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Die Preisträger des Literarischen März im Lyrik Kabinett

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Literarischer Frühling in München



Vorbemerkung: Für mich als Beobachter war interessant, wie Christian Döring, lakonischer Weltmann und Vorjuror beim Literarischen März, den Abend moderieren würde. Zum Beispiel erwähnte er Jan Wagner, gleich in seiner Vorrede, und nannte ihn einen „Dichtungsvirtuosen“, über den zurzeit in vielerlei Diskursen gestritten wird. Wer sie also heraushören wollte, konnte beiläufig Distanz und Spitzen vernehmen, aber beides so gesetzt, dass nur jene sie wahrnahmen, die sie unbedingt hören wollten.


„Wenn ich mich selbst nicht finde“

Als erste las Özlem Özgül Dündar, Mitgewinnerin des Wolfgang-Weyrauch-Förderpreises 2015: „Wenn der Verstand das Gespräch verlässt“  –  und zwar in München – darauf wurde hingewiesen – mit neuem Vortragsstil. Einem, der die enge Bindung an die schriftlich gestaltete Korsettform unterläuft und damit ein wenig auch die Laudatio in Darmstadt („Beschädigung des Subjekts durch eine beschädigte Sprache“), also ohne Hervorhebung ihrer Kürzel im Text und ohne Zeilenzäsur. Später im Gespräch sollte sie noch einmal intonieren, als sei hier Darmstadt (nur mit den Initialkürzeln u und n für „und“ und „nicht“, was zu Brüchen und Synkopen führt und dem Text gerade beim U – aus dem Bauch heraus  – körperliches Empfinden zumischt, wie im 18. Jahrhundert das „Oh“).


„Und ich als Grenze träume“

Nach Dündar, trat die zweite Gewinnerin des Wolfgang-Weihrauch-Förderpreises diskret lächelnd ans Stehpult, Anja Kampmann. Döring erwähnte zuvor ihre ausgezeichnete Versarbeit, ihren fein gesponnenen „Gedichtkörper des Landschaftsgedichts“, doch auch die „Angst, die sich nicht ausspricht, aber anwesend ist“.
Wie schon zuvor Dündar, outrierte auch sie ein bisschen, zwar nicht laut - vielleicht war es auch nur das dämonisch tiefe Licht der Leselampe, rötlich widerstrahlend - eher versonnen, Geheimnisse evozierend.


moorchaussee


am ende beginnt die marsch
das land dehnt sich in flachen carrées
um die man hunde führt und müde beine
laufen alles ist alltäglich
im herbst spurten die rehe schneller
als der geist zu den aufleuchtenden lichtern
laternenumzüge martinsbrot
inzwischen sind feuer verboten
aber das rauschen hier ist wie
der himmel und zeigt oben weitere straßen
ums moor ziehen sie jetzt zäune
auf den schildern bleiben die entfernungen stets
exakt. und der himmel ist geflutet
mit heimwegen die im dunkeln
unsicher blinken.

„Es gibt mich“

Döring moderierte als Höhepunkt des Abends nun den Gewinner des Leonce- und Lena- Preises, David Krause, nicht ohne zuvor noch allgemein zu ergänzen, dass sich im Laufe der letzten zehn Jahre eine beinah heimliche, aber wesentliche Änderung in der Lyrik und im Rezeptionswillen vollzogen habe, denn es gebe „keine aufgeregten lyrischen Jungdichter mehr – sie beherrschen den Vortrag.“ Was Krause betrifft, erwähnte er eine schmerzvolle Sehnsucht, die das Bedauern festhalte – und seine „sprachgesungene Selbstsuche“, und was selten sei, dass ein Poet seine Gedichte auswendig vortrage.

Auf mich wirkte Krause, wenn auch nicht optisch und vielleicht unsicherer, eher so, wie ich mir einen jungen Walt Whitman vorstelle denn einen Rolf Dieter Brinkmann, allerdings ohne den globalen Anspruch des Amerikaners. Aber zum Teil ebenso mantrisch. (Krause liebe die Anapher, sagt er im Gespräch später.) Also das prosodisch Fließende. Inhaltlich seine Zweifel und Wehmut, bei gleichzeitig formaler Apodiktik und dem unüberhörbaren Quantum an Pathos. (Wobei Pseudo-Longinus in seinem Standardwerk "Vom Erhabenen" sagt (8,4): „das Pathos strömt gleichsam unter dem Hauch der Verzückung Begeisterung aus und erfüllt die Worte mit der Gewalt Apollons.“)

Krause memoriert „für einen Blick in die Tiefe, für einen Moment“ und dann, „an der Küste sprachen wir in Winden“.


wolken


es gibt keinen fluss
neben diesem haus und in dem haus
kein kinderbett überzogen mit wolken
wo der sohn die augen schließt
und die arme ausstreckt bis weit
über den rand. es gibt
keinen schuppen im garten
wo der vater mit dem messer
zärtlich die soldaten schnitzt
und wenn die wolken donnern
stellt er sein heer auf und träumt. es gibt
kein wohnzimmer wo die mutter
den schal strickt: groß genug
für alle zusammen; und es ticken
die nadeln die uhren die zähne während
die fäden zu mustern verwachsen:
wolken und wolken und wolken. es gibt
keine fenster und türen und wände.
das gras und den wind und wellen in pfützen
gibt es jetzt; es gibt
die fliehenden wolken.
es gibt mich
den schal um den hals
einen soldaten in der hand
nicht mehr
den fluss; nur sein bett; es gibt
mir einen ort; es gibt
mir einen ort.

Dann wurden die drei Preisträger noch an den Tisch gebeten zum Gespräch. „Wie erarbeiten Sie ein Gedicht?“ wollte Döring wissen. Und ob sich Krause als Brinkmann-Epigone fühle, den er aber in ihm gar nicht wiederfinde. Zunächst, sagte Krause, gäbe es bei ihm schon eine Verbindung zu Brinkmann, dieses Poetisieren alltäglicher Situationen, eben daraus ein Gedicht zu machen. Dann aber wolle er sich doch von seinem Vorbild zugleich befreien – „damits ein Krause wird“, bestätigte Döring freundlich.



Nachbemerkung:
Keine.

Vielleicht nur einmal noch Ps.-Longinus (30,1):

„Gedanke und sprachlicher Ausdruck stehen meist in enger Wechselbeziehung; darum laß uns, wenn vom sprachlichen Teil noch etwas übrig ist, es jetzt betrachten. Die Wahl passender und großartiger Wörter zieht den Hörer wunderbar an und verzaubert ihn; in der Wortwahl sehen alle Redner und Schriftsteller eine besondere Aufgabe, denn sie verleiht zugleich Größe und Schönheit und Schmelz, sie verleiht Gewicht, Festigkeit und Kraft und läßt die Rede in einem bestimmten Glanz wie eine herrliche Statue erstrahlen, sie haucht den Dingen gleichsam Sprache und Seele ein; aber dies alles zu besprechen dürfte, fürchte ich, überflüssig sein, weil du darum weißt. Schöne Wörter sind in Wahrheit das eigentliche Licht des Gedankens. Gewichtige Ausdrücke kann man freilich nicht überall gebrauchen, denn unbedeutenden Sachen große und feierliche Worte zu leihen, könnte ähnlich scheinen, wie wenn jemand einem kleinen Kind eine große Schauspielmaske überstülpt.“


KK

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