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Dichter in der Münchner Räterepublik: Ernst Toller

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Ernst Toller



Im Mai 1939 stirbt der Emigrant Ernst Toller mit 45 Jahren in einem Hotel in New York. Er war ein Mensch, der sich als Autor aber auch politisch kaum einordnen lässt. Sein Anarchismus richtete sich gewissermaßen auch nach innen und ließ Kontinuität kaum aufkommen.
Mit seinem Stück Hoppla, wir leben! wird 1927 die Piscatorbühne eingeweiht. Der Titel, eher ein Ausruf der Verwunderung als der Freude, könnte über seinem Leben aber auch dem gesamten zwanzigsten Jahrhundert stehen.


Ernst Tollers Schwalbenbuch endet mit folgenden Versen:

Bevor nicht die Menschen wiederfinden den Grund ihrer Tierheit,
Bevor sie nicht sind
Sind
Wird ihr Kampf nur wert sein
Neuen Kampfes,
Und ihre heiligste Wandlung
Wird wert sein neuer Wandlung.

Letztlich ein nietzscheanischer Gedanke, der darauf anspielt, dass die Wiederkehr des Immergleichen zu durchbrechen sei.
Toller schreibt das lange Gedicht 1922 in Festungshaft. Verurteilt wurde er aufgrund seines Engagements während der Münchner Räterepublik, von einem Gericht, das inzwischen der Demokratie verpflichtet war, aber noch auf den Grundlagen Kaiserlicher Gesetze urteilte. Was war also mit Hochverrat gemeint, und wen sollte Toller verraten haben?  
Gut, er war Repräsentant der Münchner Räterepublik, die letztlich zerbrach an innerer Widersprüchlichkeit und an der Übermacht der sie bedrängenden deutschen Truppen.



ABER: Die innere Widersprüchlichkeit dieser Republik, die ein technisches Funktionieren dieses Gebildes von vornherein ausschloss, war letztlich das, was die Möglichkeit schuf, dass hier und dort emanzipatorische Tendenzen aufblitzten. Zum Beispiel machte man eben den Pazifisten Toller für die Verteidigung verantwortlich. Eine Position, die ihn immer wieder in Widerspruch zu seiner Überzeugung brachte.
Maßgebliche Führer der Räterepublik waren Geisteswissenschaftler und Schriftsteller. Landauer, Mühsam, Toller. Aber auch der Nationalökonom Gsell:
„Finanzkommissar Gsell versucht das kapitalistische Problem vom Geldproblem aus zu lösen. Durch die Schaffung eines gleitenden Geldwertes will er den Zins und damit die Ausbeutung beseitigen.“ Der Einfluss der Kommunisten hält sich zunächst in Grenzen, auch wenn Leviné, ein ursprünglich aus Russland stammender kommunistischer Führer, versucht, die Entscheidungen der Räterepublik zu beeinflussen. Als die Kommunisten an Einfluss gewinnen, zerbricht auch die Republik.
Nach der Niederschlagung versucht man Toller zu diffamierenden Aussagen gegen Leviné zu bewegen, unter Hinweis auch ihre politischen Differenzen. Toller lehnt ab. Dennoch wird Leviné standrechtlich erschossen.

Auf seiner Flucht vor der Polizei begegnet Toller Rilke, der in dieser Zeit in München lebt: „Ich bin sehr betrübt, bei mir sind Sie nicht sicher, zweimal schon wurde mein Haus durchsucht. Sie hatten meine Wohnung unter den Schutz der Räterepublik gestellt, ich vergaß den Anschlag zu entfernen, das wurde mir zum Verhängnis.“
Rilke wird aus München ausgewiesen, Toller kommt vor Gericht und wird von Hugo Haase verteidigt. In seinem Plädoyer formuliert der Anwalt:

Es ist ein Nonsens, dass die Regierung, die selbst durch eine Revolution zur Herrschaft gekommen ist, diejenigen als Hochverräter ins Zuchthaus oder gar aufs Schafott schickt, die nichts anderes tun, als sie selbst getan hat.





















Ernst Toller


Toller wird zu Festungshaft verurteilt. Sein Anwalt Haase 1919 in Berlin von einem angeblich Geisteskranken angeschossen. Er erliegt seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Was ist von einer Demokratie zu halten, die auf solche Weise die Weltbühne betritt?

Toller hatte bis dahin einen Prozess von Wandlungen durchlaufen, vom Kriegsfreiwilligen 1914 bis zum Pazifisten, und er befindet sich am Ende jenes Abschnittes, den er in seinem Buch: Eine Jugend in Deutschland beschreibt. Dieses Buch ist ein merkwürdiges und denkwürdiges. In knapper Form zeigt es zwanzig Jahre deutscher und europäischer Geschichte, in der der Mensch sich als Spielball erweist, als Spielball von Mächten, die er nicht einzuschätzen weiß. Doch der Icherzähler wächst eben genau daran, an seiner Ohnmacht, die ihn letztlich zur Tat treibt. Und jedes Tun eröffnet neuen Widerspruch, denn das, was das Subjekt wahrnimmt, gerinnt ihm gewissermaßen immer zu spät zur Überzeugung, und tritt unmittelbar in den Widerspruch zur je neuen Aktualität.
Einen Vorsatz zum Buch schreibt Toller am Tag der Bücherverbrennung:

Um gerecht zu sein, darf man nicht vergessen. Wenn das Joch der Barbarei drückt, muss man kämpfen und darf nicht schweigen. Wer in solcher Zeit schweigt, verrät seine menschliche Sendung.

Deutlich wird das auch formal zum Beispiel im Gedicht der Besucher, in dem der Kescher Panther durch einen Menschen ersetzt wird:


Besucher

Augen sind vom Schrei der Mauern
Verstörte Tauben, die ein Marder überfiel,
Und die verschüchtert flattern ohne Ziel.
Herz klammert sich an des Gefangenen Hand,
Immer schlägt es, wie verbannt,
Seit Waffenknechte ihn umlauern.
Er aber wuchs aus Last erstarrter Zellen.
Entrückt dem Kreise kleinen Lebens,
Schaut er nach innen, trinkt an Gottes Quellen –

Und der Besucher friert, er kommt vergebens.

Jan Kuhlbrodt


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