menschen einwirken und sie negativ beeinflussen, abhalten, „pflücken“.


Ich meine die himmlischen. Sie sind unten real. Ich unterhalte (mich und andere) generell nicht mit Anspielungen, denke ich. (?)

ÜBER DIE ZEIT HIN

das wuchsmaß erreicht:
die knochen und muskeln. unwissentlich.
auf und ab. gestrafft und entspannt.

während der kirschallee.
während des ackers der hohlweg neben dem acker.
der kirchturm spitzt aus den hügeln.

engel unten.
pflückende engel.
in flachen schachteln die heidelbeeren.

(Sonanz, S. 173)

Im Grunde zielen diese Fragen auf Dein Verhältnis zur Transzendenz.


Auf diese Frage hin wollte ich antworten: Wo nichts ist, stelle ich mich nicht erst an. Das geht zurück auf das Schlangestehn in der DDR.

Ich erzählte jemandem von dieser Antwort. Er sagte, da ist nicht ein Nichts gemeint, sondern das, was geschieht, wenn du ohne eine übliche Nachricht, eben jenseits von ihr, etwas erfährst, du spürst nur etwas. Nachher erfährst du, um was es ging.
Ich kenne solche Erfahrung, und habe auch von anderen öfter so etwas gehört.
Nur: aus einem oberen Jenseits kommt es nicht. Ich rufe, einfach so, nur weil mir so ist, daß ich das jetzt sollte, jemanden an und frage, wie geht es dir, und sie sagt, schlecht, ich werde morgen operiert, die Galle wird entfernt.
Es gab andere solche Begebenheiten, diese aber ist zu trivial, als daß ich denken könnte, es war ein Hinweis aus dem Himmel.
In den beiden Texten aber, die Du nennst, kann ich nichts Derartiges bemerken.


„Als zwischen den Wolken ein Loch war, trat sie hervor.“ (Sonanz, 178)
Immer wieder kommen mir Frauen bei Dir engelsgleich vor – tauchen aus dem Nichts oder aus einem Wolkenloch oder versteckt in der Natur auf, treten aus den Büschen und öffnen dem Ich (wahrscheinlich einem Mann) die Tür, dann bereitet sie den Tee, spült ab. Aber Vorsicht, sie ist zwar leibhaft, wie Tag Nacht Tag (Sonanz 177: „Nimm sie wahr“), aber: „Behellige sie nicht.“ Das Ich soll warten, denn es soll sich nicht sicher sein, dass das Bild von ihr, das es (er) sieht, wirklich da ist („als ob du sie antriffst.“) Und dann: „Laß sie kommen von ihr“. Ich erahne da zwei Weiblichkeiten, die eine, die real erscheint, die andere als distanziertes Eigenleben oder etwas Höheres? Diese Poetisierung lässt drei Möglichkeiten zu: Lass sie kommen von sich aus, lass sie von ihrem idealen Wesen sich trennen und dann erst kommen. Und als drittes: die Askese, bzw. eine Art unerreichbare Vereinigung. „Warte auf sie, verfehle sie nicht.“ Soweit kann ich alle drei Ansätze als möglich verstehen. Aber dann schließt es ab mit: „Ein klein wenig dasein lass sie.


Wegen dieser Einleitung und Deiner anschließenden Bemerkungen habe ich nach allen Frauen und männlichen Lebewesen in "Sonanz" gesehen.

Frauen, mythisch oder magisch, kommen vor:
als Galionsfiguren 4x, 1x 1 Meerjungfrau nicht ausdrücklich im Schiffsdienst.
Hexen 5x, und nur einmal als etwas grausig.

Engel kommen 9x vor. 2x nur sind sie Frauen. Sie sind ja geschlechtlich wohl neutral. Man kann Männer wie Frauen Engel nennen.
In "Sonanz" kommen sie sogar als Babys 1x vor (S.251): Die Rechts- und Links-Natur / von Säugeengeln und Säugetieren (251).  

Männer nenne ich so sarkastisch scharf: Chefs und Söhne, ein Engel des anderen Verlängerung (S.84). In einem ähnlichen Zusammenhang: das Lachen ist ein böser Engel, fliegt.

Frauen: 1x die Fahnen nähenden Engel; / das Stopfei, schau, die Kanne daheim –
vom Soldaten aus gesehn und verglichen mit der Kriegsrealität, sind sie Engel,
ich selbst allerdings habe da die Engel mit dem Fahnennähen gekoppelt,
eine realistische Sicht, auch im trivial-realen Sinn.

Das andere Mal: die pflückenden Engel in Frage 4.

Alle anderen Frauen – insgesamt 60 (die Hexen und Fischschwänzigen abgerechnet) sind nicht als Engel genannt und aufgefaßt.

Zum Schluß dieser Darstellung bitte ich Dich das Gedicht mit meinem detailliertesten Beitrag zum Engel-Begriff in "Sonanz" (215) abzudrucken:


BON

Immerhin, es gibt ja auch Engel. Ziegen, Schafe.
Ein Engel ist die verkörperte Güte. Huld?
Güte ist die Luftlinie.

Die Luftlinie küßt Krume, Blume & Stein.
Streichelt die Hindernisse. Überengelt
Bitumen, Bärenzwinger, Beton.

Ein Engel ist die Strenge.
Die Güte der Strenge ist die heile Strenge. Leistung.
Ein abschreckend undurchsichtiges Wort. Ein Engel ist.

Fußlos Gehen.
Leist: Fußspur, german. laistian: folgen.
Die Wurzel lis: gehen (auch in: Lehre, Lernen, List).

Es ist fraglich, was du bist, wenn du kein Engel bist.
Jeder weiß das.


26.11.04

Ich habe die Frauen in den beiden Gedichten in Sonanz, S. 177 & 178, nicht als Engel gerufen und empfunden. Offenbar wartet in Dir etwas darauf, sich zu Engelbildern entflammen zu lassen.
Denn von mir kann das nicht gekommen sein, meine ich.


Vielleicht hast Du Deine Engel aus der Behutsamkeit, mit der ich den beiden Frauen begegne, entflammt?
Ich denke an eine nicht oder nicht mehr existierende und mir unbekannte Frau: Stelle meiner Vorstellungskraft den Antrag, sie aufzusuchen. Ich weiß, daß ich vor langer Zeit mir vorwarf, nicht zu wissen, daß man in Paris einen Stuhl an den Tisch rückt. Es erstaunte mich, bei Homer ein Getreidefeld anzutreffen, das half mir, dieses Jenseits als real zu erkennen. Dieses Anliegen wirkte also weiter und holte in den 5-Minuten-Notaten schließlich diese beiden Imaginationen. Sie realisieren sich im Gang des Gedichts. Das zweite folgt, zusätzlich erdend, dem ersten.
Im zweiten brauche ich auch nicht mehr so behutsam zu sein. Im ersten spreche ich von dem bis zur Flüchtigkeit zarten Phänomen der Erscheinung. Sie ist leibhaft. Sie ist wie Tag und Nacht // unausbleiblich. Die Imagination ist nicht schamanisch. Aber da sie aus den Wolken tritt (zweites Gedicht) und das von Hölderlin beschworene Chaos im ersten erscheint, sind die Umstände der Imagination zunächst doch mythische Vorzeit: in der Verbindung von Oberirdisch und Unterirdisch. Das Chaos hat nach Hesiod die Unterwelt, die Nacht und – den Eros hervorgebracht.

NIMM SIE WAHR

Geh zu ihr, vielleicht ist sie da.
Ist sie da, als ob du sie antriffst.
Leibhaft. Wie Tag Nacht Tag

unausbleiblich. Behellige sie nicht.

"An die Stille.
[...] In des Chaos Tiefen wohnest du.
[...] In der Stürme Land, wo schwarz und wilde
Das Gebirg im kalten Panzer starrt.“

Laß sie kommen von ihr.

Welch ein langer Weg!
Langer gewundener Weg,
vielleicht Lücken.

Warte auf sie, verfehle sie nicht.
Ein klein wenig dasein laß sie.

15.9.04


SIE IST DA

Als zwischen den Wolken ein Loch war, trat sie hervor.
Zwischen den Büschen und Bäumen erschien sie.

Öffnete dir die Tür, eine Frau 1600 im Breisgau.
Elsbeth. Sie war jung, sie nähte und schrieb.

Trat hervor in Sandalen. Öffnete, lächelte.
Setzte Teewasser auf, trank mit dir Tee.

Spülte die vorigen beiden Tassen.
Blieb und trank mit dir Tee.

Die Woche war Montag bis Sonntag.
Das Wasser im See stand grün.

15.9.04

Vielleicht soll oder will in Deinen Gedichten die Frau ja als Engel die Welt zur Ordnung rufen – dem Mann oder jedem gierigen Wesen zurufen: Ordne (Sonanz 243) – hier die Schenkel und Hinterteile, der Kaninchenstall, Wams und Bakchos als treibender Eros, und dort: die ungehinderte Sicht (Sonanz 197: „hilf mir hinauf ist Ich“), dem Gegenüber zu helfen oder der conditio humana des Menschen zu helfen, also auch seine Begierden zu lindern?


Nein, zur Ordnung rufen will da niemand. Statt dessen soll zu ungehinderter Sicht verholfen werden.


„Lebe demnach den Vogel.“ (Sonanz 207) – das Fliegen, die Sicht von oben, kann dieser weibliche Engel auch zum Raubtier werden?


In dem Gedicht sitze ich in der U-Bahn, liege also weder noch fliege ich. So gefangen, denke ich an einen Vogel, und dazu dann auch gleich eine Prärie, die ebenfalls gar nicht da ist:
Unter dem VogelaugePrärie. / Lebe demnach den Vogel. Meinst Du, was man sich vergegenwärtigt, lebe man nicht? Da ist kein Engel natürlich, und erst recht kein böser? Du fragst mich dann zum zweiten Mal, ob ich an die böse Variante denke. Nein, denke ich nicht, gebe keinerlei Zeichen davon.
In dem kleinen Gedicht folgt dann noch:
Auch schmerzen die Rückenknochen, und: / Ziege, Gemse, äsend in Felsenwildnich.
Bei den schmerzenden Knochen fällt mir ein, sie könnten zusätzlich ein Motiv sein, sich ins Freie zu dehnen, trans.


Wiese, Liegen, „Krimskrams“ denken, Fliegen – das taucht immer wieder auf bei Dir, vor allem in dem Band „Meins“. Du nennst es einmal (Meins 4) „sternichte(s) Erkennen“.


Da Du nach "sternicht" fragst, meine ich, Du zielst noch einmal darauf, daß ich transzendiere, mich in den Himmel denke. Aber es ist umgekehrt, das Himmlische ist in mir! Ich suchte nach und fand eine Stella-Stelle, die es beweist, in einem Gedicht vom 2.5.00 über Columbus zur See (Gänsesommer, S.26):
Wasser war, viel, unverhältnismäßig, dahinein / die arteriell genährten Augen selbst /
sternten.


In dem Gedicht (vom 16.3.03), aus dem Du zitierst, blicke ich (wie Columbus auf das endlose Wasser) auf ein Regal, das ich zu bauen vorhabe, hilflos, und trotzdem:
habe ich doch im eigenen Blick erquickend / das sternichte Erkennen der ursprünglichen / Pyramidenvolumenberechner, // und nur, weil seit ihnen so viel / vergangen und aufgehäuft ist, // blicke ich stumpf, dumpf, fast blind.

Das, was Du herabsetzend Krimskrams nennst
(das Himmlische erhebst Du in den Himmel und
das Irdische setzt Du herab – ertappt?)
heißt bei mir Kram und bezeichnet die nötigen Dinge, die wir in Ordnung zu halten haben.
In dem Gedicht "Idyll" (1.3.06): [...] Ich lag und sann, da kamen Kram-Gedanken. / Natürlich ist es recht, den Kram im Kopf zu haben. / So hältst die Sterne du in ihren Bahnen. / Statt aus der Welt heraus zu existieren [...]

KK


Fotos: Martina Kerl


Elke Erb: Sonanz. 5-Minuten-Notate. Basel und Weil am Rhein (Urs Engeler Editor) 2008. 317 S., 21,00 Euro.

Elke Erb: Meins. Wuischke, Berlin und Holderbank SO (roughbooks) 2010. 142 S., 11,00 Euro.

Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Hrsg. von Urs Engeler aus Anlass der Verleihung des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik. Berlin, Wuischke und Solothurn (roughbooks) 2013. 62 S., 7,00 Euro.



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