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Dinçer Güçyeter: o.T.

Essay / Memo / Notizbuch > Aus dem Notizbuch > Ein Korb Kastanien
Dinçer Güçyeter

Ich bin ein deutscher Dichter mit Migrationshintergrund … den Weihnachtsbaum schmücke ich mit Feigen / Datteln und Dönerblättchen / mein Pony füttere ich mit Gummibärchen …


Dinçer: Aladin, im Mund trage ich Messerschnitte aus der Nacht
hüte dich vor meiner gefälschten Wunde: ich bin das Volk!
sage dem Dschinn, der Himmel wurde gerodet
entwurzelte Sterne düngen den Knoten des Wortes

Aladin und der Knabenchor: die Stille tragen wir im Brustkorb / in ihr lodert das Feuer /
wir möchten ins Meer geworfen werden / brausen auf der Mähne der Wellen /
möchten zur Erde gespült werden / tot da liegen, wie müde Steine /
dies ist kein Kampf / weder der Niederlage noch dem Sieg / wollen wir das Gesicht reiben

Dinçer: ich habe meinem kaputten Vater einen Brief geschrieben
er soll sich keine Sorgen um uns machen, hier gibt es Demokratie
hier gibt es für jeden Papagei den sichersten Käfig, Biosamen und so´n Scheiß
und Bildungsbürger, die sich für Schmetterlinge halten: Ave Maria im darkroom

Aladin und der Knabenchor: selten wird aus einem Traum ein hoher Berg / an dessen Rücken  wir wilde Blüten pflücken / nie verfällt die kindliche Seele der sicheren Reife / hinter uns wirbelnde Staubwolken / die Flucht wird ergriffen

Dinçer: habe ihm geschrieben, die Welt wird immer lauter
eine Drohne, die im Fleischwolf gedeiht: das Erbe Abrahams
mein Pony, o my little Pony jingelle bells, jingelle bells …
zielt mit seinem erregten Pimmel auf den Mond, Rocco´s Milchstraße

Aladin und der Knabenchor: der Wind; unser Brot, unser eisiges Wasser / mich kann kein Prügel halten / lieber zertrümmern wir das vertraute Heim

Dinçer: komm zum Tisch, ich backe Börek für uns, ich fülle die Rakigläser, şerefe!
wir Eliten, wir Integrierten, holala! weg mit dem Kadaver, ich hole den Kaviar …
die Arbeit wartet, in der Dämmerung nehmen wir den fliegenden Teppich, Darling
und scheißen eine Runde auf die Asylheime, das Vergessen braucht neue Räume

Aladin und der Knabenchor: natürlich ist die Einsamkeit unser teuerstes Gut / wir geben ihr einen Tritt, bekommen Tritte zurück / aus rohem Wort entbinden wir die Wunde / kehren zu uns zurück und bekehren die Welt / finden uns an einem Abgrund wieder, packen den Verstand / werfen ihn in die hungrige Tiefe

Dinçer: zieh dich aus und komme her, die Beute zwischen unseren Schneidezähnen
pocht für eine alte Geschichte. laß uns gegenseitig in die Schenkel beißen
zieh dich aus und tanze gegen das Gedächtnis der Wolken, tanze , tanze …
über uns bellen die Fruchtfliegen: wir sind die Opfer dieses Gedichts

Aladin und der Ponychor: denn auch wir haben das Wasser aus dem Tonkrug geschlürft / auch wir besteigen die Sterblichkeit zwischen dem Hier- und dem Fernsein / letztendlich ist es eine ewige Trunkenheit / ob du dich in den heiligen Fluss legst oder in den bitteren Wein

Dinçer: und warum weint jetzt mein Pony Suren in Elses Knabenkostüm, warum …
zieh deine Warnweste an und knete meine Warzen mit deiner flotten Zunge
lass uns eine zweite Milchstraße in den Himmel spritzen, doppelt hält besser
lass uns in der Dämmerung unser neues Europa feiern, unsere Welt sind die Berge

Kameramann: cut, pleaase! was war das denn für´n Scheiß?


Keiner antwortet. Rocco (french hengst) läuft unter die Dusche. Eine Putzfrauen - Company verteilt sich am Drehort und schrubbt, wischt, poliert alles. Der Regisseur kündigt dem Drehbuchautor. Kafka und Marilyn Monroe spielen Tischtennis. Dinçer, Aladin und der  Knabenchor gehen Döner essen. Else singt ihr Lied: Dein sünd'ger Mund ist meine Totengruft … End!

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