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DNA-Raumfahrer in den Steinzeithöhlen des Jetzt

Veranstaltung / antimon



TOTALE DICHTUNG UND TOTALE ÜBERSETZUNG



Als „DNA-Raumfahrer in den Steinzeithöhlen des Jetzt“ wurde am 06. Oktober im Lyrik Kabinett der amerikanische Linguist und Ethnopoet Jerome Rothenberg präsentiert. So hatte ihn der Popdichter Michael McClure (u.a. Autor des Songs „Mercedes Benz“ von Janis Joplin) einmal genannt.

Rothenberg zur Seite stand im Lyrik Kabinett mit seinen Übersetzungen und als Moderator: Norbert Lange. Er hatte bereits im Schreibheft #82 (Februar 2014) etliche Materialien zusammengestellt und mit Übersetzungen zu Rothenberg das Thema „Total Translation“ bestückt. In seiner Einführung sprach er von Rothenberg als „vielgesichtigen (Wieder-)Entdecker frühester menschlicher Zeugnisse, als Motor des Vershandels zwischen den Nationen in Vergangenheit und Gegenwart sowie als an die Entwicklungsfähigkeit der Poesie glaubenden Förderer jüngerer Autoren.

1931, in New York geboren (seine Eltern 1920 aus Polen nach Brooklyn eingewandert), sah er sich von Anfang an als Mittler der Kulturen. 1959 zum Beispiel übersetzte und gab er die „New Young German Poets“ heraus. In den 50ern und 60ern war er Teil der amerikanischen Gegenkultur, mit dem Anliegen, das Bewusstsein der Menschen mit allen Mitteln (gegen das Establishment) zu verändern, suchte noch latent vorhandene Konnotationen zu archaischen Strukturen, das Pagane, lebte mit nordamerikanischen Indianern, um Literatur auch mit Gesten, Glossolalie, Lautmalerei und Tanz zu konfrontieren – um die Welt mit der Magie von Gesängen, Litaneien und Mantren zu einer großen gemeinsamen Zusammenkunft zu bringen, „um den Bürokraten, System-Menschen und Priestern die Stirn zu bieten.“ (Norbert Lange) Literarische Vorbilder waren ihm dabei auch zwei europäische Mysteriendichter, William Blake und François Rabelais.

So geriet auch dieser Abend zu einer Versammlung der Diskurse.

Da er bei den Seneca in Salamanca als Biber initiiert wurde, führte er dem Publikum u.a. das Segnungslied „Old Man Beaver’s Blessing Song“ vor, mit Rassel intoniert:

All I want's
a good
five-
cent
cigar.

Hee hee ho ho
Hee hee ho ho
Hee hee ho ho


Weitere Indianerpoesie folgte, dann seine Dada-Übertragungen von Hugo Ball und Kurt Schwitters. Als würde er eine innere Turbine in Gang gesetzt haben, vibrierte der ansonsten eher gelöst und reduziert sich bewegende kleine Mann plötzlich an ganzem Körper und führte ein Feuerwerk ausdrucksstarker Wort- und Lautmalerei vor, plötzlich in jeder Faser Sprache, zugleich die Lautwellen mit einer heulenden roten Plastikschlange ausbreitend: Desire, Thou, The Meadow.


Norbert Lange übernahm den Text der deutschen Originale:

Und auf ihren goldenen Rüsseln tanzen die kaleidoskopartig kleinen Teilchen wie unendlich große Bälle von der Schwere eines X. Und wie sie so hinsinken, breitet sich spontan eine Morgenröte aus auf ihren golden bronzierten Popohülsen, und der verderbliche Eierstock von mehr als 23000 eiergelben Puddingspritzen läuft in den azurblauen Äther aus.

Beim vorletzten Teil des Abends wurde es ernst. Rothenbergs Geist widmete sich seiner Herkunft, einem Polen zu seiner Geburt 1931. Er war 1982 zu den Orten seiner Ahnen gereist, um unter anderem mehr über Adornos Aufruf zu erfahren, nach Ausschwitz keine Poesie mehr zu schreiben.

Die Hochzeit

Mein Geist ist gestopft mit Tischtüchern
& mit Ringen doch mein Geist
träumt sich nach Polen gestopft mit Polen
dorthin gebracht in der Vorstellung
zu einer schwarzen Hochzeit
ein nackter Bräutigam schwebt darüber
seine nackte Braut              irres Polen
wie gräßlich deine Juden auf Hochzeiten
deine Synagogen mit Gerüchen nach Kampfer & Mandel
deine Thermoskannen deine elektrischen Nebel
deine bezopften Achselhöhlen
deine Unterhosen wimmelnd voller Unkraut oh Polen
Polen Polen Polen Polen Polen

(Aus dem amerikanischen Englisch: Norbert Lange)



my mind is stuffed with tablecloths
& with rings but my mind
Is dreaming of poland stuffed with poland



mayn miyakh iz ongeshtopt mit tishtekher
un mit fingerlekh ober mayn miyakh
kholemt fun poyln ongeshtopt mit poyln

….

(Übersetzung aus dem Jiddischen von Amos Schauss, transliteriert von Jerome Rothenberg)


Rothenbergs Polengedichte, teils dreisprachig vorgetragen, englisch, jiddisch, deutsch, ließen die jüdische Welt Europas aus der Vergangenheit magisch mit Worten wieder aufleben. Wie das ethnopoetische Projekt, das die Ureinwohner als Zeugen der Gegenwart aufrief, ist auch das Polenprojekt (mehrere Gedichtbände) „Ausdruck einer Annäherung und zugleich eines Zögerns, die Geschichte der Shoah ins Gedicht zu bringen“ (Lange).


Khurbn (= Shoah) heißt einer der Gedichtbände, darin „Dos Geshray“ (Das Schreien):


„übe deinen Schrei“ so sagte ich
(weshalb sagte ich es?)
denn das war sein Schrei & nicht meiner
zwischen uns beiden     leuchtend
für unsere Sinne immer leuchtend hell es blieb
der Mittelpunkt

(Übers. Norbert Lange)


Um so nicht zu enden, führten Rothenberg und Lange dem Publikum zum Schluss noch die Idee der Total Translation vor Augen, anhand der 17 Segnungslieder der Geistpferde der Navajo, „nach den Segnungen von Frank Mitchell“.

Sind `ne Pracht N wnohu nnnn doch sind `ne & sind in mein Wnahus

wnohu nnda gaheegkomnen

Sind `ne Pracht N hnohu nnnn doch sind `ne & sind in mein Wnohinaus

wnohu nnda gaheegkomnen

Sind `ne Pracht N wnohu nnnn doch sind `ne & sind in mein Wnohause

wnohu neht gahnnkommnen doch gahesnnd nehtkommmnen


Dazu Rothenberg:  „Es ging nicht darum, englische Wörter zu Navajo-Musik zu setzen, ein gänzlich anderes Werk sollte entstehen, in dem überhaupt darüber nachgedacht wurde, welche Aussagen es gab, mit denen man beginnen konnte. Zudem wollte ich, so gut es ging, vermeiden, das Gedicht auf Englisch zu „schreiben“, schließlich schien das angesichts einer außerhalb jeden Schriftsystems dermaßen hochentwickelten Poesie bedeutungslos. (…) Damit sie mehr als das leistet, muß eine Total-Übersetzung die Wörter auf ähnliche Weise verfremden wie das Original; sie muß „bedeutungslosen“ Silben mit Klängen unseres deutlich anders klingenden Englisch entsprechen; etwa einen Gesang anstimmen, dessen Weise den Wörtern der Übersetzung gemäßer ist; & wenn das Original mehr als eine Stimme vorsieht, tut es die Übersetzung ebenso.“

KK

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