Direkt zum Seiteninhalt

Claudia Gabler: Wohlstandshasen

Rezensionen



Tom Schulz


LIFE IS A FUCKING BEACH.

Claudia Gablers Gedichtband „Wohlstandshasen“ kommt einer kleinen Sensation gleich.



In der von Mathias Jeschke herausgegebenen Reihe LYRIKPAPYRI, die sich im Laufe der letzten Jahre zu einem Zugewinn für die hiesige Lyrik-Szene entwickelt hat und hervorragende Dichter/innen wie Arne Rautenberg und Sabine Schiffner zu ihrem Personal zählen kann, ist dieser Tage ein Gedichtband erschienen, der besonders aufhorchen lässt. Sieben Jahre nach ihrem ersten Buch „Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz“ gibt es wieder poetische Texte von Claudia Gabler zu lesen.

Unter dem seltsamen und berückenden Titel „Wohlstandshasen“ versammelt die Autorin in sechs Kapiteln (mit Titeln wie BOTOX-ANNE oder GROUND ZOO) neue Gedichte, die sich mit den Phänomenen einer medial inszenierten und inhumanen Gegenwart auseinandersetzen. Nicht selten geschieht dies mit der Poetik der Frage. Gablers Gedichte wirken geradlinig und befreit vom Ballast der Bedeutungen: „Hättest du gedacht, daß die Bienen/ eines Tages die Macht übernehmen würden über die Welt?“
Dies alles kommt ohne Umschweife daher und selbst die Reminiszenz an das große amerikanische Dichter-Vorbild John Ashbery wirkt gelassen und von einer milden Weisheit. Aus Ashberys „Allein mit unserer Verrücktheit und Lieblingsblume“ macht Claudia Gabler die Verse: „ Eingeschlossen mit einer Tulpe und den Gräsern meiner Jugend/ kann ich dir sagen, daß es nichts gibt, über das wir noch nicht geschrieben haben.“

Vorzugsweise schreibt Claudia Gabler über Begegnungen in Einrichtungshäusern, Hamsterstädten und Meerschweinchen-Wohnungen und an anderer Stelle über die Liebe in den Zeiten der Finanzkrise: „Wenn wir wach liegen wegen der Liebe,/ nimmt unsere Haut die Gestalt von Lebendpuppen an./ Sie schnattert/ und hält den Körper von außen kalt.“

Kühl sind ihre Verse nicht, aber von blitzlichtartiger Erhellung. Und in einem Gedicht sogar tief berührend, wenn sie schreibt: „Mein Kopf dagegen war ein Bildnis meiner ersten Liebe/ zu mir, die von Ideen hochschwanger getragene junge Frau,/ also die Realität eines ganzen Dorfes,/ das ich in meinem Kopf trug, diese schöne runde Kugel/ war ich, die ich mich träumte, wenn ich wach lag und nackt/ auf dem Platz in der Mitte vom Dorf.“

Es sind diese und andere länger belichtete Aufnahmen, die den Leser staunen lassen und manchmal sogar zum Lachen bringen, ohne dass es sich hierbei um humoristische Lyrik handeln würde. Ein befreiendes Lachen, so wie es einst „den Rittern der Kokosnuss“ von Monty Python galt, die auszogen den Heiligen Gral zu suchen. Claudia Gablers Gedichte, oder wie sie es sagt – „diese kleinen komischen Dinger“ - sind unterwegs oder werden einfach an Land gespült, und wer möchte sie nicht aufsammeln? Oder wie die Dichterin sagt: „Manchmal sehe ich auf ein Gedicht/ und möchte poppen mit ihm.“

Bleibt die Frage: Was passiert mit der „Botox-Anne“ und den „Wohlstandshasen“- und Häsinnen in der wirklichen Welt? Können Gedichte darauf eine Antwort geben? Ist die Welt in ihrer literarischen Darstellung überhaupt veränderbar?

Mit den Zeilen: „Komm, laß uns tanzen jetzt!“ schließt der Band und so möchte man wieder zum Anfang gelangen, um dieses großartige Buch noch einmal zu lesen.
Gablers Sammlung „Wohlstandshasen“ kommt einer kleinen Sensation gleich, denn sie vereint das, was es in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik so gut wie nicht gibt: intellektuelle Leichtigkeit. Während eine Vielzahl von Dichtern und Dichterinnen die entschlafene Postmoderne bemüht und künstlich wiederbeleben möchten, tanzt Claudia Gabler auf den versiegelten Flächen der Millionärsvillen zwischen Monaco und ihrer halbrussischen Wahlheimat Baden-Baden.

Sie tanzt zwischen „echten Gefühlsterroristen“, als hätte sie „den ganzen Müll der Welt im Kopf“ und hört „sibirische Hunde“ bellen - und wenn es noch eines Resümees bedarf, dann diesem: „nichts, wirklich rein gar nichts ist/ bedeutungsvoll hier, life is a fucking beach.“



Claudia Gabler: Wohlstandshasen. Gedichte. Berlin (LYRIKPAPYRI. Edition Voss im Horlemann Verlag) 2015. 80 Seiten. 14,90 €.

Zurück zum Seiteninhalt