Constantin Brâncuși: Lieber Tomo, verzeih mir, wenn ich dir auf diese Weise antworte ... - Signaturen

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Constantin Brâncuși: Lieber Tomo, verzeih mir, wenn ich dir auf diese Weise antworte ...

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Constantin Brâncuși


(1876-1957), rumänisch-französischer Bildhauer der Moderne und Fotograf


Übersetzung: Alexandru Bulucz



Lieber Tomo, verzeih mir, wenn ich dir auf diese Weise antworte …


Herr, der du auf die Erde runterkamst und die Welt erleuchtetest, wirf das Licht auf mich und mach, dass ich dem richtigen Weg folge. Denn auf dem Weg der Wahrheit gehend, wirst du allen Verrat deines Vaters besiegen, und zu dir hinaufkommend, werde ich allen Schatten der Verirrung mitbringen, und die Engel des Himmels werden dich lobpreisen, Retter.


Oh Gott, ich Ärmster! Einen ganzen Tag ging ich, um mir ein paar Klamotten zu kaufen. Schließlich kehrte ich mit einer einzigen Klamotte zurück. Ich schaute in den Spiegel, und der, den ich erblickte, ähnelte einem völlig gebeutelten Hund.

Oh! Schmerz! Wo kann ich dich sonst noch verstecken, dass nur noch ich dich kenne? Mit jedem Tag wirst du größer und schöner, und ich, ich bleibe klein und gekrümmt. Was soll ich tun, damit du mir weiterhin treu bleibst? An dem Tag, an dem ich noch schwächer werde, als ich es heute schon bin – hab an dem Tag kein Mitleid mit mir und lass mich allein. Und solltest du irgendwie merken, dass ich um Hilfe schreie, zögere nicht, mich augenblicklich zu erwürgen.


Wie groß die Welt und wie viel Leere in ihr! Was bedeuten diese menschlichen Gesetze und warum sind sie so? Warum wurden sie so und nicht anders? Wer würde das Ungetüm, das den Fels hinabstürzt, mit Grashalmen und Weidenruten aufhalten können? Wer würde den Kurs ändern können? Wer würde es schaffen, den Kurs zu ändern? Wer könnte es im Guten tun?


Charakter du verfluchtes Begehren
Wo hast du mich hingeführt
Wieso hast du mich nicht zuhause gelassen
Dass ich Dörfler bleibe
Mit einem Esstisch
Und einem weichen Bett zum Schlafen

Wer sein Dorf verlässt
Wird das Gute nicht mehr finden
Wer sein Dorf nicht mehr erblickt
Ist kein Mensch und auch kein grünes Holz
Ist wie getrocknete Fäule
Im Spülwasser
Wach auf Mensch
Geh den guten Weg
Besieg was dich aufhält die Trägheit und die Faulheit
Winde dich auf wie ein Adler und flieg zu klaren Sphären
Das Geschenk der Welt singt
Vergiss dich

Von Adam wissen wir, dass Gott sich im Himmel befindet. Der Mensch auf Erden und der Teufel untendrunter. Wie wäre es damit, wir könnten alle miteinander leben!?


Am Anfang der Welt, als der Mensch zum ersten Mal ein brütendes Huhn erblickte, fragte er es, was es tue. Damals sprachen die Tiere noch dieselbe Sprache wie die Menschen und hatten großen Respekt vor ihnen. Das Huhn erhob sich und bat den Menschen, sich ein Plätzchen zu suchen, um zu sitzen und die Erklärung zu hören. Das Huhn erklärte den Sachverhalt, erklärte ihn aber so lang, dass es die Eier kalt vorfand, als es zu ihnen zurückkehrte. Und nun springen uns die Hühner an, wenn wir uns ihrem Nest nahen.


Um uns verständigen zu können, müssten sich alle Hirne auf demselben Denkniveau befinden. Brächten wir die Bruchteile auf denselben Nenner, teilten wir die Sphäre menschlichen Denkens in zwei, würden wir in deren Mitte dunklen Nebel finden, und je näher wir dem Rand kämen, umso stärker würde es sich lichten. Daher kommt die Unterscheidung von klarem und dunklem Geist. Nur die Substanz ist immer die gleiche, wenn wir ein klares Wasser trüben oder umgekehrt. Sie bleibt.


Lieber Tomo, verzeih mir, wenn ich dir auf diese Weise antworte. Beschwer dich nicht über das bittere Schicksal. Oft führt uns die Herkunft auf perfide Wege, um uns den Teufel zu zeigen. Und uns kommt der Weg beschwerlich vor, weil wir nicht wissen, wie wir gehen sollen, oder weil wir uns wie die Dummen bedrängen, um ihn endlich zu beenden. Oder wir halten am Wegrand, beklagen uns wie unbeholfene Kinder und suchen alle möglichen Gründe, um unsere Schwächen und Unsicherheiten zu verstecken. Eine seltene Spezies sind die Überzeugten, die, die angemessen zu gehen wissen. „Jene unsterblichen und kalten Sterne“, die es weit bringen und die Scholle hinter sich lassen. Wir sind wie die winzigen Fliegen, die gen helle Kugeln beschleunigen. Wir weinen, so sehr schmerzen die Beine. Selten sind die, die angemessen zu gehen wissen. Und jene „unsterblichen und kalten“ Sterne gehen langsam. Den langen Weg lassen sie hinter sich. Wir, die mit Ernüchterungserscheinungen, wir, deren Köpfe, nicht aus Hirnen bestehen, sondern aus Stroh, sirren wie irgendwelche Fliegen. Hast du die winzigen Fliegen beobachtet, wie sie über das Licht hereinbrechen und sich verbrennen, wenn sie es berühren? Genau so sind wir. Wir rasen wie die Blinden ins Licht und zerschlagen uns dabei den Kopf, noch bevor wir ihn nutzen könnten, oder wir stoßen mit so viel Wucht ins Licht hinein, dass uns dabei die Augen herausspringen, ohne etwas über das Licht erfahren zu haben.



Auszug aus Constantin Brâncuși: Brâncuși inedit - însemnări și corespondență românească, hg. von D. Lemny u. C.-R. Velescu, Bukarest (Humanitas) 2004, 491 Seiten.

 
 
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