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Daniela Chana: Sagt die Dame

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Weil alles Sehnen Chaos ist und Phantasie vor Endlichkeit stellt


„Manchmal Filme mit Popcorn im Kino
Und manchmal Gedichte, die sehr lang sind
Wir wachen morgens in einem Schaufenster auf
Salz und Fett auf unseren Fingern
Und manchmal Beziehungen, die sehr kurz sind
Menschen gehen vorbei und sehen durch das Glas“
           
So beginnt das Gedicht „Jugend“, eines von etwa achtzig Gedichten in Daniela Chanas Lyrikdebüt „Sagt die Dame“. Was sagen diese Gedichte? Sie sprechen von vielem, sind stets in Bewegung, manchmal sprunghaft (und damit ist nicht allein der Sprung der Beine gemeint, sondern auch der Sprung, den Keramik infolge einer unachtsamen Bewegung davontragen kann), verteilt auf viele Felder und doch handeln sie vor allem vom Miteinander – wie leicht es zufällt, wie schwer es wiegen kann, welch klare oder verschlungene Wege es geht.

Ich sage „Miteinander“ und nicht „Liebe“ oder „Begehren“, obgleich diese beiden Begriffe auch mit einigem Recht herangezogen werden könnten. Aber ich hätte das Gefühl, sie zu reduzieren, würde ich diese Gedichte Liebesgedichte nennen oder erotische Gedichte. Dafür sind sie zu erpicht darauf, Nuancen zu fassen, Lebenssituationen und nicht nur Momentaufnahmen zu skizzieren, und ihre Sprache verausgabt sich nicht in eine Richtung, führt nicht einfach Körper und Gefühle an, sondern geht dem Sinnlichen in mannigfaltigen Bildern auf den Grund.

„An manchen Tagen verliere ich
Nicht mein Gesicht, aber eine Hälfte davon
Männer mit Anzügen und Krawatten schauen unter
 Sitze, um es zu suchen
Und ich habe deine fragenden Blicke in ein Regal geschoben“         

Womit wir schon bei einer der Hauptstärken dieser Gedichte angekommen sind: ihre große Kunst ist die Ausgestaltung von Emotionen, die sie nicht direkt benennen. Ein Verfahren, das durchaus Gefahr läuft, beliebig zu erscheinen, wenn nicht genug Phantasie am Werk ist, aber ebenso müssen die Produkte dieser Phantasie noch das richtige Maß an Anschaulichkeit beinhalten.

Es gibt einige wenige Texte, die sich in diesem Spiel der stellvertretenden Aussagen etwas verlieren, in denen die Bilder zu sehr Inbegriff von etwas sein sollen. Der großen Mehrheit der Gedichte gelingt jedoch das Angestrebte: sie sind bevölkert mit eindrücklichen Verwendungen von Archetypen, Tieren, Symbolen. Sie gehen dabei einfach vor, sich ganz auf das Eindrückliche verlassend.   

„Ein Kind malt mit Kreide
Ein Polizist malt mit Kreide
Umrisse auf den Asphalt
Paare verlieben und trennen sich in Cafés
Die Stadt heilt jeden Tag
Ein Kind verziert mit Kreide
Einen Umriss auf dem Asphalt“    

Im Ton schwingt nicht selten Hingabe mit, nicht selten wird ein Du angesprochen, umkreist, zumindest randläufig. Doch da ist fast immer ein Ausdruckseinschlag, der Irritation anreichert, der dem Zuneigenden die Nervosität des Herzschlags, des Zweifels, des Zwistes, der Unsicherheit beimengt.

Anders gesagt: Man hat oft das Gefühl, in den Gedichten einer glücklichen Fügung, einer kleinen oder großen Erfüllung zu begegnen, sie zumindest zu streifen, aber aus dieser Ruhe wird im Verlauf oder im Abklang nicht selten eine Ruhe vor dem Sturm; der sichere Hafen ist nicht der sichere Hafen, selbst vertäut lockt immer noch ein riesiger Ozean, der zieht und große Tiefen und starke Stürme bereithält, aber auch die Möglichkeit, immer weiter zu segeln, zu fahren.

„Aber wir sind alle
In unseren Ellipsen gefangen
Hat uns jemand gefragt
Um wen wir kreisen wollen
Und wie nah?“

Nein, niemand hat es. Auch vom Kummer, vom Nichtlassenkönnen und Verzehren handeln diese Gedichte immer wieder. Der Schmerz, meist kein Schrei oder ausgerollte Apathie, sondern gegossen in filigrane Sehnsüchte ans Ende des Satzes fließend, dort hinabstürzend. Mascha Kalékos Satz vom Glück, das man niemals hat, sondern dessen man sich nur erinnert oder das man hofft, wieder zu erhalten, ist präsent in diesen Gedichten – wird aber bei anderen Gelegenheiten auch ignoriert.

Denn vom Glück handeln diese Gedichte sehr wohl. Ihre Sprache windet sich dann geradezu um dieses Glück hinauf. Und sucht Wege für sich, an der Banalität und dem Kitsch vorbei, um dieser Erfahrung Worte beizustellen, sie aufzufangen wie das Kind die Schneeflocke mit bloßen Händen fangen will.

„Im Pyjama einen Walzer tanzen
Du wärst mir nie in einem Magazin aufgefallen
Nie in einem Katalog
Dich hätte ich nie unbedingt haben müssen
Mit dir war ich am Land, am Meer und zwischen Skulpturen
In deinen Armen, auf deinem Schoß, an deiner Schulter
Wir schauten auf dieselbe Wiese und sagten: Schön“

Chanas Gedichte rufen eine ganze Reihe Gefühlsregister auf und spielen auf ihnen. Sie vermischen zivilisatorische Elemente auf gelungene Weise mit Aspekten des Begehrens, des Liebens, der Triebe (womit nicht allein der Sexualtrieb gemeint ist), sind unterhaltsam und spitzen sich mit einer erfreulichen Bedächtigkeit zu. Oft wirken sie, als legten sie die Dinge fest, als exerzierten sie Szenarien, aber eigentlich bleiben sie durchlässig an vielen Stellen.

Man kann sich vernarren in diese Gedichte, weil sie so eigenwillig sind und doch so einfühlsam. Mitunter kann man nicht nur – man muss geradezu.  

„Autos fahren im Dunkeln
In der Straßenbahn wird jemand wiederbelebt
Wie viele Handtaschen werden in diesem Moment
Verwendet, um Dieben damit auf den Kopf zu hauen?
Fast alles, was jetzt in dieser Stadt passiert
Bemerke ich nicht“


Daniela Chana: Sagt die Dame. Gedichte. Innsbruck (Limbus Verlag) 2018. 96 Seiten. 13,00 Euro.
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