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Dominik Dombrowski: Hier ist die Reise zu Ende

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Dominik Dombrowski

Hier ist die Reise zu Ende


         Sie merkten eines Tages, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Sie waren auf der roten Couch gesessen, zwei Bier, der Streit konnte wieder mal beginnen. Aber dann waren sie plötzlich doch zu müde. Ihnen fiel nichts mehr ein, was sie sich nicht immer schon an den Kopf geworfen hatten in den letzten sieben, acht Jahren. Also hatte Laszlo das Nötigste in den Rucksack gepackt, ging aus der Tür, überließ Sylvia alles, was er besaß, und sah sie nie wieder.
         Er lebte seitdem, seit ungefähr vier Jahren, auf der Straße. Als Obdachloser fühlte er sich jedoch nie. Eher sah er es philosophisch. Wenn das mit der Philosophie nicht nur eine leere Geste sein soll, dann lebten Philosophen so. Laszlo liebte es, den Straßen zu folgen, immer weiter, wie Zirkusse es tun.

         Eben hatte er den Schlafsack eingerollt, stützte sich wacklig gegen die Fassade des Bonner Münsters, um in die Schuhe zu kommen, gute Schuhe, die er in der Südstadt aus einem Altkleidersack gefischt hatte, als ein Kind bei ihm stehen blieb.
         Es war ein Mädchen in einem roten Regenmantel, das an einem Sandwich lutschte. Etwa sieben, acht Jahre alt. Es starrte ihn kauend an, lachte hell auf bei seinen unglücklichen Versuchen, mit den regennassen Tennissocken in die guten Südstadtschuhe zu kommen.
         Nicht viel später tauchte auch die Mutter des Mädchens aus dem Hintergrund auf. Sie war schwer beladen mit Plastiktüten - Mittdreißigerin, schick gekleidet, Hochfrisur, blond unterm silbergrauen Regenschirm. Sie fasste instinktiv nach der Schulter des Mädchens, schaute dann auf Laszlo, nicht unfreundlich, sogar zutraulich. Sie kaute ebenfalls an einem Sandwich, mit Schinken und Salatblättern belegt. Sie sagte, ohne die Mahlzeit zu unterbrechen, laut, deutlich, mit einem Lächeln: „Ja du! Ja du! Ja, wer bist du denn?“
         Laszlo zuckte mit den Schultern und fragte dann mal, das konnte ja nicht schaden, routiniert nach etwas Geld. Statt dessen aber griff das Mädchen lächelnd und kauend in die Seitentasche ihres Mantels und zog eine Zigarette hervor: „Magst du die? - Willst du sie dir anzünden?“
         Laszlo nahm dankend an, rauchte in tiefen Zügen, blickte auf den dunkelgrauen Himmel, in dem hellgraue, faserige Wolken schwammen wie riesige Silberfische, dabei beobachtete er einige Spatzen und formulierte für sein Tagebuch: „Spatzen sind Dinosaurier, die sich in Luft aufgelöst haben!“  
         Das Mädchen warf ihm eine weitere Zigarette zu.
         „Mama, wem gehört der?“
         „Ich weiß nicht, Kind! Ich sehe niemanden!“
         „Darf ich ihn mal anfassen?“
         „Sei nicht albern, er wird voller Ungeziefer sein!“
         Trotzdem stellte die junge Mutter ihre Plastiktüten ab, faltete ihren nassen Regenschirm zusammen, stupste Laszlo damit am Arm, dazu fragte sie ihn munter, Sandwich zwischen den Zähnen: „Ja du! Ja du! Ja, wem gehörst du denn? Ja, wie heißt denn du?“
         „Laszlo!“
         Das kleine Mädchen sagte: „Mama, ist der süß! Der Laszlo! Laszlo, Laszlo, Laszlo! Könnten wir den Laszlo denn nicht mit nach Hause nehmen?“
         Die Mama nahm das Brot schnell aus dem Mund, kaute nachdenklich zu Ende, schluckte dann unter Denkfalten den Schinken besonnen hinunter. „Ach, du hast Ideen, Kind, du bist vielleicht witzig! - Und dein Vater? Was wird denn dein Vater wohl dazu sagen, wenn der ihn plötzlich im Wohnzimmer findet, diesen Laszlo?“
         „O bitte! Er kann doch in meinem Zimmer schlafen!“
         „Hör zu, Liebes“, sagte die Mutter fest, „wir fahren jetzt erst einmal nach Hause und wollen vernünftig sein! Wir kommen morgen mal mit deinem Vater her. Wenn der Laszlo dann noch da ist, und wenn der Papa dann einverstanden ist, dann sehen wir mal weiter. - Komm jetzt!“
         Das Mädchen, an der Hand der Mutter und mit einer der Plastiktüten in der anderen Hand, drehte sich noch einmal zu Laszlo um und zwinkerte ihm zu. Laszlo rauchte inzwischen seine Zigarette zu Ende, gähnte, ging dann in ein Stehcafé. Er bestellte einen Kaffee, holte sein Tagebuch hervor und notierte das mit den Spatzen und noch etwas Melancholisches über die Eurogeldscheine – nämlich, dass sie schwebende Brücken zeigten, als sei der ganze Kontinent längst im Meer verschwunden.
         Keine Stunde später – Laszlo war bei der zweiten Zigarette – hörte er es hinter sich glockenhell aufjauchzen. Wieder das kleine Mädchen im roten Regenmantel.
         „Da Papa! Da ist der Laszlo! Mein Laszlo!“
         Das Mädchen zog einen besorgten, dünnen Mann im schwarzen Rollkragenpullover und Cordanzug hinter sich her. Der Mann sagte sofort, nicht unfreundlich, mit Kennerblick: „Das ist also der berühmte Laszlo. Meine Kleine platzt mir deswegen fast in die Vorlesung. Aber gut! Ich gebe mich geschlagen! Also gut, also gut, versuchen wir es. Du gibst ja doch keine Ruhe, Liebes. Aber mehr gibt’s dann auch nicht mehr! Der Laszlo muss reichen!“
         Zehn Minuten später saß Laszlo auf dem Rücksitz eines silbergrauen 240er Volvo Kombi. Das Mädchen saß neben ihm und hielt seine Hand. Vorne saßen die Eltern und unterhielten sich: „Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee war, Petra! Was das für Kosten mit sich bringt. Hast du dir das mal überlegt? Was ist, wenn die Kleine die Lust verliert! Dann haben wir ihn am Hals, den Laszlo!“
         „Da ist es wieder, Werner, merkst du was?“, schoss Petra zurück, „das ist genau das, was ich meine! Du bist genau wie sie geworden, Herrgott! Dein hochverehrter Jüssen, dieser Dr. Pütz, oder dieser schmierige Rübsamen. Dieses ganze Gelehrtengeschmeiß. Das wird schon! Sei verdammt mal wieder spontaner, Werner! Naxos, Meer, Schlafsack, ein Schlafsack – Words don’t come easy to me – klingelt’s da mal wieder?? Es gab nämlich mal was anderes als deine beschissenen Seminare! Deine neunmalklugen Hegels!“

         Laszlo sah aus dem Volvofenster und sagte: „Hegelflegelkegel!“

         „Da hörst du‘s!“ rief Petra „- Unser Laszlo ist doch ein Braver! Nicht Laszlo? -  Du bist unser Braver! Wir stecken ihn erstmal in die Wanne, das wird schon!“
         Laszlo durfte die erste Nacht im Kinderzimmer der Josts auf dem Boden schlafen. Aber die kleine Zoe Jost trat ihn schon am nächsten Tag in den Rücken, dann verbannte sie ihn in den Flur, weil er immerzu rauchte, wie sie unter Tränen verkündete. Dr. Werner Jost fühlte sich sofort bestätigt: „Ich wußte, das geht nicht gut! Aber nein, Zoe hier – Zoe da, ‚das liebe Kind!‘ Wir haben ihn keine zwei Wochen hier, und wer ist es, der ihm den Kaffee kocht, unserem lieben Laszlo?! Du doch, Petra! Ja, schau nicht so! Glaub nicht, ich krieg das nicht mit, nur weil ich im beschissenen Seminar sitze! Und unsere kleine Lady hier sitzt vor der Flimmerkiste! Den lieben langen Tag! Sie ist bis jetzt nur einmal mit ihm draußen gewesen! Ich bin es, der ihn aufsammelt, abends! Weil er alleine draußen rumschleicht! Was ist, wenn er bei den Henselers klingelt? Lars und Britta haben ihm neulich schon mal Rot-Händles geschenkt! Die tuscheln doch schon, Herrgott, von wegen, die kümmern sich nicht, die herzlosen Josts!“

         In einer der folgenden Nächte masturbierte Laszlo auf den roten Hausflurläufer. Werner war außer sich. Er sagte zu Petra: „Er wächst mir über den Kopf. Wir werden uns das auf die Dauer nicht mehr leisten können. Ich kann doch jetzt nicht noch mit Nutten kommen! Prostituierte, stinkende Rot-Händles, und dann - was kommt denn dann? Dazu kommt: er sieht kaum fern! Die Kleine hat nichts von ihm! Er rennt in sein Stehcafé, sitzt im Flur, schreibt in der Kladde rum. Er interessiert sich für nichts!“

         Als Laszlo an einem der nächsten Nachmittage einen Spaziergang um den Block unternahm, weil es für die Jahreszeit noch ungewöhnlich warm war, fast frühlingshaft, bremste plötzlich der 240er neben ihm. Am Steuer Werner, der sich urplötzlich im Seminar hatte entschuldigen lassen,  indem er seine sieben, acht Studenten mit einer Hausarbeit entließ, Thema: „Erklären Sie die These, wonach nach Hegels Dialektik der Phänomenologie des Geistes die Geschichte dergestalt von der Immanenz des Ideals durchwirkt wird, dass die Möglichkeitsfülle innerhalb des Entstehens von Dasein notwendig die realisierte Welt als die richtige determiniert.“
         Werner stieg aus, kam eilig auf Laszlo zu, packte ihn am Handgelenk, zog ihn auf den Beifahrersitz, schnallte ihn fest und fuhr los.
         „Sie wird irgendwie drüber wegkommen, die Kleine, Kinder in dem Alter vergessen doch schnell!“, sagte er zu sich. Währenddessen starrte er konzentriert auf die Fahrbahn, schaltete heftig durch die Gänge und fuhr entschlossen Richtung Siebengebirge, immer weiter die Autobahn entlang, solange bis es dunkel wurde. Dann hielt er an einem Parkplatz.
         „Hier ist die Reise zu Ende!“, sagte er dann leise, mit belegter Stimme, und nahm die Brille ab. Er stieg aus, ging um den Volvo, öffnete die Beifahrertür und zog Laszlo aus dem Wagen. Er packte ihn unter den Arm, dieser leistete kaum Widerstand. So gingen sie noch an sieben, acht grünen Papierkörben vorbei, bis das Licht auf dem spärlich beleuchteten Parkplatz immer dünner wurde. Mit einem Mal blieb Werner stehen und zog einen Strick aus der Tasche.
         „So, Laszlo. O, mein Gott! Das hätte ich im Traum nicht gedacht, dass ich auch mal zu denen gehöre, die sowas machen! Aber glaub mir, alter Junge, du wirst nicht lange hier bleiben. Ganz bestimmt nicht! Es kommt bald jemand vorbei und findet dich!“
         Werner blickte darauf eine Weile versonnen ins Leere, setzte seine Brille wieder auf und flüsterte gegen den Parkplatzboden: „Es kommt immer irgendjemand! Das ist es ja!“
         Während er so vor sich hin sprach, leinte er Laszlo am Unterarm an der Leitplanke fest. Im nächsten Augenblick klatschte er sich aber plötzlich den Handballen gegen die Stirn und hastete noch einmal zum Volvo zurück, dessen Warnblinkanlage den einsamen Parkplatz unwirklich dramatisierte. Er machte sich kurz am Kofferraum zu schaffen, kam dann im leichten, glücklichen Dauerlauf wieder zurück.
         „Hätte ich ja fast vergessen“, schnaufte er.
         Er platzierte, damit Laszlo es mit einer Hand zu fassen bekommen konnte, eine Thermoskanne Kaffee, eine Schachtel Rot-Händle und ein Feuerzeug vor ihn hin. Dann bat er Laszlo, doch noch einmal kurz aufzustehen, und breitete unter ihm den roten Schlafsack aus: Trocken, duftend und gewaschen. „So, lieber Laszlo, jetzt setz dich ruhig, setz dich, setz dich, mein Junge. Ganz ruhig. Manchmal wünschte ich, ich wäre wie du. Ich bräuchte auch – naja, nichts.“

         „Hauptsache, man muss nicht immer was sagen!“, erklärte Laszlo.

         Dr. Werner Jost streichelte Laszlo durch das grauschwarze Haar hinter der Halbglatze und spürte etwas Feuchtes unter der Brille.
         „Willst du vielleicht noch ein Buch? Hast du was zum Aufschreiben?“
         „Sylvia wollte immer ans Meer, ich immer in die Berge!“ sagte Laszlo.
         „So, alter Junge, jetzt muß ich aber! Verzeih mir, Laszlo! Herrgott, irgendjemand wird dich finden! Ganz bestimmt! Sie finden einen immer!“
         Laszlo sah, wie Werner zum Auto spurtete und mit quietschenden Reifen davonstob. Im Nu war es still um ihn. Noch bevor er die Autos auf der Autobahn heulen hörte, nahm ihn das Knistern des sich im Wind wiegenden Waldes gefangen. Er sah nach oben, wo die schwarzen riesigen Wipfel der Bäume rauschten, dazwischen flackerten stumm sieben, acht Sterne im klaren Nachthimmel. Er nahm dann die Thermoskanne zwischen die Knie und schraubte die Tasse ab, die aus schönem blauem Aluminium gefertigt war. Dampfend stieg ihm der Kaffee in die Nase.
         Dann rauchte er. Er dachte, ein guter Tag. Ihm war ganz warm und behaglich zumute auf diesem nächtlichen friedlichen Parkplatz. Er hatte noch nie einen so friedlichen Ort erlebt. In der Ferne sah er die Lichtkegel der Reisenden, der Fernfahrer, der Heimkehrer. Er summte: „Schlafe, schlafe in der Flaumen Schoße, noch umtönt dich lauter Liebeston, eine Lilie, eine Rose, nach dem Schlafe wird sie dir zum Lohn.“ Laszlo liebte das Leben. Die Welt ist so weit, so still, so unglaublich schön, wenn man nah an den Bergen schläft. Oder am Meer.

 
 
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