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Elke Erb: Gedichte und Kommentare

Rezensionen



Elke Engelhardt


Elke Erb – Gedichte und Kommentare



Elke Erb hat eine Vorliebe für zweideutige, veraltete und vom Aussterben bedrohte Wendungen. Gleichzeitig vertraut sie dem Leser, ihre Verse intuitiv zu verstehen. In einem der Kommentare des Bandes „Gedichte und Kommentare“ heißt es: „Eine komplizierte elliptische Bildung, aber sie entspricht der impulsiven emotionalen Eingebung/ Erkenntnis, und es kann (muß) intuitiv verstanden werden.“
Leicht einzusehen, dass eine derartige Grundlage einem Übersetzer die ohnehin schon sehr anspruchsvolle Aufgabe, fast unlösbar erscheinen lässt. Das weiß kaum jemand so gut wie Elke Erb, die selbst zahlreiche Übersetzungen und Nachdichtungen veröffentlicht hat. Dennoch ist aus den hilfreichen Erläuterungen für eine Übersetzung ins Slowenische, noch etwas weiteres, Außerordentliches, wie es Jan Kuhlbrodt im Nachwort nennt, hervorgegangen. Aus den Kommentaren, die ursprünglich als Hilfestellung für die Übertragung in einen anderen Sprachraum gedacht waren, ergibt sich in diesem Buch, unbeabsichtigt und unverhofft, eine Übersetzung in der Ursprungssprache. Eine Übersetzung, wie Kuhlbrodt schreibt, zwischen Dichterin und Leser. Wenn man die Gedichte samt der dazu gehörenden Kommentare liest, ist es als trete man ins Gespräch mit den Gedichten, mit der Dichterin und nicht zuletzt mit der Sprache als solcher.

In „Gedichte und Kommentare“ geht es also um die „Freilegung des Dichtraums“, wie Jan Kuhlbrodt im Nachwort schreibt.  
Das lässt die, im übrigen optisch ansprechende, Illustration, nicht unbedingt vermuten. Auf dem Buchrücken sind Worte und Sätze immer wieder übereinander gedruckt, so dass fast nur noch eine kompakte schwarze Fläche erkennbar ist.

Dabei sind Elke Erbs Gedichte alles andere als dunkel oder gar hermetisch. In Besprechungen ihrer Bücher hat man sie mit Georg Lichtenberg verglichen, es wurde behauptet, Erbs Art zu schreiben, erinnere an dessen Sudelbücher, an die ständige Beobachtung der eigenen Person. Nico Bleutge sagte einmal, Elke Erbs Gedichte seien Erkenntniswerkzeuge. Ich glaube, das trifft es sehr gut.

In diesem Band, in dem Gedichte aus vier Gedichtbänden ausgewählt wurden, bezieht sich Erb immer wieder auf die Natur. Auf Beobachtungen in der Natur. Da die Gedichte chronologisch angeordnet sind, vollziehen sie die Jahreszeiten nach. Lesend kann man so verfolgen wie sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter auf die Stimmung der Gedichte auswirken, diese bedingen.

Überhaupt speisen sich die Gedichte häufig aus Beobachtungen, die sich der Beschränkung durch die eigene Perspektive bewusst sind.
Besonders gelungen sind jene Gedichte bei denen Naturbetrachtung zu Selbsterkenntnis führt.

... wo dann hinter der Stadt

die Gegend bloßlag, die Bahn
straflos am Fluß spurt

und einrückt weiter dort über die Breite
die lange gerade einsame Brücke,

unter der links hindurchfahren wird
Brno 5.40 – Hamburg-Altona 15.40

… wo da hinter der Stadt
die Gegend bloßlag.

Schwieg das Gemüt
War die Eigenliebe beendet


Die letzten beiden Zeilen standen im Computer in kleiner Schrift darunter.
Ich wusste nicht, ob es mir gelingt, dieses Gedicht über die Brücke, die ich
vom Zug aus sah, gerade und öde wie die gesamte Landschaft, fand dann
diese beiden Zeilen unter dem Entwurf und sah, sie vollenden es:

schwieg das Gemüt
war die Eigenliebe beendet

17.1.12


An diesem Gedicht lässt sich nachvollziehen, dass es sich bei den Kommentaren in diesem Band um etwas anderes handelt, als um die Erläuterungen, die Erb (hier als Bemerkung im Gedicht selbst) ihren Gedichten schon seit einiger Zeit vereinzelt an die Seite stellt.
Der auf der gegenüberliegenden Seite platzierte Kommentar beschränkt sich auf Begriffe, ihre Bedeutungshöfe und vereinzelt auf das Fehlen einer Entsprechung. So vermutet Erb, dass es keine slowenische Entsprechung für das deutsche Wort „Gemüt“ gebe: „[...] das Gemüt das Wort habt Ihr wohl leider nicht, aber Seele geht vielleicht auch, wirkt dann etwas ironisch.“

Die Gedichte aus dem Band „sonnenklar“ thematisieren wiederum das Eigene, dieses Mal aber mit Distanz, wie aus einer fremden Perspektive betrachtet. Vielleicht weil es erst mit diesem Abstand „sonnenklar“ wird, indem die Verschmelzung und Nähe aufgehoben wird, um gegen eine Distanz eingetauscht zu werden.

Wie z.B. in diesem Gedicht vom 13.07.07

Schlaflos. Zu Hause. Schritte über mir.
Schlaflos ist nichts anderes als schlaflos.

Ein selbstständiges indifferentes Stück
Sein. Ständig wie selbstständig.

Fremd. Hört leider nicht auf.
Unbeendbar selbständig und an sich.

Es steht nicht. Es ist. Ein Stück ist.
Fremd wie nebenan. Gähnt.


Erb hatte bereits in ihrem Gedichtband „Kastanienallee“ aus dem Jahr 1987 den Gedichten Anmerkungen an die Seite gestellt. Im Gespräch mit Georg Laschen, sagte sie dazu: „Ich stelle mir die Kommentare vor nicht als einen Beistand für die Leser, sondern als einen Beistand zu den Texten“, und weiter: „Insgesamt habe ich dann gedacht: Sowieso sind die Texte so, wie Früchte oder Pflanzen, die auf dem Acker gewachsen sind, also schreibe ich jetzt den Acker.“
Um diese Erklärungen geht es bei „Gedichte und Kommentare“ nicht, und doch geht es auch um sie.

Der Reiz und das Außergewöhnliche dieses Buches liegt in der besonderen Art der Erläuterungen. Das Besondere ist aber auch, dass die Gedichte ebenso gut ohne die Ergänzungen gelesen werden können, oder vielmehr, dass man als Leser die Möglichkeit erhält, die unterschiedlichen Lesearten von Erbs Gedichten zu erfahren, das Verständnis, das sich aus dem unbegleiteten eigenen Lesen ergibt, vergleichen kann mit einer  veränderten Auslegung desselben Gedichts, nachdem man die Kommentare der Dichterin gelesen hat.

Nicht zuletzt verdeutlichen die Kommentare die Schwierigkeiten der Übersetzung, die Gefahr, das vieles, was in der einen Sprache funktioniert, selbstverständlich Wort- und Bedeutungsfelder eröffnet, nicht, oder nur über erfindungsreiche Umwege, in die andere Sprache übertragen werden kann. Auf diese Weise sensibilisieren die Kommentare gerade auch Leser, die sich nicht mit Übersetzungen befassen, für die Sprache selbst, für ihren Bedeutungsreichtum, aber auch für ihre Fragilität.


Elke Erb: Gedichte und Kommentare. Hrsg. von Jan Kuhlbrodt, Jayne-Ann Igel, Ralph Lindner. Leipzig (Poetenladen - Reihe Neue Lyrik) 200 Seiten. 16,80 Euro.

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