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Dieter Püschel: Betrachtungen zu Volker Weidermanns Buch „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“

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Dieter Püschel

Betrachtungen zu Volker Weidermanns Buch
„Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“


Derzeit wird in München von einem neuen Konzertsaal geträumt, während in Teilen der Stadtgesellschaft sich die Abstiegssorgen vermehren. In der teuersten Stadt Deutschlands ist es leichter, hochqualifizierte Musiker*innen und Musikliebhaber*innen zu finden als Pflegekräfte, die wegen der exorbitanten Lebenshaltungskosten und des mangelnden Mieterschutzes zunehmend aus der Stadt verdrängt werden. Für Eisners auf Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte gegründete Politik für das Wohnungswesen war das von Hans Unterleitner, „dem Naturburschen der Regierung Eisner“ geleitete Ministerium zuständig, das bereits vor der Einführung des Reichsmietgesetzes von 1922 die Mietenkontrolle durchgesetzt hatte! Nach einem aktuellen Beleg einer tief in der Vergangenheit verwurzelten Praxis, für Mieter echt subjektiv schützende Mieterschutzinstrumente zu entwickeln, sucht man in der Münchener Politik vergeblich. Das wirft die Frage auf, ob und wann eine „rote Stadt“ München an diesen vergessenen Erbteil ihrer Geschichte anzuknüpfen vermag und für einen echten Ausgleich zwischen Armut und Reichtum kämpfen wird. Eisners Räte-Idee, mit der er als Neukantianer Marx und Kant zu versöhnen hoffte, hat es zu einer kollektiven Identität nicht gebracht.
    Für die Anfangsaktionen der Novemberrevolution war Kurt Eisner in München das, was Leo Trotzki in Petrograd für die Oktoberrevolution war – der Mann der Stunde. Erst Tage zuvor aus dem Gefängnis entlassen, in das ihn die von der USPD initiierten Januarstreiks gebracht hatten, ging er am 7. November 1918 das große Wagnis ein, sich von der Masse der Demonstrierenden auf der Theresienwiese abzusetzen, um mit einer Handvoll Gleichgesinnter zielgerichtet den Weg zu den Münchner Kasernen einzuschlagen. Nur wenig mehr als 100 Tage später werden 100.000 Menschen seinem Sarg von der Theresienwiese zum Ostfriedhof auf dem Prozessionszug der „schönsten Leich“ folgen, den München je erlebte. Und Heinrich Mann wird anlässlich einer Trauerfeier für den Verstorbenen im Odeon sagen: „Die hundert Tage der Regierung Eisner haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher.“
    Dem Autor Volker Weidermann ist es aufgrund von akribischen Recherchen vortrefflich gelungen, den Aufbruch des linken politischen Spektrums, zu dem neben Felix Fechenbach und Ludwig Gandorfer, dem blinden Bauernführer, auch Oskar Maria Graf gehörte, von der Theresienwiese zu den Kasernen bis ins Parlament in einer atmosphärisch dichten Darstellung den Lesenden nahezubringen. Wie auf einer begeisternden Stadtführung können sie sich unmittelbar als Augenzeug*innen des Geschehens fühlen und im Sog der revolutionären Ereignisse deren heißen Atem spüren, der nach all der Erschöpfung der elenden Kriegsjahre eine plötzlich freiwerdende Energie erzeugte, die München für alle Zeit veränderte.  
    Revolution oder Reform, kriegerische Rivalität der Nationen oder schöpferische Gesellschafts-veränderung, Gewalt oder Gewaltlosigkeit – all die Fragen der revolutionären Vergangenheit sind in Zeiten des durchglobalisierten Kapitalismus zu neuer Aktualität entbrannt. „Es wird nichts passieren und keine Revolution ausbrechen. Eisner wird an die Wand gedrückt“, mit diesem Statement hatte der SPD-Mann Erhard Auer die Regierenden in Bayern vollmundig noch am Vorabend der Revolution in Sicherheit gewogen. Doch die Geschichte nahm am Abend der Revolution ihren Lauf: Eisner rief noch in derselben Nacht den Freistaat Bayern aus, und während sich im Mathäser Bräu und im Parlament die Arbeiter-, Bauern– und Soldatenräte gründeten, verschwand der König mitsamt seinem Hofstaat in heilloser Flucht. Der Zündfunke von Eisners Revolution hatte das Ende einer 900-jährigen Geschichte der Wittelsbacher eingeleitet, und ein neuer Abschnitt der Geschichte begann. „Wir haben nur zwei rote Städte in Deutschland – Berlin und München“, zieht Peter Ruben, der Berliner Philosoph, aus der Initialzündung Münchens für die Novemberrevolution sein Resümee. (www.peter-ruben.de)
    In der Gegenwart spricht vieles dafür, dass der Sturz der Monarchie wie auch die unmittelbar danach eingeleitete antiklerikale Schulpolitik, die die Trennung von Staat und Kirche bewirkte, von den konservativen Kräften Bayerns Eisner nie wirklich verziehen wurde. Gegen welche Widerstände er auch innerparteilich zu kämpfen hatte, beschreibt er anschaulich im „Gefängnistagebuch“, in dem er mit der SPD abrechnet: „Die Partei war programmatisch revolutionär. Das Programm war erlaubt, die Revolution nicht.“   
    Die Idee Weidermanns, aus einem Sammelsurium an Tagebüchern und Zeitzeugnissen die Revolution des „Kollegen Eisners“ mit ihren Folgen in ein neues Licht zu setzen, gewährt einen tiefen Einblick in die Stimmungslage und in die Schwankungen des Großbürgertums während und nach dem Großen Krieg. Von der Sorge getrieben, dass das Wolkenkuckucksheim blendender Siege, das sich der Dichter der Buddenbrooks deutschtümelnd und kriegsbegeistert in „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) erträumte, nun, da sein Buch zur völligen Unzeit erschienen war, sich möglicherweise auch gegen ihn selbst wenden und revolutionäre Gewaltakte provozieren könnte, notiert Thomas Mann: „…ich wünsche, nicht zu verarmen“. Der Satz trifft all jene mitten ins Herz, die um ihren Platz in unserer Gesellschaft fürchten. Auch eine andere Parallele zu heute drängt sich auf: erst als am 1. Mai mit dem chaotischen Kuddelmuddel durch Wehrmacht und Freikorps aufgeräumt wird, beginnt in der Villa der Manns - poetisch reflektiert - das große Aufatmen.
    Das verstaubte Konzept der Ausstellung „Typisch München“ im Stadtmuseum denkt nicht einmal ansatzweise daran, die rote Seite der Stadtgeschichte zu würdigen. In einem verschlungenen Puzzle wird der Besucher durch Althistorisches, Jugendstil, BMW zur „Hauptstadt der Bewegung“ geführt, während Eisners Revolution und die politisch unterschiedlichen zwei Phasen der Räterepublik ein dunkler Fleck auf der kuratorischen Netzhaut bleiben. Ratlos stehen die Besucher*innen am Ende vor einem emphatisch-entflammten Hitler, der sich in Rednerpose gefällt, während die Revolutionäre nicht ein einziges Mal im Bild erscheinen:
    „Typisch München“, dachte ich.  
    Weidermann erkennt in Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ eine wirkmächtige Prophetie, die schon 1922 den „großen faustischen Donnerschlag“ erträumte, ohne freilich zu ahnen, dass einer von Eisners Soldaten – der Gefreite Hitler – in München vom bloßen Befehlsempfänger zum erhofften „großen Cäsar“ aufsteigen würde. Einen anderen „Mitläufer“ lässt der Hass auf die Entente und auf den solidarischen Kosmopolitismus zum Attentäter und Mörder Eisners werden. Vor den tödlichen Schüssen vom 21. Februar 1919 schrieb Anton Graf von Arco auf Valley auf einen Zettel: „Eisner ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher. Er verrät das Vaterland – also…“
    Das Ungeheuerliche an dieser Satzfolge offenbart ein völkisch-nationalistisch geprägtes Deutschtum, das nur eineinhalb Jahrzehnte später die Welt in den Untergang reißen wird. So erschießt ein Jude, Arco, einen Juden, um sich endlich als Deutscher anerkannt fühlen zu können?
    Die Utopie von einem solidarischen Europa, das auf einem kosmopolitischen Traum in Form einer sozialistischen Linken basiert, wird zum Springpunkt für das Schicksal Eisners sowie das der Revolution. Wer den „Träumer“ sucht, wird einen von der Solidarität überzeugten Europäer und Pazifisten finden, wodurch Eisner zu einem Vordenker für das moderne Europa geworden ist. Diesen Zusammenhang hätte man sich bei Weidermann deutlicher herausgearbeitet gewünscht. Überzeugt von einer möglichen „gemeinsamen Arbeit der Verfeindeten, derer, die sich gegenseitig mordeten und ihre Leiber vernichteten“, war Eisners Vision von einem friedlichen Zusammenwirken der Völker entstanden, die den Krieg für überwindbar deklarieren. Mit seinem Pazifismus als sine qua non linker Politik und seinem gelebten Widerspruch zur SPD-Politik des Burgfriedens, ähnelt Eisner meiner Meinung nach Oskar Lafontaine. Die Münchner SPD tut sich bis heute schwer, diesen Mann zu vereinnahmen, der die bayerische USPD gründete und dem Staat umstürzlerischen Widerstand leistete. Die 68-er Bewegung hat die heutige SPD mehr geprägt als Eisners Revolte. Teufel und die Schwabinger Krawalle sind dem Alt-OB Christian Ude weitaus näher als Eisner. Dennoch: Zu den unverzeihlichen „Verfehlungen“, die er den 68-ern entgegenhält, zählt Ude ihre „Blindheit in der Bewertung des DDR-Regimes“ und die „Gräuel von Maos Kulturrevolution“ - von Hartz IV keine Spur.
    Erst nach dem Tod Eisners erwachte das Land als Räterepublik. Obwohl nur von kurzer Lebensdauer, würde sie dennoch Geschichte schreiben. Zwei Lyriker ziehen in Schlüssel-positionen in die Münchener Residenz ein: Ernst Toller als Vorsitzender der „Dichterrepublik“ und Rudolf Landauer als Volksbeauftragter für Erziehung und Bildung – „früher Kultusminister“ –, wie er nicht vergaß, seinen Töchtern die Erfüllung eines langgehegten Lebenstraums zu telegrafieren. Die Kinder Bayerns lernen nun ab dem 13. Lebensjahr Gedichte von Walt Whitman auswendig. Die kosmische Liebe („cosmical love“) Ralph Waldo Emersons, die in der amerikanischen Literatur und Philosophie des 19. Jh. Bedingung der Möglichkeit von Vernunft, Realität und Wahrheit bildete, zieht für kurze Zeit als Bildungs- und Erziehungsinhalt in Bayerns Schulen ein. Bayerns Klerus rennt nicht nur dem Vorsitzenden der Räterepublik die Türen ein, draußen auf dem Land wird von ungezählten Kanzeln herab (Pogrom-) Stimmung gegen die Räte verbreitet.  
    Nichtsdestotrotz kann sich das „bunte München“ von heute auch auf Landauers Vision der „cosmical love“ berufen. Zu ihren US-amerikanischen Vordenkern gehört auch Charles Sanders Peirce, der als „amerikanischer Kant“ zum Gründer des Pragmatizismus wurde. Landauer war sich wie kaum ein anderer bewusst, dass „zusammen mit all den ‚Landfremden‘, zu denen er sich zuerst selber auch zählte, „und den Bayern ein neuer Abschnitt der Geschichte zu beginnen war.“
    Was Letzteres betraf, so stand Silvio Gesell als Bayerns Minister für Finanzen für einen radikalen Neuanfang in der Finanzpolitik, der die Abschaffung des Geldes einleitete. Hier wäre ein Hinweis auf die geistigen Quellen der Geldpolitik für die Leser*innen hilfreich gewesen. Gesell bezog sich auf Proudhon, den Marx aber als frühsozialistischen Theoretiker kritisierte, und zwar u.a. aufgrund seiner Verherrlichung von Arbeit und seiner Verurteilung des Geldes. Als Geldtheoretiker entwickelte Gesell nicht nur Proudhons Ansatz weiter, der zwischen „gutem produktiven Kapital“ und „schlechtem unproduktiven Kapital“ unterschied, sondern er verknüpfte diese Vorstellung offen mit einem eugenischen, rassistischen und antisemitischen Weltbild. Als dann die Schließfächer der Banken geschlossen blieben und nur noch kleinere Beträge in Tagesrationen abgehoben werden durften, brach allgemein Panik aus.  
    Vollends brauten sich dunkle Wolken über München zusammen, als die Regierung Hoffmann in Bamberg nicht länger zögerte, handfeste Unterstützung aus Berlin vom ersten sozial-demokratischen Minister für das Militärische, Gustav Noske, zu erbitten. Trotz einer zunächst erfolgreichen militärischen Gegenwehr wird die Räteregierung den Putsch einer „Bürgerwehr“ am Palmsonntag nicht überleben. „Gegenschuss“ – lautet bezeichnenderweise das Schlusskapitel des Buches „Träumer“. Vor dem blutigen Ende der nun kommunistisch geführten Räterepublik wird in der Villa Thomas Manns erstmals intensiv die Möglichkeit erwogen, „München zu verlassen und nach Lübeck zu ziehen, falls sich die Verhältnisse in München nicht bald ändern.“
    Lang brauchte es nicht, um über Umzugspläne nachzudenken. „Am 1. Mai sieht er dann mit Freude die ‚gutaussehenden‘ süddeutschen Korps ‚wohlgeordnet‘ in Stahlhelmen einmarschieren. Alles läuft zu seiner höchsten Zufriedenheit“, weiß Weidermann mitzuteilen.

Literatur:

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2017. 288 Seiten. 22,00 Euro.



- Kurt Eisner: Gefängnistagebuch, Ediert, eingeleitet und herausgegeben von Frank Jakob, Cornelia Baddack, Sophia Ebert und Doreen Pöschl, Reihe Kurt Eisner Studien Band 1. Berlin (Metropol Verlag) 2016
- „Wer mit dem Teufel kommt … ist selber ein Verbrecher…- ein Blick zurück“, von Martina Scherf, in: SZ vom Samstag/Sonntag 14./15.April 2018
- Stalin hat uns das Herz gebrochen. Antisemitismus in der DDR und die Verfolgung jüdischer Kommunist*innen. Arbeitskreis „Stalin hat uns das Herz gebrochen“ der Naturfreundejugend Berlin (Autor*innenkollektiv), Münster (edition assemblage) 2017.
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