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Darío Ruiz Gómez: Das verlorene Reich

´Barrio latino












Foto: Tobias Wenzel

DARÍO RUIZ GÓMEZ

aus dem kolumbianischen Spanisch von Peter Schultze-Kraft
in alba.lateinamerika lesen #11


EL REINO PERDIDO

Generalmente un niño tiene una mirada
que no parece ser su mirada, como si
desde antes de que su nombre lo cubra
con su fatalidad ese algo de su pasado
que se resiste con tesón a las costumbres,
a las caseras mezquindades de los
padres —ley establecida del género
humano— restallara su iracundia. De
ahí que los niños busquen las
penumbras, las frías sombras de los
sótanos, las cuevas disimuladas por el
musgo en las fincas de recreo para
dejar que esa luz rebelde les restituya
los cielos, la música entrañable, los
valles apacibles de su reino perdido.

[En/In: Darío Ruiz Gómez: Lugares: la soledad de la madre, Medellín: Editorial El Gajo Caído, 1996]
DAS VERLORENE REICH

Wenn ein Kind dich ansieht,
dann liegt in seinen Augen,
bevor es mit einem schwerwiegenden Wort belegt wird,
etwas Abgründiges,
etwas, das von weit her kommt
und das sich hartnäckig gegen die täglichen
Unaufrichtigkeiten der Eltern
– eingeschliffene Muster seit Menschengedenken –
wehrt: eine angestaute Wut,
die gleich platzen will. Daher kommt es,
dass die Kinder in den Ferienhäusern auf dem Land
immer die dunklen Ecken suchen, den kühlen Schatten
der Keller, die vom Moos verdeckten Höhlen,
als könnte dieses trotzige Licht
ihnen den Himmel zurückgeben,
die geliebte Musik, die lieblichen Täler
ihres verlorenen Reichs.

Darío Ruiz Gómez

(1936, Anorí, Kolumbien) lebt in Medellín. Er studierte Zeitungswissenschaft in Madrid und wandte sich der Literatur, Kunst- und Architekturkritik zu. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war Ruiz Gómez sein ganzes Berufsleben lang Professor für Architekturgeschichte und Urbanistik an der Universidad Nacional in Medellín. Sein umfangreiches Werk umfasst außer essayistischen Schriften über seine Fachgebiete sechs Bände Lyrik, sieben Erzähl-bände und drei Romane. Auf Deutsch erschien Bei den Heiden. Geschichten von Liebe, Gewalt und Einsamkeit (Edition 8, Zürich, 2011). Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen der Roman Las sombras (2014) und der Erzählband Seis historias de Madrid (2017).
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