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Einbildung eines eleganten Schiffbruchs

Rezensionen



Timo Brandt:

Seenot oder Seeton



Die Ostsee – in anderen Sprachen auch das Baltisches Meer –, eines der geschichtsträchtigsten Binnengewässer der Erde. Der Verlag Reinecke & Voss stellt in seiner Anthologie „Einbildung eines eleganten Schiffbruchs“ einige Texte von Dichter*innen aus den Anrainerstaaten vor; Bezug zum Meer selbst gibt es so gut wie gar keine. Es vereint die Dichter*innen, dass sie bisher im deutschen Sprachraum kaum bekannt sein dürften. Das Buch ist unterteilt in mehrere Kapitel, alle Gedichte sind zweisprachig abgedruckt.


„Ja, manchmal haben wir kein Stück Papier,
Um darauf ein Gedicht zu schreiben …

Ah, hier ist irgendein Papierstück.
Na, Gott sei Dank, habs aufgeschrieben.“


Der erste Dichter im ersten Kapitel („Wenn wir rosa Schuhe tragen“) ist der russische Lyriker Vladimir Gorochov, der laut seiner Vita dafür bekannt ist, seine Gedichte im Internet, auf Youtube und bei anderen Plattformen, zu präsentieren, manch-mal in komischer Kostümierung. Seine Texte haben dann auch etwas von anberaumten Witzen, man hört ihnen an, dass sie vorgelesen gehören, dass ihre Komik eine bestimmte Intonierung braucht und die Präsenz des Autors, der aus dem Klamauk und den Wiederholungen eine Darbietung formt.
    Wer fragt schon nach dem Körper, in dem geträumt wird, man fragt nach den Träumen: Anne Helene Guddal gießt aus einer Behauptung ein Gedicht. Und kreist, knapp und fest, eine Frage ein: interessiert man sich für das, was im Menschen vorhanden ist oder wie er damit umgeht, was das mit ihm macht? Geht es um das, was ihn ausmacht oder wie er, davon ausgehend, handelt?

„Ich will dich anstoßen
durch dieses leblose Papier“


Im Gedicht des finnischen Dichters Marko Heikkinnen geht es relativ random zu, ungenau und sprunghaft – man könnte sagen, in diesem letzten Wort rattert das Konzept des Textes. Schön finde ich allerdings, dass die letzten vier Zeilen auch eine nette, polemische Definition eines Gedichtes sein könnten:

„Das ist ein guter Grund zu plaudern,
mit wem auch immer. Erklären
muss man dann nichts
und zwar niemandem.“


Es folgt das zweite Kapitel („Kaurismäki sucht in Frankreich Finnland“). Und wie so oft bei dem finnischen Regisseur, handelt auch das erste Gedicht (es ist von Theis Ørntoft) von konfusen Zeiten.

„Ich habe keinen übergeordneten Lebensplan mehr
ich halte mich bloß an Leute, die ich liebe
ich habe es langsam satt, mir die Gesellschaft einzubilden“  


Theis Ørntoft probt den Rundumschlag, das Aufreißen der zerfasernden Lahmlegung unseres Bezugs zu einer globalisierten, mit News und Industrie und anderen prä-apokalyptischen Indizien überschwemmten Welt. Ein starkes Gedicht, das manchmal etwas zu schnell den Kopf wendet, aber mir dennoch ausgesprochen gut gefällt; vor allem, weil es nie klar zu agieren versucht, sondern sich an seine ganz eigene Auseinandersetzung mit der Welt hält, sich nicht einfach darüber erhebt.

„Er entdeckte, dass der Staat ein Uhrwerk war,
das seit langem nicht mehr die richtige Zeit anzeigte –
doch lief es zu langsam oder zu schnell?“


Malte Persson, kein unbeschriebenes Blatt, ist Übersetzer und hat u.a. Thomas Kling ins Schwedische übertragen und kann auch als Autor auf eine längere Publikationslaufbahn zurückblicken. Sein Gedicht „Ithaka“ (wir befinden uns also in einem anderen Binnenmeer) hat der Motive eigentlich zu viele. Ich überlege kurz, ob ich es der Länge nach aufschneiden und entgräten soll: was ist hier berstender Knorpel, winziger Knochen und was essbares Fleisch? Man muss dazusagen, ich bin ein großer Fan von Konstantin Kavafis‘ Gedicht ‚Ithaka‘, und obwohl Persson eher nicht auf dieses Werk anspielt, sondern sich an Homer orientiert, versuche ich, mich dem Gedicht auch über diese Seite zu nähern.
    Den Text durchzieht ein „Er“, das möglicherweise der anfangs erwähnte Mann im schwarzen Anzug ist, mit der schwarzen Aktentasche

„so schwarz, dass ihr kein Licht entweichen konnte“.


Mit dieser Aktentasche ist er über „Marmorflauten“ gegangen.
    Die schön eingerichtete Welt mit ihrer spiegelnden Oberfläche als Metapher für das Ende aller Reisemöglichkeiten; der Reisen, die über Fluten, nicht über Flure führen, über das Unergründliche hinweg zu unbekannten Plätzchen, mit dem Ziel, zu sich selbst zu finden, Ithaka zu erreichen.

„War er ein Kindersoldat gewesen?
Hatte er nackt in der Sonne gestanden, eingerieben mit Olivenöl?
War er vergewaltigt worden?“


Kritisch-weltliche Ansätze, die in das sehnsüchtige Wabern und Suchen schneiden. Hier erinnert das Gedicht nun doch an Kavafis, an dessen ausufernden Griff in die Pracht, die Höhe, die sich dann wieder am Ufer des Ich, des Er, bricht wie eine zu laute oder zu leise Welle.


„Sicher ist, die Insel war schwer zu finden –
er selbst hatte das gemerkt,
und er war nicht der letzte.
Waren seine Insel, sein Königtum
vielleicht reine Einbildung“


Niemand könnte der Letzte sein, doch der Letzte ist immer man selbst. Ein furioses und gleichsam stilles Gedicht, das letztlich nicht zugunsten einer Botschaft ausgedeutet werden kann; es ist selbst so eine Reise hin zu einem Ithaka, über das Kavafis am Ende seines Gedichtes schreibt:

„Brichst du auf gen Ithaka - wünsch dir eine lange Fahrt,
           besser ist, sie daure viele Jahre
und alt geworden lege auf der Insel an,
           reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst

und hoffe nicht dass Ithaka
                                              dir diesen Reichtum geben kann.“


Allein für diesen Text (und nicht nur für ihn) lohnt sich die Anschaffung dieses Büchleins.

„die Metaphysik beginnt am Freitag
wenn sich der Tag in den Abend verwandelt
auf dem Korridor geht der Schaffner
zeigt der Welt seine grauhaarige Brust
und seine Gehilfin
öffnet das Bier mit dem Teelöffel“


Beginnt Metaphysik, wenn man auf ein Literaturfestival fährt? Nein, sie beginnt, wenn die Introspektive ihre Stimme aus Schatten treten lässt in die bewegte Wirklichkeit und trotzdem keine Antwort erhält. In Igor Kotjuchs großartigem Gedicht („Die Metaphysik beginnt am Freitag“) geht es nicht nur um die Uneindeutigkeit seiner nationalen (er ist ein Este, schreibt aber auf Russisch) oder ästhetischen Identität, sondern um eine diffuse Stimmung des Unterwegsseins, um die aufkommende Dichte, die in dem von allen Banden getrennten Ich entsteht, das aus dem Fenster sieht und weiß, dass es sich in einer Welt bewegt, die nur dort zu ihm gehört, wo seine beiden Beine den Boden berühren (und eben nicht dort, wo seine Gedanken Oberfläche und Inhalt der Dinge zu berühren versuchen). Eine schmale Selbstironie entblättert das Gedicht hier und da. Aber die Grundstimmung bleibt.

„Ich sehe nicht. Tisch, Waschmaschine, Stühle schweigen.“


Womit wir beim dritten Kapitel sind: „Nach beendeter Arbeit“. Jussi Hyvärinens Gedichte, die ersten in diesem Abschnitt, rufen das Lebendige in der Welt an, das auch nach dem Tod noch bleiben wird. Seien es die vom eigenen Mund geformten Klänge alter – oder selbst fremder – Sprachen, sei es das Kind, das einen zu Grabe trägt oder die Gegenstände, die nicht aufhören werden in ihrem (von und mit dir) eingerichteten Dasein fortzufahren. Der Tod, nicht als große Konstante, sondern etwas, das auf seinen Platz verwiesen wird.

„und † ist Zeichen für die Einbildung
eines eleganten Schiffbruchs
[…]
Ich werde auffüllen
was zwischen A und † liegt
Ich werde schreiben“


Das erste Gedicht von Jonas Sandved Rudjord übernimmt auch dieses Verweisen auf den Tod (und den Beginn, die Geburt), zumindest in diesem frühen Zitat. Schon bald geht es um mehr. Um alles dazwischen, um das Universum und seine Stromstöße, die Lichtblitze, Einschlagsrouten. Dinge lassen sich nicht übereinander schieben, Verstand und Kosmos können sich nicht einen, nicht im Geschlechtsakt, nicht im gegenseitigen Negieren, vielleicht mithilfe der dünnen Kommunikation von Kultur, der Literatur, Stück für Stück. Aber:


„Das ist die Entropie, und sie
will langsam, aber schmerzhaft sicher
unsere Körper zurückhaben

Zelle
für Zelle


So merkt es das lyrische Ich an, als es Hautschuppen zwischen den eigenen Zehen sieht. Doch das lyrische Ich weiß auch, dass es 183 cm groß ist.


„Ich schwebe weiterhin
sechs Fuß über der Erde
Denn das Leben ist in sich selbst Beweis dafür,
dass Widerstand mehr als eine Erfindung der Sprache ist,
denn das Leben ist eine Verhöhnung der Entropie;“


Im letzten Gedicht stoßen wir auf die Arbeit: „ich will über arbeit reden.“
    Asta Olivia Nordenhofs Poem stellt Fragen, z.B.: warum bemalt jemand nach beendeter Arbeit ein Schild mit dem Satz „no coloured allowed“ und kündigt nicht stattdessen einfach seine Arbeit. Diese Frage könnte noch als naiv gelten. Doch schon bald schwenkt das Gedicht auf die problematische Konstante, die sich dahinter verbirgt:

„ich will darüber reden, wo die grenze des willens verläuft.“


Die Grenze des Willens verläuft entlang der Abhängigkeiten, der Willkür, den Vorurteilen und Ressentiments, die dichter und zahlreicher um den Willen mancher Einzelperson herumstehen, als es mancher westeuropäische, gutsituierte Mensch glaubt.
    In Nordenhofs Text geht es um die widersinnige Verurteilung des Nichtarbeitens, aber letztlich will er über ganz vieles reden, nicht nur über dieses Problem. Er geht hier und da etwa zu scharf in die Kurve, aber hinterlässt mich sehr, sehr beeindruckt.

Auf dem Klappentext des Buches heißt es „Bei der Auswahl wurde Gedichten, die Haltungen zur Wirklichkeit erproben, der Vorzug vor solchen gegeben, die explizit Anschluss an modernistische Verfahren suchen.“
    Eine Aussage, die ein bisschen so wirkt, als wolle sie Einwänden oder Kritik zuvorkommen. Wobei sie der Wahrheit entspricht, wie man an meinen Einlassungen ablesen kann. Bedenken in Bezug auf die Vielfalt und die poetische Kraft dieser Sammlung habe ich nicht, doch finde ich nicht, dass man im Vorfeld eine solche Einschätzung der eigenen Veröffentlichung abdrucken sollte/muss, die mehr Verwirrung stiftet als erklärt.
    Auch an anderen Stellen habe ich mich ein bisschen über die Aufmachung geärgert. Manche Gedichte sind mit Überschriften versehen, andere nicht – was ja okay ist, aber es ist manchmal unklar, ob ein Gedicht auf der nächsten Seite fortgesetzt wird oder nicht, und es fehlt ein genaues Verzeichnis der Texte.
    Bei den Kapiteln, die ich zunächst für unnötige Einteilungen hielt, offenbart sich Stück für Stück eine gewisse Stringenz, Texte nähern sich einander an. Schwieriger ist es schon bei der Gewichtung: Während dem ersten Kapitel und seinen drei Dichter*innen gerade mal 10 Seiten eingeräumt werden – dem zweiten immerhin fast 20 – nimmt das dritte etwa die Hälfte des Buches ein. Kapitel 1 wirkt da ziemlich dünn und stiefmütterlich an den Anfang gestellt und schnell übergangen.  
    Diese Kritik soll aber keinesfalls den Verdienst der Herausgeber*innen Matthias Friedrich und Slata Kozakova und den Übersetzer*innen schmälern, die hier Arbeiten zugänglich gemacht haben, die ich sämtlich noch nicht kannte – und ich bin bei fast allen froh, dass ich sie kennenlernen konnte.
    Insgesamt eine klare Leseempfehlung für diese eigenwillige, aber sehr reiche Anthologie.


(Matthias Friedrich, Slata Kozakova:) Einbildung eines eleganten Schiffbruchs. Gedichte aus dem Ostseeraum. Leipzig (Reinecke & Voß) 2017. 84 Seiten. 11,00 Euro.

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