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Dominik Dombrowski: Fremdbestäubung

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen

DIRECTOR'S CUT



Es ist mir seltsam ergangen mit Dombrowskis Gedichten: Zwar war mir von Anfang an klar, dass sie mir gefielen, nur wusste ich nicht recht zu sagen, warum. Dieses unmittelbare Gefallen mag, dachte ich, auf die starken Bilder zurückzuführen sein, die wir in den Gedichten immer wieder finden.

...
Hier baue ich mein Schachspiel auf in den Lichtern
der Überlandbusse in meinem Campingstuhl
spiele ich immer gern / gegen mich / selbst /
Ich wähle meistens schwarz / der andere weiß
das auch / im Morgengrauen noch bevor einer verliert
werde ich die Partie / zugunsten einer Zigarette
unterbrechen und / wiege dann verträumt
zweierlei Könige Ohneland in meiner Hand / umzingelt
von der Geschwindigkeit & all dem was sich erübrigen läßt


Eine Sogwirkung geht von solchen Bildern aus, die uns leicht in die Erzählungen der Gedichte hineingleiten lässt.

Denn narrativ sind Dombrowskis Texte zumeist, erzählen von Alltagsorten, Autobahnen, Arbeitsplätzen, Supermärkten und immer wieder von Kinos, von Orten, die manchmal Fluchtpunkte sind, häufiger aber Orte, an denen der Sprecher der Gedichte sich nur mühsam, zögerlich zuhause fühlen kann – wie eine „Person auf der Fahrbahn“ etwa oder an „anarchitektonischen Stätten“ – oder gleich ganz fremd und isoliert bleiben muss:


So filmen wir
weiter ihr
polares Treiben
vom Hubschrauber aus.


Bisweilen ist es dann ein ganzes, eigenes oder fremdes Leben, das der Sprecher mit dieser distanzierten Fremdheit betrachtet, wie in den beiden langen Gedichten SAIL ALONG SILVERY MOON und SERENADE. Vielleicht liegt hier, so mein nächster Gedanke (mea res agitur), noch ein Grund dafür, dass Dombrowski Gedichte mir so sehr gefallen wollen. Denn der Autor gehört meiner eigenen Generation an und vieles von dem, wovon die Gedichte sprechen, ist mir vertraut, von den Erinnerungen an eine Jugend in den 70er und 80er Jahren bis hin zum Blick auf die Generation meiner Eltern und deren Erinnerungen, von denen etwa SERENADE spricht. Und auch die Melancholie, die aus vielen der Gedichte spricht („Die sieche Prise Sehnsucht klumpt / fest und ungelöst am Boden“), ist mir wohl vertraut.
Doch das allein ist es nicht, was die eigentliche Qualität von Dombrowskis Gedichten ausmacht, die sich eben auch in der formalen Gestaltung zeigt, in der rhythmischen Durcharbeitung, den Assonanzen und gelegentlichen Reimen.


TOURISTEN
...
Es ist alles in allem / ein Farbfilm aus den Fünfzigern
denkt sich der Ölbraune
auch wie sie da hängt / die Wäsche auf die Puppe
friedlich wie vor einem Fliegerangriff
angeführt von Robert Mitchum / später kommt ihm
die Wirtin / an die Lektüre mit einem Teller Muscheln getrippelt
vorne an / den teuren Hotels / rauscht der Ozean in des Europäers
Pageturner / reiten sie indessen auf sprechenden
Bäumen bis sich die komplette Brandung bricht

...

Der kurze Klappentext von José F.A. Oliver schließlich bringt mich auf die Spur der Schnitttechnik als der ganz eigenen Qualität von Dombrowskis Texten.

SCHONZEIT

Da gab es eine Reihe Blaublütler aus dem Reservoir
der Ameisenkönigin / die kamen & standen für uns
am Redepult / & sprachen / schnell für uns / alle /
denn wir waren müde / wir erkannten uns / in ihnen nicht
wieder / sie glichen professoralen Siouxen im Lesen
& Tilgen der Spuren tablettensüchtiger Trapper waren wir
allmählich froh dass sie uns fortentwickelten
...

Immer wieder bringt Dombrowski kurze Sequenzen wie aus verfilmtem Alltag, aus Western und anderen Filmen, aus Erinnerungsbildern und Lektüren in einen neuen, eigenen, oft betörenden Rhythmus, bei dem sich unvermerktes Überblenden in befremdliche Sphären und harsche Gegenschnitte abwechseln. „... am schwersten wiegt / was in der Schwebe bleibt“ heißt es in FÜLLE, und so bewegt sich der Blick des Lesers in den Gedichten hin- und her, bleibt bisweilen an längst Vertrautem hängen oder an Motiven, die erst im Verlauf der Lektüre des Bandes zu vertrauten Bildern werden (die zwölfte Stunde, die zwölfte Zigarette), wie ihm gegenüber auch der Blick des Sprechers immer wieder zwischen der Sicht nach und der Sicht von außen schwankt und in der Schwebe bleibt:

sie reichten mir / zuletzt meine
Brille zurück / die Astronauten / sagten komm
komm näher / komm ja komm
an den Schirm / wir haben noch / weitaus mehr von dir hier
wir haben dich
gleich hier / hinter dem Sternenschoner wir
können dich dir gern mal zeigen


Die Augen möchte man sich da reiben – und gleich weiterlesen.


Dominik Dombrowski: Fremdbestäubung. Gedichte. Köln (parasitenpresse) 2014. 44 Seiten. 9,00 Euro.

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