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Dirk Uwe Hansen: zwischen unge/sehnen orten

Rezensionen



Tobias Roth

Zusammenblendungen und Brüche


Der neue Gedichtband von Dirk Uwe Hansen lässt sich nur schwerlich problemlos zählen. Auf den Band Sirenen (2011) folgte 2012 mit Sappho. Scherben – Skizzen ebenfalls im udo degener Verlag Potsdam ein zweiter Band mit lyrischen Arbeiten Hansens – aber ob der nun erschienene Band zwischen unge / sehnen orten die zweite oder dritte Gedichtsammlung Hansens darstellt, hängt wohl davon ab, wie eigenständig man die Sappho-Nachdichtungen des letzten Jahres rechnet. Diese Zählung aber kann, so scheint es mir, mit größtem Gewinn offen bleiben. Von Fragen des Übersetzens und des Übersetzers einmal abgesehen, hieße eine eindeutige Klärung nämlich auch, eine scharfe Grenze zwischen die philologische und literarische Tätigkeit zu ziehen. Das scheint bei Autoren wie Hansen geradewegs unangemessen. Die literarische Tätigkeit und der Lehrauftrag für Klassische Philologie an der Universität Greifswald (seit 1995) können nicht nebeneinander, vor- oder hintereinander geordnet werden, nur ineinander. Es sind, schließlich, beides Arbeiten in und durch Sprache, die in ihrer Intensität, Genauigkeit und Sturheit beide kaum ihresgleichen in unserer Gesellschaft finden. Literatur und Philologie sind nicht Gegensätze, die sich anziehen; es ist vielmehr das Problem, sie als zwei verschiedene Dinge anzusehen.
Vielerlei Verschmelzungen förderlich ist, nach wie vor, das Lauschen in den antiken Hallraum; dort liegt weniger getrennt. Zwar hören wir die funktionale Differenzierung trapsen, aber schon die weite Strecke des Vergangenheitsbezugs überspannt mit ihren Fluchtlinien das Disparateste und erzeugt Kombinationen, die immer wieder unerwartet sind; die so schön sind, dass sie nur im Auge eines Betrachters liegen können.

Die Antike zeigt sich in zwischen unge / sehnen orten nicht auf der Oberfläche, selten nur fallen eindeutig verweisende Namen. Arbeit am Mythos und Arbeit am Topos treten dezent auf, auch wenn sie gehäuft auftreten wie in dem schönen Gedicht (Polyphems Traum), das mit wenigen Worten ein weitläufiges intertextuelles Netz öffnet; schon als Mindestbesetzung liest man hier drei, vier Quellautoren, vom Beifang ganz zu schweigen. Das Netz aber ist sinnvoll und lesbar geknüpft; Intertextualität ist schließlich kein Selbstzweck (ästhetisch gibt es hier nur k.o., keinen Sieg nach Punkten). Der Traum beginnt: Manchmal träumt Polyphem sich als / (Spatz sitzt auf Galateas Fuß) / plappernd, schräg seinen Kopf, kokett / zwischen zwei Bildern. Gedicht und Nacht enden nach der zweiten Strophe des kurzen Gedichtes: Morgens dreht ihm der Leib den Blick / (kann nur einem ins Auge sehn), / bis sein eigenes Feuer, kein / Jemand ihn blendet. Leistungsabgleich Lyrik gegen Prosa, um mehr an vermitteltem Reflex und reflektierter Erotik zu kommunizieren, musste der Traum Zettels tatsächlich so lang werden, wie er geworden ist.

In der Mehrzahl aber sind die Gedichte des Bandes Naturgedichte, die sich mit behutsamen, genauen Augen den Details einer Pflanze oder der Stimmung einer Umgebung annehmen. Es sind leise, zuweilen geradezu schüchterne Gedichte, gekonnt und unaufdringlich metrisiert. In den Bezügen, die die Naturerscheinungen mit der kulturellen Welt der menschlichen Betrachter überblenden, herrscht eine ruhige Selbstverständlichkeit, kein großes Aufsehen.

Die Spannung und Komplikation der genannten Überblendung (in der sich so etwas wie Natur überhaupt erst konturieren kann) kommt in feinen Stilzügen zum Ausdruck; deren markantester ist das trennstrichlose Enjambement, das bereits im Titel des Bandes zum Tragen kommt, und in dessen Anwendung Hansen einige Virtuosität zeigt.
Das Versende, stärker als der hier nur schwach markierte Versbeginn, erweist sich als semantische Klippe. Von ihrer Verwirbelung aus wird deutlicher sichtbar, wie sehr die Gedichte mit der Zähigkeit, Widerständigkeit und Elastizität beschäftigt sind, die zwischen den Gegenständen des Sprechens und den Formen des Sprechens herrschen. So heißt es beispielsweise in dem Gedicht Möwe (zudem über ein Exemplar, dessen Schatten dem geglichen haben muss, den Ikarus warf): Ist allein das blaue Un / endliche über ihr auf / das hinunter ich blicke zu / mir hinauf und sie // (einzige Form einer) Möwe, und der Himmel über Prerow lautet: Cumuluswellen / über den stratos / sphärenfurchen Zirrus / pferdchen und kalk / farben gehängt zum / Wässern ein Rest vom Mond. Durch diesen Himmel ziehen sich antike Obertonakkorde: Zirrus kann (im Lateinischen) einen Büschel Pferdehaar bezeichnen, was equestrisch mit dem im Versbruch freigelegten Wortstamm stratos (altgr. u.a. „Heer“) der Stratosphäre korrespondiert; während die Haufen- oder Quellwolke (Cumulus) ihren flüssigen, weich fließenden Charakter als zweites Bildfeld der Strophe etabliert.

Die Techniken der Überblendung und des zerspaltenen Versbruches stellen einen Zusammenhang der inneren und äußeren Welt her, der in seinem Spiel der Figur des Apokoinu ähnelt – das läuft nicht immer bruchlos über die Schwelle, aber gerade in Bezug auf die Brüche, die rauen Flächen unter den semantischen Fingerkuppen, könnte es der Dichter noch mehr absehen. Denn in den Unebenheiten steckt in diesem Falle die größte lyrische Spannung – gerade wenn sie so sorgsam und wortgenau auch über Sprachen hinweg gesetzt sind wie bei Hansen. Die letzten beiden Verse des Bandes, im Gedicht Schmetterlingsgalerie, benennen in diesem Sinne die Technik der Gedichte und geben Ausblick auf ihre erhoffte Verschärfung: Schwarz auf Glas das Muster gebrochen; Farbe / bricht sich Bahn an den Schnitten verschwindet das Weiß.

zwischen unge / sehnen orten eröffnet die neue Silbende Kunst-Reihe im gleichnamigen Verlag, hervorgegangen aus der gleichnamigen Zeitschrift, von der seit 2010 acht Ausgaben erschienen sind. Die kleinen Hefte wirken zwar nicht allzu robust, aber strahlen die zierliche Selbstverständlichkeit und Leichtgängigkeit aus, die Lyrik in unserer Gesellschaft haben sollte; nicht nur im Sinne des erlösenden salto mortale hinter die funktionale Differenzierung zurück.



Dirk Uwe Hansen: zwischen unge/sehnen orten. Gedichte. Köln (silbende_kunst) 2013. 44 Seiten. 7,50 Euro.

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