Dichter in der Münchner Räterepublik: Oskar Maria Graf - Signaturen

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Dichter in der Münchner Räterepublik: Oskar Maria Graf

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Oskar Maria Graf



Ich bin aus der Backstube zur Literatur gekommen. Eine Münchner Zeitschrift hatte eine Frontnovelle von mir abgedruckt. Ich zeichnete mit Oskar Graf. Ein paar Tage darauf aber erhielt ich Briefliche Mitteilung von der Redaktion, ein Herr Professor Oskar Graf verlange die Änderung der Unterschrift, weil sonst der Eindruck entstünde, dass er über Kriegsereignisse schriebe, was er sich keineswegs anmaßen würde.“
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Die hier zitierte Passage stammt aus einem Biointerview, das der russische Schriftsteller Sergej Tretjakow 1934 mit Oskar Maria Graf führte. Aus dieser Begegnung entspann sich eine Freundschaft dieser beiden Autoren, die jeweils für ihre enorme Freundlichkeit gerühmt wurden. Die Freundschaft, unter ungünstigen politischen Bedingungen, endete mit der Ermordung Tretjakows in einem stalinistischen Lager.

 
 
 
 
 


Noch 1936 schreibt Tretjakow an Graf (die Briefe sind deutsch, weil Graf kein Russisch konnte):
Momentan lese ich deine Dorfbanditen. Gut. Es macht mir Lust, die bayrische Sprache zu lesen. Sie klingt so saftig.

Über Oskar Graf, der also auf die Bitte oder Anweisung hin des gleichnamigen Malers Oskar Graf,² um Verwechslung zu vermeiden, den Namen Maria einschob, ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Es handelt sich wohl bei ihm um den in Medien und auch Schulbüchern präsentesten Autoren aus dem Umfeld der Münchener Räterepublik. Das mag an Grafs Entwicklung nach deren Zerschlagung durch deutsche Truppen liegen (Truppen, die sich als regulär verstanden, aber gegen eine gewählte Regierung kämpften), seinen großen Erfolgen in den zwanziger Jahren, seinem Auftreten als Emigrant und auch an den Besuchen in Deutschland nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus durch die alliierten Truppen in beiden Teilen des Landes.
Nach kurzer Inhaftierung ist Graf im Gegensatz zu Toller und Mühsam einer längeren Festungshaft entkommen. So dass er schon Anfang der Zwanzigerjahre die Leitung eines Arbeitertheaters übernehmen konnte. Daneben probierte er sich literarisch weiter aus. So veröffentlichte er, auch am Anfang der Zwanzigerjahre, einen Gedichtband mit Indianergedichten, die sich aber weniger an ethnologischer Forschung als an den Romanen Karl Mays orientieren.

Über die Beziehung Karl Mays zur anarchistischen deutschen Literatur sollte einmal tiefer geforscht werden. So fand mein Mathematiklehrer an der Leipziger Universität, der im Nebenberuf Karl May-Spezialist war, in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts auf einem Dachboden in Hohenstein-Ernstthal Manuskripte von Ret Marut, der zur Zeit der Münchner Republik dort die Zeitschrift Der Ziegelbrenner herausgab, und über den Graf sagte, dass er der Zensur nur entgangen sei, da die Zensurbehörden annahmen, dass es sich um eine bautechnische Fachzeitschrift handeln würde. Der Ziegelbrenner erschien bis 1921.

Bei alldem ist Oskar Graf immer Bayer geblieben, was ihn vielleicht imprägnierte gegen ein wie auch immer geartetes Deutschtum. Dabei kultivierte er für sich so etwas wie einen kulturellen Grund aus bodenständigen Anarchismus und bodenständigen Katholizismus. Das eine bewahrte das andere vor den jeweiligen Auswüchsen und formierte eine achtbare Melange aus Friedfertigkeit und Ablehnung jeglicher Autoritäten.

 
 

Oskar Maria Graf

 
 


In Münchens Straßen zogen bewaffnete Arbeiter mit Gewehren über den Schultern zu den Kampfplätzen. Es waren junge und alte mit zerfurchten runzeligen Gesichtern.
Vielleicht sah Graf hier der proletarischen Revolution zum ersten Mal ins Angesicht, und die Farbe bitterer Scham schoß ihm in die Wangen. Er zog rasch eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, um einen vorübergehenden Alten mit einem Gewehr und den Furchen der strengen Pflicht im Antlitz wenigstens etwas anzubieten.
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Die Räterepublik ist politisch gescheitert, aber das, was darauf folgte, auch. Die gesammelten Gedichte Grafs allerdings sind vor einigen Jahren bei Matthes und Seitz erschienen.

Jan Kuhlbrodt



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Dt. von Marga Erb. In: Sergej Tretjakow. Gesichter der Avantgarde. Herausgegeben von Fritz Mierau. Berlin 1991
² Oskar Graf, 1873 Freiburg - 1957 Bad Boll. Maler, erhielt 1909 den Professorentitel, wurde Mitglied der Sezession und Jurymitglied des Vereins für Originalradierung in München.
³ a.a.O.

 
 
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