Direkt zum Seiteninhalt

Der gelbe Akrobat 2

Rezensionen



Armin Steigenberger


Jenseits der Komfortzone – Erlebnisse beim Erleben von Poesie



Faszinierend an Gedichtbänden ist, dass man – sofern deren Gedichte einem etwas sagen – immer etwas Neues darin entdecken kann; bisweilen sogar eine neue Welt, die man noch nicht kannte. Was den Gelben Akrobaten in seiner zweiten, jüngst erschienenen Ausgabe angeht, werde ich darin reich beschenkt. Zwei hocherfahrene Herausgeber und Rezensenten, seit langem im Geschäft, bringen mit viel Kenntnis in ihrem Fach eine ganz eigen(willig)e Auswahl zustande und lenken die Leserschaft auch auf so manch unerwarteten Fund. Beim Lesen entstand mir einige Male der Eindruck, es sei ein geschlossenes Gesamtkunstwerk, das sich auch als ein fortlaufendes Gedicht lesen ließe. Gleich vorneweg: dieses Buch ist sehr lesenswert! Bei anderen Anthologien habe ich gelegentlich das Gefühl, da soll irgendwer beeindruckt werden oder es geht eher darum, dass eine neue Richtung ausgerufen wird oder ganz ingroupiös Clangrenzen abgesteckt werden. Das ist hier nicht der Fall. Es liest sich für mich nicht wie ein (theater)donnerndes Fanal zu etwas Neuem:  es kommt stiller daher. „Lyrikanthologien sind sehr vergängliche Gebilde“, weiß schon das Vorwort des Bandes zu erwähnen. Und: „Mit dem ehrgeizigen Ziel, einen 'ewigen Vorrat' von 'hinterlassungsfähigen' (Gottfried Benn) Poemen anzulegen, sind die Herausgeber solcher Anthologien in der Regel gescheitert.“ Von „lyrischer Saisonware“ ist noch die Rede, und „kurzlebig“ sei diese.

Der gelbe Akrobat 2, herausgegeben von  Michael Braun und Michael Buselmeier, ist der zweite Band einer Anthologie, bestückt mit weiteren 50 Kommentaren zu meist zeitgenössischen Gedichten. Im ersten, 2009 vorgelegten Band, inzwischen längst Klassiker und „Kompendium“ seiner Art, erschienen bereits 100 kommentierte Gedichte, wie sie in ihrer Zusammenstellung wohl auch schon einzigartig waren. Dafür kann man den Herausgebern nicht genug danken. Dieser erste Band stellt quasi als Best-of die Quintessenz dessen dar, was auch teils auf der Website des Poetenladen und in verschiedenen Ausgaben der Zeitschrift poet peu à peu¹ an Gedichtbesprechungen zu lesen war und ist. Das Spannende an der neuen Auswahl ist, das Plus sozusagen, dass nun in diesem zweiten Band zwei weithin vergessene Lyriker neu in den Fokus genommen werden, die man u. a. dem Magischen Realismus zuordnet, nämlich Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke.

In summa werden so brillant wie präzise und zudem bestechend fundiert eine Vielzahl wohlrecherchierter Hintergründe samt Zusatzinformationen mitgeliefert, bei denen es sich weniger um klassisch geartete Gedichtbesprechungen oder Verständnishilfen handelt als um Kommentare: gehaltvolle Anmerkungen und Hinweise geben Einordnungsversuche in viel größere Zusammenhänge, für die ich durchweg sehr dankbar bin. Ich hatte bei der Lektüre ein paar Mal die Assoziation, hier würden unter jedem einzelnen Gedicht darunterliegende Gruben und Kammern geöffnet, und man bekommt dabei auch das ein oder andere un(ter)irdische Reich zu Gesicht, das man bisher nicht ausgelotet hatte, weil man nichts von ihm wusste. Dort schlummert einiges wahrhaft Unentdeckte von dennoch außerordentlicher Brisanz. Und es eröffnen sich dadurch Einblicke, die wohl kaum jemand alle präsent haben dürfte. Die Anmerkungen können aufgrund reichhaltiger Zusatzinformationen einen viel größeren Überblick (an)bieten, als man ihn beim Lesen ad hoc parat hätte. Angenehm dabei ist, dass an keiner Stelle zu sehr aufgeschlüsselt oder „zutode“ erklärt wird. „Unsere Kommentare bieten Lesarten an und stellen einen Zusammenhang her“, sagten die Verfasser zu ihrem Band  Nr. 1.

Ich hatte den „gelben Akrobaten“ jüngst im Urlaub dabei, und wo ich immer sage, es gibt keine vortrefflichere Urlaubslektüre als Gedichte, traf ich mit dem Buch voll ins Schwarze. Man kann Gedichtbände und Anthologien überall lesen; wo andere neben mir Candy Crush daddeln oder mit zwei flinken Daumen whatsappen, lese ich an Bushaltestellen und in allen Beförderungsmitteln Gedichte. Und es ist gewiss mehr als ein Pausenfüller. Die Sammlung beginnt anmutig-irritierend mit dem Gedicht von Adolf Endler,

Dies Sirren

Und wieder dies Sirren am Abend. Es gilt ihnen scheint es für Singen
Ich boxe den Fensterladen auf und rufe He laßt mich nicht raten
Ihr seid es Liliputaner das greise Zwergenpaar van der Klompen
Cui bono ihr lieben Alterchen mit der Zirpstimm im Dunkel cui bono


Der Kommentar dazu stammt von Michael Braun
²:

Wem nützt das?

Seltsam zirpende Stimmen flüstern aus dem Dunkel, ein leises Kichern und Lispeln weht aus dem Verborgenen heran, ein Chor von unsichtbaren Kobolden oder Zwergen hebt an zu einem bedrohlichen Sirren und Singen. Es ist das Urgeräusch der phantasmagorischen Dichtung Adolf Endlers (1930-2009), ein „Sirren“ aus dem Untergrund, das, wie der Autor in einem Gespräch mit Renatus Deckert erläutert hat, aus den Landschaften seiner rheinländischen Kindheit stammt. […]


Hier wie in beinahe allen Kommentaren werden die persönlichen Erfahrungen der Autor*innen, also das „hart“ Biografische, mit den Gedichten in Beziehung gesetzt. Im Fall Adolf Endlers geht es im Wesentlichen um sein fortwährendes Streben, sich der Doktrin des „sozialistischen Realismus“ zu widersetzen: ein Gedicht von 1971.

„Um 1963/64 wandelte sich der Dichter Endler, der im August 1961 noch für die 'Befestigung der Staatsgrenzen' agitiert hatte, zum subversiven Maskenkünstler, der die Selbstlegitimierungsversuche des SED-Staates ebenso ironisch aushebelte wie später den nationalen Kitsch des wiedervereinigten Deutschland. In den 1960er Jahren erklärte er André Bretons 'Anthologie des schwarzen Humors' zu seiner Bibel und entwickelte eine gewisse Vorliebe dafür, karnevaleskes Chaos in alle staatlichen und literarischen Ordnungssysteme zu schmuggeln."


Was auch deutlich macht, dass viele Gedichte der Auswahl nicht aus allerjüngsten Dichterproduktionen stammen. Es sind übrigens längst nicht alle Gedichte auf der poetenladen-Seite zu finden, wie z. B. das schöne Poem von Clemens Eich,


Ten Years After

Ich sehe dich kommen, durchs Milchglasfenster
den Arm.
Dezemberluft deines Sterbens,
Februarwind deiner Geburt,
die Musik so schön laut, daß ich sie nicht mehr hören will. (...)


Bei der Lektüre stellte ich ganz allmählich fest, dass das nicht eben die Texte sind, die man hier und jetzt für zwischendurch gerne lesen würde, die irgendwie (m)einen Urlaub heiter untermalen oder eben „ein bisschen“ nachdenklich oder gar „ein bisschen“ melancholisch machen, sondern das, was einem da passiert, ist zum Teil schwere Kost. Es ist auch eine sperrige Auswahl und einiges mutet geradezu „schicksalsschwer“ an. Genau das aber behagt mir so daran. Weil es keine weichgespülte, alle Herzen höher schlagen lassende Auswahl ist. Es ist eben kein Buch, das alle glücklich macht wie ein Sonnenstrahl, der sich heiter über das Lächeln in alle Herzen fortpflanzt; sondern weil es erschüttert.

Elisabeth Langgässer

Erster Adventssonntag


Erwecke, o Herr, unsre Herzen! [Oratio]

Brich auf, o Welt! Die Himmel fallen
von Fülle berstend, in das Land,
und jäh empor, gleich Meereswallen,
rauscht Volk an Volk gen Jahwes Hand.
[...]


Mir wurde bewusst: Etliche Texte in der Anthologie behandeln Stoffe, nach denen heute kein Hahn mehr kräht. Oder gerade wieder? Viele würden hier und heute kaum einen Preis gewinnen. Und genau da beginnt das Buch mich wirklich zu interessieren. Das eigentliche Spannende an den Kommentaren von Braun und Buselmeier ist, nach dem eigenen Erleben anderen beim Erleben derselben Zeilen lauschen zu können, wie sie das alles – um es mal etwas pathetisch auszudrücken – durchbebt haben. Und eben das ist dann noch einmal ein ganz anderes Erlebnis, ein weiteres Plus sozusagen, wie es ihnen erging, was und woran sie dabei dachten.

Um es gleich klarzustellen: Ich rieb mich mit den Kommentaren teilweise sehr. Da, wo es gelingt, bald jedem Gedicht unter Hinzunahme biografischer Details eine Note abzugewinnen, die mit Tod, Trauer und Vergänglichkeit korrespondiert, wo ich selbst beim Lesen in ganz andere Richtungen empfinde, war ich in Einzelfällen regelrecht vor den Kopf gestoßen … was nichts Schlechtes ist, im Gegenteil, denn so musste ich mir das noch einmal ganz neu auseinanderdividieren. Beim zweiten Hinsehen macht es letztlich die Qualität der Sammlung aus, dass so viele Texte ihre schweren Themen schultern, oft in beeindruckender Offenheit, – und auch wirklich schultern. Das hat mich überrascht. Und es hat mich an einigen Stellen ernsthaft ins Nachdenken gebracht. „So bieten die Kommentare Lyrikfreunden, Studenten und Lehrern Verständnishilfen an, schlagen Lesarten vor, öffnen Zugangswege, fordern auch zum Widerspruch heraus.“, heißt es ja auch seitens der Herausgeber.

Walle Sayer

Vom Flüchtigschönen

Damit du damit
die Luftpumpe befestigen konntest
an der abgebrochenen Halterung,

trat eins der Mädchen vor,
das seit Kindergartenzeiten
lehnte an der Mauerwange,

schüttelte Helligkeit
aus ihrem Haar und gab
dir den blauen Zopfgummi,

als sei, was sie dir reichte,
nichts als ein blauer
Zopfgummi.


Dieser Text, der schon relativ weit hinten im Band steht, wird sehr treffend als Dinggedicht bezeichnet, es werden sodann Vergleiche hergestellt zum Erleben von Gregor Keuschnig, der in einem Roman schildert, wie er beim Anschauen alltäglicher Dinge „jenen utopischen Moment [erlebt], in dem er mit sich und der Welt identisch ist.“ Danach wird Bezug genommen auf Walle Sayers weitere Gedichte, „die sich härterer Bilder bedienen müssen, um das drängende Allerwelts-Unheil einfließen zu lassen ins scheinbar harmlose und biedermeierliche Werk“.

Wo ich selbst das „Flüchtigschöne“ weil Vergängliche in diesem Text erlebe wie den barockschönen Zahn der Zeit (auch ein gängiger Topos ganz vieler Gedichte, die Autor*innen dazu sind hinlänglich bekannt), der an allem nagt und der mir aber gänzlich andere, auch positive Epiphanien bereitet, mit einem recht lakonischen Schulterzucken begegne, insistieren einige Passagen im Kommentar aus meiner Sicht stark auf  dem Beunruhigenden als solchem und rühren am Ende noch etwas Weltschmerz ein, was in diesem Gedicht erst einmal für mich nicht (in erster Linie) zu lesen ist. Bei Sayers Text ist dieser Kontrast
³ für mich geradezu ein Präzedenzfall, da meine Auffassung in eine völlig andere Richtung gegangen wäre, wenn ich das Gedicht kommentieren hätte sollen. Ich misstraue der Leichtigkeit zunächst einmal nicht. Auch wenn der Titel des Textes Bände spricht, sprechen könnte. Und genau dieses Erlebnis ist auch das Spannende und Aufregende daran, dass ich beim neugierigen Nachlesen des ein oder anderen Kommentars komplett sprachlos war.

Etwas gerauft habe zudem ich mit Redensarten, Insiderwitzen, die ich auch in den Kommentaren teils wiederfinde, Topoi wie: Jeder schreibt nur ca. 5-6 gute Gedichte in seinem Leben
. Oder dass nur die- oder derjenige einen wirklich guten Text schreibt, der es sich nicht leicht macht, sondern daran arbeitet, sprich sich quält und 8 Jahre an einem Vierzeiler herumbosselt, bis er sitzt. Nein! Ich persönlich gebe rein gar nichts auf diese Art von Quälitat, sic! Es ist doch so, dass niemand sehen kann, was im Unterbewussten bei einem*r Dichter*in seit -zig Jahren brodelt und gärt, und wenn es auf einen Schlag herauskommt, heißt das nicht, dass es nicht vorher 8 Jahre in Arbeit war. Überhaupt mit der Engführung von Autor*innenbiografie und dem Verfassen von Gedichten, wie sie in dem Band sehr häufig angewandt wird, hatte ich mitunter Probleme, also die Rückschlüsse von Gedichten auf das Dichterleben und umgekehrt, wie  z. B. bei Clemens Eich, der schon als junger Mann (er wurde ja nur 33) „früh von Vorahnungen des eigenen Todes heimgesucht“ wurde und das Gedicht nun freilich auch als Omen seines frühen Todes gewertet wird. Im Regelfall wird in den Kommentaren eine Verbindung zum Autor hergestellt. So auch bei Gedichten von Jan Koneffke und Jean Krier: was in beiden Fällen aus der Biografie hervorgeht, ist auch den Texten eingeschrieben. Im Falle Lehmanns und Loerkes ist es unvermeidlich, auf deren Lebensgeschichten genauer einzugehen. Lehmann schreibt 1944 das Gedicht Auf sommerlichem Friedhof, in memoriam Oskar Loerke, und „verkündet“ gleichzeitig eine „Absage an die Welt des Terrors“ dieser Zeit.

Es gibt ein paar grundsätzliche Gedanken zu Anthologien, die jede Anthologie betreffen, zumal solche, die mit Kommentaren zu Einzelgedichten aufwarten. In Anthologien immer schon, weil dort ein Zusammenhang von Einzeltexten hergestellt wird, der an und für sich nicht besteht. Durch die Reihung und Reihenfolge der Gedichte, etabliert und behauptet sich automatisch eine größere Ordnung dieser Einzel“partikel“, auch wenn sie nie und nirgendwo derart konzipiert war. So gesehen bilden die Gedichte zu einander eine Nähe aus, die nicht besteht, und verknüpfen sich auch im Denken als zusammengehörig, obwohl sie es nicht sind; und so gesehen werden z. B. unbeschwertere Gedichte, die in einem Band stehen, auch fast automatisch ein wenig schwerer, und umgekehrt, auch die an und für sich frischeren und leichteren, eben weil sie miteinander in einem Band stehen, der sich inhaltlich a) jenseits der Komfortzone aufhält und b) doch zumindest in den Kommentaren relativ häufig schwere Themen verhandelt. Und das passiert auch beim „Gelben Akrobat 2“ und ist unvermeidlich, aber ein durchaus nennenswerter Effekt.

Konstantin Ames

dreißig lenze zähl ich wheel, das stehet
in einer urkundä, ich libee worte mit zween e
drin, konsumier wegen dehmel teein nur mit feen, zween
am besten teens, gestern z. beispiel war eine vielle
drunter, die mehr zaehe war als zart, waere, fragt' ich
waere's meeglich, dass de sterben gehest
und in sechzehn, siebzehn jahren wiederkommst
sie legte mich im aussermoralischen sinne ueber's knee

waehrendessen musste ich von commander keen
erzaehlen oder hölderlin und linné zitieren

jetzt kann ich vierzehn tage nicht mehr siezen, mieze
catleen, mein reh, was soll ich tun?

  (zaehl tee! « 30.8.2009)


Gleichzeitig kann ich mich immer mitreißen, „mitschlingeln“
lassen, und überdies meine Leserdistanz in jedem Fall genügend ausleben – soviel Freiraum lassen die Kommentare. Die Anmerkungen kommen unaufdringlich daher. Sie geben keinen zwingenden, apodiktischen Kurs vor und nerven nicht durch blitzgescheite Bildungshuberei oder gar durch geschmäcklerisch taxierende Deuteleien, sondern lassen zwischen den Hebungen und Senkungen viel Raum für eigene Sichtweisen, Regungen und Empfindungen. Dahingehend macht mir der „Gelbe Akrobat 2“ Mut, weil er auch Talente jenseits des ephemeren Literaturbetriebs vorstellt, die sich der Veranstaltungsmenagerie und dem (n)everlasting Rampenlichthype konsequent entzogen haben. So bezieht sich auch der Titel der Anthologie "Der Gelbe Akrobat" auf das Gedicht des weitgehend unbekannt gebliebenen Dichters Herbert Heckmann, was man auch als Widmung lesen kann. Es wird die Frage gestellt, was Lyrik heute (noch) ausrichten, bewirken kann. Und man begreift, dass es ganz viel ist, sofern man sich auf Dichtung wirklich umfassend einlassen will.

Denn gerade das, was sich in einem selbst regt beim Lesen eines Gedichtes, ist das, worum es geht. Auch wenn ich mir erst einmal keinen Reim darauf machen kann, so habe ich doch in den meisten Fällen ein Erlebnis der besonderen Art, z. B. eine unbekannte Geschmacksnote auf der Zunge, oder, besser: einen nagelneuen Kratzer in meinem Weltbild, – oft sehr stimulierend, erheiternd, manchmal auch schmerzlich. Ab und zu, das sind dann wirklich die Highlights, stellt sich das Gefühl ein: Warum, um alles in der Welt, habe ich das nicht immer schon gesehen und gewusst?

Mein Tipp wäre deshalb, vor allem für solche Leser*innen, die wenig Erfahrung haben mit dem Lesen von Gedichten: sich die Gedichte erst einmal durchzulesen und etwas zu warten, bevor man den Kommentar ungeduldig gleich mit verschlingt – weil dieser ganz gewiss eine andere Sicht bringt und auch auf komplett andere Fährten lockt. Auf gute Fährten, das versteht sich: gut, überraschend, irritierend, markant, verstörend.

Just auf diese Weise bemerkte ich schnell, dass es Kommentare gibt, die mit meiner eigenen Poetik kollidieren. Wo ich mich innerlich raufe mit den Kommentaren, wo ich ganz anders wahrnehme beim Lesen und also in die frenetische Stille
(!) meines Denkens hineinrufe: „Nein!“ oder „Genau das eben nicht!“. Dazwischen hängt ganz disharmonisch meine eigene Auffassung eines Gedichts; manches sticht dabei regelrecht in die Magengrube, stellt sich quer. Es ist ja nur ein gutes Zeichen, wenn man sich innerlich rauft, sich an Gedichten und Kommentaren reibt. Wozu sind sie sonst da?

Ich glaube, das ist es, was mich an einer Art von Dichtung, die nur noch Genre-Abgesang ist und als  „explizit poetisch“ angeboten wird, am meisten irritiert: dass sie ihre Komfortzone nicht mehr verlassen will, sondern etwas Hübsches, Wohlgefügtes (und dabei sehr Enges) bieten möchte, zur reinen Freude und Unterhaltung der Leser, und dabei natürlich reprisenhaft „ein bisschen nachdenklich“ und sogar „ein bisschen melancholisch“ (!) machen, weil sie so, ach Gott, ja, weil sie ja so schrecklich schön sind. Pure Harmonie also – cui bono? So etwas hält sich nur in der Komfortzone auf. Das kann beim „Gelben Akrobat 2“ nicht passieren. Da trifft jedes einzelne Gedicht genau den Punkt. Ich komme bei so gut wie jedem Gedicht samt Kommentar auf meine Kosten und empfinde es als angenehm und äußerst sympathisch an dem Buch, dass sie von schnell mal hingebloggten Meinungen, hymnisch glorifizierend oder wüst in den Boden rammend, sehr weit weg ist. Da wird jedes Gedicht mit genau der Ruhe und Sorgfalt betrachtet, die es verdient. Hier kann und soll jedes Gedicht für sich selbst stehen und auch unkommentiert Regungen, Stimmungen, Bilder evozieren.

Fazit: das Buch ist ein dringend zu Lesendes. Man wird in jedem Kommentar für das Lesen belohnt. „Das Gedicht als Gesprächspartner“ nennen es die Verfasser. Und: man lernt neue Gedichte kennen, die man nicht einfach so nebenbei abnicken kann.

Mit Gedichten von Konstantin Ames, Nico Bleutge, Jörg Burkhard, Ann Cotten, Heinrich Detering, Bianca Döring, Ulrike Drasener, Clemens Eich, Adolf Endler, Gerhard Falkner, Günter Grass, Harald Hartung, Rolf Haufs, Wolfgang Hilbig, Norbert Hummelt, Ulrich Koch, Jan Koneffke, Simone Kornappel, Ursula Krechel, Jean Krier, Nadja Küchenmeister, Norbert Lange, Elisabeth Langgässer, Werner Laubscher, Wilhelm Lehmann, Christian Lehnert, Oskar Loerke, Rainer Malkowski, Christoph Meckel, Dirk von Petersdorff, Steffen Popp, Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß, Arne Rautenberg, Thomas Rosenlöcher, Hendrik Rost, Horst Samson, Ulrike Almut Sandig, Àxel Sanjosé, Walle Sayer, Wolfgang Schlenker, Kathrin Schmidt, Volker Sielaff, Michael Speier, Christian Steinbacher, Brigitte Struzyk, Jürgen Theobaldy, Levin Westermann, Paul Zech und Joachim Zünder.


¹ work-in-progress

² Auf der letzten Seite des Bandes findet sich für diejenigen, die die beiden markanten Stimmen der Kommentatoren nicht auseinanderkennen, ein Tableau mit den jeweiligen Zuordnungen.

³ zu meinem eigenen Erleben
aus dem Gedächtnis zitiert
aus dem Gedächtnis zitiert
Ron Winkler in einer Rezension zu Steffen Popp
„Frenetische Stille“ ist der Titel eines Gedichtbandes von Ron Winkler.


(Michael Braun, Michael Buselmeier:) Der gelbe Akrobat 2 (Neue Folge). 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. Leipzig (poetenladen Verlag) 2016. 186 Seiten. 18,80 Euro.

Zurück zum Seiteninhalt