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Dinçer Güçyeter: der Osten auf dem Schaukelpferd

Gedichte


Dinçer Güçyeter


der Osten auf dem Schaukelpferd



es gab ferne Dörfer / wusste ich vorher nicht / von Nebelschleiern überwacht / mit dem rechten Flügel hab
ich sie berührt / die Seele ist nun ein zügelloser Wind / ich sah die Frauen dort /
sehnsüchtig nach ihren Männern / ich sah die Kinder / ihre Drachen vom Himmel gefangen /
bis zu  den Knien im Schnee, im Matsch / ich sah die Häuser / den abblätternden Kalk der Wände / die Häu-
ser / Selbstbildnis der Fremde / die verankerte Blässe des Rosengartens auf dem Samt / egal welches Meer
ich in mich verfrachte / das salzige Wasser kerbt die gleiche Wunde ein / die Löcher des Siebs werden grös-
ser Tag für Tag / das rinnende Wasser schmeckt nach bitteren Disteln / vorm dürren Verstummen bleibt die
Zunge der Wundenheiler


die verwehte Freude säte den letzten Samen / trotz verseuchter Erde hat er sich an ihr festgehalten / jetzt / die
Zypressenpflanzen so lang wie Storchenbeine winken den Mühlen zu / das alte Blut verjüngte sich an einem
Nachmittag / im milden Grasgeflüster / zu drei Schichten hab ich die Zunge gefaltet … Yılmaz …Yılmaz
…Yılmaz … / so wie die Hoffnung in der eingestürzten Geschichte nach winzigen Luftporen sucht / so nagt
der windelfrische Wille am hängenden Gewebe der Brüste/ der Wirbel im Bett/ der Riss in der Wand/ der
Rost am durstigen Hahn/ zusammen liegen sie in der Maihitze/ singen das Wiegenlied gegen die taubma-
chende Stille


hab es vorher nie erlebt/ können die Spiegelungen wirklich den Glauben täuschen/ hätte es nie gedacht / wie
können die Berge die Flüsse entwurzeln / es passiert / du kannst Schicht auf Schicht Verheißungen in alle
Ecken stellen / ein blinder Windschlag kann alles wieder zertreuen / es passiert wohl / trotz der festen Netze
kann die Seele haltlos werden / trotz der verspäteten Reife können die Mähdrescher die Ernte schlucken /
wie ich das alles gesehen habe? / ich: ein Grashüpfer / hatte mich zwischen Felsenriffen versteckt / trübe
Flüsse mündeten auf meinen Zehen / die Wasser schlugen gegen das Verstummen der Welt / die scharfen
Kanten des zerbrochenen Kruges ängstigten die scheuen Fische / ich sah es / das Gesehene will dem Ver-
stand sprachlos bleiben




Dinçer Güçyeter, geb.1979, gelernter Werkzeugmechaniker. 1998 erste Bühnenerfahrung. Seitdem spielte er in unterschiedlichen Theaterproduktionen. 2012 gründete er den ELIF VERLAG mit dem Programmschwerpunkt Lyrik.
Es folgten Einzelbände und Anthologien mit bundesweit zahlreichen Lesungen. Im ELIF VERLAG erschienen 2012 seine eigenen beiden Lyrikbände „Anatolien Blues“ und „Ein Glas Leben“.
Papa von zwei Kindern. Neben Verlagsleiter arbeitet er weiter am Theater als Regisseur und Schauspieler.

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