Elke Erb: Sonnenklar - Signaturen

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Elke Erb: Sonnenklar

Rezensionen
 



Dirk Uwe Hansen

Fortführender und fortgeführter Zusammenhang



„Neuerdings stutze ich immer wieder vor gewöhnlichen Wörtern, da sie mir, Hokuspokus, ihre ungewöhnlichen Konditionen auftun. Offenbar eine Alterserscheinung.“

Nein.
In Elke Erbs Umgang mit Wörtern und deren Zauber kann ich keine Alterserscheinungen ausmachen, selbst der hier zitierte Satz scheint mir kein Kokettieren mit dem Lebensalter (und damit eben eine Alterserscheinung) zu sein, eher ein Ausdruck der ruhigen Selbsterforschung derer, die in diesen Gedichten spricht.

 
 

Aber der Reihe nach.
Ein neuer Band mit Gedichten von Elke Erb ist erschienen – ein Grund also zum Jubeln. „Sonnenklar“ umfasst Gedichte aus den 46 Jahren von 1968 bis 2014, herausgegeben von Urs Engeler und Christian Filips. Die meisten der Arbeiten stammen aus den Jahren nach 2010. Die kluge Auswahl bietet damit nicht nur einen Überblick über das Schaffen Erbs – und ist also wunderbar geeignet als Einstieg für alle die, die diese Dichterin noch für sich entdecken dürfen – sie ist auch ein gutes Mittel, um sich auf die Suche nach Entwicklungen in Erbs Werk zu machen und – mehr noch – nach dem spezifischen Erb-Ton, der ihre Gedichte so faszinierend macht.

 
 
 

Gleich *** gleich

An Puppen zeigen, daß Puppen keine Menschen sind.
Z.B. eine Puppe auf der Bühne, tut etwas. Eine andere hinzu,
ist gegenwärtig, kurz, anscheinend
will sie wieder gehn (Bewegung);

da erschrickt die eine: geh nicht weg!
Die andere nickt und bleibt noch.

*

Im Theater wird gezeigt, daß Menschen keine Puppen sind.
Z.B. einer auf der Bühne, tut etwas. Ein anderer hinzu,
ist gegenwärtig, kurz, anscheinend
will er wieder gehn (Bewegung);

da erschrickt der eine: geh nicht weg!
Der andere nickt und bleibt noch.


 
 

Denselben tastend-forschenden und dabei still-lakonischen Ton (der auch vor Ausrufezeichen nie laut wird) wie in diesem Gedicht aus dem Jahre 1974 finden wir auch 40 Jahre später wieder:

 
 
 

Es ergab sich

vorige Nacht, wo ich lag, im Aus,
nicht mehr denken konnte. Nur atmen:

Gangbar sind (Zigarette!) (Balkon!)
nur die eigenen Füße, kein Boden mehr
außer ihnen,

unter ihnen*
nichts als die Unterwelt –

über der nächtlichen Unterwelt
nur noch atmen

und (Balkon!) manchmal (welch bodenständige
Reprise dieses Wort!)

die beweglich, leichtlich verwerfliche
Balkongitterstange als Übersprungs-Angebot.

Auf Füßen stehen, auf Füßen gehen

*Ach, ihretwegen also drängte sich heute vormittag das
„Sie haben nur Füße –“

ständig in den thematisch verlangten
fortführenden und fortgeführten Zusammenhang,
zu dem ich Textstellen suchte,

kam es andauernd an:

Was haben nur diese Hühner
für Füße – Sie haben
nur Füße – wo haben
sie ihre Gedanken?


(aus „Unschuld, du Licht meiner Augen“, Titel: Angesichts des überzeichneten / Staubs in der Farm, 20.8.92)


 
 

„Es ergab sich“ – vieles sieht nach Zufall aus, in Erbs Gedichten, immer wieder tastet ihre Sprache nach dem, was auf der Hand, vor Augen oder vor den Füßen liegt; dabei hat dieses Tasten nie den Beigeschmack ziellosen Stocherns oder Haschens nach ad-hoc-Effekten und trifft doch, mit unangestrengter Genauigkeit (Hokuspokus) immer ins Schwarze.
Dieser Zauberkraft der Erbschen Gedichte hat die Zeit, das beweist dieser Band aufs Schönste, nichts anhaben können; vielleicht hat sie sich sogar noch verstärkt? Immer wieder finden sich Passagen, in denen, wie in „Es ergab sich“, älteres wiederaufgenommen wird, das Alpengedicht „Schwund“ etwa, das Erb vierzehn Jahre später in den fortführenden und fortgeführten Zusammenhang einer Prosabetrachtung stellt (S. 56/57), als hätte es nur darauf gewartet.

Überhaupt, Prosaisches. Viele der Texte dieses Bandes spielen sich im Dazwischen zwischen Prosa und Lyrik ab, Reisetexte zum großen Teil, auch autobiographisch Lesbares, Texte die aus Notizbucheintragungen entstehen, deren Formfindung (ob nun endgültig oder auch sie zur Wiederaufnahme festgehalten) wir mitvollziehen („Hatte das Notizbuch weggetan. Hole es wieder heraus, um zu ergänzen...“). Und man folgt Elke Erbs klaren Blick dabei so gern wie ihrem zauberischen Tasten nach den Worten hinter dem Gesehenen:


 
 
 

Seitenblick kurz aus dem Auto

An der Straße hockt ein schon auch älteres Haus.

Das hinter ihm steht mit mittig halb abgedecktem Dach.
Es scheint uns zu sagen: Ich will nicht mehr.

Links ist links, rechts rechts.

Mein Inneres zeigt mir im Vorderen rasch:
Samstag um 9, sie rührt den Kakao um am Herd.
Fußboden Kacheln, Wandborde für Geschenkteller, Krügel.

Das Dach beim Vordern hat noch dieselbe Art Ziegel.


 
 

Ich finde in den Gedichten dieses Bandes vor allem ein große Portion von dem, was mich nach Elke Erbs Gedichten immer wieder süchtig werden lässt, von der zauberischen und dabei so sparsam-stillen Bewegung des Blickes und der Worte nämlich, die das Entstehen des Gedichtes zum Teil des Gedichtes macht. Doch es gibt gewiss noch viele andere Weisen, dieses Buch mit Beglückung und Gewinn zu lesen. Jedem, der sich die „ungewöhnlichen Konditionen“ der Wörter vor Augen führen lassen will, sei es ans Herz gelegt.


Elke Erb: Sonnenklar. Hrg. von Urs Engeler und Christian Filips.  Berlin, Wuischke und Solothurn (roughbook 032) 2015. 96 Seiten. 9,00 Euro.

 
 
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