Direkt zum Seiteninhalt

Elke Erb: Was sie will

Gedichte


Was sie will

Jetzt habe ich begriffen, jetzt endlich
dämmert es mir, was sie meint – all die Zeit! –

wenn sie, mit meiner Stimme, spricht,
meinen Mund öffnet und spricht, wenn ich
losfahre auf dem Fahrrad, zu einer Lesung z.B.,

seit Jahrzehnten, sie: macht den Mund, meinen Mund auf
und spricht: „Ich will nach Hause.“

Ich bin „in Gedanken“ / denke an nichts –
und sie ... Immer derselbe Satz!

Ich höre ihn (spreche ihn ja),
kenne ihn,

kann aber nicht antworten, erreiche sie nicht. –
Quengelt. – Wie ein nicht gegenwärtiges Kleinkind.
Keine Verbindung.

Nach einer Weile wiederholt sie's.
Ich fahre die lange Brunnenstraße hinunter.
Oder die Pankstraße.

Genau genommen spricht sie's wohl nur
am Anfang der Strecke.

Ja, ich bin 2x dieselbe da. Aber nicht die gleiche.
Höre und verstehe nicht. Spreche, und zu keinem.

Ich weiß nicht, was sie will. Niemals,
nie kann ich antworten. Antworte ich,
klingt es taub.

Unerreichbar sie, unerreichbar ich.
Ein Vierteljahrhundert schon lang.

Und auch auf der Rückfahrt!
Ein Reflex auf die Fahrrad-Fahrt?

Oder auf den Aufbruch - nun wieder, schlechthin?

Auf der Rückfahrt um einen, deutlichen, Deut
einsamer; nichtiger.

Wenn ich nur laufe, spricht sie nicht.
Oder aber mit dem Rollkoffer dann doch ab und an?

Also beim Gehen sonst nicht?
Meint sie da wohl, das Gehen sei rechtens?
Im Sinn von richtig?

Selbstverständlich, der Wind, wenn er geht:
ist unverständlich!

Zudem hört man ihn kaum noch wie einst.
Als man ihm lauschte.

Ah, deshalb sehen andere leicht so von daheim her aus,
so grundlos, so nirgendsher aus, von nix!
Mir nichts, dir nichts eben – wie Wind.

Und aber jetzt erst, im April 08, nach so langer Zeit!
geht mir, undeutlich, auf, was sie will, es heißt:

Wo du hingehst, geh nicht,
geh zurück, halt dich heraus,
meng dich nicht ein,

ich will nicht dahin.

Einfach abbrechen, die Aufbrüche,
als seien ihnen die Füße ab
(häuslich gedacht).

Naseweises Überallhin!
Ja, vielleicht entleert es, füllt nicht auf,
nicht sie.

Und weil ich ja aufbrechen wollte,
konnte ich nie verstehn, nicht einmal denken daran,
ob denn ich-sie auch dahin will.

Aber ich-diese, die nicht auf sie reagiert,
der eine Lesung keine „Zerstreuung“ist,

ist freilich nirgends daheim.
Freilich deshalb sehen andere leicht so von daheim her aus,
so grundlos und nirgendsher aus und nix!

Ach, der Wind, wenn er geht:
man hört ihn ja kaum noch wie
als man ihm lauschte.

Sie, diese, kam mir mit ihrem „Ich will nach Hause“
oft nahe beim Haus noch schon.

Wenn es klar war, es ging fort.
Es feststand, wohin.

Wenn zwischen uns und dem Ziel
nur die Fahrt blieb, der Weg, die Leere,
dann meldete sie sich.

Erkenne ich jetzt, nach und nach.
Aha!

Sie ist heran, ist durchgedrungen, ...
Ach!, aha! Und deshalb auch –  !

Sie war im Kommen und deshalb auch –
ahso, dieses alte Weib(-ich) – tut's nun seit Tagen,
als sei es ihm schwer sich zu bücken, ächzt!

Und geht so, rechts-links, als sei's in der Mitte
steif im Kreuz, ach nein!

(und ich dachte schon, das sei doch wohl nicht
1 Aufsässigkeit – gegen die neuen, die Gelenke lockernden
Wunderschuhe (MBT))

– nein, da benützt sie, mit ihrem ich-will-Nachhause!
benützt die Alterserscheinung, um:
nicht / da / überall / hin zu gehn.
Statt heim.

(Ich war ja schon eingeschlafen, oder war das gestern,
mit so einer wittrigen Nebligkeit um die Nase,
die zu sich lockte, ein Nebelgeruch
– lockte

in die Natur,
aber nicht von draußen, obwohl es regnet seit Tagen:
Dort vor der Nase, im Bett schon. Witterung buchstäblich!

Anmerkung
Wie ich die Behelligung abtat textlich, als sie begann damals, 1985:

WEITER NICHTS, ICH FAHRE WEITER

Das Klavierspiel ist eine Reaktion auf das Klavier.

(Zum x-ten Mal: Ich sitze oder liege zu Hause
und sage, aus den Gedanken heraus:
Ich will nach Hause.

Ebenso könnte ich sagen: Ich will sterben.
Beide Sätze meinen nicht, was sie sagen, sie sind:
Klavierspiel. )

***


Ein Mal extrem:
auf dem eigenen Hochbett gar sagte und hörte ich das.

18.4.08


Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Berlin, Wuischke und Solothurn (roughbook 028) 2013

Zurück zum Seiteninhalt