Dominik Dombrowski vs. Washington Irving - Signaturen

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Dominik Dombrowski vs. Washington Irving

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Dominik Dombrowski
versus
Washington Irving

 
 
 
 


Steinmike



Alles verschwamm. Auf dem Fernsehschirm flackerten die Wiederholungen vom vergangenen Tag. Mike saß in seinem Ohrensessel und dachte nach. Das tat er die meiste Zeit. Seit seinem vierzigsten Geburtstag verlor er sich im Nachdenken. Es war drei Uhr nachts, er war bei der zweiten Kanne Kaffee und hatte Simone wieder einmal versetzt.
    Im Fernsehen berichteten sie vom Lifestyle der Prominenten. Man konnte nicht sagen, daß Mike neidisch auf sie gewesen wäre; sie erstaunten ihn eher. Alle glichen sich irgendwie an. Die Prinzen und die Popsänger, die Moderatoren, die Schauspieler, Fotomodelle, Präsidenten.
    Mike dachte über ihre im Grunde, naja, geistige Bescheidenheit nach, wenn man es von einer höheren Warte aus betrachtete: die Partys, die Essgewohnheiten, die kosmetischen Eingriffe, die Kreuzfahrten; die mediterrane Sonne, unter der sie nach Villen jagten, um die ewig gleichen Küstenstädte herum, alles in Mikes Fernseher. Alles eine abgemachte Sache. Letztlich haben sie sich entschieden für irgendeine Sache, mit der sie ihr Vermögen angehäuft haben, dachte Mike. Danach scheinen sie nun gegen die tödliche Langeweile mit Hilfe von außergewöhnlichen Besorgungen anzukämpfen, oder sie träumen oft auch einfach nur davon, ihre Körper wieder zu erneuern, als ob sie nach all ihren Erfolgen sich heimlich danach sehnen würden, doch wieder ganz von vorne anfangen zu können. Solches ging Mike durch den Kopf.

Er aber habe sich nie für eine bestimmte Sache entscheiden wollen, dachte Mike weiter, bis die Kreise um ihn immer enger geworden sind. Ja, er kratzte bereits gefährlich an der Sozialhilfe, obwohl er eigentlich gar nicht so untauglich fürs Leben zu sein meinte. Er hatte immerhin Verschiedenes ausprobiert, doch rechtzeitig stets auch eine Art Reißleine gezogen, bevor er unsanft in einer unwiderruflichen Zukunft gelandet wäre. So, dachte er, werden andere ihn wohl bald ernähren müssen.
    Deswegen zerbrach Mike sich den Kopf, er hinterfragte sich in seinem Ohrensessel nach seiner Sache. Aber klammheimlich kannte er längst die Antwort auf seine Zögerlichkeit. Seit seiner Kindheit nämlich fühlte er sich für irgendwas auserwählt. Er glaubte, ein besonderes Schicksal zu haben, eine Bestimmung.
    Man wird schon noch sehen, dachte er im Ohrensessel vor dem Fernseher in der Nacht im Lichte der Prominenten, die es irgendwohin gebracht hatten, mit ihren bunten Sonnenbrillen und den braunen Häuten am Strand, wo sie ihr erfülltes Leben zu Ende lebten.

„Du kommst jetzt? Um diese Zeit? Was machst du eigentlich den ganzen Tag!“ fragte später Simone, als Mike doch noch um fünf Uhr in der Frühe bei ihr auftauchte.
    „Nichts“, antwortete Mike.
    Simone war beleidigt und, ohne weitere Aufforderung an ihn, knallte sie die Tür, ließ ihn stehen, löschte die Lichter und ging wieder ins Bett.

Mike entschloß sich deshalb zu einem ausgedehnten Spaziergang über den nahen Hausberg hinaus ins Morgengrauen hinein, um einen erloschenen Vulkan herum, der das Zentrum des hiesigen Naturschutzgebietes bildete. Er passierte im Sonnenaufgang eine mittelalterliche Richtstätte, ging hoch über dem Rhein auf den Feldwegen zu einem Wildpark, rauchte in der aufgehenden Sonne am stillen Bahnhof Rolandseck eine Zigarette und sah den Zügen nach.
    Für ihn sei die ganze Welt ein Ohrensessel, dachte er weiter nach.
    Simone hatte einst auf ihn gesetzt.
    Seit fünfzehn Jahren gingen sie miteinander ins Bett und hatten eine Menge über die Zukunft geredet. Darüber waren sie vierzig geworden, sonst nichts. Ohne, daß etwas passiert war. Immerhin hatte Simone es zu einer Festanstellung beim Bundesamt für Naturschutz gebracht, Mike dagegen lebte von windigen zufälligen Jobs. Sie hatten Pläne gemacht: Eines Tages ..., sagten sie immer. Ein Haus in der Toskana, Reisen nach Vietnam, Ziegen auf dem Land... Immer blieb dieser Satz einer mit drei Punkten.
    Inzwischen belauerten sie sich gegenseitig, ob sich irgendwann vielleicht beim anderen vielleicht etwas ereignen würde, dann waren sie aber plötzlich vierzig gewesen, dachte Mike.
    Und Simone war so tief mit ihm in diese Wüste geraten, dass sich der Rückweg für sie nun auch nicht mehr lohnen würde, sie wäre sonst schlicht verdurstet. Sie waren wahrscheinlich nur noch deswegen ein Paar, dachte Mike, weil keiner von ihnen jemals noch einen anderen finden würde. Mit diesen Gedanken hatte er den Rolandsecker Bahnhof verlassen, hatte die Bundesstraße überquert, sich auf einen Stein ans Rheinufer gesetzt, wollte sich gerade eine neue Zigarette anzünden, beobachtete, wie die Schlepper auf dem Fluss in Richtung Remagen tuckerten. Dann war ihm der Faden gerissen.

Mike spürte nur noch den Wind. Dann nichts mehr. Dann ging alles über in ein stilles, gleichmäßiges Brausen. Es war wie im Schlaganfall. Es wurde sehr schnell dunkel und genauso schnell wieder hell um ihn herum. Die Wolken jagten nur so unter den Sternen durch, immer wieder kitzelten ihn die kalten Wellen des großen Flusses.
    Er wurde von Böen mit Sand berieselt, Hunde rieben ihr Fell an ihm, beschnüffelten ihn, bepissten ihn. Spaziergängerinnen spreizten über dem unbeweglichen Mike ihre riesigen Schenkel aus. Alles war feucht, alles war warm, ein Flüstern, manchmal sah man auch ferne Feuer. Einige Möwen ließen sich brütend auf Mike nieder. Regenschauer prasselten über seinen Rücken. Das Dasein geriet zu einem einzigen fortdauernden Staunen. Da waren immer wieder Fußgänger, spielende Kinder, Radfahrer und Insekten, die ihre Flügel trockneten, alles sprach eine leise, singende, murmelnde Sprache um den bewegungslosen Mike. In der friedlichen Dunkelheit benebelte ihn die ferne Milchstraße, die grünen Positionslichter der Schlepper funkelten, Liebespaare befummelten sich bei ihm, Katzen belauerten sich, Verbrecher verscharrten etwas, Männer weinten um ihn herum, schnipsten ihre Zigaretten in die Nacht, Kinder ließen Kieselsteine in den Rhein springen.
    Als Mike irgendwann zu sich kam, seine tauben Beine schüttelte, ein paar Dehnungsübungen machte, kurz, als er aus seinem Blackout zurückkehrte, dachte er, Simone wird sich nun beruhigt haben, sie wird bereits wach sein, ein Frühstück gemacht haben, sie werden Pläne schmieden und miteinander schlafen. Nachtragend war sie ja nie.
    Doch als Simone die Tür öffnete, schrie sie auf und bekam einen Nervenzusammenbruch.

Wie sich herausstellte, galt Mike seit drei Monaten als vermisst! Nach zwei Tagen schon hatte man die Polizei eingeschaltet. Als Mike das alles jetzt erfuhr, floh er Hals über Kopf aus Simones Küche, rannte die Straße hinunter, ja, rannte atemlos bis vor seine zwölf Kilometer entfernte Haustür. Die ganze Zeit, im Dauerlauf schon, überwog in ihm ein großer Stolz. Ein Stolz, als hätte er einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken gerettet, und niemand hätte ihm so etwas zugetraut. Nur, daß er selber es war, dessen Leben jetzt gerettet schien.

Kaum in der Wohnung, kaum in seinem Ohrensessel, ließ er sich sein neu gewonnenes Schicksal durch den Kopf gehen. Er war dazu befähigt, zu einem Stein zu werden. Für Monate. Vielleicht für Jahre. Vielleicht auch mal nur für ein paar Tage. Oder für ein, zwei Stunden. Einfach, wenn's mir in den Kram passt, dachte Mike. Zu Stein!
    Auf dem Bildschirm flackerte weiter das Weltgeschehen. Keiner von ihnen, dachte Mike, keiner da drinnen im Fernseher kann das, was ich kann.
    Niemand von ihnen ist je drei Monate lang zum Stein geworden, verdammt, niemand besaß das Geheimnis, das er besaß, er war der einzige seiner Art in der Menschheitsgeschichte. Mike verließ euphorisch seinen Sessel. Ich könnte ja jetzt, dachte Mike, einfach mal etwas tun, irgendwas. Mit dieser Fähigkeit im Rücken, kann ich ja jetzt einfach mal etwas Verrücktes tun.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Rip van Winkle



Die folgende Erzählung fand sich unter den Papieren des verstorbenen Dietrich Knickerbocker, eines alten Herrn aus Neu-York, welcher sich sehr angelegentlich mit der holländischen Geschichte der Provinz, und den Sitten der Abkömmlinge von den ersten Ansiedlern in derselben, beschäftigte. Seine historischen Untersuchungen erstreckten sich jedoch nicht sowohl auf Bücher, als auf Menschen; denn die ersteren sind kläglich arm in Betreff seiner Lieblingsgegenstände; während er die alten Bürger, und mehr noch deren Frauen, reich an jenen alten Sagen fand, welche für die wahre Geschichte so unschätzbar sind. Wo immer er daher auf eine ächte holländische Familie stieß, welche engbegrenzt in ihrem Wohnhause mit dem niedrigen Dache unter einem ausgedehnten Sykamor-Baume abgeschlossen lebte, betrachtete er diese wie ein kleines, mit Clausuren versehenes und mit gothischer Schrift gedrucktes Buch, und studirte sie mit dem Eifer eines wahren Bücherwurms.
Das Ergebniß all dieser Untersuchungen war eine Geschichte der Provinz unter der Regierung holländischer Gouverneure, welche er vor einigen Jahren herausgegeben hat. Man äußerte über den literarischen Charakter dieses Werks verschiedene Meinungen, und es ist, die Wahrheit zu gestehen, nicht um einen Deut besser, als es sein soll. Sein Hauptverdienst ist seine gewissenhafte Treue, die man in der That bei seinem ersten Erscheinen etwas bezweifeln wollte, die aber seitdem vollständig hergestellt worden ist; man hat es gegenwärtig in allen historischen Sammlungen als ein Werk von unverdächtiger Glaubwürdigkeit aufgenommen.
Der alte Herr starb kurz nach der Herausgabe seines Werks, und jetzt, da er gestorben und dahin ist, kann es wohl seinem Andenken nicht viel Schaden bringen, wenn man sagt, daß seine Zeit auf bedeutendere Arbeiten hätte verwendet werden können. Er war indessen der Mann, der sein Steckenpferd auf seine eigene Weise reiten konnte, und ob es gleich hie und da den Staub ein wenig in die Augen seiner Nachbarn jagte, und dem Stolze einiger Freunde wehe that, für welche er die wahrhafteste Verehrung und Liebe fühlte: so gedenkt man seiner Irrthümer und Thorheiten doch »mehr mit Bedauern als mit Unwillen,« und fängt an, zu vermuthen, daß er nie die Absicht hatte, Jemanden zu nahe zu treten oder zu beleidigen. Wie indessen auch sein Gedächtniß von den Kritikern gewürdigt werden mag, so bleibt es doch noch manchen Leuten theuer, deren gute Meinung nicht ganz zu verachten ist, vorzüglich gewissen Kuchen-Bäckern, die so weit gegangen sind, daß sie sein Bild auf ihren Neujahrs-Kuchen gebracht haben, und ihn vielleicht eben so unsterblich machen, als ob es auf eine Waterloo-Medaille oder auf einen Heller der Königin Anna geprägt wäre.

Rip van Winkle.

Eine nachgelassene Schrift des Dietrich Knickerbocker.


Bei Wodan, Gott der Sachsen,
Von welchem Wensday, Wodanstag noch stammt,
Die Wahrheit ist ein Ding, an dem ich halte,
Bis zu dem Tag, wo in mein Grab hinunter
Ich krieche.

Cartwright.


Wer eine Reise am Hudson hinauf gemacht hat, muß sich der Kaatskill-Berge erinnern. Sie sind ein abgerissener Zweig des großen Stammes der Appalachen, und man kann sie nach der westlichen Seite des Flusses hin sehen, wie sie sich zu einer stattlichen Höhe erheben und das umherliegende Land beherrschen. Jeder Wechsel der Jahreszeit, jede Veränderung des Wetters, ja, man kann sagen, jede Stunde des Tages, bringt eine Veränderung in den zauberischen Farben und Gestalten dieser Berge hervor, und alle Hausfrauen, weit und breit, sehen sie als vollkommene Barometer an. Ist das Wetter gut und beständig, so sind sie in Blau und Purpur gekleidet, und drücken ihre kühnen Umrisse an dem klaren Abendhimmel ab; oft aber, wenn keine Wolke die ganze übrige Landschaft verdüstert, sammeln sie um ihre Gipfel einen Kranz grauer Dünste, welcher in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wie eine Strahlenkrone glüht und glänzt.

Vielleicht hat der Reisende an dem Fuße dieser Feenberge den sanft sich kräuselnden Rauch auf den Schornsteinen eines Dorfes bemerkt, dessen Schindeldächer gerade da, wo die blauen Tinten der Anhöhen in das frische Grün der näheren Landschaft verfließen, aus den Bäumen hervorglänzen. Es ist ein kleines Dorf von hohem Alter, das von einigen der Holländischen Colonisten in den frühesten Zeiten der Provinz, gerade um den Anfang der Regierung des guten Peter Stuyvesant (der in Frieden ruhen möge!) gegründet wurde, und noch vor wenigen Jahren standen einige Häuser der ursprünglichen Anbauer da, welche aus kleinen gelben aus Holland noch mit herüber gebrachten Backsteinen erbaut waren, mit Jalousieen und Vordergiebeln, auf denen Wetterhähne thronten.

In diesem Dorfe, und in einem der so eben genannten Häuser (das, geradezu gesagt, sehr verfallen und verwittert war) wohnte vor manchen Jahren, während das Land noch eine Provinz von England war, ein einfältiger, gutmüthiger Mensch, Rip van Winkle genannt. Er war ein Abkömmling der van Winkle, welche in den ritterlichen Tagen Peter Stuyvesant's sich so hochherzig bewiesen, und ihn zu der Belagerung von Fort Christian begleitet hatten. Von dem kriegerischen Charakter seiner Ahnen hatte er jedoch nur wenig geerbt. Ich habe bemerkt, daß er ein einfältiger gutmüthiger Mensch war; überdieß hatte er aber auch die Eigenschaft eines guten Nachbars und eines gehorsamen, dem Pantoffel unterworfenen Ehemannes. In der That, dem letzteren Umstande dürfte auch wohl die Sanftmuth des Geistes, welche ihn so allgemein beliebt gemacht hatte, am meisten beizumessen gewesen sein; denn diejenigen Männer, welche zu Hause unter der Zucht des Pantoffels stehen, sind außer demselben immer sehr nachgiebig und friedlich. Ohne Zweifel wird ihr Charakter in dem feurigen Ofen häuslicher Plage geschmeidig und biegsam gemacht, und eine Gardinenpredigt wiegt alle Predigten in der Welt auf, wenn es darauf ankommt, die Tugenden der Geduld und eines langen Leidens zu lehren. Eine böse Sieben kann daher, in gewisser Hinsicht, als ein erträglicher Segen angesehen werden, und wenn das ist, so war Rip van Winkle dreifach gesegnet.

Soviel ist gewiß, daß er ein großer Liebling der Hausfrauen im Dorfe war, die, wie es bei dem schönen Geschlechte gewöhnlich der Fall ist, bei den Familienzänkereien jedesmal seine Partei nahmen, und niemals, wenn sie bei ihren Abendunterhaltungen diese Dinge besprachen, zu verfehlen pflegten, alle Schuld auf die Frau van Winkle zu schieben. Auch die Kinder im Dorfe jauchzten vor Freuden, sobald er sich näherte. Er stand ihnen bei ihren Spielen bei, machte ihnen Spielsachen, lehrte sie Drachen steigen und Murmel spielen, und erzählte ihnen lange Geschichten von Geistern, Hexen und Indianern. Wo er nur im Dorfe umherschlenderte, war er auch von einem Haufen derselben umgeben, die an seinen Rockschößen hingen, ihm auf dem Rücken saßen, und ihm, ungestraft, tausend kleine Streiche spielten; und nicht ein Hund in der ganzen Gegend hätte ihn angebellt.

Der große Fehler in Rip's Charakter war eine unüberwindliche Abneigung gegen alle Arten von erklecklicher Arbeit. Nicht, daß es ihm an Fleiß oder Beharrlichkeit gefehlt hätte; denn er konnte auf einem feuchten Felsen mit einer Angelruthe, so lang und schwer als eine Tatarlanze, sitzen und den ganzen Tag ohne Murren angeln, selbst, wenn ihm auch nicht ein einziger Gründling neuen Muth gab. Er konnte Stunden lang eine Vogelflinte auf der Schulter tragen, durch Wälder und Moräste, Berg auf und Thal ab trollen, um einige Eichhörnchen oder Waldtauben zu schießen. Er schlug es nie einem Nachbar ab, ihm bei den schwersten Arbeiten zu helfen, und war immer voran bei allen ländlichen Ergötzlichkeiten, wenn es Welschkorn auszuhülsen oder steinerne Friedigungen aufzubauen gab; auch pflegten ihn die Frauen im Dorfe dazu zu gebrauchen, ihre Gänge zu machen und allerhand kleine Dienste zu verrichten, zu welchen ihre weniger gefälligen Ehemänner nicht geneigt waren. Mit einem Wort, Rip war bereit zu aller Leute Geschäften, nur nicht zu seinen eigenen; denn seine häusliche Pflicht zu thun und seine Besitzung in Ordnung zu halten, das fand er unmöglich.

Er erklärte in der That, es sei unnöthig, wenn er auf seinem Hofe arbeite: es sei das schändlichste kleine Stück Grund in dem ganzen Lande; alles darauf gehe verkehrt und würde verkehrt gehen, was er auch thun möge. Seine Zäune fielen beständig zusammen; seine Kuh verlief sich entweder oder gerieth in den Kohl; auf seinen Feldern wüchse das Unkraut gewiß schneller als irgendwo anders; der Regen mache sich ein Geschäft daraus immer dann zu kommen, wenn er irgend etwas außer dem Hause zu thun habe; so daß, obgleich sein väterliches Erbgut, Morgen für Morgen, unter seinen Händen hinweg geschmolzen war, bis wenig mehr als ein bloßer Fleck für Welschkorn und Kartoffeln übriggeblieben, selbst dieser als die schlechteste Besitzung in der ganzen Gegend angesehen werden konnte.

Auch seine Kinder waren so zerlumpt und wild, als ob sie Niemandem angehörten. Sein Sohn Rip, ihm sehr ähnlich, versprach, mit den alten Kleidern des Vaters, auch seine Gewohnheiten zu erben. Man sah ihn gewöhnlich, wie ein Füllen, seiner Mutter auf der Ferse nachtraben, ausstaffirt mit einem Paar alter abgelegter Pluderhosen seines Vaters, die er, wie eine zierliche Dame bei schlechtem Wetter ihre Schleppe trägt, mit einer Hand empor zu halten, die größte Noth hatte.

Rip van Winkle war indeß einer von jenen glücklichen Sterblichen, von den thörichten, gutgeölten Charakteren, welche die Welt auf die leichte Achsel nehmen, weißes oder schwarzes Brod essen, je nachdem sie eines oder das andere mit wenigerem Kopfbrechen oder Mühe bekommen können, und lieber bei einem Pfennig verhungern, als um einige Thaler die Hand rühren. Wäre er sich selbst überlassen gewesen, so würde er in vollkommener Zufriedenheit das Leben durchgepfiffen haben; aber seine Frau lag ihm beständig wegen seiner Trägheit, seiner Sorglosigkeit und des Verderbens, das er über seine Familie brachte, in den Ohren. Morgens, Nachmittags und Abends war ihre Zunge stets in Bewegung, und Alles, was er sagte oder that, verursachte ihm gewiß einen Strom häuslicher Beredsamkeit. Rip hatte nur eine Art, auf all dergleichen Predigten zu antworten, und diese war ihm, durch den häufigen Gebrauch, zur Gewohnheit geworden. Er zuckte die Achseln, schüttelte seinen Kopf, schlug seine Augen gen Himmel, aber er sagte nichts. Dieß zog ihm jedoch jedesmal eine frische Ladung von seinem Weibe zu, so daß er froh war, seine Truppen zusammen zu ziehen und das Freie zu gewinnen – der einzige Ort, auf dem ein unter dem Pantoffel stehender Ehemann sein eigner Herr ist.

Rip's einziger Anhänger im Hause war sein Hund Wolf, der eben so sehr als sein Herr unter dem Pantoffel stand; denn Frau van Winkle sah Beide als Genossen im Nichtsthun an, und schaute selbst auf Wolf mit bösen Augen, weil sie ihn für die Ursache der häufigen Abwege seines Herrn hielt. Wahr ist es, in Allem, was man einem rechtlichen Hunde zumuthen kann. zeigte er sich als ein so beherztes Thier, wie je ein's die Wälder durchstrichen – allein welcher Muth kann dem immerwährenden und Alles überwältigenden Schrecken, den eine Weiberzunge einflößt, sich entgegenstellen? Sobald Wolf in das Haus trat, fiel sein Muth, er ließ den Schwanz sinken, oder nahm ihn zwischen die Läufe, schlich mit einem Galgengesicht umher, warf manchen Seitenblick auf Frau van Winkle, und bei dem kleinsten Geräusch eines Besenstiels oder einer Kochkelle flog er mit belfernder Eile nach der Thüre.

Es wurde schlimmer und schlimmer mit Rip van Winkle, so wie die Jahre seines ehelichen Lebens sich mehrten; ein herbes Gemüth wird mit der Zeit nicht milder, und eine scharfe Zunge ist das einzige schneidende Werkzeug, welches durch beständigen Gebrauch schärfer wird. Lange Zeit pflegte er sich damit zu trösten, daß er, aus dem Hause getrieben, eine Art von ständigen Club der Weisen, Philosophen und anderer Müßiggänger des Dorfes besuchte, der seine Sitzungen auf einer Bank vor der Thür einer kleinen Schenke hielt, welche ein hochrothes Bildniß Seiner Majestät Georg's des Dritten zum Schilde hatte. Hier pflegten sie in den langen faulen Sommertagen im Schatten zu sitzen, von Dorfgeklatsche durcheinander zu schwatzen, oder endlose schläfrige Geschichten über gar nichts zu erzählen. Indessen wurde doch mancher Staatsmann Geld darum gegeben haben, hätte er die tiefsinnigen Erörterungen mit anhören können, die zuweilen auf die Bahn kamen, wenn ihnen zufällig eine alte Zeitung von einem durchkommenden Reisenden in die Hand fiel. Wie feierlich hörten sie dann auf den Inhalt, wie ihn Derrick van Bummel, der Schulmeister, herausstotterte, ein flinker, gelehrter, kleiner Bursche, der auch durch das riesenhafteste Wort in dem Wörterbuche nicht zu zähmen war; und wie weise berathschlagten sie dann über öffentliche Ereignisse, einige Monate nachdem sie stattgefunden hatten.

Die Aussprüche dieser Junta standen durchaus unter der Leitung des Nicolas Vedder, eines Patriarchen des Dorfes und Besitzers der Schenke, an deren Thür er vom Morgen bis Abend seinen Sitz nahm, dabei sich nur gerade so viel bewegend, als nöthig war, die Sonne zu vermeiden und den Schatten eines großen Baumes zu erreichen, so daß die Nachbarn nach seinen Bewegungen die Zeit so genau wissen konnten, wie nach einer Sonnenuhr. Es ist wahr, man hörte ihn selten sprechen, sondern er rauchte unaufhörlich. Seine Anhänger (denn jeder große Mann hat seine Anhänger) verstanden ihn indeß vollkommen, und wußten, wie sie sich seiner Meinung zu vergewissern hatten. Wenn etwas, das ihm vorgelesen oder erzählt wurde, ihm mißfiel, so sah man, wie er seine Pfeife heftig rauchte, und kurze, häufige, zornige Dampfwolken daraus fortblies: wenn es ihm aber gefiel, so zog er den Rauch langsam und ruhig ein, und blies ihn in leichten und friedlichen Wolken von sich; zuweilen nahm er wohl auch die Pfeife aus dem Munde, ließ den wohlriechenden Duft sich um seine Nase kräuseln, und nickte gravitätisch mit dem Kopfe, zum Zeichen seiner vollkommenen Billigung.

Selbst aus diesem Bollwerk ward der unglückliche Rip am Ende von seinem zanksüchtigen Weibe vertrieben, die plötzlich in die Ruhe der Versammlung einstürmte und den Mitgliedern derselben förmlich Hohn sprach; selbst die erhabene Person des Nicolas Vedder war vor der kühnen Zunge dieses gewaltigen Mannweibes nicht heilig genug, und sie beschuldigte ihn geradezu, ihren Mann in seinem Hange zur Trägheit zu bestärken.

Der arme Rip war endlich fast zur Verzweiflung gebracht, und die einzige Ausflucht, welche ihm blieb, um der Arbeit auf seinem Hofe und den Scheltworten seines Weibes zu entgehen, war, daß er seine Flinte zur Hand nahm und in den Wald hinausschlenderte. Hier setzte er sich zuweilen am Fuße eines Baumes nieder, und theilte den Inhalt seines Quersacks mit Wolf, mit dem er, als einem Leidensgenossen in der Verfolgung, gleiche Empfindungen hegte. »Armer Wolf,« sagte er dann: »deine Gebieterin läßt dich ein wahres Hundeleben führen; aber laß es gut sein, mein Junge, so lange ich lebe, soll es dir nicht an einem Freunde fehlen, der dir beisteht!« Wolf wedelte dann mit dem Schwanze, sah seinen Herrn gedankenvoll an, und wenn anders Hunde Mitleid fühlen können, so glaube ich wahrhaft, daß er von ganzem Herzen seine Gefühle erwiederte.

Auf einem langen Spaziergange der Art an einem schönen Herbsttage, hatte Rip unbewußt einen der höchsten Theile der Kaatskill-Berge erklettert. Er ging seinem Lieblingsvergnügen, der Eichhornjagd, nach, und die stille Einsamkeit hallte und hallte von dem Krachen seiner Schüsse wider. Keuchend und ermüdet warf er sich spät am Nachmittag auf einen grünen, mit Bergkräutern bedeckten Vorsprung, welcher die Spitze eines Abhanges krönte. Von einer Oeffnung zwischen den Bäumen hindurch konnte er die ganze untere Gegend, mehrere Meilen fruchtbaren Holzlandes, übersehen. Er erblickte in der Entfernung den mächtigen Hudson, weit, weit unter ihm, still, aber majestätisch dahin strömen, und von Zeit zu Zeit eine Purpurwolke oder das Segel einer langsam dahin gleitenden Barke, welche hier und da auf der hellen Fläche zu schlafen schien, sich in ihm spiegeln; zuletzt entschwand sie in den blauen Hochlanden seinen Blicken.

Auf der andern Seite sah er nieder in eine tiefe Bergschlucht, wild, einsam und rauh, die Tiefe mit Bruchstücken der überhangenden Klippen angefüllt, und nur spärlich von dem Widerschein der Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet. Einige Zeit lag Rip, über den Anblick in Nachdenken versunken da; der Abend brach allmählig herein; die Berge begannen ihre langen blauen Schatten über die Thäler zu werfen; er sah, daß es lange dunkel werden würde, ehe er das Dorf erreichen könnte, und ein tiefer Seufzer entschlüpfte ihm, als er daran dachte, den Zorn der Frau van Winkle über sich ausbrechen zu sehen.

Indem er im Begriff war, herabzusteigen, hörte er eine Stimme in der Entfernung, welche ihm zurief: »Rip van Winkle! Rip van Winkle!« Er sah sich um, konnte aber nichts sehen, als eine Krähe, welche ihren einsamen Flug über die Berge hinnahm. Er glaubte, seine Phantasie habe ihn getäuscht, und drehte sich um, um hinab zu steigen, als er denselben Ruf durch die noch abendliche Luft erschallen hörte: »Rip van Winkle! Rip van Winkle!« Zu gleicher Zeit sträubte sich aber Wolf's Haar; er stieß ein dumpfes Gebrumm aus, schmiegte sich an seines Herrn Seite, und blickte furchtsam in die Schlucht. Rip fühlte sich jetzt von einem bangen Grauen erfaßt; er blickte ängstlich nach derselben Richtung hin, und sah eine seltsame Gestalt langsam die Felsen heraufklimmen, gebückt unter einer Last, die sie auf dem Rücken trug. Er war erstaunt, ein menschliches Wesen an diesem einsamen, unbesuchten Orte zu sehen; da er aber glaubte, daß es Jemand aus der Nachbarschaft sei, der seines Beistandes von Nöthen habe, so eilte er nieder, um ihm beizuspringen.

Als er näher kam, wuchs sein Staunen über das sonderbare Aussehen des Fremden noch mehr. Es war ein kleiner, vierschrötiger alter Bursche, mit dickem buschigen Haar und grauem Barte. Seine Kleidung war nach dem alten holländischen Schnitte – eine Tuchjacke, um die Hüften gegürtet, – mehrere Paar Beinkleider, die äußeren sehr weit, mit Reihen von Knöpfen an den Seiten verziert und mit Schleifen an den Knieen. Auf seiner Schulter trug er ein schweres Fäßchen, das voll von geistigem Getränk zu sein schien, und gab Rip ein Zeichen, sich ihm zu nähern und ihm bei seiner Last behülflich zu sein. Obgleich Rip den neuen Bekannten gewissermaßen scheu und mißtrauisch betrachtete, so willfahrte er doch mit seiner gewöhnlichen Dienstbeflissenheit, und einander gegenseitig unterstützend, kletterten sie einen engen Hohlweg hinan, welcher dem Anscheine nach das trockne Bett eines Bergstromes war. Während sie hinanstiegen, hörte Rip von Zeit zu Zeit ein lang dahinrollendes Geräusch, gleich entferntem Donner, welcher auf einer tiefen Schlucht, oder vielmehr Spalte, zwischen hohen Felsen herzukommen schien, dem ihr rauher Pfad sie entgegen führte. – Er stand einen Augenblick still; glaubte jedoch das Dröhnen eines der vorübergehenden Gewitter vernommen zu haben, welche in höheren Berggegenden öfter umherziehen, und ging weiter. Nachdem sie die Schlucht passirt, kamen sie an eine Vertiefung, die einem kleinen Amphitheater glich, und von senkrechten Abhängen umgeben war, über deren Rand hinüberhangende Bäume ihre Zweige schlossen, so daß man nur hie und da einige glänzende Streifen des blauen Himmels und der hellen Abendwolken gewahren konnte. Während der ganzen Zeit klommen Rip und sein Gefährte in tiefem Stillschweigen bergan, der Erstere in nicht geringer Verwunderung, zu welchem Behuf ein Faß mit geistigem Getränke diese wilden Berge hinaufgeschafft würde, aber durch das sonderbare und geheimnißvolle Wesen des Unbekannten eingeschüchtert und zurückgehalten seiner Neugierde durch Fragen Raum zu geben.

Beim Eintreten in das Amphitheater stellten sich neue Gegenstände der Verwunderung dar. In der Mitte einer Ebene war eine Gesellschaft von sonderbar aussehenden Leuten versammelt, welche Kegel schoben. Sie waren in eine ungewöhnliche ausländische Tracht gekleidet. Einige trugen kurze Wämse, andere Jacken, mit langen Messern in den Gürteln, und die Meisten waren mit ungeheuern Hosen angethan, von demselben Schnitt wie die des Führers. Auch ihre Gesichter waren ganz eigenthümlich: hier zeigte sich ein großer Kopf mit breitem Gesicht und kleinen Schweinsaugen; dort machte eine ungeheure Nase die übrigen Organe des Vorderkopfes fast unsichtbar, und ein weißer, pyramidenförmiger Hut mit rothem Hahnenschwanz ein unheimliches dämonisches Aussehen. Alle hatten Bärte von verschiedener Gestalt und Farbe. Einer unter ihnen, ein ansehnlicher alter Herr mit einem verhagelten Gesicht, schien der Anführer zu sein. Er trug ein mit Tressen besetztes Wamms, einen breiten Gurt und Hängriemen, einen hohen spitzen Hut mit einer Feder daran, rothe Strümpfe und Schuhe mit hohen Hacken und Rosen darauf. Die ganze Gruppe erinnerte Rip an die Gestalten auf einem alten flamändischen Gemälde, welches in der Wohnstube des würdigen Herrn van Schaick, des Dorfpredigers, hing, und das zur Zeit der Ansiedelung mit aus Holland herüber gebracht worden war.

Was Rip besonders auffiel, war, daß diese Leute, obgleich sie augenscheinlich sich zu belustigen da waren, dabei doch die ernsthaftesten Gesichter machten und das geheimnißvollste Schweigen behaupteten, so, daß dies eine der melancholischsten Gesellschaften war, die er jemals gesehen hatte. Nichts unterbrach die Stille des Ganzen, als das Rollen der Kugeln, welche, wenn sie geworfen waren, wie dumpf dahintönender Donner längs den Bergen widerhallten.

Als Rip und sein Gefährte sich ihnen näherte, ließen sie auf einmal von ihrem Spiele ab, und stierten ihn mit so starren, bildsäulenähnlichen Blicken und so sonderbaren, rohen, glanzlosen Gesichtern an, daß ihm das Herz im Busen sich umwandte und seine Kniee zusammenschlugen. Sein Gefährte leerte jetzt den Inhalt des Fäßchens in große Flaschen aus, und gab ihm Zeichen, die Gesellschaft zu bedienen. Er gehorchte mit Furcht und Zittern: sie schlürften reichlich und in tiefem Stillschweigen das Getränke und kehrten dann zu ihrem Spiele zurück.

Nach und nach verlor sich Rip's Scheue und Aengstlichkeit. Er wagte sogar, wenn Niemand nach ihm sah, das Getränk zu kosten, dessen Geschmack, wie er fand, sich sehr dem von gutem Wachholder-Branntwein näherte. Er war von Natur eine durstige Seele, und bald versucht, wieder zur Flasche zurückzukehren. Ein Zug veranlaßte den andern; und er wiederholte die Besuche bei der Flasche so oft, daß seine Sinne endlich überwältigt wurden, seine Augen im Kopfe schwammen, sein Haupt sich allmählig neigte, und er in einen tiefen Schlaf verfiel.

Beim Erwachen fand er sich auf dem grünen Vorsprunge, von welchem aus er zuerst den alten Mann aus der Schlucht gesehen hatte. Er rieb sich die Augen – es war ein klarer, sonniger Morgen. Die Vögel hüpften und zwitscherten um die Gebüsche und der Adler schwebte hoch in die Luft empor und wiegte sich auf dem reinen Morgenwinde. »Gewiß,« dachte Rip, »habe ich nicht die ganze Nacht hier geschlafen!« Er rief sich die Vorfälle, ehe er eingeschlafen war, in das Gedächtniß zurück. Der fremde Mann mit seinem Fäßchen geistigen Getränkes – die Bergschlucht – der wilde, einsame Schlupfwinkel in den Felsen – die traurige Kegelgesellschaft – die Flasche – »o! diese Flasche! diese böse Flasche,« dachte Rip: »wie soll ich mich bei der Frau van Winkle entschuldigen?«

Er sah sich nach seinem Gewehr um, aber statt der reinen, wohleingeölten Vogelflinte, fand er neben sich liegend ein altes Gewehr, dessen Lauf mit Rost bedeckt, dessen Schloß abgegangen, und dessen Schaft von Würmern zerfressen war. Er vermuthete nun, die ernsten Spaßvögel des Berges hätten ihm einen Streich gespielt, und, nachdem sie ihn berauscht, ihm seine Flinte genommen. Auch Wolf war verschwunden; aber er konnte ja, ein Eichhörnchen oder ein Rebhuhn verfolgend, weggelaufen sein. Er pfiff nach ihm und rief seinen Namen, aber alles vergebens; das Echo wiederholte sein Pfeifen und Rufen, aber kein Hund war zu sehen.

Er beschloß, den Schauplatz der letzten Abendvergnügung wieder aufzusuchen, und, wenn er Jemandem von der Gesellschaft begegnete, seine Flinte und seinen Hund zu fordern. Als er aufstand, um weiter zu gehen, fühlte er seine Glieder steif und es fehlte ihm die gewöhnliche Beweglichkeit. »Diese Berglager wollen zu mir nicht passen,« dachte Rip: »und wenn mir diese Belustigung einen Rheumatismus zugezogen haben sollte, so werde ich mit der Frau van Winkle meine liebe Noth bekommen!« Mit einiger Schwierigkeit gelangte er in die Schlucht hinab; er fand die Spalte, in welcher er und sein Gefährte am vorigen Abend hinangeklommen waren; aber zu seinem Erstaunen floß nun ein Bergstrom schäumend darin hinab, von Fels zu Fels springend, und die Schlucht mit geschwätzigem Geräusche füllend. Er bemühte sich indeß, an der Seite desselben hinanzuklettern, bahnte sich mühsam einen Weg durch Birken-, Sassafras- und Haselnußgebüsche, und fand sich zuweilen durch die Ranken des wilden Weinstocks aufgehalten, die ihre Winden und jungen Schösse von Baum zu Baum schlangen und eine Art Netzwerk über seinen Pfad hinzogen.

Endlich gelangte er dahin, wo sich die Schlucht durch die Klippen gegen das Amphitheater hin geöffnet hatte; aber es waren keine Spuren einer solchen Oeffnung mehr vorhanden. Die Felsen boten eine hohe, undurchdringliche Mauer dar, über welche der Bergstrom in einer flockenartigen Schaummasse daher kam, und in ein breites, tiefes Becken fiel, welches düster war von den Schatten des Waldes. Hier konnte der arme Rip nicht weiter kommen. Er rief und pfiff seinem Hunde wieder; nur das Krächzen eines Schwarmes unnützer Krähen antwortete ihm, welche hoch in der Luft einen dürren Baum, der über einen sonnigen Abhang sich hinbog, umflatterten, und, sicher in ihrer Höhe, von dort aus die Bedrängniß des armen Mannes herabzuschauen und darüber zu spotten schienen. Was war zu thun? Der Morgen ging allmählig vorüber, und Rip fühlte, da er sein Frühstück entbehrte, beträchtlichen Hunger. Es betrübte ihn, seinen Hund und seine Flinte aufgeben zu müssen; er fürchtete, seinem Weibe in den Weg zu kommen; aber es ging doch auch nicht an, daß er in den Bergen verhungerte. Er schüttelte den Kopf, nahm sein rostiges Gewehr auf die Schulter und lenkte, mit einem Herzen voll Bangigkeit und Kummer, seine Schritte nach Hause.

Als er sich dem Dorfe näherte, begegnete er vielen Leuten, aber Niemandem, den er kannte, was ihn einigermaßen in Erstaunen setzte, denn er hatte jeden Menschen in der ganzen Gegend zu kennen geglaubt. Auch ihre Kleidung war von einem Schnitte, ganz verschieden von dem, welchen er sonst zu sehen gewohnt gewesen war. Alle starrten ihn mit ähnlichen Zeichen des Erstaunens an, und sobald sie ihre Blicke auf ihn warfen, fühlten sie jedesmal an ihr Kinn. Die beständige Wiederholung dieser Geberde veranlaßte Rip, unwillkührlich dasselbe zu thun, wo er zu seinem Erstaunen fand, daß sein Bart einen Fuß lang gewachsen war.

Er war jetzt in die Umgebung des Dorfes gekommen. Ein Haufe fremder Kinder lief ihm auf den Fersen nach, schrie und wies auf seinen grauen Bart. Auch die Hunde, unter denen er keinen seiner alten Bekannten wieder erkannte, bellten ihn an, als er vorüber ging. Das Dorf selbst war verändert; es war größer und volkreicher. Da standen Reihen von Häusern, welche er nie zuvor gesehen, und diejenigen, welche er gewöhnlich besucht hatte, waren verschwunden. Fremde Namen waren über den Thüren – fremde Gesichter an den Fenstern – Alles war fremd. Jetzt kreiste ihm der Kopf; er begann zu zweifeln, ob er und die Welt um ihn her nicht behext sei. Gewiß war dies doch sein heimathliches Dorf, das er erst den Tag zuvor verlassen hatte. Dort lagen die Kaatskill-Berge – dort floß in einiger Entfernung der silberglänzende Hudson – da war jeder Hügel und jedes Thal gerade noch so, wie früher – Rip wurde ganz verwirrt. »Die Flasche von gestern Abend,« dachte er, »hat mein armes Hirn völlig ausgesaugt.«

Mit einiger Mühe fand er den Weg zu seinem eigenen Hause wieder, dem er sich mit stillschweigender Scheu näherte, da er jeden Augenblick die gellende Stimme der Frau van Winkle zu vernehmen erwartete. Er fand das Haus ganz im Verfall – das Dach eingesunken, die Fenster zerbrochen und die Thüren aus den Angeln. Ein halb verhungerter Hund, welcher wie Wolf aussah, schlich um dasselbe. Rip rief ihn bei Namen, allein der Hund knurrte, zeigte seine Zähne und lief weg. Das war in der That ein unfreundlicher Empfang. »Selbst mein Hund,« seufzte der arme Rip, »hat mich vergessen!«

Er trat in das Haus, das, um die Wahrheit zu sagen, Frau van Winkle immer in schöner Ordnung gehalten hatte. Es war leer, verfallen und augenscheinlich verlassen. Diese Oede überwältigte alle Furcht vor Ehestandsscenen – er rief laut nach seiner Frau und seinen Kindern – die einsamen Zimmer hallten einen Augenblick von seiner Stimme wieder, und dann war Alles wieder stumm.

Er machte sich nun hastig davon und eilte nach seinem alten Zufluchtsorte, der Dorfschenke; – allein auch diese war nicht mehr zu finden. Ein großes, schiefes, hölzernes Gebäude stand an dessen Stelle, mit großen weiten Fenstern, von denen einige zerbrochen und mit alten Hüten und Unterröcken verstopft waren, und über der Thür war die Ueberschrift gemalt: »das Union Hotel, Jonathan Doolittle.« Statt des großen Baumes, welcher die ehemalige ruhige, kleine holländische Schenke zu beschatten pflegte, war jetzt eine große kahle Stange aufgestellt, auf deren Spitze etwas hing, das einer rothen Nachtmütze ähnlich sah, und an derselben herab wehte eine Flagge, auf welcher eine sonderbare Zusammenstellung von Sternen und Streifen zu sehen war. – Alles dieß war seltsam und unbegreiflich. Er erkannte jedoch auf dem Schilde das hochrothe Gesicht von König Georg, unter welchem er so manche friedliche Pfeife geraucht hatte; aber selbst dieß war sonderbar umgestaltet. Der rothe Rock war in einen blauen mit Aufschlägen verwandelt; ein Degen war statt des Scepters in der Hand zu sehen, der Kopf war mit einem dreieckigen Hute geziert und unten stand mit großen Buchstaben geschrieben: General Washington.

Es waren, wie gewöhnlich, eine Menge Menschen vor der Thür versammelt, unter denen jedoch Rip Niemanden erkannte. Selbst der Charakter des Volkes schien verändert. Es war da umher ein geschäftiges, unruhiges, streitsüchtiges Wesen, statt des gewohnten Phlegmas und der schläfrigen Friedseligkeit. Er sah sich vergebens nach dem weisen Nicolaus Vedder um, mit seinem breiten Gesicht, dem Doppelkinn und der schönen langen Pfeife, aus der er Wolken von Tabaksdampf, statt eitler Reden von sich gab, oder nach van Bummel, dem Schulmeister, der den Inhalt einer alten Zeitung ihnen mitzutheilen pflegte. Statt diesem stand ein magerer, gallsüchtig aussehender Bursche da, welcher die Taschen voll von Zetteln hatte, und sehr heftig über Rechte des Bürgers – über Wahlen – Mitglieder des Congresses – Freiheit – Bunkershill – die Helden von sechs und siebenzig – und noch andere Wörter sprach, welche dem verwirrten van Winkle vollkommen wie babylonisches Kauderwelsch vorkamen.

Rip's Erscheinung mit seinem langen grauen Barte seiner verrosteten Vogelflinte, seinem sonderbaren Anzuge und der Herde von Weibern und Kindern, die sich ihm auf den Fersen sammelten, zog bald die Aufmerksamkeit der Schenkenpolitiker auf sich. Sie drängten sich um ihn und betrachteten ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit großer Neugierde. Der Redner arbeitete sich hindurch bis zu ihm, zog ihn auf die Seite und fragte: »für wen er stimme?« Rip starrte ihn mit nichtssagender Albernheit an. Ein anderer kniffiger, aber geschäftiger kleiner Kerl nahm ihn bei dem Arm, stellte sich auf die Zehen und fragte ihn in das Ohr: »ob er ein Föderalist oder ein Demokrat sei?« Rip fand sich eben so unfähig, diese Frage zu beantworten, als ein zuversichtlicher, sich wichtig machender alter Herr mit einem spitz gekrämpten Hut, sich einen Weg durch die Menge bahnte, die er rechts und links mit dem Ellbogen zurückstieß wie er an ihnen vorbei kam, worauf er, den einen Arm in die Seite gestemmt, und mit dem andern auf den Stock sich stützend, sich vor van Winkle hinstellte, und, als wolle er mit seinem scharfen Auge und seinem spitzen Hute ihn bis auf den Grund seiner Seele durchdringen, mit strengem Ton fragte: »was ihn mit seiner Flinte auf der Schulter und einem Haufen Volks an seinen Fersen, zur Wahl bringe, und ob er einen Tumult im Dorfe anzustiften im Sinne habe?« – »Ach, Ihr Herren,« rief Rip etwas beklommen aus, »ich bin ein armer friedliebender Mann, in diesem Orte daheim, und ein treuer Unterthan des Königs, Gott segne ihn!«

Hier brachen die Umstehenden in ein allgemeines Geschrei aus: »Ein Tory! ein Tory! ein Spion! ein Ueberläufer! schafft ihn fort! weg mit ihm!« Mit großer Mühe vermochte der gewichtige Mann mit seinem gekrämpten Hute die Ordnung wieder herzustellen, und nachdem er eine zehnmal strengere Miene angenommen, fragte er noch einmal den unbekannten Verbrecher, weßwegen er hierher käme und wen er suche? Der arme Mann versicherte ihn demüthig, daß er nichts Arges im Sinne habe, sondern nur hergekommen sei, um einige seiner Nachbarn aufzusuchen, die sich in der Schenke aufzuhalten pflegten.«

»Gut – wer sind sie? nennt sie!«

Rip bedachte sich einen Augenblick und fragte: »Wo ist Nicolaus Vedder?«

Eine kleine Weile herrschte allgemeines Stillschweigen; dann aber antwortete ein alter Mann, mit einer dünnen pfeifenden Stimme. »Nicolaus Vedder? Nun, der ist schon vor achtzehn Jahren gestorben und dahin. Es war ein hölzerner Grabstein auf dem Kirchhofe, welcher Alles erzählte, wie es mit ihm im Leben gewesen war; aber der ist auch längst verfault.«

»Wo ist Brom Dutcher?«

»Oh, der ging im Anfang des Krieges mit dem Heere; Einige sagen, er wäre bei der Erstürmung von Stoney-Point umgekommen – Andere meinen, er sei in einem Sturme bei Antonius Nase ertrunken. Genug – er ist nicht wieder zurückgekommen.«

»Wo ist van Bummel, der Schulmeister?«

»Er ging auch mit in den Krieg, ward ein großer Miliz-General und sitzt im Congreß.«

Rip's Herz sank, wie er von diesen Veränderungen in seiner Heimath und bei seinen Freunden hörte, und sich nun so allein in der Welt fand. – Jede Antwort die er erhielt, vermehrte sein Erstaunen, da hier von so ungeheuren Zeiträumen und von Dingen die Rede war, die er durchaus nicht begreifen konnte. Krieg – Congreß – Stoney-Point; – er hatte nicht den Muth, noch nach andern Freunden zu fragen, sondern rief in Verzweiflung aus: »Kennt Niemand hier Rip van Winkle?«

»Oh Rip van Winkle!« riefen Zwei oder Drei aus, »Oh allerdings! der ist Rip van Winkle, der dort, der sich an den Baum lehnt.«

Rip sah hin und erblickte genau sein Ebenbild von damals, als er den Berg hinangestiegen war, wie es schien, eben so träge, und gewiß eben so zerlumpt. Der arme Mann war jetzt ganz von Sinnen. Er zweifelte an seinem eigenen Dasein und ob er Er selbst, oder ein Anderer sei. Mitten in seiner Verwirrung fragte ihn der Mann mit dem gekrämpten Hute, wer er sei und wie er heiße?

»Gott weiß es!« rief er, denn mit seinem Verstande war es aus; »Ich bin nicht Ich selbst, – ich bin Jemand anderes, – das dort bin Ich – nein – das ist Jemand anders, der sich in meine Schuhe gesteckt hat. – Ich war gestern Abend Ich selbst, aber ich schlief auf dem Berge ein, und sie haben mir meine Flinte vertauscht und Alles ist verändert, und Ich bin verändert, und weiß nicht mehr wie ich heiße, oder wer ich bin!«

Die Umstehenden fingen jetzt an, einander anzusehen, zu nicken, sich ausdrucksvolle Winke zu geben, und mit dem Finger auf die Stirn zu zeigen. Auch ging ein Flüstern wegen des Wegnehmens der Flinte, damit man so den alten Mann verhindere, Unheil anzurichten, bei welcher bloßen Andeutung der gewichtige Mann mit dem gekrämpten Hute, sich mit einiger Hast davon gemacht hatte. In diesem bedenklichen Augenblicke drängte sich eine frische, nette Frau durch die Menge, um des graubärtigen Mannes ansichtig zu werden. Sie hatte ein pausbackiges Kind auf dem Arme, das, von den Blicken des Alten erschreckt, zu weinen anfing. »Still, Rip,« rief die Mutter ihm zu, »still du kleiner Narr, der alte Mann wird dir nichts zu Leide thun.« Der Name des Kindes, das Aeußere der Mutter, der Ton ihrer Stimme, Alles dies erweckte eine Reihe von Erinnerungen in seinem Gemüthe. »Wie heißt ihr, meine gute Frau?« fragte er.

»Judith Gardenier.«

»Und euers Vaters Name?«

»Ach, der arme Mann, sein Name war Rip van Winkle; es ist nun zwanzig Jahr her, daß er mit seiner Flinte von Hause wegging, und man hat seitdem nie wieder etwas von ihm gehört – sein Hund kam ohne ihn nach Hause; ob er sich aber erschossen hat, oder ob er von den Indianern weggeschleppt worden ist, kann Niemand sagen. Ich war damals noch ein kleines Mädchen.«

Rip blieb jetzt nur noch eine Frage zu thun; die brachte er aber mit stockender Stimme vor:

»Wo ist eure Mutter?«

»Oh, die ist auch, aber erst vor Kurzem, gestorben; sie zersprengte sich ein Blutgefäß, bei einem Anfall von Zorn über einen Hausirer aus Neu-England.«

Es war wenigstens ein Tropfen Trostes in dieser Kunde. Der ehrliche Mann konnte sich nicht länger halten. Er schloß seine Tochter und ihr Kind in seine Arme. »Ich bin dein Vater!« rief er aus, »einst der junge Rip van Winkle – jetzt der alte Rip van Winkle! – Kennt denn Niemand den armen Rip van Winkle?«

Alle standen erstaunt, bis eine alte Frau, die aus der Menge hervorschwankte, ihre Hand an die Augen hielt, und darunter hervorblickend, ihm einen Augenblick in's Gesicht sah und nun ausrief: »Allerdings! das ist Rip van Winkle – er ist es selbst! Willkommen zu Hause, alter Nachbar – nun, wo seid Ihr denn die zwanzig Jahre über gewesen?«

Rip war bald mit seiner Erzählung fertig, denn die ganzen zwanzig Jahre waren ihm nur wie eine Nacht gewesen. Die Nachbarn machten große Augen, als sie sie hörten: Einige winkten einander zu und steckten die Zunge in die Backen, und der gewichtige Mann mit dem gekrämpten Hute, der, als der Schreck vorüber, auf den Kampfplatz zurückgekehrt war, zog seine Mundwinkel nieder und schüttelte den Kopf – worauf bei der Versammlung ein allgemeines Kopfschütteln entstand.

Man entschied sich indeß dahin, den alten Peter Vanderdonk zu befragen, den man langsam die Straße herauf kommen sah. Er war ein Abkömmling des Geschichtschreibers dieses Namens, welcher eine der frühesten Beschreibungen dieser Provinz herausgegeben hat. Peter war der älteste Bewohner des Dorfes, und in allen wunderbaren Begebenheiten und Ueberlieferungen der Nachbarschaft wohl bewandert. Er erkannte Rip sogleich, und bekräftigte dessen Erzählung auf die genügendste Weise. Er versicherte die Gesellschaft, daß es eine Thatsache sei, welche schon von seinem Ahnherrn, dem Geschichtschreiber her, überliefert worden, daß die Kaatskill-Berge immer von seltsamen Erscheinungen heimgesucht worden seien; daß behauptet worden sei, der große Hendrick Hudson, der erste Entdecker des Flusses und des Landes, halte dort alle zwanzig Jahre mit seiner Schiffsmannschaft vom Halben-Monde eine Art Sabbath; indem es ihm vergönnt sei, auf diese Art den Schauplatz seiner Unternehmungen wieder zu besuchen und ein wachsames Auge auf den Fluß und die nach seinem Namen genannte große Stadt zu haben; daß sein Vater sie einst in ihrer alten holländischen Tracht in einer Höhlung des Berges Kegelschieben gesehen, und er selbst eines Sommernachmittags den Klang ihrer Kugeln, wie entferntes Donner-Rollen, gehört habe.

Eine lange Geschichte kurz zu schließen, die Gesellschaft brach auf und kehrte zu den wichtigeren Geschäften der Wahl zurück. Rip's Tochter nahm den Vater mit nach Hause, damit er bei ihr lebe. Sie hatte eine nette, wohl eingerichtete Wohnung, und einen starken, fröhlichen Landmann zum Gatten, in welchem Rip einen der Kleinen erkannte, die ihm auf den Rücken zu klettern pflegten. Rip's Sohn und Erben betreffend, der das ditto von ihm selbst war und den er sich gegen den Baum hatte lehnen sehen, so arbeitete er mit auf dem Hofe, bewies aber eine angeerbte Neigung, Alles, nur nicht sein eigenes Geschäft, zu treiben.

Rip ging nun wieder seine alten Gänge, und nahm seine alten Gewohnheiten wieder an; er fand bald mehrere von seinen früheren Gefährten, jedoch alle von den Launen der Zeit eben nicht zum besten behandelt: weßwegen er es auch vorzog, sich Freunde unter dem aufblühenden Geschlechte zu erwerben, bei dem er bald in große Gunst kam.

Da er zu Hause nichts zu thun, und das glückliche Alter erreicht hatte, wo ein Mensch ungestraft Nichts thun darf, so nahm er seinen alten Platz wieder auf der Bank vor der Thüre der Schenke ein, und wurde zugleich als einer der Patriarchen des Dorfes und als eine Chronik aus den alten Zeiten »vor dem Kriege« verehrt. Es dauerte einige Zeit, ehe er sich in die gangbare Redeweise finden, oder die sonderbaren Ereignisse begreifen konnte, welche während seiner Erstarrung Statt gefunden hatten. Daß es z. B. einen Revolutionskrieg da gegeben – daß das Land das Joch von Alt-England abgeschüttelt und daß er aus einem Unterthanen Seiner Majestät Georg des Dritten, jetzt ein freier Bürger der vereinigten Staaten geworden sei. Rip war im Grunde kein Politiker; die Veränderungen der Staaten und Reiche machten nur wenig Eindruck auf ihn: allein es gab eine Art Despotismus, unter dem er lange geschmachtet hatte, und das war – die Pantoffelherrschaft. Diese war glücklicherweise zu Ende, er hatte seinen Hals aus dem Ehestandsjoche und konnte ein- und ausgehen, wann er wollte, ohne die Tyrannei der Frau van Winkle fürchten zu dürfen. Sobald indeß ihr Name genannt wurde, schüttelte er den Kopf, zuckte die Achseln und schlug die Augen gen Himmel, was entweder für eine Ergebung in sein Schicksal, oder für Freude über seine Befreiung gelten konnte.

Er pflegte seine Geschichte jedem Fremden zu erzählen, der in Herrn Doolittle's Hotel ankam. Anfangs bemerkte man, daß er jedesmal, wenn er sie erzählte, manche Dinge anders vortrug, was aber ohne Zweifel davon herrührte, daß er erst so kürzlich erwacht war. Nach und nach indeß gestaltete sich Alles in der Darstellung genau so, wie ich es hier berichtet habe, und es gab keinen Mann, Frau oder Kind in der Nachbarschaft, die nicht die Geschichte auswendig gewußt hätten. Einige wollten indeß immer an der Wahrheit der Sache zweifeln, und behaupteten, Rip sei nicht bei Sinnen gewesen, und daß dies eine Sache sei, in welcher man nie viel Vertrauen auf ihn habe setzen können. Die alten holländischen Einwohner maßen jedoch der Erzählung fast vollen Glauben bei. Selbst bis auf diesen Tag hören sie nie ein Donnerwetter an einem Sommernachmittag um den Kaatskill, ohne zu sagen, Hendrik Hudson und seine Gefährten seien wieder bei ihrem Kegelspiel; und es ist ein allgemeiner Wunsch bei allen Ehemännern in der Nachbarschaft, die unter dem Pantoffel stehen, wenn ihnen das Leben etwas sauer wird, einen Schlaftrunk aus Rip van Winkle's Flasche thun zu können.

Anmerkung.

Man könnte glauben, die Veranlassung zu der vorhergehenden Erzählung sei Herrn Knickerbocker durch ein kleines deutsches Mährchen von Kaiser Friedrich dem Rothbart und dem KiffhäuserBerge gegeben worden; allein die folgende Bemerkung, welche er der Erzählung beigefügt hat, zeigt, daß dies eine ausgemachte Thatsache sei, die er mit seiner gewöhnlichen Treue erzählt hat.
»Die Geschichte von Rip van Winkle mag Manchem unglaublich scheinen, allein demungeachtet schenke ich ihr vollkommenen Glauben, denn ich weiß, daß die Nähe unserer alten holländischen Niederlassungen die Scene gar mancher wunderbaren Begebenheiten und Erscheinungen gewesen ist. Ja, ich habe in den Dörfern, den Hudson entlang, noch sonderbarere Geschichten erzählen gehört, als diese, und die zu wohl beglaubigt waren, als daß man irgend einen Zweifel dagegen hätte hegen können. Ich habe sogar mit Rip van Winkle selbst gesprochen, der, als ich ihn zuletzt sah, ein sehr ehrwürdiger alter Mann und so vollkommen vernünftig und besonnen bei jeder andern Sache war, daß kein gewissenhafter Mensch anstehen konnte, diese mit in den Kauf zu nehmen: ja, ich habe sogar eine Beglaubigungsschrift über den Gegenstand gesehen, die von einem Dorfrichter aufgenommen und mit einem Kreuz, in des Richters eigener Handschrift, unterzeichnet war. Die Geschichte ist also über jeden möglichen Zweifel erhaben.«

D. K.


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