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David Krause: "Die Umschreibung des Flusses" - zwei Gedichte

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David Krause


"Die Umschreibung des Flusses"
2 Gedichte


 
 

Die Zahlen

Meinem Großvater

Nahe dem zuwuchernden Krater,
in dem du diesen Sommer mit mir liegst
in meinen Gedanken, irgendwo dort
standest du damals als Offizier,
folgten deine Augen dem Sekundenzeiger
auf deiner goldenen Taschenuhr,
lauschten deine Ohren dem fernen
Donnern von Kanonenfeuer,
formten deine Lippen Zahlen,
Zahlen, als flüstertest du einen Zauber,
der die Artillerie deiner Männer bewegte.
Und der Feind war der Wind, der
den Schall zerfetzte, der Wind, der
die Rechnung verwischte, der Wind, der
den Schrei deines Sohns zerriss,
den Schrei, der ihn zerriss
und den Krater hinterließ.
Nirgendwo ist Stille so gewaltig
wie in dir. Nur die goldene Uhr
tickte weiter durch die Zimmer
deines Hauses lange nach dem Krieg.
Und du schriebst die Zahlen,
die Rechnung, die dich rettete, weiter
auf den beschlagenen Spiegel des Bades
und sahst dich durch die Zahlen an.
Und du schriebst die Zahlen weiter
auf das beschlagene Fenster des Schlafraums
und sahst durch die Zahlen die Menschen,
die vorübergingen auf der Straße,
die bewegte Orte waren,
sahst den Krater in der Ferne,
den der Wind mit Echos füllt.
Deine Augen sind mit meiner Mutter
aus der Familie verschwunden.
Doch deine Hände sind noch da
und du betrachtest meine Finger,
als zähltest du, was von dir blieb.
Den ganzen Sommer schreibe ich
über dich, und mich
umwuchert das Gras.
Still bist du geworden
und wenn ich heimgehe,
gehst du in die andere Richtung.


(---)



Grenzen (aus: Ozeanien-eine innere Reise)


Ich sah die Fallschirmspringer morgens
am Lake Taupo zu Beginn meiner Reise
und ich fragte mich, wo der Punkt war,
an dem ihr Fallen zu einem Schweben wurde.
In den Mittelstreifen der Highways sah ich
Gedankenstriche. Es gab diese Grenze,
ab der ich in die Erinnerung reiste.
Ich versuchte, den Punkt zu bestimmen,
an dem die Reise in mich selbst führt,
und hörte auf, mich zu erinnern.
Ich kehrte zurück von den Reisen
und die Dinge erschienen mir fremd
in ihrer Vertrautheit: Die Routen
durch meine Stadt, der Weg
durch mein dunkles Haus bei Nacht,
lange Gespräche mit Freunden.
Ich möchte die vertrauten Dinge verlieren,
wie Notizen über sie im Laub.
Und es schmerzt, nichts bewusst verlieren,
sondern nur zurücklassen zu können.
Was mir bleibt, ist die Hoffnung,
irgendwann so weit zu reisen, so stark
zu schreiben, dass sie verschwinden.
Du aber warst mir vertraut in der Fremdheit
deiner Lippen, als ich sie küsste,
unter uns eine Picknickdecke
wie eine Landkarte und ich fühlte,
wie falsch es war, auf diese Weise zu lieben,
wie unmöglich Leben geworden war,
da ich die Grenzen nicht kannte
zwischen Fallen und Schweben,
zwischen Reisen und Erinnern,
zwischen einem Land und einem Körper.
Und ich dachte noch einmal an den Norden
Neuseelands, wo sich die Meere berühren.


Aus: David Krause: "Die Umschreibung des Flusses". Gedichte. Leipzig (poetenladen Verlag) 2016. 80 Seiten. 17,80 Euro.

 
 
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